Hinterfragt: „Die Brüder Tsarnaev und ihr unfassbarer Hass“ TEIL 1 von 4

04.08.13
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von Oswin Haas

Eine kritische Analyse von Oswin Haas zu einem Artikel von Uwe Schmitt und Julia Smirnova über das Bombenattentat in Boston, erschie- nen in 'Die Welt' (online) am 20. April 2013 [1] (Die Kritik ist kursiv dargestellt, die Originalzitate sind nicht kursiv.)

Uwe Schmitt ist der Amerika-Korrespondent für 'Die Welt'. Vor seiner journalistischen Laufbahn war er hauptsächlich Jazzmusiker, unter ander- em im „Linksradikalen Blasorchester“ im Frank- furt der späten Siebziger Jahre (wikipedia).

Julia Smirnova ist die Russlandkorrespondentin desselben Blattes. Als Fotografin sucht sie (laut ihrer Webseite) „the simple beauty of daily things“ in der modernen, vorwieg- end urbanen Welt.

Einerseits soll hier an einem Beispiel gezeigt werden, wie der heutige Journalismus jegliches tieferes Hinterfragen überwunden und sich den Verdrängungsmechanismen des globalen Profit- und Konsumsystems ergeben zu haben scheint, selbst wenn es sich um Journalisten mit „linkem“ und/oder „künstlerischem“ Background handelt. Hauptsächlich allerdings und andererseits soll diese Kritik Gelegenheit bieten, die unausgesprochenen Dogmen des weltweiten kulturellen Mainstreams bezüglich des islamistischen Terrors am konkreten Exempel offenzulegen und zu kritisieren.

Das Drama von Boston ist zu Ende, doch es bleiben viele Fragen: Wie werden coole amerikanische College-Kids zu Massenmördern? Woher kommt ihr Hass? Eine Spuren- suche. Von Uwe Schmitt und Julia Smirnova.

Gegenfrage: Waren die Täter von Boston „Massenmörder“? Die Tsarnaevs haben eine terroristische Tat begangen. Es handelte sich dabei auch um mehrfachen Mord. Sie deshalb zu „Massenmördern“ zu stempeln, ist jedoch eine maßlose Übertreibung. Diese Bezeichnung sollte für diejenigen reserviert sein, die wirklich Massen töten oder es befehligen, also genau betrachtet z.B. all die Leute, die sich im „war on terror“ auf der „guten“ Seite präsentieren. Der „body count“ der kriegerischen Maßnahmen im Rahmen des „Kriegs gegen den Terror“ in den Ländern Irak, Afghanistan und Pakistan seit dem 11. September verweist laut IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung e.V.) auf 1,7 Millionen (!!) vorwiegend zivile Todesopfer
www.ippnw.de/startseite/artikel/a8966af902/body-count-opferzahlen-nach-10-ja.html

Weitere Fragen, die hier implizit als beantwortet vorausgesetzt werden, wären: Was ist „cool“? Was ist an amerikanischen College-Kids „cool“? Was unterscheidet „amerikanische“ College-Kids von deutschen, japanischen oder andorranischen? Sind (waren) die Brüder Tsarnaev also „kids“, d.h. Kinder? Der eine ist 19, sein getöteter Bruder war 26. Und man ist geneigt, die Autoren zu fragen: Auf welche Assoziationsschiene wollt ihr uns bringen? Dass der Durchschnitt amerikanischer Studenten zwar etwas verzogene und partysüchtige „Kids“ sind, aber im Großen und Ganzen doch brave und „wert“-treue junge Leute, die sich auf das „normale“ amerikanisch westliche Leben voller „Chancen“ vorbereiten, welches sich vollkommen fern von allem „Hass“ abspielt? Dass dem „Hass“ nichts fremder sein kann als das, was der Begriff „amerikanische College-Kids“ symbolisiert, nämlich „Amerika“, „american dream“, westliche „höhere Bildung“, bürgerlich behütete Kinder etc.? Die Stoßrichtung des Artikels ist mit diesem Anfangsparagraph schon vorgezeichnet: Verteidigung Amerikas, des Westens, der bürgerlichen Lebensweise, der ganzen Profit- und Konsum-Kacke (… man entschuldige mir diese Ausdrucksweise, doch muss man nicht „das Kind beim rechten Namen nennen“? ...).

