Rufmord - das geht auch als Buchbesprechung


21.08.15
DebatteDebatte, Antifaschismus, Kultur 

 

Von Walter Schumacher

Beitrag zu einer Debatte, die in der Jungen Welt nicht stattfinden darf...*

Eine Buchbesprechung als Rufmord?

Wolfgang Gehrcke beschreibt in seinem Buch „Rufmord“ [1] auf 177 Seiten, wie durch Manipulation linke Begriffe und Themen in der öffentlichen Meinung tabuisiert oder verdreht und sogar von der Gegenseite besetzt werden. Daniel Bratanovics Rezension „Aus der Defensive“ in der jungen Welt vom 3. August ist genau dafür ein anschauliches Beispiel. Wann hat man das schon mal? Und das in der wichtigsten linken Tageszeitung, der jungen Welt!

Wer profitiert vom Rufmord?

Eine elegante Methode, eine starke Linke zu verhindern, besteht in der Desorientierung systemkritischer  Debatten. Für diese Aufgabe steht ein ganzer Staatsapparat und Dutzende von Thinktanks wie die Bertelsmannstiftung zur Verfügung. Aus Sicht der Mächtigen darf in Deutschland, in der Höhle des kapitalistischen Löwen, keine starke linke, gar kommunistische Kraft entstehen und wirkmächtig werden. Linke Strukturen und Organisationsansätze zu (zer-)stören, mindestens aber zu behindern, ist deshalb eine zentrale Aufgabe staatlicher Dienste.

Was schreibt Gehrcke?

Gehrcke analysiert die Geschichte des Antisemitismus, wie er entstand, wie der Begriff eine Bedeutungsverschiebungen erfahren hat und was er heute bedeutet. Er beschreibt dass und wo es auch heute Antisemitismus gibt. Anhand mehrerer Beispiele belegt er, wie Antisemitismus gezielt als Anschuldigung gegen ihn und andere eingesetzt wird, um linke Positionen zu denunzieren.

Gehrcke entwirft explizit „Szenarien“ , um deutlich zu machen, wie Meinungsmache funktioniert. So werden Strukturen und Prozesse aufgedeckt, nicht aber einzelne Personen oder Institutionen als Quellen der Desinformation benannt. Namen mächtiger Personen und Gruppen in diesem Apparat werden genannt, konkrete Anschuldigungen aber vermieden. Es fehlen naturgemäß hieb- und stichfeste Beweise.

Geheimdienste arbeiten leider geheim

Weder die von Snowden vorlegten Dokumente über die US-Geheimdienste noch die Mitwirkung  der deutschen Dienste bei der NSA oder bei der Steuerung der NSU-Terrorgruppe gelten in der öffentlichen Meinung oder vor Gericht als hundertprozentiger Beweis. Gehrcke verweist in seinem Buch mehrfach auf dieses Problem, dass geheime Akteure schwer dingfest gemacht werden können. Auch er kann bewusste Manipulationen nicht gerichtsfest belegen. Im Wort 'geheim' bei Geheimdiensten steckt eben das Problem.

Polemik ist noch nicht Rufmord

Bratanovic will Gehrcke, den Analysten der Manipulation, als Manipulator denunzieren und  in die Defensive bringen.

Dazu polemisiert er reichlich:

·    Gehrcke Schrift sei ein „kleines Büchlein“, „Bestätigungsliteratur“ und habe „durchgängigen Verteidigungscharakter“ .

·    Gehrckes Argumentation offenbare ein „... unterkomplexes Verständnis“. Bratanovic gibt der geschätzten LeserIn zu verstehen, dass er, Bratanovic, dem etwas beschränkten Geist Gehrckes hier mit großer Nachsicht Nachhilfe zu geben bereit sei.

Auch die klassische Methode der 'Umarmung' fehlt nicht:

·    Jovial wird eingeräumt, dass „der Vorwurf des Antisemitismus … nicht selten leichtfertig und in verleumderischer Absicht erhoben“  wird; lapidar dann das vernichtende Urteil: Dies „... scheitert in seinem Fall dennoch“.

·    Vordergründig erkennt auch Bratanovic an, dass es so etwas wie ungerechfertigte Antisemitismusvorwürfe gebe: „Es stimmt, es gibt die Tendenz zum inflationären Gebrauch des Antisemitismusvorwurfes. Aber ist nicht auch zu konzedieren, dass … Antisemitismus geleugnet wird …?“ Hier scheint die Wochenzeitung „Zeit“ zu sprechen mit einem entschiedenen Sowohl-Als-Auch.  Gehrcke hingegen benennt explizit und unverquast Antisemitismus in unserer Gesellschaft.

