Hinterfragt: „Die Brüder Tsarnaev und ihr unfassbarer Hass“ TEIL 2 von 4

05.08.13
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von Oswin Haas

Eine kritische Analyse von Oswin Haas zu einem Artikel von Uwe Schmitt und Julia Smirnova über das Bombenattentat in Boston, erschie- nen in 'Die Welt' (online) am 20. April 2013. (Die Kritik ist kursiv dargestellt, die Originalzitate sind nicht kursiv.)
Etwas ausführlichere Hinweise zu Artikel und Kritik finden sich im Teil 1.

Die eitle Zufriedenheit, mit der die beiden (Bost- on Attentäter) ihr monströses Werk in all dem Leid und dem Chaos um sie herum betrachte- ten, machte sie auf Überwachungsbildern auf- fällig. Und gleichrangig in Mordlust wie Arroganz. Eines ihrer Opfer, dem die Bombe beide Beine abgerissen hatte, schaute einem in die Augen und rächte sich mit der ersten Be- schreibung seines Peinigers.

Woher diese Interpretationssicherheit? Wenigstens auf den der Öffentlichkeit zugäng- lichen Überwachungsbildern sind ganz „normale“ etwas blasse Gesichter zu sehen, die genauso gut Schock ausdrücken könnten. Ein Bild zeigt immer nur einen extrem kurzen Moment.
Ein sofort darauf geknipstes Photo könnte einen vollkommen anderen Gesichtsausdruck zeigen.

Kann man überhaupt „eitle Zufriedenheit“, „Mordlust“ oder „Arroganz“ aus Bil- dern oder Videos herleiten?
Die Autoren haben die Täter kurz nach der Tat nicht selbst in ihrer menschlichen Komplexität erlebt. Doch nur aus einer solchen vieldimens- ionalen Begegnung kann man den Gemütszustand eines anderen Menschen einigerma- ßen einschätzen. Bei den „Überwachern“ wie auch bei Schmitt und Smirnova, ja selbst bei dem erwähnten Opfer muss die zuständliche Beurteilung der Täter eine gehörige Portion Projektion enthalten. Sie hatten alle keine reale zwischenmenschliche Beurteilungsgrundlage in Bezug auf die Gefühlslage der Täter kurz nach den Explosionen. Niemand von ihnen kannte sie. Ist es eine Mär, dass die beiden aufgrund ihrer Physiognomie als Attentäter identifiziert wurden? Es ist zumindest schwer vorstellbar.

Wie kann man sich bei den beiden Artikelautoren solche Projektionen erklären? Natürlich könnte eine verständliche Identifikation mit den Opfern eine Rolle gespielt haben. Aber hat der Leser einer zumindest national reputierten Tageszeitung nicht das Recht auf objektivere Analysen, welche die ersten emotionalen Reaktionen des Volkszorns schon überwunden haben? Oder kommt die Projektion eher aus Schichten, wo uns die Tiefen- psychologie Erklärung bieten könnte? Könnte es sein, dass die beiden Journalisten wie auch die „Überwacher“ unser profitgesellschaftliches kollektives Unbewusstes zum Ausdruck bringen und in den Gesichtsausdrücken und Gesten der Brüder etwas zu erkennen glauben, das in uns, in unserer Unkultur prinzipiell und systematisch ihr „Un-Wesen“ treibt?

Die „eitle Zufriedenheit“ kennen wir alle von uns selbst. Wenn wir in unserem Funktionieren in der Konkurrenzgesellschaft einen „Erfolg“ haben, wenn der Sportler einen Wettbewerb gewinnt, der Angestellte an seinem Kollegen in der Betriebshierarchie vorbeizieht oder der Architekt das fertige Bauwerk mehr oder weniger stillschweigend seiner eigenen Fertigkeit zuschreibt, dann kommt genau jenes trennende Gefühl auf. Die triumphierende Siegerpose der geballten Faust mit angewinkeltem Arm und verzerrtem Gesicht, die spätestens seit den „Glanzzeiten“ Boris Beckers im Gestenpool des durchschnittlichen globalen Konkurrenzmenschen angekommen und sogar bei vielen Kita-Kindern schon feststellbar ist, drückt es beispielhaft aus. Noch vor nicht allzu langer Zeit, wäre solcher Ausdruck als höchst unhöflich und deplatziert empfunden worden. Heute wird das Zeigen jener „eitlen“ Zufriedenheit als Zeichen des „Triumphes“ über den „Schwächeren“ euphorisch beklatscht.