Die Brüder kamen aus der tschetschenischen Intelligenzija, liebten teure Autos, amerikanische Frauen und islamistische Videos. Der Ältere war ein begabter Boxer und klassischer Pianist, er trug Kroko-Schuhe und Designerhemden und er hielt strenge Enthaltsamkeit von Tabak und Alkohol; fünfmal am Tag verneigte er sich im frommen Gebet in Richtung Mekka. Der Jüngere war ein talentierter Ringer, der Sweatpants, T-Shirts und die Basecap mit dem Schirm in den Nacken trug. Er war intelligent, warmherzig, cool; seine Lehrer und Freunde an der Uni mochten ihn; manche würden sich noch immer für ihn verbürgen.

Wieso kommen die Autoren bloß auf die Idee, es handele sich bei den Brüdern um Angehörige der „tschetschenischen Intelligenzija“? Gibt es die überhaupt bei dem nun schon zwei Jahrzehnte andauernden mörderischen Kolonialkrieg dort? Sie sind beide im Kindes- bzw. Jugendlichenalter in die USA gekommen, gingen auf amerikanische Schulen und Universitäten. Ihre „höhere“ (was immer das bedeuten mag) Schulausbildung fand nicht in Tschetschenien statt, ein Land, das beide Brüder laut allgemeiner Pressemitteilungen sowieso nie betreten hatten. Die beiden Brüder kamen aus der amerikanischen Intelligenzija!

Ja, die beiden liebten wohlmöglich teure Autos (… so wie fast jeder in der unentrinnbaren Konsumwelt, wie auch Bin Laden, Obama oder der Dalai Lama ...), amerikanische Frauen (… welche Frauen hätten sie in Amerika praktischer Weise auch sonst lieben sollen …) und islamistische Videos (… so wie andere Kinderpornos, Lady Gaga Videos oder Nazifilme bevorzugen ...). Teure Autos wie auch „Frauen“ zu wollen, dabei mit Designerhemden oder Krokoschuhen herumzulaufen und alldem einen moralischen Überbau überzustülpen (… z.B. Engagement in der Kirche, im Wohltätigkeitsverein, in einer Freimaurerloge, etc. ...), ist allgemeine profit- und konsumgesellschaftliche Normalität. Da braucht man das fromme Nach-Mekka-Beten gar nicht zu ironisieren. Es herrscht in der bürgerlichen Gesellschaftspraxis kein grundsätzlicher Widerspruch zwischen eitlem „Lebensglanz“ und „Moral“, die immer eine des Scheins ist. Wie steht es aber in jener Praxis mit dem Verhältnis zwischen dieser Normalität und dem, was Terrorismus ausmacht: rabiate Gewalt und tiefe Unmenschlichkeit? Beide Pole waren ja bei den Brüdern offensichtlich vereint. Nicht nur dieser Absatz, sondern der ganze Artikel lebt von der Überzeugung, dass sie absolute Antagonismen sind. Bürgerlichkeit und Terrorismus sind demnach unvereinbar. In der vorliegenden Kritik soll aufscheinen, dass dem nicht so ist.

Die „Basecap mit dem Schirm in den Nacken“ symbolisiert dieselbe Normalität. Als Boxer, Ringer oder klassischer Pianist betrieben die Brüder ein praktisches, meist nicht bloß vorbereitendes Training für den täglichen Konkurrenzkampf in der „Normal“-Gesellschaft, für den „Aufstieg“. Ringen, Boxen, Jazz oder klassische Musik sind schon lange integraler Teil der Konkurrenzgesellschaft und des damit verbundenen Keifens und Wegbeißens. Solange man bei solcher Vorbereitung und dann bei der eigentlichen („beruflichen“) Konkurrenz seinen Kampf nicht allzu offen austrägt, solange man nicht direkt seine sogenannten „Mit-Menschen“ konkurrenzmäßig ausschalten muss, bleibt man im allgemeinen konsumgesellschaftlichen Umfeld auch „beliebt“. Man erscheint dann immer noch als „intelligent, warmherzig, cool“ und wird „gemocht“. Die Domänen für Intelligenz und Warmherzigkeit bleiben in der bürgerlichen Ungesellschaft fein säuberlich getrennt: Erstere für das „eigene Fortkommen“, zweitere für den oberflächlich heuchlerischen Schein der bürgerlichen „Freundschaft“ und „Bekanntschaft“.

