Hinterfragt: „Die Brüder Tsarnaev und ihr unfassbarer Hass“ TEIL 3 von 4

06.08.13
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von Oswin Haas

Eine kritische Analyse von Oswin Haas zu einem Artikel von Uwe Schmitt und Julia Smirnova über das Bombenattentat in Boston, erschienen in „Die Welt“ (online) am 20. April 2013. (Die Kritik ist kursiv dargestellt, die Originalzitate sind nicht kursiv.)
Etwas ausführlichere Hinweise zu Artikel und Kritik finden sich im Teil 1.

Am 15. April erlosch nicht nur die ein Jahrzehnt lang gewachsene Illusion, Terroristen wagten es nicht mehr, Amerika auf seinem Staatsgebiet anzugreifen. Dutzende (teils nur mit Glück) vereitelte Anschlagspläne änderten wenig an dieser irrealen Hoffnung, auf "9/11" dürfe nichts mehr folgen.

Die Illusion war (oder eher: ist) weniger, dass „Terroristen es nicht mehr wagten, Amerika … anzugreifen“, sondern dass die Ursache der terroristischen Gewalt außerhalb „Amerikas“, außerhalb des „American Way of Life“, außerhalb der westlichen „Kultur“ liege. Die Verortung des Bösen in äußeren Feinden wie Al-Quaida, dem Islamismus oder der Drogen-Mafia ist ein faschistoides Mittel zur kollektiven Verdrängung der Wahrheit, dass das Böse sich strukturierend im eigenen kulturellen Haus eingenistet hat. Das Aufbauschen dieses ersten mutmaßlich islamistischen Terrorakts seit „9/11“ in Amerika unterstützt und verstärkt diesen Mechanismus. Er lenkt den Blick des Volkes weg vom eigentlichen alltäglichen, ganz normalen Terror der profitsystemischen Unkultur, hin zum medial vorgeschobenen Ausnahmeterror, der für die allermeisten Menschen in Wirklichkeit weitgehend irrelevant ist.

„Die Hoffnung, auf '9/11' dürfe nichts mehr folgen“, ist allerdings tatsächlich „irreal“ und verschließt die Augen vor dem, was sich wirklich seitdem zugetragen hat. Denn „9/11“ war keineswegs ein isolierter Gewaltakt. Auf ihn folgten auf dem Fuß mindestens zwei ausgewachsene Kriege im Rahmen des „war on terror“, der in Afghanistan und der im Irak, die nicht nur zig tausenden Irakern und Afghanen (wie auch Pakistani) das Leben kostete, sondern ebenso zahllosen amerikanischen und alliierten Soldaten. Auch der systeminterne Terror in Amerika ging ungebremst weiter, wobei die sich häufenden Amokläufe nur die Spitze des Gewalteisbergs (tägliche Kriminalität, Tausende von Schwerverletzten und Toten durch Schusswaffen, Ausbeutung der Lohnabhängigen, Verführung der „Konsumenten“, Vergewaltigung der Natur, Raub aller Art, etc.) darstellen.

Je mehr über die Brüder Tsarnaev bekannt wird, desto blasser wird zudem die Überzeugung vieler Amerikaner, ihre Immigranten durch den Assimilierungs-Sog des American Dream zu sicheren Neupatrioten zu erziehen. Beide Brüder Tsarnaev hatten alles, was Amerika bietet: eine Collegeausbildung, Freiheit, Erfolg, Chancen. Es ist wahr, dass die Anpassung des Älteren zunehmend misslang. Eine Festnahme wegen häuslicher Gewalt 2009 verhinderte, dass aus dem Green-Card-Status eine Einbürgerung werden konnte. Dzhokhar wählte, aus Perfidie oder Stolz, ausgerechnet den 11. September 2012 für seinen ersten Schwur als Amerikaner.