Und ist es nicht auch immer eine Zufriedenheit über ein letztlich „monströses Werk“ in „Leid und ... Chaos“? Der allgemeine Konkurrenzkampf im globalen Profitsystem, in den wir alle verstrickt sind, ob wir es wollen oder nicht, und den wir in unserem Alltag immer erneut beleben, ist eine Folge jener „ökonomischen“ Megamaschine, der wir uns alle unterwerfen mussten. Ihre chaotischen Bewegungen können selbst die profiliertesten „Ökonomen“ nicht vorhersehen und erzeugen weltweit unendliches Leid: - soziale Auflösung durch ein generalisiertes „Jeder-Gegen-Jeden“, durch zahllose „persönliche Siege“ über „andere“,  - körperliche und psychische Krankheiten durch die menschliche Verstümmelung in der extremen Arbeitsteilung, - Verdummung durch Unfreiheit, Fremdbestimmung und das Fehlen jeden tieferen Sinnes, - massenhafter Tod und Invalidität durch Wahnrealisierungen wie Interessenkriege oder den vollkommen überdimensionierten Autoverkehr, - etc. ... Jeder von uns trägt zu diesem Chaos und Leid durch seine kleinen oder größeren profitkulturellen „Triumphe“ bei. Quasi jede Adrenalinausschüttung in dieser globalen Systemkacke ist ein Zeichen für die Auslösung von Zerstörung, Leid und Chaos.

Die illusionäre Ordnung der modernen Welt mit ihren sauberen und ordentlichen „shopping malls“, Gesetzen, Hospitälern, Sportstadien, Fernsehstudios oder Schulen verdeckt ein historisch einzigartiges barbarisches Durcheinander, das man dort am besten sieht, wo das bourgeoise Fünftel der Menschheit kaum hinkommt oder die Augen verschließt: in den „waste streams“ der zu Müllhalden verkommenen Meere, wo auch das allgemeine Massenverrecken und Dahinsiechen des marinen Ökosystems sichtbar wird, in den wuchernden Slums oft unweit der Einkaufszentren der Megastädte, wo die Menschen wie Schweine im Dreck leben müssen, an all den „Unfallorten“ des wahnwitzigen „Verkehrs“, wo die menschlichen Leiber täglich zu zig Tausenden (laut UNO-Bericht 3600 Verkehrstote pro Tag!!) zerquetscht werden, etc. …

„Eitle Zufriedenheit“ oder „monströses Werk in Leid und Chaos“ wären demnach unbewusste bürgerliche Projektionen. Wahrscheinlich entsprechen sie im Fall der beiden Brüder sogar der Wahrheit, gerade weil diese vom beschriebenen Umfeld her zutieftst bürgerlich waren. Als erwiesene „loser“ konnten sie im Sinne des geldgesteuerten Konsums kaum etwas in ihrem Leben „gestalten“. Im Gegensatz zu den Leuten mit „gutem Verdienst“, hatten sie wenig „Möglichkeiten“. Auch wenn in Wirklichkeit das Geld nur eine billige, kaum zufriedenstellende Prothese ist und die Menschen als Menschen in immer tiefere Passivität, Abhängigkeit und Entfremdung führt, bedeutet im Warensystem ein Leben ohne finanzielle Mittel die absolute persönliche und soziale Kastration, ja letztlich den Tod. Insofern könnte das Bombenattentat der Tsarnaevs als ein Ausbrechen aus finanziell erzwungener Lethargie und Passivität verstanden werden. Vielleicht das erste Mal in ihrem Leben hatten sie selbstständig und unabhängig etwas sehr „Wirkungsvolles“ geplant und ausgeführt, auch wenn dies sozioökologisch betrachtet vollkommen daneben war. Zudem hatten Sie mit ihrer Tat auch innersystemischen „Erfolg“. Alle Medien berichteten darüber. Sie wurden „weltberühmt“, d.h. sie existierten plötzlich, sie wurden „beachtet“. Man müsste auch einmal nachrechnen wie viel „Umsatz“ das Bostoner Attentat weltweit erzeugt hat. Für die Medien jedenfalls kann man sich ökonomisch kaum Besseres vorstellen. Ihre Medienwirksamkeit und -wichtigkeit rückte sie quasi in die Nähe von Popstars, was ja auch tatsächlich mit einem Titelbild auf dem „Rolling Stone“ honoriert wurde, wo der überlebende Bruder bizarr zur Popikone hochstilisiert wurde.