Nur in einem Punkt schien zumindest einer der Brüder etwas Abstand zum Mainstream zu halten: dem einer „strengen Enthaltsamkeit von Tabak und Alkohol“. Dies ist meist der erste Schritt im Prozess eines Bewusst-Werdens, dass etwas in dieser „Welt“ aus dem Ruder läuft, dass man zumindest die vordergründigste Gesundheit von Körper und Geist aufrecht erhalten sollte, dass man sich von allzu direkt Entfremdendem, Betäubendem enthalten sollte. Doch jener Verzicht hat meist nichts mit einer genuinen aufklärerischen tieferen Einsicht zu tun. Das zeigen nicht nur der „Islamismus“ oder christliche fundamentalistische Strömungen, sondern auch all die Anti-Tabak und Anti-Alkohol-Kampagnen in den „entwickelten“ Ländern der letzten Jahrzehnte.

Als die Brüder Tamerlan (26) und Dzhokhar (19) Tsarnaev am vergangenen Montag in Boston zwei Sprengsätze zur Explosion brachten, waren sie nur noch Killer, die wahllos und wohl in Gottes Namen Amerikaner töten wollten.

Man muss das übersetzen: Als die in Amerika und an amerikanischen Schulen von der dortigen Realität, von deren allgemeinem Konkurrenzkampf und den dazugehörigen egozentrischen Realwerten geprägten Brüder am vergangenen Montag in Boston zwei Sprengsätze zur Explosion brachten, waren sie in aller Reinheit nur noch das, wozu sie letztendlich zumindest implizit erzogen und geprägt wurden: Killer, d.h. Leute, die, „um zu etwas zu kommen“, um konkurrenzgesellschaftlich „mitzuhalten“, schlicht: um systemisch adäquat zu sein, ihre Mitmenschen aus-schalten müssen. Ein Rest von Menschlichkeit zwingt dann dazu, solche Untat innerpsychologisch und bürgerlich scheinheilig mit dem eher vagen Begriff „Gott“ bzw. „gottgewollt“ zu rechtfertigen, da jeder Menschen mit Herz und Vernunft solches Morden nicht zulassen kann. Derartige Rechtfertigungsprozesse kennt man ja zur Genüge. Was steht auf amerikanischem Geld? „In God we trust“, ein billionenfach eingravierter Hohn gegenüber Menschlichkeit und Gottvertrauen. Auch Hitler wurde nie müde die göttliche Vorsehung zu bemühen, wie es auch in beiden Weltkriegen keine Schlacht gab, die nicht im wahrsten Sinne des Wortes religiös „abgesegnet“ wurde. Ähnliches galt für die Bush-Krieger. Die Liste ließe sich beliebig fortführen.

Die Autoren sagen nicht, die Brüder wollten „Menschen“ töten, sondern „Amerikaner“. Da schwingt anscheinend noch die Konnotation des Ami-Heiligen mit. Hätten sie bloß „normale“ Menschen töten wollen, wäre dies vielleicht nicht dasselbe Sakrileg gewesen. Die Selbstmordattentate in Afghanistan oder im Irak mit oft Dutzenden von nicht-amerikanischen Opfern, finden entsprechend nur wenig journalistische Beachtung.

Doch vermutlich wollten die Tsarnaevs tatsächlich „Amerikaner“ töten. Das möchte man von Islamisten fast erwarten. „Der Amerikaner“ repräsentiert heutzutage immer mehr nicht nur positiv den „Onkel aus Amerika“, den bewunderten „Selfmademan“, den Demokraten und Menschenrechtler, oder den strahlenden „winner“, sondern zunehmend auch negativ den „Gringo“, den „Weltkapitalisten“ oder „Gottlosen“. Amerika ist das gelobte Land derjenigen, die „Erfolg haben wollen“, aber auch das Teufelsreich für all die, welche im bzw. am „american dream“ scheiterten (ob als Individuen oder als Nationen) oder beginnen, daraus zu erwachen. Jedes der beiden entgegengesetzten „Amerikas“ symbolisiert dabei immer auch die Antwort auf die Grundfrage: Was sollen oder wollen wir sein, und was nicht? Doch die meisten Menschen von heute können sich nicht klar für das eine oder andere „Amerika“ entscheiden. Zumindest im Unbewussten sind sie oft Anhänger beider „Amerikas“: man träumt den „American Dream“, versucht ihn zu realisieren und ahnt doch, dass er ins Verderben führt – oder umgekehrt: man versucht von diesem Traum loszukommen und ertappt sich doch immer wieder, dass man ihn noch nicht ausgeträumt hat.