Haben die Tsarnaev-Brüder dem „Assimilierungs-Sog“ wirklich standgehalten? Haben sie den „American Dream“ trotz „Collegeausbildung, Freiheit, Erfolg, Chancen“ tatsächlich nicht geträumt? Es ist immer noch die feste Überzeugung der meisten Amerikaner, dass dieser Traum, der fast allein sie als Nation definiert, der also eines jener vorgeschobenen Identifikationsobjekte ihrer besonderen nationalen Schimäre ausmacht, zu einem „erfüllten“ Leben, zu individuellem Glück und allgemeiner Anerkennung führt. Mehrheitlich wissen sie noch nicht, (oder besser:) wollen sie sich noch nicht eingestehen, dass er nur der letztlich inhaltslose Begriff zur konsumistisch massenpsychotischen Illusion des individuell unabhängigen freien „Selfmade“ Man ist (… Niemand ist doch „self-made“. Jeder Mensch braucht notwendiger Weise andere Menschen und die Natur, um sich zu erhalten und „zu entwickeln“! ...), die in ihrer letzten Konsequenz zur absoluten menschlichen, sozialen und ökologischen Katastrophe führt. Vielleicht, nein mit Sicherheit, haben die Tsarnaevs genauso wie die weltweit dominierende Masse von geblendeten „Westmenschen“ versucht, diesen Traum zu „leben“. Sie haben ihn wahrscheinlich sogar zu intensiv geträumt und sich gerade dadurch in den frühzeitigen Abgrund manövriert. Das Schicksal der beiden Brüder ist exemplarisch das vorhersehbare Schicksal von uns allen, die wir diesen Traum träumen und so der menschlichen Realität uns verweigern.

Die Täter von Boston haben die Leere und Unmöglichkeit dieses Traumes an Leib und Seele durch ihre spezielle Situation als besonders Fremde unter an sich schon Entfremdeten schneller er-fahren und er-lebt als „normale Amerikaner“. Und diese Erfahrungen, diese intensiveren Traumfrustrationen haben extremeres Aggressionspotential aufgebaut und letztlich auch freigesetzt, ohne dass es aber zur befreienden Traumüberwindung, zu realistischen Taten hätte kommen können, die an ein Jenseits des Traumes, an einer menschlichen Realität ausgerichtet gewesen wären. Terror ist (wenigstens unbewusste) Verzweiflung, die Verzweiflung an der scheinbaren Alternativlosigkeit des pseudokulturellen Traumes.

Die erwähnte „häusliche Gewalt“ deutet genau in die eben skizzierte Richtung. Ist nicht für die meisten Menschen, für die „loser“, „unten“ Gebliebenen, Überdrüssigen, vom „Leben“ Enttäuschten, vergeblich Sinn Suchenden, Angewiderten, Entlassenen, Überbeschäftigten, Arbeitslosen, Verbissenen etc. das erste Objekt der durch ihren warensystemisch erzeugten Zustand freigesetzten Aggressionsenergie der Lebenspartner bzw. die Kinder? So war es wohlmöglich das vom System selbst verursachte und langfristig angestaute Gewaltpotential und die daraus folgende Aggression gegen seine Frau, das den älteren Bruder die „Einbürgerung“ kostete. Andererseits wurde er doch gerade durch diese Gewalt, die sich übrigens wohl auch in seiner Liebe zum Boxsport äußerte, zum „Bürger“ des Prinzips „Amerika“ geadelt: die alles durchdringende Konkurrenz, die immer auch Gewalt und Feindschaft in sich trägt.

Besteht tatsächlich (vor allem, wenn man es im Licht des eben Gesagten sieht) ein Widerspruch zwischen Dzhokhars „Einbürgerung“ zum Amerikaner und die (möglicherweise) „perfide“ oder „stolze“ Wahl des Einbürgerungsmomentes „9/11“? Reiche islamistische Frauen tragen zuhause „westliche“ Kleidung von Dior und ihre Männer fahren Porsche oder Mercedes. Bin Laden war einem luxuriösen Leben im westlichen Stil durchaus nicht abgeneigt. Es ist Amerika, das westliche System, der Traum selbst, was immer wieder Gewalt und Gegengewalt, aber auch Opposition und Aufbegehren erzeugt, letzteres jedoch meist unter dem Motto: „Ich will mehr vom System-Kuchen abhaben.“ Es ist Amerika, das die Tsarnaevs zu dem werden ließ, was wir in den Boston Attentaten sahen, und die „Einbürgerung“ Dzhokhars an einem 11. September symbolisiert sozusagen seine Ankunft wie seine nur scheinbare Abkehr in Bezug auf Amerika. Es war die Ankunft in das ideelle Amerika und die „Abkehr“ vom realen Amerika, die aber in Wirklichkeit die eigentliche Ankunft war. Wie sagte einmal ein mir befreundeter afroamerikanischer Musiker aus NYC: „America is rough, boy!“. Es ist das westliche Modell-Land, wo die Konkurrenz, der Kampf und unausgesprochen eben dadurch auch die Gewalt zum obersten Prinzip erhoben ist. Man sehe der Wahrheit ins Auge: der 11. September ist auch ein Symbol für Amerika! Die „Pforte zum Himmelreich ist eng“ (Matthäus 7:14) und die meisten Versuche, dem „Teufel“ zu entrinnen, führen direkt wieder zu ihm zurück.

