Wulff - so viel Klarheit war selten


Bildmontage: HF

06.01.12
DebatteDebatte, Politik 

 

von Joachim Voigt

Endlich bringt ‘mal einer das Amt des Bundespräsidenten ansatzweise auf einen national und international akzeptablen Stand. Konnte man international bisher nur mit Neid auf das Ausland schauen, mit welchen Machenschaften und Unternehmungen PolikerInnen unbeeindruckt in ihren Ämtern bleiben und sie von allen Seiten repektiert bis ihnen huldigend an den Tischen der politischen Repräsentanz Platz nehmen konnten, beginnt die BRD nun endllich aufzuschließen.

Zwar können das Sujet der “Verfehlungen” – typischerweise ein Häuslebauerkredit – und die tölpelhaften Interventionen des Herrn Wulff noch nicht so richtig internationales Format aufweisen – man denke nur an Putin, die Kennedys, Berlusconi – aber immerhin zeigt hier jemand guten Willen. Das ist unbedingt zu würdigen.

Dabei ist bei Wulff nicht mehr und nicht weniger Richtiges im Falschen oder Falsches im Richtigen als bei unseren anderen Laiendarstellern auch. Mal Hand auf’s Herz: Hätten wir uns als Linke nicht schon immer einen Bundespräsidenten gewünscht, der der BILD den Krieg erklärt?

Zwar wäre uns ein anderer Anlass sicherlich lieber gewesen, und schön wäre es auch gewesen, die Kriegserklärung auch in gedruckter Form archvieren zu können, aber man kann eben nicht alles haben.

Übersehen wird in dem allgemeineren Gegeifere von BILD bis zur Süddeutschen auch, dass Wulff durchaus ein demokratietaugliches Format für seine “Erklärungen” gewählt hat: Den öffentlich-rechtlichen Rundfunksanstalten kommt nämlich in einer Demokratie per Gesetz eine besondere Bedeutung zu – das scheint in der empörten Häme über das sogenannte “Staatsfernsehen” irgendwie vergessen zu machen sollen.

Auch Bettina Schausten vergaß, in dem Werbehinweis innerhalb von “heute” auf dieses medienpolitische Detail hinzuweisen. Eine allgemeine Pressekonferenz – wozu sollte die nötig gewesen sein? Das, was es zu gegebener Zeit von den Medien gegolten hätte, aufzuklären, ist längst vorbei – wieso sollte ein Bundespräsident hier eine kostenlose Nachhilfestunde geben?

“Investigiert” wurde ja eben nix, sondern Kenntnisse der BILD-Zeitung wurden – fernab jeglichen Informationswillens – zu einem diesem Hetzblatt genehmen Zeitpunkt an die Öffentlichkeit gebracht. Nahezu alle sogenannten seriösen Blätter sind dann angesprungen – wohl in einer Art Überkompensation bisheriger redaktioneller Versäumnisse. Auf die Stilblüten, die dies zeitigte, konnte Wulff zu Recht in seinem Interview süffisant hinweisen.

Und dieses Interview war Aufklärung in gutem Sinne. Wie es um den Respekt des Bundespräsidenten bestellt ist, wurde in Schaußens Äußerung deutlich, dass “Wulff zur Transparenz getreten werden müsste”. Wulff konnte diese Repektlosigkeit nur “in neu gewonnener Lebensklugheit” demütig über sich ergehen lassen. Ebenso wurde sein “Charakter” deutlich. Zwischen den salbungsvollen Formeln, die er ja nach wie vor beherrscht und seinen Äußerungen in der Sache, die nur desorientierend, dumm und moralisch skrupellos waren, gab es keinerlei Brücke, wie sollte es auch.

Diese gerade genannten Eigenschaften heben ihn aber nicht aus der politischen Klasse heraus, sondern ordnen ihn lediglich standesgemäß dort ein – und endlich ergreift ‘mal jemand die Chance, das für jeden nachvollziehbar zumindest im Ansatz durchzuführen.

Was soll denn dieses bigotte Ereifern, darüber, dass er – ohne jegliches Schuldbewusstsein (dazu ist er intellektuell wie moralisch unfähig) - einer stinkreichen Unternehmensgattin einen sicheren Hort bietet angesichts der Finanzmarktturbulenzen, bei einer “guten Adresse” ihr Geld zu parken. Die nahezu gesamte politische Klasse nimmt für ähnlich gelagerte Freundlichkeiten in ganz anderer Dimension ganze Volkswirtschaften in Geiselhaft.

Er erweist dazu ein beachtliches Gespür, der Öffentlichkeit genau so viel zuzumuten, wie ihr derzeit noch gerade erträglich ist. Insofern erfüllt er perfekt Merkels Erwartungen, über seine Fähigkeit, “dem Volk Orientierung zu geben”. Dabei zieht er sie geradezu lausbubenhaft mit geschickter Naivität über den Tisch: Seien Sie mal von einem auf den anderen Tag statt Ministerpräsident von Niedersachsen nun Bundespräsident!

Und selbst in der Defensive kann er noch Schaußen zu dem Bekenntnis treiben, dass sie bei Freunden Übernachtungen bezahlt – wie blöd ist das denn! Da sollten wir uns in den nächsten dreieinhalb Jahren noch einiges erwarten dürfen.

Und die übrige Klasse weiß, was sie an ihm hat. Die kleinlauten Rücktrittsforderungsandeutungen einiger Hinterbänkler und PolikerInnen der zweiten Reihe dienen dem allgemeinen Politiktheater: Die SPD und GRÜNEN nutzen es, um der Regierung an’s Bein zu pissen und sie weiter sturmreif zu schießen. Schließlich steht ja nun eine Wiedergutnachung an:
Haben die SPD und die GRÜNEN seinerzeit den “bad-cop”-Job übernommen, den Sozialstaat zu zerstören und Deutschland wieder als Kriegsnation zu etablieren, hat die CDU/CSU/FDP nun ähnliches mit der Inszenierung Groß-Berlins in Europa gemacht.

So wie die Christlich-Liberalen daran gut anknüpfen konnten, möchte dies nun die Rot-Grüne Phantom-Koalition – in Regierungsverantwortung weitermachen wie bisher! Da ist Wulff so irrelevant wie Gauck es wäre. Jener lässt sich zurzeit eh’ nicht recht in Szene setzen, weil sein bornierter Antisozialismus nach Norwegen und den NSU-Morden unter Staatsaufsicht sich nicht so gut verkaufen lassen. Außerdem erledigt Frau Schröder diesen Job nun.

Abgelenkt hat dieses Theater im schlechtesten Sinne wohl kaum zufällig von Wichtigem: von der Euro-Krise, von den Vertuschungen beim Verfassungsschutz und anderen Geheimdiensten, von den katastrophalen Entwicklungen bezüglich der Rückholung des Atomschrotts aus der Asse, von den Kriegsvorbereitungen gegen Iran und bzw. nach neuester USA-Militärdokrin oder Syrien und und und …
Also: Jedes Volk hat das Staatsoberhaupt, das es verdient. Genau darum muss Wulff im Amt bleiben!




VON: JOACHIM VOIGT






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