So bleibt zwar der „Amerikaner“ das Bild des modernen Menschen schlechthin, allerdings nunmehr des in sich zerrissenen - auch wenn es den Amerikanern, den „westlichen Menschen“ selbst und deren Bewunderern noch nicht so bewusst ist. Für diese Unbewussten und offensichtlich auch für die beiden Autoren dieses Artikels sind „die Amerikaner“ einfach die Guten, die „bloß“ ihrem Job nachgehen, ihre „Chancen nutzen“ oder „Erfolg haben“ möchten und dabei von Bösen heimgesucht werden, die ihnen das streitig machen wollen, im Extremfall durch Terrortaten, wie derjenigen in Boston. Doch sowohl die Täter in Boston wie deren Opfer waren „Amerikaner“, im legalen wie im ideell kulturellen Sinn.

Die amerikanischen (d.h. „westlichen“) Tsarnaev Brüder haben „Amerikaner“ getötet, Menschen wie sie selbst und nicht x-beliebige. Sie wollten vermutlich symbolisch sich selbst, die in ihnen inkarnierten „amerikanischen“ Widersprüche des modernen Menschen töten. Das „gelang“ ihnen teilweise auch real, über das Symbolische hinaus: neben den Opfern fand ebenfalls der eine Bruder den Tod. Auch die Amokläufer von Winnenden oder Erfurt wollten Mit-Schüler töten. Brejwik brachte kaum „Ausländer“ um, sondern überwiegend ihm „gleiche“ Norweger. Genauso die Selbstmordattentäter in Afghanistan oder im Irak: sie bringen sich und ihnen gleiche um. Es scheint, als hätten sie alle es auf ihren eigenen Menschentypus abgesehen, d.h. schlussendlich auf den im Profit- und Konsumsystem tragisch gefangenen, den mehrheitlichen „loser“ und Verzweifelten oder den minoritären „winner“, den genauso entfremdeten Profiteur.

Das ist die typische Tragik aller faschistoider Handlungsbestimmung. Alles ist besser als die in uns allen tief verwurzelte „show“ klar zu erkennen und abzubrechen, die Widersprüche auf einer neuen Ebene aufzulösen. „The show must go on. Under all circumstances.“ Und wenn es die Selbstzerstörung bedeutet. Man revoltiert zwar mit viel Tamtam und Gewalt gegen bestimmte Aspekte der Veranstaltung, aber nicht gegen ihre Grundfeste. Auch der Islamismus ist somit eine faschistische Ideologie. Er überwindet die innersten Werte der „American Show“, der Profitkultur und deren Widersprüche in keinster Weise. Im Gegenteil: er radikalisiert sie ins Extreme, in radikalste und brutalste Dominanz, auch wenn seine Ideologen sich dies kaum eingestehen können. Lieber tot als „rot“, will heißen: lieber tot als wirklich „die ganze Scheiße“ hinter sich zu lassen und sich mit den „anderen“ zu solidarisieren, mit ihnen einen radikalen Neubeginn zu wagen: kleinräumig, gewaltlos, selbstbestimmt und angepasst an die sozioökologische Wirklichkeit des Menschen und seiner Lebenswelt.

Um 15:04 Uhr verkündete Dzhokhar per Kurznachrichtendienst Twitter: "Es gibt keine Liebe im Herzen der Stadt, bleibt in Sicherheit." Ein weiterer zynischer Tweet wird ihm zugeschrieben: "LOL (laugh out loud) – die Leute sind gargekocht." Diese Kommentare des so liebenswürdigen, charmanten Dzhokhar, den sein Vater einen Engel nennt, sollten vor der Versuchung bewahren, eine islamistisch gefärbte Brudermord-Legende zu erfinden: Der Teuflische verführt den Himmlischen zum Bösen und stirbt, bevor er ihn erschlagen kann?

Betrachten wir die genannten Twitter-Zitate etwas näher. Man sollte nicht voreilig urteilen und sofort da Zynismus vermuten, wo wahrscheinlich starke Emotionen im Spiel sind und vor allem wo es Deutungsmöglichkeiten gibt, die für uns alle relevant wären, welche die Untat und ihre auslösenden Bedingungen nicht sofort in ein für uns unmögliches „Anderes“ auslagert. Wer „strenge Enthaltsamkeit von Tabak und Alkohol“ übt, wer versucht, vielleicht Klarheit und eine gewisse Kontrolle in sein eigenes Leben zu bringen, und sich bei diesem Versuch letzten Endes in eine terroristische Wut hinein steigert, der ist noch nicht zynisch, der spottet noch nicht über Werte und Moral, der meint es ernst. Zynismus dagegen ist verhöhnend und kalt. Wenn überhaupt, mordet der Zyniker (oder eher: lässt morden) ohne inneres Engagement. Solches Verhalten kommt eher den wirklich Mächtigen zu. Keiner der Tsarnaev Brüder ist ein Stawrogin (die Hauptfigur in Dostojewskis „Dämonen“).