Tschetschenen wähnen sich unter Generalverdacht

Wie wird aus einem coolen amerikanischen College-Kid, das ab und zu Marihuana raucht und überall beliebt und integriert ist, ein Massenmörder? Dzhokhars Radikalisierung inmitten eines amerikanischen Freundeskreises wird die Fahnder beschäftigen. Bei Tamerlan, der sich schwerer tat in den USA ("Es gibt hier keine Werte mehr. Ich habe keinen einzigen amerikanischen Freund") und sich zum religiösen Eiferer wandelte, der die Sittenlosigkeit der "Ungläubigen" hasste, scheint die Exegese der Wandlung leichter.

Die Charakterisierungen „cooles College-Kid“ und „Massenmörder“ wurden schon am Anfang dieser Kritik (zu Beginn des 1. Teils) thematisiert. Es wurde auch schon besprochen, wie die erfolgreiche Integration in der amerikanischen Gesellschaft und ein solches Attentat in Verbindung gebracht werden können. Ich möchte mich nicht allzu oft wiederholen. Dennoch müssen wir uns beim eventuellen Zusammenhang zwischen Dzhokhars amerikanischem Freundeskreis (also seiner „gelungenen Integration“) und seiner antiamerikanischen Radikalisierung etwas aufhalten.

Auf den ersten Blick scheint es widersinnig, dass jemand inmitten eines (sagen wir:) typisch und speziell „amerikanischen“ (d.h. „westlichen“, „bürgerlichen“) Freundeskreises Hass nicht nur gegen das „Amerikanische“, sondern auch gegen die „Amerikaner“ entwickelt, also auch gegen seine eigenen Freunde. Doch muss man sich fragen: War es überhaupt ein Kreis von Freunden, in welchen er sich eingebracht und „vorbildlich“ integriert hatte? War er von ihnen so sehr enttäuscht, dass diese Enttäuschung sie zu Feinden werden, freundliche Gefühle in Hass umschlagen ließ? „There's A Thin Line Between Love And Hate“ wusste schon ein volksweiser Soul-Song aus den Siebzigern. Oft lässt tiefe Enttäuschung Liebe in Hass umschlagen. Ein Freund wird dann zum Feind, wenn sich die Überzeugung durchsetzt, dass der Freund einem nicht wohl gesonnen ist, dass er in Wirklichkeit ein „Gegner“ ist, dass die „Freundschaft“ nur eine Illusion war.

Dem Wort Freund liegt laut dem Duden „Herkunftswörterbuch“ über das Wort „frei“ letztlich die indogermanische Wortwurzel prai- „schützen, schonen, gern haben, lieben“ zu Grunde. Es bedeutete ganz einfach „zu den Lieben gehörig“. In der Regel waren dies Verwandte, Sippengenossen, „die sich gegenseitig schützten und schonten“ (Duden) mit denen man „in Frieden lebte“ (Duden), die gemeinsam frei, d.h. „vollberechtigt“ (Duden) waren (im Gegensatz z.B. zu versklavten Kriegsgefangenen oder anderen Fremden) und die zusammen die ihnen und letztlich allen Menschen gemeinsame Lebensnot bewältigten. Tief solidarische Gemeinschaft und Verbundenheit in einem Lebensrahmen, der sozial und ökologisch das Wohl der aufeinander Angewiesenen bedingt, beschreiben demnach die Urbedeutung von Freundschaft wie auch Freiheit.