Rufmord durch Manipulation

Bratanovic verhebt sich grotesk an Gehrcke. Grundsätzlich sind solche, auch missglückte Diskussionsbeiträge natürlich legitim. Nicht zu dulden sind Falschaussagen und Manipulationen:

  • Gehrcke bezeichnet seine Analyse der Manipulationskampagnen ausdrücklich "Szenario" und „fiktives Drehbuch“. Bratanovic kritisiert, Gehrcke wolle „... Faktizität vortäuschen ...“ Fälschlich behauptet Bratanovic, Gehrcke schildere „… zentral geplantes und gesteuertes Vorgehens, von vorne bis hinten durchorganisiert, bei dem noch der letzte deutsche Fußtrupp seine Order erhalten haben soll ...“.
  • Gehrcke beschreibt ein verdecktes Machtgeflecht, bei dem es systembedingt fast unmöglich ist gerichtsfest zu beweisen, wer die Spinne im Rufmord-Netz ist. Der aufgezeigte Mechanismus ist plausibel und nachvollziehbar. Von Bratanovic kein Wort zu dieser Methode der Analyse.

 So sehen überkomplexe Diffamierungen aus, wenn Argumente fehlen. Das Ziel: Gehrckes Beobachtungen als unglaubwürdige Verschwörungstheorien eines  lächerlichen Wirrkopfes unwirksam zu machen.

Vorgetäuschte linke Identität

Bratanovic ist zweifellos gebildet, weiß viel über Philosophie, über linke Geschichte und linke Theorie. Aber ist er auch ein systemkritischer Kopf? Oder gar ein Linker, der die Gesellschaft nach links verändern will?

Welcher Linke oder gar welcher Kommunist würde sich verunsichern lassen, wenn ein Antisemitismusvorwurf durch einen ausgewiesenen Staatsdiener erhoben würde? Keiner!

Deshalb kommt hier der notwendige zweite Teil der Manipulationsmethode ins Spiel [2]: Bratanovic veröffentlicht zwei Tage nach seinem Verriss-Artikel in der Beilage der jungen Welt zum Anarchismus zwei weitere Artikel. [3]

Er füllt den größten Raum der Beilage mit einem zweiseitigen Artikel zum historischen Anarchismus im Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Dieser historische Anarchismus basiere auf anachronistischem „personalisierten Klassenhass“, in den Attentaten individueller Anarchisten sei der „Klassenhass auf die Spitze getrieben“.

Der prominenteste Artikel der Beilage liefert, untermauert durch Zitate und Quellen, die bei unvoreingenommener Betrachtung mehr und anderes zu bieten gehabt hätten, den Lesern die „Erkenntnis“: Anarchismus ist mörderischer Klassenhass, ist romantische, egomanische Einzeltat. Bratanovic zieht keine Linie zum Klassenkampf , zum Begriff von Macht und Herrschaft. So richtet sich die Aussage gegen Revolutionen, gegen die Anwendung von Gewalt zur Überwindung von Herrschaft und Ausbeutung. Wird das dem Anarchismus gerecht? Für eine linke Debatte taugt das jedenfalls nicht!

Wohltuend heben sich die benachbarten, viel kürzeren Artikel von Hermann (Die göttliche Seele der Demokratie) und von Negrete und Aswestopoulos (zum Anarchismus in Frankreich, Spanien und Griechenland) ab, aus denen konkrete Lehren gezogen werden können.

Persilschein durch pseudo-linke Artikel?

Für kommunistische Linke und solche die ernsthaft eine Systemänderungen anstreben, ist die Auseinandersetzung mit Anarchismus wichtig, es geht um Herrschaftsfragen. Wer dazu etwas schreibt, erhält leicht das Prädikat, „irgendwie schon 'links' zu sein“.

Geht es Bratanovic hier um den Erwerb des Prädikats „links“, um einen Persilschein, der ihn in linken Kreisen und somit auch seine Polemik gegen Gehrcke glaubwürdig macht?

Wir lernen: Auch solche Artikel können eine elegante  Methode des verdeckten politischen Kampfes der Gegenseite sein!

Rufmord ist real wirksam!

Ich kann nur hoffen, dass kritische Köpfe sich durch diesen Agitationsartikel in der jungen Welt nicht davon abhalten lassen, Gehrckes wertvolles Buch zu lesen. Das dort beschriebene Problem existiert sehr real: Linke Position, die Imperialismus beim Namen nennen, sich kritisch mit Israel oder radikal und nicht reformerisch mit dem Finanzsystem auseinandersetzen, sollen zurückgedrängt, lächerlich gemacht oder in Tabuzonen abgedrängt werden.

