Tradition und Erbe


Bildmontage: HF

16.06.17
DebatteDebatte, Antifaschismus 

 

Von Jürgen Heiducoff

Die eigene Geschichte kann man nicht leugnen, auch nicht wenn sie so belastend ist wie die unsere.

Dieses Erbe kann man auch nicht ausschlagen, man muss es annehmen. Und man muss damit qualifiziert umgehen.

Der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts auszuweichen, sie zu ignorieren wäre falsch und schädlich. Im Interesse jeder der heranwachsenden Generationen müssen die Verfehlungen der Geschichte neu aufgearbeitet werden.

Die Verantwortung der Politik besteht nicht nur darin, die Geschichte zu vermitteln, sondern sie muss sie auch bewerten. An positiven Aspekten der Vergangenheit sollte man sich orientieren.

Und darin unterscheidet sich Erbe von Tradition. Nur die besten Filetstücke des Erbes können Tradition werden.

Die Verteidigungsministerin der Bundesrepublik Deutschland behauptete noch vor wenigen Wochen, die Bundeswehr habe in ihrer eigenen Geschichte genügend eigene Leistungen vollbracht, die für ihr Traditionsbewusstsein taugten. Am Tag der Bundeswehr allerdings gab sie bekannt, eine der größten Heereskasernen, die Rommel-Kaserne in Augustdorf, nicht umzubenennen. „Soldaten und die Gemeinde hätten dies  angesichts der Geschichte beschlossen“, so die Ministerin.

Doch was wiegt die Meinung einiger Soldaten und Kommunalpolitiker, die für die Beibehaltung des Kasernennamens stehen gegen den Willen der überwiegenden Mehrheit der Deutschen, die sich von der Verehrung eines der Erfüllungsgehilfen der faschistischen Reichsführung distanzieren?

Es ist nicht zu bestreiten, dass Erwin Rommel in herausragender Weise Theorie und Praxis des militärischen bewaffneten Kampfes beherrschte. Er war einer der besten Strategen und Taktiker, der es auch wagte, von ihm erkannte bevorstehende Niederlagen gegenüber Vorgesetzten zu vertreten, um sinnlose Opfer zu vermeiden.

Die Auszeichnungen und Ehrungen, die er bereits als junger Offizier im Ersten Weltkrieg erhielt, unterstreichen, dass er sein „Handwerk“ auf allen Ebenen der militärischen Karriere von der Pike an verstand.

Es war immer die Karrieresucht, die ihn aufrichtete, die nötige Kraft verlieh und ihn voran trieb.

Wie viele andere Offiziere der Wehrmacht hinterfragte er die ihm geläufige nationalsozialistische Ideologie nicht.

Die Auswahl und Ernennung Rommels zum Kommandeur des Führerbegleitbataillons und zum  Kommandant des Führerhauptquartiers zu Beginn des Zweiten Weltkrieges lässt kaum Zweifel an einem besonders engen Verhältnis zu Hitler zu.

Nein Rommel war nicht so unfehlbar, wie er durch die Nazipropaganda und auch heute noch durch seine Verehrer im In- und Ausland dargestellt wird. Dass Heeresgenerale Erwin Rommel bewundern, mehr oder weniger offen verehren, ist einleuchtend. Sie selbst sind durch Gehorsam, Disziplin und Ausdauer die Karriereleiter empor gekommen.

Rommel wurde von seinesgleichen im faschistischen Heer auch beneidet. Seine Erfolge haben ihm nicht nur Freunde beschert. Der Neid spielte eine große Rolle im Verhältnis zueinander.

Soll nun das Talent Rommels, seine Fähigkeiten, die Panzertruppe von vorn zu führen, blitzschnell Lageveränderungen zu erfassen und Entschlüsse zu fassen, oft schneller zu sein, als die ihm vorgesetzten Stäbe und auch seine Eigenmächtigkeit Vorbild für die deutsche Panzertruppe sein? Brauchen wir das und wenn ja wofür?

Soll seine Zielstrebigkeit, die Rücksichtslosigkeit und Brutalität, mit der er seine Entschlüsse zu Angriffsoperationen seiner Panzerkräfte durchsetzte, den Kommandeuren des Deutschen Heeres heute als Vorbild dienen?

Wo sollen die deutschen Heeresführer der Gegenwart das anwenden? Welcher Gegner ist zu bekämpfen?

Aktuell ist die Bundeswehr an der verstärkten Vornepräsenz (Enhanced Forward Presence) der NATO beteiligt. Diese Präsenz von NATO – Kampfverbänden, einschließlich deutscher gepanzerter Verbände in Polen, Litauen, Lettland und Estland, unweit der Grenzen zu Russland sollte doch wohl nur eine Drohkulisse sein. Wozu braucht es da ein Vorbild, ein Talent der Blitzkriegsführung aus der finstersten Zeit deutscher Geschichte, nach dem immer noch Kasernen benannt sind? Sollen die Russen provoziert werden?

Es war kein „sauberer Krieg“, den Rommel in Frankreich, in Nordafrika oder in Italien führte. Es war ein Vernichtungsfeldzug, ein Angriffskrieg, ausgeführt von manipulierten und hasserfüllten Soldaten, in dessen Verlauf hinter der Front Jagd auf Menschen gemacht wurde wie überall im Herrschaftsbereich der Faschisten.

Die Entscheidung, die Augustdorfer Kaserne nicht umzubenennen, stellt zudem die Ernsthaftigkeit des Vorgehens gegen rechtsextreme Bestrebungen in der Bundeswehr und in unserer Republik in Frage.

Die Aussage der Verteidigungsministerin von der Leyen, Rommel habe „seine Rolle im Widerstand auch gehabt“, beleidigt Zehntausende wahrer Widerstandskämpfer gegen die Hitlerdiktatur. Dies stellt in meinen Augen eine Demütigung Hunderttausender Antifaschisten dar. Damit werden Millionen von Opfern des von deutschen Faschisten und ihren treuen Erfüllungsgehilfen im Generalsrang geführten Vernichtungskrieges verhöhnt

 

Der Autor diente 40 Jahre in deutschen Streitkräften, u.a. als OSZE – Beobachter im Tschetschenienkrieg und fast drei Jahre in Afghanistan. Als militärpolitischer Berater des deutschen Botschafters in Kabul wurde er wegen Vertrauensverlustes infolge seiner wiederholten, auch öffentlichen Kritik an der Kriegführung der NATO am Hindukusch vorzeitig abgelöst.

Er vertritt hier seine persönliche Meinung.







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