FAKTOR 25


Bildmontage: HF

15.08.17
DebatteDebatte, Sozialstaatsdebatte, Soziales, Wirtschaft 

 

Von Richard Albrecht 1)

”Was vor zwanzig Jahren als „Grenzen des Wachstums" angesagt war und vor zehn Jahren als „Ende der Arbeitsgesellschaft" soziologisches Modethema wurde, bedeutet, zu Ende gedacht, eine radikale Veränderung der gesellschaftlichen Kernstrukturen. Freilich: Eine wie auch immer denkbare Veränderung der harten Arbeitsgesellschaft, der zunehmend die Arbeit ausgeht und die doch so viel zu tun hat, in eine weiche Gemeinschaft der Tätigen ist weder in Aussicht noch als Strukturbruch traditionell revolutionären Typs zu erwarten. Gleichwohl wird es angesichts der erkennbaren und teilweise dramatischen Verwerfungen - etwa der Überalterung oder der im Generationenverhältnis erkennbaren „verstörten Vergesellschaftung" - eine Rücknahme des industriealistisch-labouristischen Wegs geben. Und diese meint auch die - zunächst wohl nur räumlich oder zeitlich begrenzte - Absage an das alte zivilisatorische Modell des kapitalistischen Geistes und seiner Konkurrenz, Leistungs- und Aufstiegspraxis. Dies zielt nicht nur aktuell auf das Interesse der ausgegrenzten, marginalisierten und verarmten sozialen Gruppen. Sondern potentiell auch auf breite Mehrheiten der sozialen Schichten, die ihre Existenzgrundlage über bezahlte, zumeist abhängig zu vollziehende Erwerbsarbeit sichern.

Damit aber steht sowohl der alte, erwerbsbestimmte Vergesellschaftungsmodus als auch das entsprechende Zivilisationsmodell selbst in Frage. Denn „soziale Integration" gelingt mit dem alten kulturellen Modell zunehmend weniger oder um einen (meines Erachtens zu) hohen Preis. Aber neue sozialkulturelle Modelle sind derzeit nicht in Sicht und schon gar nicht erprobt. [...]

Ich sehe hier zwei denkbare Teilanstöße. Einmal den Versuch der Rücknahme des Tempos und damit auch der sozialen Verbreitung der Individualisierungsspirale. Und zum anderen den nächsten Schritt zur weiteren Infragestellung der geschlechtsbezogenen Arbeitsteilung durch Neudefinition des Verhältnisses von unbezahlter - meist hausfraulicher - Tätigkeit und bezahlter - meist betriebsmännlicher - Arbeit. Es geht damit um die Kernfrage einer Neudefinition und Neuordnung des Grundverhältnisses von Arbeiten/Tätigsein und Essen/Leben. Alte Fragen stellen sich neu, und zwar auch im Sinne normativer Zukunftsvorstellungen (Wie wollen wir leben? Leben wir, um zu arbeiten? Oder arbeiten wir, um zu leben?). Es geht in der Tat um das sogenannte „Evangelium der Arbeit", das der Apostel Paulus begründete („Wenn jemand nicht will arbeiten, der soll auch nicht essen") und seine radikale Infragestellung nach dem Motto: „Wer nicht arbeitet, soll wenigstens essen" (Paul Kellermann), genauer: Wer nicht arbeiten darf, soll wenigstens gut essen.

Soziale Erfindungen („social inventions") sind in diesem Kernbereich nötig als Schritte in eine andere Zukunft - die ohne konkrete Utopie nicht auskommt und Sozialutopien braucht, die immer schon eine gerechte(re) gesellschaftliche Ordnung einfordern und insofern eine realistische Möglichkeit der Verwirklichung enthalten, weil sie eine Gesellschaft vorstellen, „in der Freiheit und Bindung, Staat und Individuum, einzelpersönliches Glück und Förderung des Gemeinwohls in einem sich wechselseitig verstärkenden Verhältnis zueinander stehen." [...]

Die Wirksamkeit des vorherrschenden und nach wie vor ungebrochenen Leistungsprinzips schafft soziale Polarisierung mit demonstrativem Konsum einerseits und verdeckter Not, Armut und Ausgrenzung andererseits. Alte und neue soziale Ungleichheit(en) vermitteln ein soziales Kälteklima. Dies ist – zunächst ein Stück weit - zurückzunehmen, weil heute schon in diesem Ausmaß nicht zu rechtfertigen.

Ich denke an eine durchaus verwirklichbare soziale Neuerung: nämlich die Begrenzung von Einkommen auf einen Höchstwert, der nicht mehr als das 25fache des jeweiligen nationalen Mindestbetrag für menschliches (Über-) Leben in der jeweiligen Metropolengesellschaft übersteigen soll: also eine Nach-Oben-Grenze - Faktor 25 -, gemessen an der jeweiligen gesellschaftlichen Armutsgrenze (die immer schon durch Mindeststandards bei Löhnen, Renten, Sozialtransferleistungen bestimmt ist). Die freiwerdenden Mittel, die vermutlich in reichen Metropolengesellschaften alle bisherigen Transferfonds übertreffen dürften, sollen, jeweils zur Hälfte, verteilt werden an Bedürftige (Ausgegrenzte, Verarmte) des jeweiligen Landes (innere Umverteilung) und an jene weltweit hungernden Ärmsten der Armen, um dort mittels Selbsthilfeprojekten alternative Entwicklungspfade auf den Weg bringen zu können (äußere Umverteilung).

1) Richard Albrecht, „Let's change the System from within: First I take Mainhatten ... and then you take Berlin". Lageskizze mit methodischer Vorrede und pragmatischem Ausklang (Faktor 25), in: Die Aktion, 97-100/1992: 1642-1646 [gekürzt]; s. auch ders., Wer nicht arbeiten darf, soll wenigstens gut essen; in: Gewerkschaftliche Monatshefte, 10/1996: 665-667.







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