Den Satz „Es gibt keine Liebe im Herzen der Stadt, bleibt in Sicherheit“ sollte man deshalb in seiner Wortwörtlichkeit analysieren: Er drückt eine klagende Feststellung und eine schützende Aufforderung aus. Er beklagt das Fehlen von Liebe im Innersten der Stadt, in seinem Herzen, seinem Wesen. Ist die Stadt nicht prinzipiell der Ort der Fremden, der Menschen, die sich nicht kennen, die diesen Ort letztlich nur des „Marktes“ wegen aufsuchen und bewohnen, ein Hort des parallelen Individuallebens ohne menschliche Bindung und Wärme? Die Stadt ist die angestammte Heimat des „homo homini lupus est“. Dieses lateinische Sprichwort heißt vollständig: „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, wenn man sich nicht kennt.“ Da, wo der Mensch dem Menschen ein Wolf ist, da wo er seinen Nächsten nicht kennt, herrscht keine Liebe. Dort herrscht im besten Fall Gleichgültigkeit, im schlechtesten Hass und oft Zynismus und Falschheit in all ihren Dimensionen. Ist es diese Einsicht, wenn auch wohl nur in einer gefühlten Form, welche die Tsarnaevs getrieben hat? Wollten Sie ihre Lieben, die sie ja zumindest als Familienvater oder Söhne hatten, nicht nur vor der Stadt als Ort ihrer terroristischen Tat, sondern auch implizit metaphorisch ganz allgemein vor ihr als Abgrund der zum Prinzip erhobenen A-Sozietät warnen, damit sie nicht in deren „Sündhaftigkeit“, deren isolierende Kälte abdrifteten? Wollten die beiden Brüder die „sündige“ Stadt bestrafen und ihre „gerechten“ Familienangehörigen warnen, so wie es in der Bibel Abraham mit Lot tat? Sollte die „Stadt“ (Boston wie jede andere moderne Stadt und ihre „sündigen“ Menschen) als modernes „Sodom und Gomorrah“ durch diese Tat ihre absolut und für alle real werdende Zerstörungskraft offenbaren?

„Die Leute sind gar gekocht.“ Das klingt natürlich auf den ersten Blick äußerst zynisch. Doch „die Leute“ - sind das nicht die anonym gewordenen bezugslosen Individuen, die keine Nähe mehr kennen, denen man nicht mehr begegnen kann? Sind das nicht diese entwesten Konsum- und Konkurrenzmenschen der „Stadt“, der Gebärmutter der Profit-Unkultur, die wir alle zumindest teilweise je sind? „Sie sind gar gekocht“, könnte das nicht heißen, dass sie in den Augen Dzhokhars keine Menschen im sozialen und ökologischen Sinne mehr sind, die durch das alles abtötende Siedewasser der Entfremdung in der Warenunkultur ihr Menschsein verloren haben? Könnte es sein, dass für die beiden Brüder die verworrene islamistische Ideologie nur das Interpretationsraster für ihre Gefühle war, mit den schrecklichen Folgen, die wir kennen? Fühlen und erfahren nicht immer mehr Menschen genau diese unendliche Desozialisierung und Entfremdung des Menschen von sich selbst, meist ohne Exteriorisierung und Gewalt? Ist das nicht, was zahllose Psychotherapeutenpraxen, psychiatrische Kliniken, Krankenhäuser, etc. füllt, was die ständig zunehmende latente Aggressivität speist? Sind wir nicht alle in diesem Kochtopf? Sind wir nicht alle zumindest Doppelwesen, die das Spiel, das rat race, weiter mitmachen und gleichzeitig dagegen in irgend einer Form anfangen zu revoltieren oder daran zugrunde zu gehen?

