Marx21 / Geschlechterverhältnis – Teil III: Zurück zu den theoretischen Positionen von Marx21

20.05.22
DebatteDebatte, Feminismus, Linksparteidebatte, TopNews 

 

von Detlef Georgia Schulze

In Teil I ging es vor allem um die kürzlich veröffentlichte Stellungnahme der Marx21-AutorInnen Christine Buchholz und Volkard Mosler zu #LinkeMeToo; Teil II berichte­te über 2013 bekannte gewordene Fälle von Vergewaltigung in der britischen (Qua­si-)Schwesterorganisation von Marx21, SWP, und deren Umgang damit. Der hiesige dritte und letzte Teil beschäftigt sich mit den theoretischen Positionen von Marx21 zum Geschlechterverhältnis.

Diskutiert werden unter anderem die programmatischen „Leitsätze“ von Marx21, Ar­tikel „Let’s talk about sexism, baby!“ und der Artikel „Frigga Haug und der Marxis­mus-Feminismus“.

Sehen wir uns nun noch – losgelöst von der aktuellen Kontroverse über den Umgang mit sexueller/sexualisierter Gewalt – ältere theoretische Positionierungen von Marx21 zum Geschlechterverhältnis an. Durch diese älteren Texte zieht sich das alt-bekannte Nebenwiderspruchs-Denken, wie wir sogleich sehen werden.

Leitsätze

Bereits in den bei der „marx21-Gründungsversammlung“ (eher: Umbenennung-/Restrukturierungs-Konferenz1) am 1. September 2007 beschlossen Leitsätzen hieß es nebenwiderspruchs- und spaltungs-theoretisch:

„Im Kapitalismus wird ein Großteil der Reproduktionsaufgaben im privaten Bereich erledigt, zumeist in der Familie. Dies ist die Wurzel der Frauenunterdrückung im Kapitalismus in ihren unterschiedlichen Ausprägungen, die – trotz aller Errungenschaften der Frauenbewegung – anhält. Wir stehen gegen die Unterdrückung von Frauen und dafür, dass die Gesellschaft Verantwortung für die Reproduktion übernimmt.
Ausbeutung bedarf der Unterdrückung. Wir dagegen kämpfen für die Verteidigung und Erweiterung demokratischer Rechte und Freiheiten. Die Herrschenden fördern die Spaltung der ausgebeuteten Klassen nach ethnischer und religiöser Zugehörigkeit, nach Geschlecht und sexueller Orientierung, spielen sie gegeneinander aus und schwächen so deren kollektiven Widerstand. Als Sozialisten bekämpfen wir jede Form von Unterdrückung. Wir verstehen die Kämpfe gegen Unterdrückung in allen ihren Erscheinungsformen und für vollkommene Gleichberechtigung als Bestandteile des Klassenkampfes um die Abschaffung von Ausbeutung.“

(https://web.archive.org/web/20071029011649/http://marx21.de/content/view/194/93; https://www.marx21.de/marx21-netzwerk-fuer-internationalen-sozialismus2)

Diese Argumentation ist – gelinde gesagt – kurzschlüssig:

  • „Im Kapitalismus wird ein Großteil der Reproduktionsaufgaben im privaten Bereich erledigt“: Dies zwar deskriptiv zutreffend, aber allein daraus folgt nicht, daß diese Arbeiten vor allem von Frauen erledigt werden. Mit der bloßen Privatheit der Reproduktionsarbeit wäre genauso gut vereinbar, daß diese Arbeiten zu gleichen Teilen von Männern und Frauen bzw. proportional von allen Geschlechtern erledigt werden.

  • Vice versa würde auch der hypothetische Umstand, daß „die Gesellschaft Verantwortung für die Reproduktion übernimmt“ keine automatische Beendigung der geschlechts-hierarchischen Teilung (sowohl der Erwerbs- als auch) der Hausarbeit3 bedeutet.4

  • Es ist zwar zutreffend, daß „die Herrschenden“ – jedenfalls in bestimmten Situationen und zu bestimmten Zeitpunkten – „die Spaltung der ausgebeuteten Klassen nach ethnischer und religiöser Zugehörigkeit, nach Geschlecht und sexueller Orientierung“ „fördern“. Aber das irgendwelche Leute (hier: die Herrschenden) irgendetwas (hier: die Spaltungen der Klassen) fördert, heißt nicht diese Spaltungen erst aufgrund diese Förderung entstanden sind.

