Martin Schulz - nur mehr ein Untoter auf der politischen Bühne


Bildmontage: HF

19.09.17
DebatteDebatte, Politik 

 

Von Franz Witsch

Es deprimiert, wenn man nur an die Bundestagswahl denkt. Ich werde wieder nicht zur Wahl gehen; selbst auf die Gefahr hin, "pauschal zu[m] Anti-Demokraten" (Timo Rieg in Q03) abgestempelt zu werden. 

Die das sagen, glauben tatsächlich ziemlich realitätsblind, dass wir in einer Demokratie leben, vermutlich weil sie, wie Rieg diese ihre Mentalität zutreffend beschreibt: "materiell gut bedacht sind", z.B. "angestellte Kommentatoren bei Presse und Rundfunk, und wenn sie selbstverliebt genug sind, ihre Welt für die einzig wahre zu halten, in die sie genau dosiert so viele und ausgesuchte Probleme hineinlassen, wie es zu ihrem Lifestyle passt. Dann twittert man täglich für die Freilassung Deniz Yücels und erregt sich innerhalb seiner Filterblase überlegen und stolz über ein paar AfD-Pappnasen, die es einem so einfach machen, das richtige Fähnchen zu schwenken, beim Nachmittags-Latte, vor dem Sushi, das während der Vernissage gereicht wird" (Q03).

 

Ich werde auch nicht "ungültig" wählen. Es würde nicht das Geringste ändern, es sei denn, dass sich zu wählende Politiker durch eine höhere Wahlbeteiligung bestätigt fühlen dürften. Das allein löst Brechreiz aus. 

Man schaue sich nur Martin Schulz an: Er wandelt auf der politischen Bühne wie ein Untoter. Ohne jedes Profil. Weniger als nichts. Eines ist er auf keinen Fall: eine Alternative zu Frau Merkel. Und das muss man erst einmal schaffen. 

Um Missverständnisse vorzubeugen: ich formuliere hier keine Gewissheiten; nur eine persönliche Meinung, die falsch sein kann. Leider finde ich keine wählenden Bürger, die mir plausibel erklären können, warum ihre Wählerstimme auch nur das geringste, zumal etwas zum Besseren, bewirken würde. Vielleicht sind es ja die Wählenden, die den Karren in den Dreck fahren, eben weil mit ihrer Stimme Politiker sich im "Weiter-so" bestätigt fühlen dürfen. 

Doch vermutlich sind Politiker auf die eine wie andere Weise, wie auch immer, nicht erreichbar - parteiübergreifend, einschließlich "Die Linke". Was Letztere betrifft, so drängte sich mir dieser Eindruck  jedenfalls auf, als ich mich vor der Gründung der Partei "Die Linke" in der WASG engagierte. Auch Linke arbeiten ausschließlich für Ehre, Karriere und eigenen Geldbeutel. Dafür produzieren sie Schleim, was das Zeug hält.

Natürlich muss man meine Einstellung nicht teilen. Vielleicht sehe ich ja den tieferen Sinn einer (Protest-)Wahl nur nicht. Für Protest bin ich durchaus aufgelegt, aber nicht, indem ich Politiker in ihrer menschenverachtenden Mentalität bestätige, sondern indem ich ihr Denken, Sprechen und Handeln analysiere und diese Analyse in einen übergeordneten Systemzusammenhang stelle, den ich näher im 2. Teil von "Die Politisierung des Bürgers" beschreibe, nur für unseren Politik-Ironiker "Dieter Nuhr" (siehe "Nuhr im Ersten"), damit er etwas dazulernen kann, bzw. ihm nicht schlecht wird, wenn einfache Bürger wie ich den System-Begriff verwenden.

Es gibt noch zuviel Optimismus, dass sich etwas im Kapitalismus zum Besseren verändern könnte, auch beim Nicht-Wähler Timo Rieg (vgl. Q03). Das ändert nichts daran, dass er mir mit seiner Geisteshaltung aus dem Herzen spricht. 

Die rechtsnationale AfD hat den Vorteil, mit ihrem unappetitlichen Wahlkampf-Motto "Deutsche zuerst" den Eindruck zu erwecken, sie habe ein Konzept, wie damals, in der Weimarer Republik, Rechte (DNVP) und Faschisten (NSDAP). Dagegen kann man auf Dauer nur mit einem Konzept ankommen, das alle Menschen einbezieht. Dazu sind alle im Bundestag vertretenen Parteien strukturell - wiewohl sie es wollen - nicht in der Lage. Auch die Linken lassen uns hier im Stich. Die Entwicklung eines Konzepts kostete Mühe und käme bei den meisten Wähler nicht unmittelbar und sofort an. Ich merke es in meinem Tennisverein: wenn ich das Wort "Kapitalismus" in den Mund nehme, verbietet man mir, weiterzureden.

Allein "Die Linke" ist nicht besser; sie hat in den letzten 10 Jahren ihrer jungen Existenz nichts geleistet. Ein zureichendes Konzept hätte ihre Aufgabe sein können. Stattdessen begnügte sie sich gebetsmühlenhaft zu versichern, dass mit ihr alles besser, vor allem sozialer werde. So arbeiten Linke seit mehr als 100 Jahren; und entwickeln sich dabei kontinuierlich zu lebendigen Leichen zurück, zum ersten mal sehr sichtbar, als Sozialdemokraten zu Beginn des Ersten Weltkriegs den Kriegskrediten im Reichstag zustimmten, um nicht als Vaterlandsverräter zu gelten. Ein Jahr zuvor, als ihr Parteivorsitzender Bebel noch lebte (gestorben 1913), gerierten sie sich noch als Anti-Kriegspartei.