Kann man bei einer Rückbesinnung auf diesen ursprünglichen Wortsinn, von Freundschaft sprechen, wenn sich Jugendliche gelegentlich zum Marihuana-Rauchen, „Rumhängen“ oder sonstigen „coolen“ Dingen treffen, sich in einem College-Jahrgang in Vorlesungssälen oder im Campus sehen und ein Schwätzchen halten, zusammen ins Kino gehen oder Sport treiben, sich zusammen auf Prüfungen vorbereiten, die sie kalt aussieben zum weiterführend trennenden Konkurrenzkampf? Ist Freundschaft im Nebeneinander und jeweiligen „Für-Sich“, in der bürgerlichen „Selbst-Verwirklichung“, im Abseits vom menschlich wirklich Notwendigen, das den Menschen durch die Konsum- und Profitwelt verborgen bleibt, im latent lauernden Hass gegen jedes andere Individuum, das immer auch ein zumindest potentieller „Gegner“ ist, überhaupt möglich? Nein! Freundschaft im Bürgerlichen ist immer auch bloßer Schein, der die Wahrheit der allen bürgerlichen sozialen Beziehungen zugrunde liegenden strukturellen Gegnerschaft nur verdeckt. Die Aussage des älteren Bruders „ich habe keinen einzigen amerikanischen Freund“ ist daher verständlich und basiert wohl weder auf ein Hirngespinst noch auf ein bloßes Fehlen von bürgerlichen Freundschaften.

Wahrscheinlich hatte die geteilte Not der ethnischen Verfolgung, des materiellen Mangels und des zweifachen Exils die Brüder in ihrer Kindheit und Jugend über ihre nahe Verwandtschaft hinaus zusammengeschweißt. Vielleicht kamen sie auch ursprünglich aus sehr einfachen bäuerlich dörflichen Verhältnissen, wo sich die Geborgenheit und Solidarität der naturbedingten Not-Gemeinschaft (im positiv existentiellen Sinne) aus grauer Vorzeit noch in die moderne Zeit hinübergerettet hatte, wo man noch wirkliche Verbundenheit erleben konnte. Sie hätten somit erfahren und gewusst, was richtige Freundschaft bedeutete. Die politischen Umstände der zerfallenden Sowjetunion, die oftmals auch die endgültige Zerstörung aller noch intakten althergebrachten sozioökologischen Strukturen bedeuteten, und der weltweit sich immer mehr ausbreitende bürgerliche Traum bzw. Wahn, den man spätestens seit Kriegsende den „American Dream“ nennt und welcher auf geistig ideeller Seite einfach die Warenwirtschaft spiegelt, ließen sie ihr „Glück“ in der konsumistischen „Freiheit“ und dem materiellen Eldorado des Westens suchen, ohne zu ahnen, dass dessen alles überstrahlender „Wohlstand“ ein bloßer Bluff ist, verbunden mit der Ausbeutung anderer und dem Zerfall aller menschlichen Bindungen. Die USA genauso wie der Rest der kapitalistisch globalisierten Welt sind ein Ort des künstlich erzeugten Mangels, der vorgehaltenen Karotte, wo im allgemeinen Kampf um die persönliche Aufhebung dieses Mangels allein das Recht des Stärkeren das gesamte Leben bedingt und allen menschlichen Zusammenhalt unmöglich macht. Bittere Enttäuschung war (und ist) damit (nicht nur) bei diesen Brüdern vorprogrammiert.

Die beiden hatten keine Freunde, weil es in der bürgerlichen Unkultur keine Freunde gibt. Das einzige, was Menschen darin verbinden könnte, ist die von ihr erzeugte Not. Doch im Rausch und Wahn des Konsums bzw. des Konsumieren-Wollens ist es äußert schwierig, sich dieser Not bewusst zu werden. Solcher Bewusstwerdungsprozess ist nur dann wahrscheinlich, wenn die Konsumbetäubung aus irgend welchen Gründen nachlässt. Das geschieht z.B. durch die Erfahrung, dass Konsum letztlich die menschlichen Bedürfnisse nicht befriedigen kann. Bei den beiden Brüdern könnte das der Fall gewesen sein. Frustriert von der tiefen Leere des schon erreichten Erfolges (Stipendien, konsumistisch soziale Integration, teure Klamotten, Smartphones, etc.) und der dazugehörigen sozialen Kälte, fanden sie sich verbunden in diesem Frust.