Dass so etwas in Form von Kampagnen geschieht, ist offensichtlich. Gehrcke beschreibt es präzise an der Geschichte von attac Deutschland. Dem kann auch Bratanovic nicht widersprechen, er verschweigt es, äußert sich einfach nicht dazu.

Es bleibt ein großes Verständnis-Problem für mich als junge Welt-Leser.

Welche Strukturen innerhalb der Redaktion der jungen Welt erlauben es, diese doch ziemlich offenkundige  Denunziation zu veröffentlichen und dem Autor zeitnah so viel Raum zu gewähren? Eine tendenziöse Buchbesprechung ist an sich noch kein Problem, wenn auch die Gegenpositionen abgedruckt würde, eine offene Diskussion stattfände. Aber genau das geschieht seit einiger Zeit in der jungen Welt nicht mehr. Die Zeitung gewährt der Auseinandersetzung um Zuschreibungen von „Antisemitismus“ oder „Nach-rechts-offen“ oder „Querfront“ keinen öffentlichen Raum mehr. Es scheint da eine für Leser nicht nachvollziehbare, verdeckte Richtungsentscheidung in der Redaktion gegeben zu haben.

Seit im Januar 2015 Ken Jebsen auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz als Journalist nicht zugelassen wurde, gab es in Folge reichlich Kritik, Schreiben und Stellungnahmen von Einzelpersonen bis hin zu Leserinitiativen an dieser Entscheidung, die in der Zeitung nicht sichtbar gemacht werden. Die Form der Auseinandersetzung um Gehrckes Buch, die Nicht-Berichterstattung über Jebsens Ausschluss aus der Rosa-Luxemberg-Konferenz, die völlig einseitigen Beschreibungen und Analysen der Friedensbewegung 2014 dienen nicht der Klärung von Positionen oder Widersprüchen. Sie wirken als Machtpolitik mittels Zensur, verbreiten Misstrauen und Tabus statt Klarheit; der jungen Welt und ihrem Ziel völlig unangemessen! Und sie zerstören eine fruchtbare linke Auseinandersetzung.

Die junge Welt soll nicht zensieren, sie soll das Denken und Verstehen fördern!

Welche Gründe und Machtspiele im Hintergrund auch immer wirken: Für ALLE anti-linken Strömungen, speziell für "Dienste" der Staatssicherheit kann es nichts Besseres geben, als dass solche Diskussionen nicht öffentlich, sondern allenfalls verdeckt geführt wird. Nichts ist für die Dienste effektiver, als inner-linke Diskussionen erfolgreich zu verhindern.

Die junge Welt ist außerordentlich wichtig für die inner-linke Herausbildung neuer Kräfte gegen diesen Staat. Es gibt viele Artikel, die einer neuen Generation von linken Akteuren helfen. Aber es gibt offenbar auch Strömungen, die diese Entwicklung neuer und weiterer KämpferInnen behindern wollen.

Ich bitte alle linken Kräfte, die entsprechende Debatte zu eröffnen und die Redaktion, diese Debatte öffentlich zu machen.

 

Anmerkungen

[1] Wolfgang Gehrcke, „Rufmord. Die Antisemitismus-Kampagne gegen links“, PapyRossa-Verlag, 2015, Preis 12,90 €

[2] Es wäre hilfreich, wenn Gehrcke noch eine Ergänzung in seinem Buch einbauen könnte, um seine Argumentation wirklich 'rund' zu machen. Das würde aufrichtigen Linken helfen, besser zwischen ernsthaften Diskussionspunkten und den von 'Diensten' eingebrachten Verunsicherungen und Verwirrungen unterscheiden zu können..

[3] jW vom 5.8.15 „Die romantische Tat, Wie Stirner sie lehrte, die Bombe zu lieben. Über individuelle Anarchisten des ausgehenden 19. Jahrhunderts“ und „Die große Verweigerung, Zerrüttung und Auflösung oder glückseliger Zustand? Verschiebungen in der Bedeutung des Begriffs Anarchie“

 

* Der Autor Walter Schumacher hat sich bemüht seine von der Jungen Welt Redaktion abweichende Meinung in einem Leserbrief dort zu platzieren. Da dies offenbar nicht möglich ist, veröffentlich 'scharf-links' seinen Beitrag.







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