    Vielmehr drückt das Wort „fördern“ sogar eher aus, daß das etwas, das vorher schon existierte (oder jedenfalls eine eigene Ursache hat), durch die Förderung bloß verstärkt wird – in diesem Sinne wird das Wort von Marx21 in der zitierten Passage aber nicht verwendet. Vielmehr wird in der zitierten Passage suggeriert, daß mit dem Nachweis der ‚Förderns‘ auch bereits die Verursachung beweisen sei – und daß folglich auch klar sei, wie die Wirkungen der Ursache wieder zu beseitigen seien (nämlich durch Beseitigung der vermeintlichen Ursache).

  • Der Fokus von Marx21 ist darauf, daß „[d]ie Herrschenden […] sie [die ausgebeuteten Klassen] gegeneinander aus[spielen] und […] so deren kollektiven Widerstand [schwächen]“. Marx21 bekundet zwar: „Als Sozialisten bekämpfen wir jede Form von Unterdrückung.“ Aber Marx21 „versteh[t] die Kämpfe gegen Unterdrückung […] als Bestandteile des Klassenkampfes um die Abschaffung von Ausbeutung.“

    Daß Patriarchat und Rassismus – von emanzipatorischen politischen Kräften – als solche abzulehnen sind; daß Patriarchat und Rassismus auch dann abzulehnen, wenn sie nicht die „ausgebeuteten Klassen“ spalten, sondern bürgerliche Frauen und Schwarzen treffen, kommt darin gar nicht vor; und folglich möchte Marx21 das, was Marx21 „Kämpfe gegen Unterdrückung“ nennt, auch nicht um ihrer selbst führen, sondern „als Bestandteile des Klassenkampfes“. Die logische Konsequenz ist dann aber auch: Der Klassenkampf bzw. das ‚Kollektiv der Lohnabhängigen‘ (Männer und Frauen gemeinsam; Weiße und Schwarze gemeinsam) – und nicht Frauen einerseits und Schwarze andererseits – bestimmt Ziele, Mittel und Taktik des Kampf gegen das Patriarchat einerseits und gegen Rassismus andererseits. Frauen und Schwarze werden an diejenigen gebunden, die von Patriarchat und Rassismus profitieren; an die, die Sexismus und Rassismus praktizieren – Männer und Weiße.

Nun mag gesagt werden, es sei doch aber Aufgabe von KommunistInnen, solche Kämpfe zusammenzuführen (zu integrieren). Ich würde antworten: Kommt darauf an! Solange für KommunistInnen das Primat weiterhin beim Klassenkampf liegt, sind sie ungeeignet, diese Kämpfe zu integrieren.5

Nur wenn sich der Kommunismus theoretisch, politisch-praktisch und hinsichtlich seiner personellen TrägerInnen6 vom Primat des Klassenkampfes verabschiedet, wäre ihm zuzutrauen, feministische und antirassistische theoretische und politische Praxis zu emanzipatorische ‚Gesamt-Praxisarten‘7 zu integrieren.

Artikel „Let’s talk about sexism, baby!“ (von 2013)

2013 erschien auf der Webseite von Marx21 – aus Anlaß der Hashtag-Kampagne #Aufschrei und einer vorausgegangen sexistischen Äußerungen des FDP-Politikers Brüderle – einen Artikel von Kate Davison mit dem Titel „Let’s talk about sexism, baby!8.

Einsichten ...