Ihre Abkehr von der bürgerlichen Scheinwelt ist allerdings keine, deren Leid- und Enttäuschungsgefühle in eine rationale Analyse und entsprechend gesteuertes Verhalten mündet, sondern in eine Art pseudoreligiösen Trotz, der die Prämissen der Konsum- und Profitgesellschaft nicht überwindet, sondern diese unbewusst im verletzten Ego weiter pflegt. Die adäquate Reaktion auf das objektiv feststellbare Leid wäre eine Solidarisierung mit den ebenfalls systemgeschädigten anderen „Amerikanern“ gewesen.

Das FBI wird versuchen, jede Minute und jeden Kontakt während seines Russlandaufenthalts vom 1. Januar bis zum 27. Juli 2012 zu rekonstruieren. Tamerlan wäre beileibe nicht der erste junge Muslim in Amerika, der eines Tages eine große spirituelle Leere in sich spürte und seine amerikanischen Frustrationen zu einem Dschihad gegen den Westen und die "Ungläubigen" veredelt. Es scheint eher die Regel als die Ausnahme zu sein, dass Amerikas selbst erzogene Dschihadisten aus besseren Kreisen kommen, intelligent und gebildet sind.

In typischer Weise wendet sich das FBI bei der Ursachenfindung in Richtung „Ausland“. Da kommt die Russlandreise Tamerlans gerade recht. „Das Übel ist woanders, nicht bei uns.“ Das ist eine der faschistoiden Grundformeln.

Tamerlan und sein Bruder hatten Leere und Frustration doch nicht deswegen verspürt, weil sie „Muslime“ waren. Das Umgekehrte ist das viel Plausiblere: Weil sie „Leere und Frustration“ erlebten, wurden sie zu islamistischen Muslimen, nachdem ihr amerikanischer Traum geplatzt war. Es ist auch keine Grille, die „eines Tages“ so aus heiterem Himmel Menschen befallen kann, sondern eine eigentlich notwendige Reaktion auf unerträgliche Zustände in der bürgerlichen Welt, die sich je nach Herkunft und Umfeld verschieden äußert. Die einen werden zu kleinstädtischen Amokläufern, andere zu zynischen Geschäftemachern oder zu gewöhnlichen Verbrechern. So bringt das Bildungsbürgertum eben intellektuell legitimierte Scheinrevolutionäre hervor. Das konnte man auch bei der RAF im Deutschland der frühen 70er Jahre beobachten.

Ruslan Tsarni, ein in Maryland lebender Onkel der Brüder, verfluchte vor den Kameras in atemloser Entrüstung ihre Tat. Er nannte sie "Verlierer" und ihre religiösen Motive heuchlerisch. Beide verdienten den Tod, rief Tsarni aus. Und sein zorniges Gelöbnis, wie sehr er Amerika achte und liebe, tat der Volksseele wohl. Seine improvisierte Pressekonferenz wurde wieder und wieder gesendet, als Gegengift zur Fahndung nach dem noch flüchtigen Dzhokhar. Tsarni verteidigte auch den Ruf der Tschetschenen, die sich nun unter Generalverdacht wähnen und ängstlich ducken mögen.

Onkel Ruslan wie die amerikanische „Volksseele“ träumen nur den bürgerlichen Traum, in dessen Wahrnehmungswelt die beiden Brüder zweifelsohne bloße selbstverschuldete „Loser“ sind. Denn das ist doch eines der entscheidenden Charakteristiken dieses Systems: die Menschen in viele Verlierer und wenige Gewinner zu sortieren. Die überwältigende Mehrheit landet durch die Konkurrenzmaschinerie bei denjenigen, die es nicht „geschafft“ haben. Auch Ruslan Tsarni ist höchstwahrscheinlich einer von ihnen. Dies alles ist aber weder dem Onkel noch der Volksseele klar. Und das soll auch so bleiben. Dazu, zu dieser Verschleierung, dient, näher betrachtet, die bei solchen Attentaten immer wieder tagelang mit allen Aufbausch-Mitteln der Medien zelebrierte „atemlose Entrüstung“. Man will die (Selbst-)Täuschung mit der scheinheiligen Empörung aufrecht erhalten.

