Was sind heute eigentlich noch ‚linke Visionen‘?


Bildmontage: HF

08.11.17
DebatteDebatte, Organisationsdebatte 

 

Von  SYSTEMCRASH

Die letzte Sendung von „Die Anstalt“ (7.11.2017) hat mich irgendwie nachdenklich gemacht. Auf der einen Seite wird die gnadenlose Hegemonie des Neoliberalismus überzeugend dargestellt (auch wenn es sicher Leute geben wird, die das als „Verschwörungstheorie“ abtun werden), aber gleichzeitig wird auch — ich vermute eher ungewollt[?] — die hilflose politische (und ich vermute auch ökonomietheoretische) Impotenz des [links]Keynesianismus [„Umverteilung„] vorgeführt. Was bleibt denn dann eigentlich noch übrig für ‚linke‘ Handlungspersektiven?

In einem Artikel in den „Nachdenkseiten“ mit dem netten Titel:

Das „System“ überwinden – eine wirre Vorstellung, die das linke Lager auf Dauer von der Macht fernhalten wird“

heisst es scharfsinnig:

Für die Rechte und die ganze konservative Seite ist das genial [dass es keine Alternative unterhalb des Systemwandels gibt]. Kritische Linke bestätigen permanent, dass es keine Alternative außer dem Umbruch, der Revolution gibt, die aber die Menschen in den westlichen Gesellschaften mit großer Mehrheit ablehnen – vielleicht sogar, weil sie ahnen, dass es einen besseren Kapitalismus geben könnte. Konsequenterweise gewinnt die Rechte Wahl um Wahl, weil auf der Linken ja keine wirklichen Alternativen angeboten werden. Und sogar eine rechte Scheinalternative in Form der AfD bekommt in Deutschland hohe Zustimmung, weil sie den Eindruck erweckt, sie sei eine Alternative, die aber das System nicht umstürzen will.“

Tatsächlich ist dies ja auch das Credo der „radikalen Linken“, auch wenn sie „Reformpolitik“ nicht ablehnen. Aber Reformpolitik wird nur als „taktische“ Notwendigkeit auf dem Weg zur „Revolution“ angesehen, nicht aber als „Wert an sich“. (Dies ist doch angesichts einer Vorherrschaft bestenfalls 'reformistischen' Bewusstseins bei den Unterklassen eine recht arrogante Haltung).

Theoretisch“ teile ich diesen Standpunkt auch, die Frage ist nur, ob er nicht im Grunde die ‚linksradikale‘ Ohnmacht zur Ewigkeit verurteilt. Aber was wäre denn eine mögliche Alternative?

Ich sage es gleich offen vorweg: zur Gänze kann ich diese Frage nicht beantworten. Ich weiss aber eins: wenn es nicht zu ernsthaften Bemühungen von linken (Klein)Gruppen kommt, sich auf programmatische Mindeststandards zu einigen und diese mit einer ‚pragmatischen‘ und taktisch klugen Handlungsweise zu verbinden, dann sollte man vlt. darüber nachdenken, sich ein anderes Hobby zu suchen als ausgerechnet linksradikale Politik!

Politische Felder, die einer linksradikalen Intervention bedürf(t)en, würde man sicher leicht finden. Eine Zeit lang sah es so aus, als ob die Kriegsfrage (Nordkorea) höchst brisant wäre. Bis vor Kurzem hat die „Katalonienfrage“ für einen gewissen Wirbel gesorgt (ja, man muss schon in der Vergangenheit sprechen!). Jetzt geistern die „Paradise Papers“ durch die Medien, die fatal an die „Panama Papers“ erinnern und wahrscheinlich genausso schnell wieder vergessen sein werden. Was an diesen Beispielen auffällt: die politische Konjunktur dieser Themen hängt von ihrer Präsenz in den mainstream-Medien ab! Und dagegen kann die radikale Linke und die kritische (Gegen)Öffentlichkeit beim besten Willen nicht anstinken.

Anstatt also nur auf die aktuellen Themen (mit ihrer kurzlebigen politischen Halbwertszeit) aufzuspringen, die wie Säue durchs (globale) Dorf getrieben werden, müsste die radikale Linke Themen besetzen, die quasi immer „aktuell“ sind, weil sie breiten Bevölkerungsteilen (existentiell) auf den Nägeln brennen. In einer schönen Notiz schrieb heute ein facebook-Freund:

Es ist schon pervers, was dieses Leben aus einem macht:
Entweder man verliert den Blick für die kleinen und schönen Dinge in der Welt, weil man vor lauter Stress, Disziplinierung und Konditionierung durch nutzlose Arbeit für andere, die man nur ungern macht, aber benötigt, keine Zeit mehr dafür hat und dadurch abstumpft oder aber man vegetiert als zur Untätigkeit und Apathie verdammter Ausgesiebter, einsam und depressiv vor sich hin ohne genug Geld zum Leben, mit ständiger „Freizeit“, die einem dann aber nur endlos und öde vorkommt.“ [https://www.facebook.com/marcus.hesse.3/posts/10208180492469265]

Und er fügt hinzu:

Dabei wäre ein ganz anderes Leben möglich…[1]“

Und genau dieses „ganz andere Leben“ – das muss man sich doch erst mal vorstellen können; Worin das überhaupt bestehen soll. Dafür ist doch utopische Kreativität erforderlich, die man nicht einfach voraussetzen kann!

Diese Überlegungen erinnern mich an einen gängigen antikommunistischen Witz, der aber irgendwie einen wahren Kern berührt, denn sonst würde er gar nicht ‚funktionieren‘:

„Im Kapitalismus beutet der Mensch den Menschen aus, im Sozialismus ist es umgekehrt“ – Haha.