Dort finden sich zwar einige Einsichten, von denen zu wünschen ist, Marx21 würde sie auch in Sachen #LinkeMeToo beachten:

„leider [sei] das übliche Verfahren[, so wird eine Autorin zustimmend referiert]: ‚Warum bist du mit ihm nach Hause gegangen, wenn du keinen Sex haben wolltest? Warum hast du so viel getrunken? Warum hast du dieses Outfit getragen? Warum bist du so lange bei der Party geblieben? Warum bist du diese Straße entlang gegangen? Warum hast du nicht lauter geschrien oder dich nicht gewehrt? Warum hast du dich gewehrt, obwohl klar war, dass ihn das nur noch mehr verärgern würde?‘ Zusammengefasst bedeute das: ‚Es gibt keinen universellen Weg, um sexistische Schikanen, die Belästigung am Arbeitsplatz oder die alltägliche Frauenfeindlichkeit zu unterbinden. Es gibt aber doch einen nahezu universellen Weg ungestraft davonzukommen: Man muss nur das Opfer beschuldigen.‘ Offenbar können wir Frauen hier nur verlieren. Nichts, was wir tun, reicht aus, um in Ruhe gelassen zu werden.“

Weiter oben hieß es bereits:

„Die Massenmedien verlegten sich schnell auf das sogenannte ‚Victim-Blaming‘ (Opferbeschuldigung): In einem Interview mit Fox News argumentierte der CNN-Moderator Sean Hannity gegenüber der Feministin Zerlina Maxwell, die selber einmal Opfer eine Vergewaltigung war, dass Frauen Waffen tragen sollen, um sich vor Vergewaltigern zu schützen. Maxwells Forderung nach einer anderen Sozialisierung von Männern im Umgang mit Frauen sei unrealistisch. Maxwell antwortete: ‚Diese ganze Unterhaltung ist falsch‘, weil sie sich auf die Frauen als Opfer fixiere. Immer gehe es nur darum, was Frauen tun sollen und müssen, um sich wehren zu können. Dieser Logik folgend sind Opfer sexualisierter Gewalt selber schuld, denn sie haben sich nicht ausreichend geschützt.“

… und persistierende Irrtümer

Eingerahmten bleiben solche punktuellen Einsichten aber in klassenreduktionistische Weisheiten wie die folgende:

a)

„Wichtig ist hier, den Zusammenhang zwischen einer Ideologie und den materiellen Bedingungen, auf denen sie aufbaut, zu verstehen. Karl Marx schrieb einst, dass es ‚nicht das Bewusstsein der Menschen‘ sei, das ihr Sein bestimme, ‚sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.‘ Sexistische Vorstellungen können in einer Klassengesellschaft gedeihen, in der Frauen strukturell unterdrückt werden.“

Nun mögen sexistische Äußerungen dem Bereich der „Ideologie“ zuzuordnen sein – nur bestehen die patriarchalen Verhältnisse nicht nur aus sexistischen Äußerungen. Vergewaltigungen sind vielmehr materiell (sogar physisch [körperlich] – also, gewissermaßen, ‚noch materieller‘ als die Ökonomie); auch geschlechtshierarchische Arbeitsteilung und Frauenlohndiskriminierung sind materiell.

Und warum sollte eine Klassengesellschaft nicht nur klassistisches, sondern darüber hinaus sexistisches (und rassistisches) Bewußtsein hervorbringen? Wie wird hier der Zusammenhang von (race,) class und gender gedacht? Der Text (und auch die anderen Marx21-Texte [und auch Texte anderer marxistischer Gruppen], die ich gelesen habe) gibt (geben) keine Erklärung dafür – die „Klassengesellschaft“ fungiert einfach nur als Substitut für eine materialistische Analyse des patriarchalen Geschlechterverhältnisses9.

Nicht nur theoretisch, sondern auch historisch ist die Marx21-These und die These aller (oder fast aller) nebenwiderspruchs-theoretischen MarxistInnen nicht stimmig: Friedrich Engels war zwar auf der theoretischen Ebene der Ansicht, daß das Patriarchat erst mit dem Privateigentum entstanden sei – aber auf der deskriptiven Ebene schilderte Engels bereits für die Zeit vor Entstehung des Privateigentums Folgendes10:

„Beim Frauenraub zeigt sich übrigens hier schon eine Spur des Übergangs zur Einzelehe, wenigstens in der Form der Paarungsehe: Wenn der junge Mann mit Hülfe seiner Freunde das Mädchen geraubt oder entführt hat, so wird sie von ihnen allen der Reihe nach geschlechtlich gebraucht, gilt danach aber auch für die Frau des jungen Mannes, der den Raub angestiftet hat. Und umgekehrt, läuft die geraubte Frau dem Manne weg und wird von einem andern abgefaßt, so wird sie dessen Frau und der erste hat sein Vorrecht verloren.“

(MEW 21, 25 - 173 [51] – Der Ursprung der Familie, Privateigentums und des Staats;

https://marxwirklichstudieren.files.wordpress.com/2012/11/mew_band21.pdf)

Das Patriarchat („die weltgeschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechts“ [ebd., 61]) beginnt dagegen laut Engels erst mit der Entstehung des Privateigentums (ebd., 58) und der Umstellung der Vererbungslinien – von mütterlichseits auf väterlichseits – (ebd., 59 f.) – also nach Engels‘ eigener Chronologie11 etwas später als der „Übergang“ von der „Gruppenehe“ „zur Einzelehe, wenigstens in der Form der Paarungsehe (S. 58):

b)

Etwas weiter unten heißt es in dem Marx21-Text:

„Es gibt […] einen Zusammenhang zwischen Witzen, Bemerkungen und Vorstellungen auf der einen und Taten und Strukturen auf der anderen Seite. Warum existiert Sexismus überhaupt – und sei es ‚nur‘ auf der Ebene der Symbolik und von Kommentaren?“

Auf die selbstgestellte Frage wird dann folgende Antwort gegeben:

„Hinzu kommen prekäre Arbeitsbedingungen (68 Prozent der Geringverdienenden in Deutschland sind Frauen), ein Einkommen, das durchschnittlich 23 Prozent geringer ist als das von Männern (hier ist Deutschland europäische Spitze) und der Schwangerschaftsabbruch als Straftatbestand… Vor diesem Hintergrund bekommen die ‚harmlosen Witze‘ eine tiefere Dimension: Sie spiegeln die Unterdrückung in der Klassengesellschaft.“

Auch diese Antwort ist kurzschlüssig: Zwar hat es mit der (kapitalistischen) Klassengesellschaft zu tun, daß es Geringverdienende und überhaupt Lohnarbeit gibt; daß die Niedrig-Lohn-Jobs vor allem Frauen-Jobs sind, läßt sich aber nicht aus der kapitalistischen Produktionsweise erklären.12

Mit der kapitalistischen Produktionsweise wäre es auch vereinbar, wenn die hierarchische Arbeitsteilung (und damit einhergehend: die Lohndifferenz) umgekehrt wäre oder wenn die Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen egalitär wäre.

Wir „verstehen […] Geschlechterverhältnisse und kapitalistische Produktionsweise als in einer wechselseitigen Austauschbeziehung stehend sowie als eng aufeinander bezogene, ohne dass ein Verhältnis in der einen oder anderen Richtung abzuleiten wäre. Auf derartige monokausale Ableitungen verzichtend, erscheint uns sowohl die Organisation der privaten Reproduktions- als auch die Organisation von marktvermittelter Lohnarbeit nicht einzig von Aushandlungen zwischen Kapital und Arbeit, sondern überdies von Aushandlungen zwischen den Geschlechtern und der Deutung ihrer ‚Differenz‘ abhängig.“

(Lisa Haller / Silke Chorus, Die Regulation geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung. Auf der Suche nach einer feministischen Kritik der politischen Ökonomie, in: grundrisse. zeitschrift für linke theorie und debatte Nr. 38, 2011, 14 - 24 [14]; https://www.grundrisse.net/grundrisse38/die_regulation_geschlechtsspezifischer_arbeitsteilung.htm; fette Hv. von mir hinzugefügt)

Daß Niedrig-Lohn-Jobs v.a. Frauenjobs sind, erklärt sich nicht aus der kapitalistischen Produktionsweise bzw. der kapitalistischen Klassengesellschaft, sondern daraus, daß neben der Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise auch das patriarchale Geschlechterverhältnis existiert.