Freilich sind die religiösen Motive der Tsarnaevs heuchlerisch und nur vorgeschoben. Die wirkliche Motivation ihrer Taten kommt nicht aus dem Islam, sondern, wie gesagt, aus dem allgemeinmenschlichen (nicht speziell muslimischen) Frust und Leid in der bürgerlichen Gesellschaft. Dabei könnten die Bewusstwerdungsprozesse zur Überwindung des modernen kulturellen Wahns durchaus zu wahrer religiöser Neufindung führen.

Der Vater hält seine Jungs für unschuldig

In Los Angeles gibt es eine kleine Minderheit. Die Erinnerungen an die Angsthysterie wider Muslime nach "9/11" dürften dort wie anderswo in arabischen Gemeinden noch frisch sein. Es versteht sich, dass islamische Vereinigungen in den USA jede Vereinnahmung ihres Glaubens durch die Attentäter streng verurteilten. Die Islamic Society of North America erinnerte durch ihren Präsidenten, Imam Mohammed Madschid, an die Friedfertigkeit des Islam. "In solchen Zeiten fühle ich mich an einen Vers im heiligen Koran erinnert, der dem Alten Testament gleicht", notierte der Imam: "Wenn jemand einen Menschen tötet, ist es, als töte er die ganze Menschheit; wenn einer ein Leben rettet, ist es, als rette er die Leben der ganzen Menschheit." Man muss vermuten, dass Tamerlan für eine andere Idee von Islam tötete und starb.

Das ist eben das allgemeine Missverständnis oder besser: die endlos repetierte Pseudo-Wahrheit, die auch die beiden „Welt“-Journalisten explizit und implizit in diesem Artikel ständig wiederholen, wonach „islamistische Terroristen“ für irgendeine „Idee von Islam“ ihre Gewalttaten begehen. Man kann nicht umhin, darin System und Absicht zu vermuten. Man wird doch nicht Terrorist, indem man ein Buch liest oder irgend welche Ideen hört! Entsprechend muss die Kritik dieses Artikels immer wieder entgegenhalten: Die Wurzel des Terrorismus, ob islamisch oder sonst wie, liegt in den realen Umständen der heutigen Welt selbst. Islamismus, Linksradikalismus, Rechtsradikalismus, etc. sind nur verschiedene Labels für denselben Inhalt: Revolten gegen die bürgerliche Unkultur, die als wütende Auflehnung meist keine realistisch konkrete Überwindung der bürgerlichen Grundstrukturen im Sinn hat, da Gewalt und Fremdbestimmung zu den innersten Systemeigenschaften gehören. Deshalb ist solche Auflehnung faschistoid zu nennen, genauso wie die Versuche, sie sozusagen von ihren ideologischen Rechtfertigungen her erklären zu wollen. Der bürgerliche Interpret der terroristischen Gewalt sieht in ihr systemfeindliche Ideologien am Werk, denen die Terroristen anzugehören vorgeben, und verhindert so, dass das System selbst als Gewaltursache erscheint. Der Terrorist und der bürgerliche Interpret (wie z.B. bürgerliche Journalisten) sind insofern Verwandte in der Unfähigkeit, das Systemleid adäquat zu beurteilen und zu dessen Überwindung beizutragen. Beide sind letztlich nützliche Systemstützen.

Die bei solchen Wutausbrüchen, solchen terroristischen Gewalteruptionen oft einsetzende Volkshetze gegenüber Minderheiten ist nichts anderes als der Versuch seitens der wahnverfallenen Gesamtgesellschaft und vor allem seitens der Profiteure, das Dogma der außen liegenden Ursachen für solche Wuttaten zu erhalten und die realen Ursprünge zu verdrängen. Eine soziale Minderheit ist das am nahesten liegende „Außen“, „Andere“. Ein „Terrorist“ gehört immer auch irgendwie irgendeiner Minderheit an: Moslem, Schiit, Protestant, Katholik, Homosexueller, Linkshänder, Jude, Weißer, Schwarzer, Neonazi, Linker Chaot, etc. irgend etwas wird man schon finden, was eine bestimmte Mehrheit nicht charakterisiert. Das Gesamtsystem entzieht sich somit der Ursachensuche.