Zurück zur „eitlen Zufriedenheit“: Sollte diese tatsächlich den Gemütszustand der beiden Attentäter direkt nach den Explosionen bestimmt haben, dann wäre ihre Tat nicht nur ihrer selbst Willen schockierend, sondern auch und vielleicht vor allem deswegen, weil sie psychologisch wohl genau aus jenen soziokulturellen Bestimmungen geschah, deren Erhalt die lautesten Wehklager so sehr durch diesen Anschlag in Gefahr gebracht sehen. Sie ahnen nicht, dass gerade das wirkliche Vorhandensein einer „eitlen Zufriedenheit“ bei den beiden Terroristen deren Untat zum Symbol des durchschnittlichen Agierens innerhalb des Konkurrenz- und Profitsystems machen würde.

Letzte Bemerkung zu diesem Absatz: Inwiefern rächte sich das Opfer durch die Beschreibung des Täters? Gegenüber Tätern, die den eigenen Tod in Kauf nehmen und denen es letztlich egal ist, ob sie gefasst werden oder nicht, ist Rache überhaupt nicht möglich, auch nicht durch ein wirkliches „Aug um Auge, Zahn um Zahn“, indem man z.B. den Tätern ebenfalls beide Beine amputieren oder sie hinrichten würde.

Freilich führte diese erste Beschreibung der Täter durch das besagte Opfer zur Festnahme und wird letztlich die Bestrafung zur Konsequenz haben, möglicherweise sogar die Todesstrafe. Die Rachlust des Opfers hätte dann vielleicht rein subjektiv ihre opferseits verständliche Befriedigung gefunden. Wenn die Artikelautoren aber sagen, „das Opfer rächte sich mit der ersten Beschreibung seines Peinigers“ und das einfach so stehen lassen, dann klingt das nach objektiver, nicht infragestellbarer legitimer Rache. Die sollte es in einem Rechtsstaat aber nicht geben. Ihr Denken, Sprechen und Fühlen kreist damit um das zweifelhafte Rechtsempfinden des Mobs. Sie machen sich ganz faschistoid zur medial bestätigenden offiziellen Instanz der reflexionslosen Masse. Das ist es, was Journalismus heute vorwiegend bedeutet.

Eines ist sicher: Ließe man dem „gemeinen“, durch das bürgerliche Konsum- und Profitsystem zutiefst geprägten und durch Medienbeeinflussung wie dieser noch zusätzlich aufgehetzten „Volk“ freie Hand, dann würde es bei solchen Attentaten zu äquivalenter „Gegen“-Gewalt und „Rache“ kommen. Und dann würde wiederum seitens der Täterorganisation bzw. ihrer Anhänger mit noch mehr Gewalt „geantwortet“ werden. Sozusagen ein Handel von Gewaltzertifikaten ginge los. Das sieht man sehr gut im Irak, Syrien oder jetzt auch in Ägypten. Erhoffen sich das nicht alle Terroristen? Erhoffen sie sich nicht, dass die ganze inhärente Gewalt des Systems sich in solchen Gewaltspiralen entlädt und dann von ihnen genutzt werden kann? Zeigt nicht allein die Möglichkeit, dass dies eben auch in noch ziemlich stabilen Staaten wie den USA passieren könnte, die tendenzielle Gewaltschwangerschaft und Labilität der weltweiten Unkultur? Sind syrische, irakische, ägyptische, malische, somalische, etc. Verhältnisse in den USA nicht genauso denkbar? Haben wir das nicht schon mit den „Rassenunruhen“ im Amerika der 60er Jahre zu sehen bekommen? Ist es vielleicht das, was wir in den „entwickelten“ Ländern für die nächsten Jahrzehnte zu erwarten haben, gerade dann, wenn aufgrund von wirtschaftlichen Krisen wie z.B. in Griechenland oder Portugal, die profitkulturellen Nerven blank liegen, wenn die Leute kein Geld mehr zum Konsumieren haben und dadurch zu allem bereit sein werden, vor allem zur typisch faschistoiden interethnischen oder interreliösen Gewalt? Z.B. Deutschland oder Frankreich heimgesucht von Bürgerkriegen?