Die Lücke, die in der gesellschaftliche Analyse des Patriarchats klafft, wird von Marx21 mit quasi-Biologismus gefüllt13:

„Immer wieder berichten Frauen aus verschiedenen Ländern von Chefs, die ihre Rückkehr in die Lohnarbeit nach einer Schwangerschaft verhindern. Das betrifft besonders Frauen, die in prekären Arbeitsverhältnissen tätig sind, also in Teilzeit, mit befristeten Verträgen, oder dort, wo die wirtschaftlichen Verhältnisse des Arbeitgebers unsicher sind. Die zentrale Rolle der Frau in der Reproduktion – sie sind nun einmal die einzigen, die Kinder zur Welt bringen können – dient als Rechtfertigung dafür, Frauen in prekäre Arbeitsverhältnissen zu drängen.“

Nun sagt der Artikel zwar nicht, daß es die geschlechtshierarchische Arbeitsteilung wegen der „zentrale Rolle der Frau in der Reproduktion“ gebe; nur, weil sie (die Frauen) „nun einmal die einzigen [sind], die Kinder zur Welt bringen können“ (ein solcher ‚harter Biologismus‘ würde ja auch nicht zu der Marx21-These passen, daß die tatsächliche Ursache in der Klassengesellschaft liege).

Vielmehr wird nur gesagt, die „zentrale Rolle der Frau in der Reproduktion“ diene „als Rechtfertigung dafür, Frauen in prekäre Arbeitsverhältnissen zu drängen“.

Damit bleiben aber mehrere Fragen offen:

  • Warum verfängt diese „Rechtfertigung“?

  • Was ist mit denjenigen (cis-)Frauen, die nicht schwanger werden können, oder es jedenfalls nicht werden, weil sie es nicht werden wollen und die Verhütung klappt? Warum sind auch diese von Frauen-Lohndiskriminierung, geschlechtshierachischer Arbeitsteilung sowohl der Erwerbs- als auch (soweit mit einem oder mehreren [WG] Männern zusammenlebend) der Hausarbeit sowie Sexismus im allgemeinen und sexueller/sexualisierter Gewalt insbesondere betroffen?

  • Was ist mit trans*-Personen in der geschlechtlichen Arbeitsteilung? Was mit denjenigen trans*-Männern, die weiterhin schwanger werden können, und trans*-Frauen, die nicht schwanger werden können? Wie ist deren Stellung in der geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung?

  • Und wie verhält es sich genau mit den „prekäre Arbeitsverhältnissen“? Werden „besonders Frauen, die in prekären Arbeitsverhältnissen tätig sind,“ „nach einer Schwangerschaft“ aus der Erwerbsarbeit verdrängt (wie es zunächst heißt)? Oder werden „Frauen“ vielmehr „in prekäre Arbeitsverhältnissen [...ge]dräng[t]“ (meine Hv.) (wie es am Ende der zitierten Passage heißt)?

Im Gegensatz zur Sichtweise von Marx21 verhält es sich folgendermaßen:

  • Unter anderem weil Cis-Frauen nicht nur die Last des Gebärens tragen, sondern – teils mit biologistisch Fehlschlüssen, die aber nicht spezifisch kapitalistisch oder klassistisch, sondern sexistisch sind, ‚legitimiert‘ – die Hauptlast der Kindererziehung und des Putzen von Klos und anderem; des Wäschewaschens und -einräumens etc. auferlegt werden, haben sie auf dem Arbeitsmarkt die schlechteren Chancen als Männer, die von den genannten Arbeiten weiterhin mehr oder minder stark freigestellt sind.

  • Unter anderem wegen der ungleichen Verteilung der Haus- und Erziehungsarbeit – nicht weil, das Kapital sexistisch ist / per se etwas gegen Frauen hat – sind Frauen eher in (absolut; oft auch relativ zum Umfang der Arbeitszeit) schlecht bezahlten Teilzeit-Jobs zu finden; können Männer eher Überstunden leisten und stehen für die Erwerbsarbeit flexibler zur Verfügung; haben Männer bessere Aufstiegschancen.

  • Würde dagegen die häusliche Arbeitsteilung (insb. nach der etwaigen Geburt von Kindern) umgekehrt organisiert, sähe es auch mit den Arbeitsmarktchancen von Frauen und Männern umgekehrt aus.