Natürlich hat der Islam an sich nichts mit Terrorismus zu tun. Doch muss sich die islamische Minderheit in den überwiegend christlichen USA argumentativ gegen die strukturell bedingten möglichen Übergriffe der Mehrheit schützen, indem sie immer wieder ihre grundsätzliche Gegnerschaft zum Islamismus hervorkehrt. Der Boulevard-Journalismus dieses Artikels wirft dagegen Kohlen ins Feuer der Volkshetze, indem er mit dem letzten Satz dieses Absatzes die christliche Volksideologie vom an sich terroristischen Islam, diesem klassischen „anders und außerhalb des (mehrheitlichen) Christentums“, indirekt stützt: Wenn der Islam der „Islamic Society of North America“ nicht Schuld an den Gewaltexzessen ist, dann eben eine „andere Idee des Islam“, nur nicht die Umstände in der eigenen Gesamt-Gesellschaft.

Es ist bezeichnend, dass der in Russland lebende Vater der Brüder seine Jungs für unschuldig hält; wenn überhaupt, seien sie "von einer Organisation" in eine Falle gelockt worden. So spricht der Mann, der 2002 für sich und seine Familie erfolgreich um Asyl in den USA nachsuchte. Andere Verwandte, darunter eine Tante in Kanada, äußerten sich ähnlich skeptisch und deuten eine Verschwörung amerikanischer Behörden an.

Welcher Vater hält seine Kinder in ähnlicher Lage nicht erst einmal für unschuldig, versucht nicht zunächst „die Schuld“ außerhalb seiner Kinder zu suchen? Dies ist „bezeichnend“ für einen Vater, nicht dafür, dass der Vater der Brüder ein genauso „undankbarer“ Ex-Asylant ist wie die Brüder selbst und die „anderen Verwandten“, was ja unterschwellig in diesem Absatz als Anklage durchscheint. Die Tsarnaev-Brüder sind weder durch die Verschwörung amerikanischer Behörden, noch durch islamistische Ideen zu Terroristen geworden.

Mutter Zubeidat Tsarnaeva (45), seltsam still in den US-Medien, traut ihren Buben nicht das mutwillige Abreißen einer Blume zu. Sie hätte davon gewusst, meint sie. Es heißt, die Frau sei 2012 zweimal justiziabel aufgefallen, einmal wegen Sachbeschädigung, auch wegen des mutmaßlichen Diebstahls von Kleidern im Wert von mehr als 1600 Dollar. Die Anpassungsfähigkeit der Familie Tsarnaev an das bürgerliche Amerika hatte offenbar Grenzen.

Was soll dieses „seltsam still in den US-Medien“ bezüglich der Mutter? Weil sie als Klanmutter nach Meinung der Autoren sowieso auch „'was verbrochen“ hat und sich deshalb nicht verraten will?

Welche Mutter hält ihre Kinder schon für Terroristen?

Und dass die gute Frau teure Kleider klaut, ist doch kein Indiz gegen ihre „Anpassungsfähigkeit an das bürgerliche Amerika“, sondern im Gegenteil ein untrügliches Zeichen dafür! Wer davon träumt, teure Klamotten zu tragen, der ist doch ganz und gar in der bürgerlichen Kacke angekommen. Dass dies dann manchmal nur über den eher primitiven Diebstahl geht, widerspricht nur dem bürgerlichen Schein, jedoch keinesfalls der bürgerlichen Realität!