Killer, die in Gottes Namen töten wollten

Noch ist ungewiss, ob die Anschläge auf den Marathonlauf das einzige Ziel waren oder ob sie den Beginn einer Terrorkampagne in Boston markieren sollten. Ebenso unklar ist, ob die Täter von Terrorgruppen im Ausland gesteuert und ausgebildet wurden. Unzweifelhaft ist allein: Ein eingebürgerter Amerikaner, der seinem Gastland seit seinem achten Lebensjahr alles verdankte, und sein älterer Bruder, der Amerikaner werden und sich dafür im Boxring schlagen wollte, planten, so viele Amerikaner wie möglich zu ermorden. Die Nation wird aufstöhnen und schwer leiden unter dieser Einsicht.

Man muss „aufstöhnen“, wenn man die zweite Hälfte dieser Artikelpassage mit seinen Stammtisch-Plattitüden liest. Eine davon ist, dass es Leute geben soll, die ihrem Gastland „alles verdanken“.

Da, wo Dank ist oder besser: sein soll, da ist auch Geschenktes. Der eingebürgerte Amerikaner Dzhokhar hätte demnach von seinem „Gastland“ „alles“ geschenkt bekommen. Dafür gebühre diesem Land Dank. So die Stammtisch-Logik. Gibt es aber im Konsum- und Profitsystem und a fortiori in der heutigen Leitnation dieses Systems, den USA, überhaupt Geschenke, will meinen: „Leistungen“ ohne jeglichen Verkauf, Handel oder „Gegenpart“? Nein. „Alles“ dient dem Profit der Oligarchie. „Ausbildungen“, „Sozialhilfen“, „Einbürgerungen“, „Einwanderung“, „Stipendien“, „Werbegeschenke“, „Rabatte“, etc. dienen nur dem einen Ziel: die Gewinne der kleinen Minderheit von „Geldleuten“ zu maximieren, welche dazu vor allem „günstige“ (oder besser wie bei Edeka: „gute und günstige“) Menschen braucht. Trotz allem Menschenrechtsgerede ist der Mensch in diesem System generell und zuvorderst eine Ware, und zwar die einzige, welche das besondere und von den Profiteuren höchst geschätzte Charakteristikum hat, Mehr-Wert produzieren zu können. Hauptsächlich dieser Ware wegen findet letztlich Einwanderung oder Globalisierung überhaupt statt. Die sogenannten „emerging markets“ sind immer zunächst auch Märkte, wo es günstige Lohnarbeiter (oder sogar Sklaven, wie das anfangs z.B. in Afrika war) gibt. Da ist es oft sinnvoll, diese sich direkt in die bestehenden kapitalistischen Produktionsstätten zu holen. Deshalb zeigt man ihnen scheinheilig die Karotte eines „entwickelten“ Rechtsstaates mit „Menschenrechten“, „Multikulti“, „Chancengleichheit“, „Gleichberechtigung“, etc., wo nicht Schlepperbanden das dubiose Geschäft des direkten Menschenhandels betreiben.

So ist auch die Tsarnaev-Familie direkt oder indirekt nach Amerika geholt worden. Und wie all die anderen „Eingebürgerten“ in diesem warenwirtschaftlich organisierten Land sind sie dort keine autonomen Menschen, die aus konkreten und sozioökologisch fundierten Bedürfnissen heraus selbstständig agierten, sondern Abhängige von den chaotischen Bedarfslagen anderer, die sie für ihre entfremdeten Zwecke benutzen. Sie haben von ihren Gast-„Gebern“ nur bekommen, um diesen Gebern, diesen Fremden, mehr zurückzugeben. Sonst hätte man sie doch gar nicht geholt und ihnen gegeben. Wenn solches Mehr-Zurück-Bekommen mit diesen Leuten nicht mehr möglich ist, sind sie nutzlos und überflüssig und werden dann allenfalls noch als verschmähte „Sozialschmarotzer“ geduldet, die dann aber von der Gesamtheit aller Steuer zahlenden „Bürger“ unterhalten werden müssen. Aber nicht nur die Ausgebeuteten sind menschlich unfrei, nicht-autonom in „Amerika“. Die Profiteure sind gekettet an ihre profitsystemischen Wahnvorstellungen und die sogenannten „native Americans“, die zwar wegen ihrer früheren sehr starken sozioökologischen Integrität bis heute überwiegend „ausgebürgert“ (also in gewisser Weise frei) blieben, d.h. kaum zur Lohnarbeit herangezogen werden können, sind dennoch genauso ihrer Menschenwürde beraubt. Letztere haben diesem „Gastland“ wirklich „alles“ zu verdanken: Ausrottung, Leben in Reservaten wie Bisons oder Gorillas, Verlust ihrer Lebenssphäre, Massenalkoholismus, etc.