  • Und weil Männer – im Durchschnitt – nicht nur absolut, sondern auch relativ zur Erwerbsarbeitszeit – mehr verdienen als Frauen, ist es für heterosexuelle Paare ‚rational‘ die Haus- und Erziehungsarbeit in der Weise zu organisieren, die weiterhin üblich ist.

  • Auch die Gewerkschaften mit der Tarifpolitik und ihrer Organisationsgeschichte sowie der Staat mit seiner Steuerpolitik (Ehegattensplittung) spielt dabei eine Rolle; das Kapital arrangiert sich dagegen bloß mit dem ‚vorgefundenen‘ Geschlechterverhältnis und könnte sich auch mit einem anderen Geschlechterverhältnis arrangieren.

Demgegenüber ist Marx21 folgender Ansicht:

„um das System der Unterdrückung tatsächlich zu sprengen, müssen wir den Widerstand gegen Geschlechterungleichheit in einen klassenkämpferischen Zusammenhang bringen – ihn zusammenführen mit dem Kampf für höhere Löhne, gegen das Spardiktat und für Umverteilung des Reichtums, für einen funktionierenden Sozialstaat.

Letztendlich kann der Unterdrückung von Frauen und dem Sexismus nur die Grundlage entzogen werden, wenn wir eine Welt ohne Kapitalismus erkämpfen, ohne Spaltung der Menschheit in Klassen, nach Herkunft oder Geschlecht.“

Dem ist entgegenzuhalten:

  • Wir haben es nicht mit ‚einem System‘14, sondern mit einer gesellschaftlichen Struktur mit mehreren Determinanten zu tun.

  • Statt einer (klassen)reduktionistischen Analyse bedarf es einer intersektionalen Analyse.

  • Feministische Kämpfe können nur dann erfolgreich sein, wenn sich Klassenkämpfen nicht unterordnen.


Artikel „Frigga Haug und der Marxismus-Feminismus“

Der Artikel15 ist eine Rezension des Buches von Frigga Haug (bis 2001 Professorin für Soziologie an der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik16; Zeitschrift Das Argument17; seit 201018 Ko-Herausgeberin des Historisch-Kritischen Wörterbuchs des Marxismus19) „Der im Gehen erkundete Weg. Marxismus-Feminismus“ (Argument Verlag, 2015)20. Das Buch ist – laut Rezension – eine Sammlung älterer Aufsätze der Autorin, die zusätzlich aus heutiger Sicht der Autorin kommentiert sind.

Innerhalb der Redaktion des Argument gab es lang Zeit (ab Heft 135 [Sept./Okt. 1982]21) eine Autonome Frauenredaktionen und in deren Umfeld bzw. im Umfeld des gleichnamigen Verlages22 ein Projekt Sozialistischer Feminismus, von dem u.a. der Band Geschlechterverhältnisse und Frauenpolitik23 stammt.

Die Rezension auf der Marx21-Webseite fällt zunächst sehr wohlwollend aus, kommt dann aber im vorletzten Abschnitt (Die Problematik der Zwei-System-Logik bei Haug) zum Eingemachten – dem Punkt, an dem die marxistische „Frauenfrage“ und Feminismus differieren:

„Es geht mir hierbei [bei einem laut Rezensentin noch anzusprechenden Kritikpunkt] primär um die These des Herrschaftsknotens als Zusammenkunft von Patriarchat und kapitalistischer Ausbeutung: Zwar legt der Begriff des Herrschaftsknotens nahe, dass Patriarchat und Ausbeutung nicht von einander zu trennen sind, die Analyse der Unterdrückung der Frau also notwendig eine Analyse der kapitalistischen Produktionsweise bedarf und andersherum, jedoch halte ich den theoretischen Ausgangspunkt dieser Zwei-System-Logik für problematisch. Indes erscheint es mir produktiver über die Grundlagen einer Gesellschaftsanalyse nachzudenken, die sowohl Erklärungen über die Unterdrückung der Frau als auch über Ausbeutung ermöglichen, ohne das eine systematisch von dem anderen trennen zu müssen.“