Die Grundübung der Bürgerlichkeit ist, wie man weiß, der Handel. Doch Handel ist verdeckter Raub. Man kauft hier günstig, um es dort teurer zu verkaufen. Der sich daraus ergebende „Gewinn“ ist nichts anderes als Diebstahl. Das wusste schon Proudhon. Bürgerlichkeit ist immer auch ungebührliche Aneignung. Anders ist die bürgerliche Lebensweise gar nicht zu „finanzieren“. Es ist nur deren Scheinheiligkeit, die zwischen „Diebstahl“ (offen gewaltsames Stehlen) und „Geschäft“ (verdecktes und hinterhältiges Stehlen) unterscheidet. In Wirklichkeit gibt es da überhaupt keinen Unterschied. Das bürgerliche Amerika wie der bürgerliche Rest der Welt ist eine „Kultur“ des unlauteren Sich-Nehmens. Da war die „justiziabel aufgefallene“ Tsarnaev-Mutter bürgerlich voll angepasst. Da hilft alle plumpe Ironie nichts! Oh ihr gut situierten Mitläufer-Journalisten in euren Elfenbeintürmen! Eure Funktion ist es, den Wahn der Unkultur im Volk immer wieder zu bestätigen und zu erhärten, den Hammer der ewig wiederholenden Indoktrinierung zu schwingen. Dafür werdet ihr entsprechend entlohnt. Das erwartet man von euch. Man ist allerdings etwas irritiert, wenn ein Journalist wie Uwe Schmitt einst dem „linksradikalen Blasorchester“ angehörte. Aber hat ein Blasorchester nicht schon prinzipiell genauso wenig etwas mit „linksradikal“ zu tun wie ein Plastikeimer? Also brauchen wir nicht enttäuscht zu sein. Das Bildungsbürgertum, das auch die „Studentenrevolte“ der 68er hervorgebracht hat, ist genauso Folge der bestehenden bürgerlichen Zustände wie Massentourismus, Niedriglohnsektor oder massenhafter Alkoholismus.

2011 vom FBI vernommen

Es heißt, Dzhokhar habe sich schon in der High-School für seine Identität und die Leidensgeschichte Tschetscheniens interessiert. Da war er noch ein Musterschüler mit Begabtenstipendium der Stadt Cambridge. Erst im Studium in den letzten beiden Jahren ließen seine Leistungen dramatisch nach. In sieben Kursen wurde seine Arbeit mit mangelhaft (F) bewertet.

Tamerlan, verheiratet und Vater eines dreijährigen Kindes, hatte offenbar nur halbherzig Betriebswirtschaft studiert und abgebrochen. Im Jahr 2011 wurde er vom FBI vernommen, nachdem eine ausländische Regierung darum nachgesucht hatte, eventuelle Kontakte zu Extremisten zu überprüfen. Tamerlan war stolz auf sein Image als harter Junge mit den Muskeln und Reflexen des Boxers. Seinen einzigen Kampf bei den National Golden Gloves in Salt Lake City im Mai 2009 verlor er. Wer weiß, ob er danach Profiträume begrub. "Ich mag die USA", sagte Tamerlan gegenüber einem Lokalreporter 2004, "Amerika hat viele Jobs. Das hat Russland nicht. Du hast die Chance, hier Geld zu machen, wenn du bereit bist zu arbeiten."

Beide Absätze bekunden den „Absturz“ der Tsarnaevs innerhalb des Systems. Zunächst zeigen die Artikelautoren wie es im „positiven Idealfall“, wo die Brüder schon angekommen schienen, hätte weitergehen können und dann den kurzfristig sich einstellenden „Niedergang“. Hier der bürgerliche Wachtraum als gut bezahlter Betriebswirtschaftler, Cambridge Absolvent oder Boxer mit klebriger Familienidylle, dort das Einbrechen subversiver Tendenzen mit Verbrechen und vertanen „Chancen“. Die arrivierten Autoren können nicht begreifen, wie so etwas möglich ist. Das soll auch der durchschnittliche bürgerlich angepasste „Die-Welt“-Leser nicht begreifen. Hier liegt ein wichtiger Zweck solcher Artikel.

Wie schon gesagt: Die Ursache des Leids innerhalb des Systems muss für die Systemgläubigen in einem systemischen Außen liegen: bei ausländischen Extremisten oder in der persönlichen „Schuld“ der Betroffenen. Denn das gehört ja auch zum bürgerlichen Wahn: „Jedem das Seine. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.“ Die Loser waren halt nicht „bereit zu arbeiten“, um ihre individuellen „Chancen“ zu nutzen. Es kann nicht zugegeben werden, dass solche Abstürze in der Natur des Systems liegen. Da leisten Herr Schmitt und Frau Smirnova beste Arbeit.

Der Autor freut sich über konstruktive Kritik und Kommentare. E-mail: oswinhaas@gmx.de

 


VON: OSWIN HAAS


Hinterfragt: „Die Brüder Tsarnaev und ihr unfassbarer Hass“ TEIL 2 von 4  - 05-08-13 20:50
Hinterfragt: „Die Brüder Tsarnaev und ihr unfassbarer Hass“ TEIL 1 von 4 - 04-08-13 21:35




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