Wie manche Linke Gauck nicht inhaltlich kritisieren, sondern ihm etwas anhängen


Bildmontage: HF

08.11.12
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von Meinhard Creydt

Sebastian Gerhardt behauptet in seinem Leserbrief vom 4.11.2012 zu meinem Artikel „Aufgeregte Entrüstung gegen ‚kalte Herzen’“, Gauck sei „bestimmten politischen Konflikten und persönlichen Risiken sehr klar aus dem Weg gegangen“.

Gerhardt legt nahe, Gauck habe sich vor Oktober 1989 nicht oppositionell betätigt. Gerhardt sieht es darauf ab, diejenigen, die sich erst 1988 „der Opposition in der DDR“ anschlossen, positiv von Gauck abzuheben, und sieht souverän von einschlägigen Fakten ab.

Seit 1974 beobachteten Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) die Aktivitäten Gaucks. Über einen Friedensgottesdienst 1982 heißt es: „G. zog in seiner Predigt zum Thema Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Frieden Vergleiche zum Faschismus in Deutschland und unserer sozialistischen Entwicklung in der DDR.“ Es handelte sich um einen „Friedensgottesdienstes in der Heiligen-Geist-Kirche vor rund 250 Jugendlichen“.

In seinem Erinnerungsbuch „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“ aus dem Jahr 2009 schreibt Gauck, dass ein Dutzend IM über ihn berichtet haben, sein Telefon abgehört und die Post geöffnet wurde, dass zeitweilig Wanzen in der Wohnung eingebaut waren und heimlich Wohnungsdurchsuchungen stattgefunden hatten.

Friedrich Schorlemmer kritisiert in einem Interview Gaucks politische Auffassungen, spricht aber zugleich von Gauck als „jemand, der sein Leben lang gegen Repression und für Freiheit eingetreten ist“ (Berl. Ztg., 21.2.12, S. 2).

S. Gerhardt meint, der schlagwortartige Hinweis auf Gaucks Ablehnung eines „Kirchentags von unten“ sei alles, was zu Gaucks Taktik in Bezug auf den Kirchentag 1988 zu sagen wäre.

Die DDR-Geheimpolizei hat das damals anders gesehen und den Kirchentag von 1988 wie folgt beschrieben: „Die Kräfte um Bischof Stier (Pastor Gauck, Regionalsekretär Beyer, Oberkirchenrat Schwerin)“ und „weitere destruktive Kräfte“ nutzen den Kirchentag „zur Einmischung in staatliche Angelegenheiten“. Hervorgehoben wird „die Konstruierung eines angeblichen Widerspruchs zwischen der von der Kirche akzeptierten, von Dialog gekennzeichneten Außenpolitik der SED und einer angeblich dialogfeindlichen Innenpolitik; die Erwartung, dass der Staat einen Dialog mit negativen Kräften führt und damit die Existenz oppositioneller Gruppierungen legalisiert; die Darstellung angeblicher Defizite der DDR bei der Verwirklichung der Menschenrechte“ (Auswertungs- und Kontrollgruppe, zit. n. Stolle 2001, 41f.).

Werner Schulz: „Gauck hat Ausreisewillige ermutigt zu bleiben und daran mitzuwirken, das zu verändern, was sie kritisieren und was sie aus dem Land treibt. Allein der Satz: ‚Wir werden bleiben, wenn wir gehen können’, den er 1988 auf dem Rostocker Kirchtag gesagt hat und der DDRweit über die ARD … zu hören war, belegt, dass er sich in einer Zeit als die Ausreisewelle aus der DDR anschwoll und Antragsteller als Staatsfeinde behandelt wurde, mutig für Reisefreiheit eingesetzt hat. Und jemand, der erleben musste, wie drei seiner vier Kinder in den Westen gingen und selber blieb, weil er seine Aufgabe im Osten sah und sich für Veränderungen einsetzte, der besitzt schon höchste Glaubwürdigkeit. Er hat die Ausreisewilligen nicht verstoßen, wie das in etlichen Oppositionskreisen der Fall war. Auch deswegen hat er Anteil daran, dass letztlich die Oppositionsgrüppchen und der breite Ausreisestrom die Kapitulation der SED erzwungen haben.“

„Gauck blieb Pragmatiker, seine Haltung hatte taktische Gründe: 1988 sollte er die Möglichkeit haben, als Vorsitzender des Kirchentagsausschusses den nächsten Rostocker Kirchentag zu organisieren – mit erwarteten 40.000 Zuhörern. Und während er den Offiziellen sein ‚ehrliches Bemühen’ vermittelte, ‚den Kirchentag im Einvernehmen mit den staatlichen Gegebenheiten durchzuführen’, sprach er vor Publikum von ‚stalinistischen Tendenzen im Staatsapparat’. ‚Wie ein Stück Seife’, urteilt Biograf Robers, sei Gauck ‚seinen Häschern’ entglitten. Die Taktik ging auf: Gauck war mittlerweile zu prominent, um ihn für solche Äußerungen zu sanktionieren“ (Eines Tages – Zeitgeschichte auf Spiegel online

http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/24407/pragmatiker_im_pfarramt.html).

Es gibt an Gaucks Positionen viel zu kritisieren. Man soll das dann aber auch inhaltlich tun und nicht dem Gegner unbekümmert um die Fakten Negatives anhängen. Gerhardts Einfälle folgen dem Motto der Gestaltschließung: Gauck vertritt heute ablehnenswerte Positionen, also kann er auch in der DDR nur ein Anpasser gewesen sein.

Gehrkes Artikel und Gerhardts Leserbrief verdeutlichen das Vorgehen jener Fraktion der Linken, der es eher um Stimmung machen geht als um Argumentieren.

„Sie begeben sich gar nicht in die Dinge selbst, in die Fragen selbst hinein, sondern glauben darum über ihnen zu sein, weil sie nicht in ihnen sind“ (Adorno).

Man stellt sich nicht den Gegenargumenten und verlegt sich darauf, autosuggestiv daherzureden und den Bekehrten zu predigen. Fremd ist solch selbstgenügsamen Geistern die Einsicht, dass Ignoranz nicht das Medium der Freiheit bildet.

 

 


VON: MEINHARD CREYDT


Lesebrief von Sebastian Gerhardt - 04-11-12 14:18




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