Hundert Jahre Rote Oktoberrevolution - Nachdenkliches und Spannendes zum Geburtstag in Köln


Fotos: Horst Hilse


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01.11.17
DebatteDebatte, Sozialismusdebatte, NRW, Köln 

 

Von Horst Hilse

War die Oktoberrevolution in Russland 1917 ein Putsch einer kleinen Gruppe von kommunistischen VerschwörerInnen? War ihr Ausbruch ein "Zufall der Geschichte"? Kann das Revolutionsmodell heute noch ein Vorbild sein? Was ist spezifischer historischer Ablauf gewesen und was davon ist verallgemeinerbar?

Keine dieser Fragen konnte bei der spannenden Veranstaltung von SAV, AKL,solid NRW LINKE OV-Kalk und ISO mit über 60 Besuchern am Reformationstag abschliessend beantwortet werden. Einigkeit herrschte jedoch darüber, dass hier ein revolutionärer Aufbruch von Millionen Menschen stattgefunden hatte. Die bürgerlichen Versuche, dieses grandiose Ereignis auf einen "Parteiputsch" zu reduzieren, wurden als unhistorisch und rein ideologisch motiviert verworfen.

In drei kurzen Impulsreferaten wurde die Veranstaltung von Manuel Kellner (ISO) Linda Fischer (SAV) und Christoph Jünke (linker Historiker) eingeleitet. Angela Bankert moderierte professionell die Veranstaltung.

Manuel Kellner setzte sich mit den verschiedenen Versuchen bürgerlicher Stellungnahmen auseinander, die dieses Ereignis fernab von Detailkenntnissen zu einer "Fussnote der Geschichte" degradieren möchten. Im Kontrast dazu stellte er nochmals die großen Errungenschaften dar, die in wenigen Monaten erkämpft worden waren und Russland zu einem der freiesten Länder der Welt machten. Millionen landlose Bauern bekamen Land. Das Frauenwahlrecht wurde eingeführt, Abtreibung legalisiert, Frauen und Männer gleichgestellt. Homosexualität wurde legalisiert. Kultur und Bildungswesen blühten. Gewalt gegen Frauen und Kinder wurde verboten. Die Minderheiten im Vielvölkerstaat bekamen demokratische Rechte und Autonomie, die Macht der orthodoxen Kirche wurde gebrochen und Religionsfreiheit für alle Bekenntnisse gewährt...Die Beseitigung der Ausbeutergesellschaft sei heute ebenso notwendig, wie damals, da es sonst keine humane Zukunft auf diesem Planeten geben könne.

Linda Fischer setzte sich mit dem Charakter des Aufstandes auseinander. Sie verwies darauf, dass die Mehrheitsströmung der Menschewisten und Sozialrevolutionäre in der provisorischen Regierung keine Problemlösungen anboten, sondern in allgemein richtigen Statements "stecken blieben". Noch nicht einmal Unternehmenssteuern wurden beschlossen. Wie was umzusetzen sei, konnten sie noch weniger angeben, zumal sie die entscheidenden Forderungen der Bauern nach Landbesitz und der Menschen nach Kriegsbeendigung  nicht aufgriffen. Sie warteten ab und hofften, dass die revolutionäre Welle abebben würde. Das Gegenteil war jedoch der Fall: Nach und nach eroberten in den Räten die Bolschewiki die Mehrheiten. Bei Verzicht auf die Machteroberung hätte die Konterrevolution ein furchtbares Blutbad angerichtet, wie sich an dem Versuch Kornilows zur Vernichtung der "Roten" ablesen lässt.

Christoph Jünke forderte, dass die Linke sich ernsthaft den Verbrechen stellen müsse, die im Namen des "Sozialismus" begangen wurden. Dies sei für viele Linke noch immer nicht selbstverständlich und die moralisch/ethischen Fragen werden gerne gemieden. Der bolschewistische Aufstand war nach seiner Meinung ein voluntaristischer Akt, der deshalb solch eine Faszination auslösen konnte,weil es tatsächlich gelang, den Kapitalismus in Russland zu beseitigen. Ja, die Massen standen hinter dieser Partei, die ja nicht nur den Aufstand, sondern auch den anschliessenden furchtbaren Bürgerkrieg führte. Die Verrohungen durch diesen Krieg und die vorhergehenden Gemetzel des Weltkrieges könnten gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Nach dem Sieg trat eine einstmals revolutionäre Partei an die Stelle von autonomen Klassenaktivitäten. Die Erschöpfung der Massen liess nur noch die Partei agieren. Damit erst war die gesellschaftliche Grundlage für den Aufstieg des Stalinismus gegeben. Es stelle sich die Frage, wie diese Entwicklung hätte verhindert werden können. Natürlich sehe auch er die Erfolge, die oftmals schon nach wenigen Jahren wieder zunichte gemacht wurden.  Aber die im Raume stehenden Fragen hätten nur noch rein historischen Charakter, da diese Revolution spätestens 1992 beendet war.

Genug Stoff war ausgebreitet für eine spannende Diskussion. Bei vielen Themen stellte sich heraus, dass eine Vertiefung notwendig sei, was jedoch ein eigenes Seminar erforderlich machen würde.

Fragen nach der ursprünglichen Akkumulation unter sozialistischen Bedingungen, die Rolle der jahrhunderte alten Tradition eines feudalen überwiegenden Agrarlandes, Organisationsfragen von Staat und Partei, Kriegsfolgen und Verelendung von Millionen Menschen, der Rolle politischer Kühnheit und Schlafmützigkeit waren nur einige der Debattenthemen. Die Frage der Veranstalter, nach dem, was bleibt, wurde gestreift, jedoch nicht behandelt.

Der russische Koch wartete mit Blinis und Wodka auf nachdem er in seinem Beitrag zuvor auf die schweren Bedingungen beim Aufbau des Landes hingewiesen hatte. An den Tischen ging die mehrstündige Debatte dann weiter.. Dass diese Debatte trotz durchaus sichtbarer Differenzen nicht konfrontativ geführt wurde, lässt Hoffnungen für den Linksradikalismus im Lande der Zipfelmützen aufkeimen..Wünsche der Besucher nach ähnlichen Veranstaltungen waren zahlreich vernehmbar.

 

h.hilse 1. Nov. 2017







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