In der Tat geht es nicht darum Klassen- und Geschlechterverhältnisse (in Bezug auf die heutigen Gesellschaftsformationen) zu trennen; aber sie sind sehr wohl – empirisch – unterscheidbar und deshalb – analytisch – zu unterscheiden:

  • Während für (nicht-feministischen) MarxistInnen, die Klassenverhältnisse ‚das Ganze‘ und die Geschlechterverhältnisse – sofern überhaupt zur Kenntnis genommen – nur ein Teil der Klassenverhältnisse sind,

  • bildet für den Feminismus eine Mehrzahl von gesellschaftlichen Verhältnissen ‚das Ganze‘; die Geschlechterverhältnisse sind nicht ein Teil der Klassenverhältnisse, sondern prägen – neben den Klassenverhältnissen – das gesellschaftliche Ganze. Genau dies unterscheidet intersektionale von nebenwiderspruchs-theoretischen Ansätzen.

Die Begründung für die feministische Auffassung lautet:

  • Es gibt Geschlechter in allen Klassen.

  • Es gab Gesellschaftsformationen mit patriarchalem Geschlechterverhältnis, die aber noch keine Klassengesellschaften waren – Engels‘ Phase des „Frauenraubs“.

  • Es gibt ganz unterschiedliche Gesellschaftsformationen (z.B. mit dominierender24 kapitalistischer oder feudaler Produktionsweise), die aber trotzdem patriarchale Gesellschaften waren. – Das patriarchale Geschlechterverhältnisse kann also nicht aus der jeweils herrschenden Produktionsweise abgeleitet werden:

    • Z.B. ist die kapitalistische Produktionsweise durch die (weitgehend) Verallgemeinerung des Warentauschs gekennzeichnet: Nicht nur stoffliche Güter und bestimmte handwerkliche Dienstleistungen werden als Waren getauscht; vielmehr wird auch die Arbeitskraft juristisch „frei“ (wird nicht mehr als Fron- oder SklavInnenarbeit verausgabt, sondern gegen Lohn getauscht).

    • Hausarbeit wird dagegen – auch in Gesellschaftsformationen, in denen die kapitalistische Produktionsweise dominiert – nicht gegen Lohn getauscht; zwar steht Hausarbeit in bestimmten Fällen eine Unterhaltspflicht gegenüber – aber die Höhe des Unterhalts bemißt sich nach anderen Kriterien als die Lohnhöhe.

    • Für das Geschlechterverhältnis spielt dagegen das Konzept der „Liebe“ eine große Rolle, während die Lohnabhängigen diejenigen, die deren Arbeitskraft kaufen, zumindest nicht auch noch lieben müssen/sollen.

    • Es bietet sich an, die letzten beide Punkte zusammenfassend mit Christine Delphys25 Begriff der „häuslichen Produktionsweise“26 zu bezeichnen.

Die Marx21-Rezensentin schlägt dagegen vor (Satz 1 des folgenden Zitates wurde oben bereits zitiert):

„Indes erscheint es mir produktiver über die Grundlagen einer Gesellschaftsanalyse nachzudenken, die sowohl Erklärungen über die Unterdrückung der Frau als auch über Ausbeutung ermöglichen, ohne das eine systematisch von dem anderen trennen zu müssen. Ausgangspunkt dieser Überlegungen müsste meiner Ansicht nach sein, dass wir jede Gesellschaft grundlegend als Produkt menschlicher Praxis, somit menschlicher Beziehungen und schließlich gesellschaftlicher Verhältnisse begreifen. Der marxsche Begriff der Produktionsweise beispielsweise wäre damit nicht auf ein rein ökonomisches Verhältnis zu reduzieren, sondern beschriebe eine historisch spezifische Art und Weise, wie Menschen ihr Zusammenleben über ihre Arbeit, also gesellschaftliche Praxis, organisieren.“

Dieser Vorschlag überzeugt mich nicht. Denn:

  • Das Geschlechterverhältnis ist nicht nur ein außerökonomischer Bereich der zur Ökonomie hinzukommt. Vielmehr wird – wie bereits gezeigt – die Haus- und Erwebsarbeit zwischen den Geschlechtern nach einem anderen ‚Prinzip‘ als dem des freien und gleichen Warentauschs verteilt.