Herr Schmitt und Frau Smirnova kennen wohl nur geradlinige, eindeutige, monolithische Menschen. Hier die Bösen, dort die Guten. Es liegt ihnen in ihrer journalistischen Schwarz-Weiß-Malerei offensichtlich fern, sich Menschen vorzustellen, die gespalten sind in ein äußeres „Sein-Sollen“ und innere Alter Egos. Interne Widersprüche und die Mindestaufspaltung des heute globalen bürgerlichen Menschen in den braven Privatmenschen und den Kämpfer in der Berufswelt sind ihnen offenbar nicht bewusst. Wie sonst könnten sie sich wundern, dass ein Mensch, den sein Umfeld für charmant und sein Vater gar für einen Engel hält, zu Teuflischem in der Lage ist? Der ganze Absatz klingt, als ob solche Widersprüchlichkeit etwas ganz Außergewöhnliches und Seltenes sei, als ob wir, die durchschnittlichen guten Leser und die ebenso guten Uwe Schmitt mit Julia Smirnova, reine „Engelsseelen“ seien. Genau dies versucht die bürgerlich faschistoide Weltsicht uns vorzugaukeln: Das wirklich Böse ist nicht bei uns. Es ist bei den „Anderen“.

Wir sehen uns alle mehr oder weniger als liebenswerte Bürger, die einfach ihrer Arbeit nachgehen, ihre Pensionen oder Mieteinkünfte beziehen, am Wochenende ihren Rasen mähen, manchmal ein Marathon laufen, morgens die Kinder zur Schule bringen, usw. Dass wir durch unser tägliches „Geschäft“, durch unser bloßes Involviert-Sein im Profit- und Konsumsystem alle menschlichen Bindungen unterminieren, im egomanischen Konkurrenzkampf versinken, die Natur dabei zerstören und eine unsägliche Unkultur über die ganze Menschheit bringen, bleibt uns weitgehend verborgen. Unser eher unbewusstes, aber umso dominanteres zerstörerisches Alter Ego drückt sich meist indirekt im alltäglichen systemischen Funktionieren aus, aber auch wenn wir ab und an den aggressiven Knüppel direkt aus dem Sack lassen, weil wir z.B. glauben, unsere „Chancen“ in einer bestimmten Situation wahrnehmen zu müssen. Wir sind alle „Dr. Jekyll and Mr. Hyde“. Und das nicht deutlich zugegebene, implizit ständig präsente aggressive Mr. Hyde-hafte der Menschen im kapitalistisch warenwirtschaftlichen Alltag wird denjenigen besonders deutlich fühlbar, die aus irgendwelchen Gründen „ausgegrenzt“ sind oder sich so fühlen, die die „Arschkarte gezogen“ haben. Die „looser“ erleben das latent Böse in der bürgerlichen Gesellschaft sozusagen in vorderster Front. Es ist quasi ihr tägliches Brot. Es tritt klar in ihr Bewusstsein. Sie atmen den Gestank von all der Lieblosigkeit und Gleichgültigkeit, all dem Hass immer wieder direkt ein. Doch sie beziehen dieses Boshafte meist nur auf sich selbst als Opfer, das sich irgendwann „rächen“ möchte, und vergrößern damit den Einfluss ihres eigenen Mr. Hyde, nur mit anderen Vorzeichen, anderen Rechtfertigungen. Sie finden „Sünder“ und beschuldigen Sie „an allem“ Schuld, die Ursache dafür zu sein. Sie bleiben dadurch aber selbst in derselben Scheiße.

Es hilft nichts, Leute wie diese Brüder als nihilistisch psychopathischen Ab-Schaum zu deklarieren. Wir sollten vielmehr den ursächlichen eigentlichen Schaum, die Unkultur der Entfremdung selbst betrachten und uns systemisch „Normale“ dazu mit klarem Kopf in Beziehung bringen. Das scheuen offensichtlich nicht nur die Artikelautoren wie der Teufel das Weihwasser. Das fällt uns allen unendlich schwer. Die Journalisten schreiben nur, was wir in unserem Wahn hören wollen. Sie sind die emsigen Diener der globalen Massenpsychose.

[1] Quelle: www.welt.de/politik/ausland/article115459429/Eitle-Zufriedenheit-der-American-Boys-mit-toedlicher-Agenda.html
(… aus uneinsichtigen Gründen wurde der Titel des ursprünglich publizierten Artikels inzwischen geändert. Er lautet jetzt: „Eitle Zufriedenheit der American Boys mit tödlicher Agenda“ ...)

Der Artikel wurde scharf-links freundlicherweise von Oswin Haas zur Veröffentlichung eingereicht. Der Autor freut sich über konstruktive Kritik und Kommentare. E-mail: oswinhaas@gmx.de

Erstveröffentlicht in 'Die Welt' (online) 20.04.2013


VON: OSWIN HAAS


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