Die entscheidene Frage aber, ob „Ausbeutung“ eine ewige Conditio humana ist oder historisch überwindbar ist, diese Frage wird gar nicht erst gestellt. Und sie wird deshalb nicht gestellt, weil alle Gedanken und Ideen, die über die Systemgrenzen hinausgehen und hinausführen, im wahrsten Sinne des Wortes undenkbar sind. 

Helmut Schmidt hat mal gesagt:

„Wer Visonen hat, soll zum Arzt gehen“.

Selbst wenn dies „pampig“ gemeint war, so drückt dieser Satz doch eine fundamentale 'Wahrheit' aus, die auch den „Erfolgs-'reich'tum“ des Neoliberalismus ausmacht: nur systemimmanentes Denken ist (und kann) wirkmächtig sein (man braucht sich nur die Sondierungsverhandlungen zu Jamaika anzugucken). Und die Grundlage der Wirkmächtigkeit ist der gesellschaftlich-kulturell-psychisch fest verankerte Egoismus; der im übrigen in allen Schichten und Klassen der Gesellschaft präsent ist. Kein rationales Argument allein kann und wird ihn überwinden können.

WIE (und ob) er überwunden werden kann, – auf diese Frage wird die radikale Linke eine Antwort finden müssen, oder sie wird nicht (mehr) sein 

[2].

Ein bisschen Lektüre bei Freud und Reich und der ’spirituellen‘ Psychologie (angefangen mit C. G. Jung) könnte übrigens für die Antwortentwicklung nicht unbedingt schaden.  Aber das würde wohl eine innerlinke 'Kulturrevolution' erforderlich machen. Ob das realistisch und möglich ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich neige aber zu einem entschiedenen „Nein“. ;)

Nazis sprechen betrügend, aber zu Menschen, die Kommunisten völlig wahr, aber nur von Sachen.“ — Ernst Bloch

[1]„Ich hatte gestern einen frühen Termin und Spätschicht.
Ich war damit eine Stunde früher am Arbeitsplatz am Stadtrand und nutzte die Gelegenheit zu einem Spaziergang in der Umgegend an diesem kalten, aber sonnigen und klaren Vormittag. Ich ging an Feldern und Wiesen vorbei und streifte durch gelbes Herbstlaub das von den Bäumen gefallen ist und das im Sonnenschein funkelte. Dann musste ich wieder für achteinhalb Stunden (inkl.Pause) zur Arbeit.
Oft, wenn ich morgens aus dem Fenster des Busses schaue oder aus dem Bürofenster im vierten Stock mit tollem Ausblick, entdecke ich viel Schönheit und empfinde Lust, dort entspannt entlang zu wandern und dabei nachzudenken. Doch ich habe nie Zeit dafür, denn ich bin immer in Eile.
So sehr bestimmt entfremdete Arbeit unseren Tages- und Wochenrythmus.
Sobald ich mal einen Tag frei habe, bleibe ich meistens zu Hause.
In den Phasen der Arbeitslosigkeit (die ich für mehrere Jahre durchlebt habe) hatte ich immer genug Zeit. Aber es fehlte mir meist jede Lust und Energie, solche Spaziergänge zu unternehmen. Und wenn ich sie tat, waren sie leer und trist und ich empfand nicht das Gefühl, kurze Momente des Glücks und der Entspannung zu erleben.“

[2] „Nach dem ersten Schock über die Politik der deutschen Sozialdemokratie und anderer Parteien der Zweiten Internationale entwickelte Lenin eine eigene alternative Erzählung. Sie soll erklären, wie es zu diesem Verrat an den Beschlüssen der Internationale von 1912 kommen konnte. Sie sollte begründen, warum ein neues Wir, eine neue, eine kommunistische Internationale, gebraucht werde, warum diese die sozialistische Revolution in Europa auf die Tagesordnung setzen müsse und wie dies geschehen könne. Der deutschen wie europäischen Linke aber ist die Vorstellung von einer gemeinsamen Erzählung fremd, wird in die Nähe von Märchen gerückt. Doch wie soll das Verschiedene, Getrennte verbunden werden, wenn nicht erzählend (und auf dieser Basis organisierend und praktisch)? Das Wir muss geschaffen werden. Eine abstrakte Gemeinsamkeit von Interessen reicht nicht, weil vieles dem Gemeinsamen entgegensteht. Der Stolz und das Begehren, einer neuen »Subjektivität«, einem neuen Wir anzugehören, ist aktiv zu schaffen. Wer keine Erzählung hat, ist vor jedem Kampf verloren
(…)
Die heutige europäische Linke kann und sollte Lenin nicht kopieren. Sie muss es tatsächlich anders machen. Aber die genannten acht Anregungen kann sie sich bei Lenin holen. Ohne konkretes Nein, ohne dialektische Praxisphilosophie, ohne eigene Erzählung, ohne strategische Gesellschaftsanalyse, ohne Epochenverständnis und Szenarien, ohne emanzipatorische Vision mit ihren Widersprüchen und ohne im Konsens erarbeitete Einstiegsprojekte bleibt es bei der heutigen Ohnmacht der Linken in Europa. Sie wird dem Aufstieg der Rechten und dem Durchwursteln des herrschenden Blocks nichts entgegensetzen können. Eine neue Krise wird sie unvorbereitet vorfinden. Sie wird die Chancen einer offenen Situation nicht ergreifen können. Deshalb: Lasst uns gemeinsam bei Lenin in die Schule gehen, um emanzipatorische Gesellschaftsveränderung anders als er zu machen. Das zumindest sollte kein Traum bleiben.“ — Michael Brie, Der Mittelweg ist auszuschliessen







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