Konzeptfähigkeit geht gar nicht, wenn man sich an Stimmungen in der Bevölkerung orientiert. Man beweist sie, indem man Konflikte, sie mögen noch so unangenehm sein, kommuniziert und nicht aus dem Weg geht, schon gar nicht, indem man, wie Martin Schulz heute, "Schleim scheißt". 

Die meisten Wähler spüren, dass (nicht nur) Schulz zu mehr nicht taugt, wiewohl sie eigene Schleim-Scheißerei ignorieren, und meiden ihn deshalb - leider nur instinktiv, nicht weil sie etwas (auch in sich selbst, etwa ihren eigenen Schleim) begriffen hätten. Schließlich wurde Schulz nicht von Anfang an gemieden; aber immerhin nach einer gewissen Zeit, nachdem immer mehr Menschen ihn immer besser kennen lernen konnten. Er hat ja nun gar keine Ecken und Kanten; Schröder wenigsten noch die eine oder andere.

Nach dem Schleim-Model zu denken, sprechen und handeln liegt vermutlich in der Natur des Menschen. Es steuert das menschliche Handeln wie folgt: Was mir persönlich wirtschaftlich und/oder mental schadet, mache ich nicht oder umgekehrt: ich denke, sage und mache das, was mir mental und ökonomisch zugute kommt. Genauso verstehe ich das obige Zitat von Timo Rieg. Dagegen müssen wir uns wehren: wir müssen dagegen, auch gegen unsere eigene Natur, angehen, dass Politik von "Gefühlen" gesteuert wird, bzw. dass sich der gesellschaftliche Kontext auf Gefühle reduziert sieht.

Ja, wird man einwenden, und was ist mit Dir? Bist Du denn so viel anders als die, die Du kritisierst? Nein, bin ich nicht, auch ich arbeite mit "Gefühlen". Man muss nicht besser sein und ist es auch nicht, es sei denn in der eigenen Vorstellung (Gefühlswelt), die mit der Realität allerdings nichts zu tun hat. Das Problem ist, die Bürger bemessen ihre Vorstellung nicht an der Realität (außerhalb ihrer Vorstellung), sondern allein nur an ihrer Vorstellung (über die Realität). Auch das lese ich aus dem obigen Rieg-Zitat heraus. 

(Innere) Vorstellungen nicht an der (äußeren) Realität zu überprüfen, vermutlich weil man vor Innen-Außen-Differenzen Angst hat, ist vermutlich der tiefere Grund dafür, dass "Linke wie Wagenknecht" nicht merken, "wie korrupt sie sind" (vgl. T06, S. 66). Das könnte selbstverständlich auch auf mich, zumal an den Schalthebeln der Macht, zutreffen. Anders als Frau Wagenknecht halte ich das für möglich und spreche es aus, auch wenn ich damit anecke. 

Egal, auch wenn ich anecke - Sprechen ist das, was uns noch bleibt und sinnvoll sein kann, wenn man nicht nur nachplappert, was alle sagen. Das tut zuweilen weh, aber ich glaube, dass man mögliche Wahrheiten aussprechen muss, um Entwicklungspotentiale bei Menschen und sozialen Strukturen auszuschöpfen. 

Eine solche Einstellung birgt das Risiko instabiler Mentalität, zumal ökonomischer Ausgrenzung. Vergessen wir aber nicht: Konfliktvermeidung führt, wenn Konflikte sich zuspitzen und man sich dennoch stumpf weigert, sie zur Kenntnis zu nehmen, geschweige zu kommunizieren, zu unerträglichen Realitätsverlusten, nicht nur bei EU-Kommissionspräsident Juncker (vgl. Q01), auch bei unserem Politik-Ironiker Dieter Nuhr, der meint, im Kapitalismus hungern immer weniger Menschen auf der Welt. Ziemlich einfältig (vgl. Q02), unhistorisch, exakt: eine Analyse auf der Grundlage einer Momentaufnahme.

Franz Witsch

www.film-und-politik.de

 

Quellen:

 

Q01: Realitätsverlust in Brüssel und Berlin. Ein Gastkommentar zu Jean-Claude Junckers Grundsatzrede "Lage der Union 2017"

Telepolis vom 15.09.2017, von Matthias Weik und Marc Friedrich

https://heise.de/-3833455

 

Q02: Die Zahl der Hungernden weltweit steigt wieder

Telepolis vom 16.09.2017, von Thomas Pany

https://heise.de/-3834185

 

Q03: Aus sehr gutem Grund: Nichtwähler

Telepolis vom 18.09.2017, von Timo Rieg

https://heise.de/-3834637

 

T06: Franz Witsch, "Psychopathologisierung sozialer Strukturen", in: 

"Mentalisieren: Anmerkungen zur Gestaltung des Innenlebens". 

http://film-und-politik.de/Politik/K14.pdf







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