Die USA können zudem gar kein Gastland sein. Dieses „Land der un-begrenzten (und daher wahnhaften und entfremdeten) Möglichkeiten“, diese Ex-Kolonie der latinogermanischen Raubritter der „Neuzeit“, ist seit 500 Jahren selbst ein ungebetener Gast, ein monströser Kuckuck in fremdem Nest.

Nun heißt es als weitere Stammtischweisheit: „Die Nation wird … schwer leiden unter dieser Einsicht“, d.h. der Einsicht, dass die „beschenkten“ „Gäste“ undankbar waren. Das klingt so, als sei die „Nation“ eine lebendige, solidarische Gemeinschaft, in welcher deren Mitglieder die damit verbundene Zusammengehörigkeit schamlos hintergehen und verletzen könnten. Das sind Lügen bzw. Selbsttäuschungen. Die „Nation“, der kapitalistische Nationalstaat, ist keine Gemeinschaft. Sie kann nur künstlich durch staatliche Gewalt und Manipulation zusammen gehalten werden.

Solidarität und Lebendigkeit sind nur möglich, wenn die Menschen ihre objektiv konkrete gemeinsame Lebensnot kooperativ und frei bewältigen können. Dazu braucht es Überschaubarkeit, konkrete Erfahrbarkeit der generellen menschlichen Notsituation (es ist ganz allgemein die Not, sein menschliches Leben in einem konkreten lebendigen Umfeld erhalten zu müssen) und menschliche Nähe. Das ist in der großräumigen, konkurrenzbasierten und entfremdeten Situation des kapitalistischen Nationalstaats, der „Nation“ unmöglich.

Die „Nation“ ist eine Erfindung des faschistoiden Reagierens auf die sozialen Auflösungsprozesse der industriellen Warengesellschaft. Die faschistoide Weltsicht spürt zwar wie die Menschen in dieser Gesellschaft immer mehr in die egozentrische Isolation und das entsprechende Leid abrutschen, kann dies aber nicht als Folge genau dieser Gesellschaft werten. Stattdessen phantasiert sie den Wahn der „Nation“, wo über ein vorgeschobenes Identifikationsobjekt (z.B. eine gemeinsame Sprache oder Religion) ein im bloß Imaginären wurzelndes Gemeinschaftsgefühl beschworen wird und die wirklichen Ursachen der sozialen Auflösung systemkonform verdrängt werden.

Die „Nation“ als bloßes Trugbild einer Gemeinschaft kann keine „Einsicht“ haben. Ihre Pseudo-Einsichten sind allesamt das Produkt medialer Manipulationen und wahnhafter Vorstellungen einer entfremdeten „Masse“. Ein „Aufstöhnen und schweres Leiden“ der amerikanischen „Nation“ ob des „Undanks“ der beiden „eingebürgerten“ bzw. dafür sich bewerbenden Attentäter, ist demnach nichts anderes als das Wehgeschrei in einem Marionettentheater. Es wird als weiteres Versinken in den massenpsychotischen Wahn der Konsum- und Profitgesellschaft dazu beitragen, eine befreiende Einsicht in die wirkliche Situation der davon betroffenen Menschen zu verhindern. Das ist ursprünglichste faschistoide Funktionsweise. Und darin liegt auch der Zweck des bürgerlichen „Journalismus“.

Im (selbst)-betrügerischen faschistoiden Zusammenhang der sich immer stärker radikalisierenden neuzeitlichen Massenpsychose ist es für die Profiteure wichtig, bezogen auf die Ursachen von blinder Gewalt und Revolte, eher zweitrangige Fragen in den Vordergrund zu stellen, wie hier etwa jene nach den sonstigen möglichen Plänen der Attentäter oder ihrer eventuell aus dem „Ausland“ (ein genauso wahnhafter Begriff wie „die Nation“) erhaltenen Unterstützung. Die wahren Ursachen solcher Aggression können auf diese Weise kaum bewusst werden, sodass das psychotische Gesamtsystem nicht infrage gestellt werden braucht. Alle können empört weiter träumen und mit dem systemischen Karren in Richtung Wand auf Kurs bleiben.

Der Autor freut sich über konstruktive Kritik und Kommentare.
E-mail:
oswinhaas@gmx.de


VON: OSWIN HAAS


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