  • In dem von der Marx21-Rezensentin vorgeschlagenen Modell bliebe die kapitalistische Ökonomie an der Basis27 der „Produktionsweise“ im erweiterten Sinne; das Geschlechterverhältnis dagegen im Bereich des Überbaus bzw. Ideologie. Die kapitalistische Ökonomie wäre weiterhin das Determinierende das patriarchale Geschlechterverhältnis das Determinierte – also die alt-bekannte Nebenwiderspruchs-Theorie.

Des weiteren schreibt die Rezensentin (wir befinden uns nun im letzten Absatz der Rezension):

„Das Problem der gesellschaftlichen Verhältnisse im Kapitalismus ist also kein rein ökonomisches, sondern ein soziales. Es besteht darin, dass die Beziehungen und Verhältnisse in denen wir leben, nicht demokratisch kontrolliert sind, sondern von den Herrschenden reguliert werden.“

Abgesehen von dem undefinierten aufgeladenen Begriff „demokratisch“ sind die beiden Sätze so wahr (also: unstrittig), wie über-allgemein.

Die strittige Frage ist vielmehr welche Leute zu „den Herrschenden“ gehören. Ausschließlich die KapitalistInnen (oder vielleicht sogar nur die GroßkapitalistInnen o.ä.) und vllt. noch ein paar StaatsfunktionärInnen? Oder haben wir es – da wir es mit verschiedenen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnissen zu tun haben – auch mit unterschiedlich zusammengesetzten Gruppen von Herrschenden zu tun:

  • (männliche und weibliche) KapitalistInnen im Klassenverhältnis

    sowie

  • (Cis-)Männer (aus allen Klassen) im Geschlechterverhältnis

    und

  • Weiße (aus allen Klassen und Geschlechtern) im rassistischen Verhältnis?

Weiter heißt es dann in der Rezension:

„Unter den Bedingungen einer auf Profitmaximierung ausgerichteten Gesellschaftsordnung wird insbesondere die Organisierung der gesellschaftlichen Reproduktion im Verhältnis zur mehrwertgenerierenden Produktion (was mittlerweile teilweise auch reproduktive Tätigkeiten mit einschließt) massiv gedeckelt und gekürzt. Die soziale Gruppe, die diese Arbeiten erfüllen soll, sind die Frauen. Folglich ist es die kapitalistische Produktionsweise – verstanden als ein hierarchisch organisiertes gesellschaftliches Verhältnis – die die Frauen unterdrückt, weil sie die Reproduktionsarbeit abwertet, an die Frauen abtritt und ihnen ein Rollenbild des ‚schwachen Geschlechts‘ schneidert.“

  • Dies ist begrifflich unklar, weil das Verhältnis von marxistischem und feministischen Begriffs-Verständnis von „Reproduktion“ nicht expliziert wird und auch nicht geklärt wird,

    • warum die „Die soziale Gruppe, die diese Arbeiten [reproduktive Tätigkeiten] erfüllen soll, […] die Frauen“ sind

      und

    • in wessen Interesse es ist, wenn gerade Frauen diese Arbeiten erledigen.

  • Es gibt also weiterhin kein Argument für die alt-bekannte Nebenwiderspruchs-These, es sei die „kapitalistische Produktionsweise“, „die die Frauen unterdrückt“.

    Nein, es ist nicht „die kapitalistische Produktionsweise“, die Reproduktionsarbeit an die Frauen „abtritt und ihnen ein Rollenbild des ‚schwachen Geschlechts‘ schneidert“. Es sind vielmehr Männer, die Frauen diese Arbeiten aufdrängen und historisch durchaus – im gewissen Rahmen – flexible28 Weiblichkeits-Bilder propagieren – und Frauen, die dabei teilweise mitmachen29.30

    Der kapitalistischen Produktionsweise sind Geschlechter als solches egal; sie kennt nur freie und gleiche WarenbesitzerInnen – sie ‚reagiert‘ darauf, wenn ein Teil der WarenbesitzerInnen (aus Gründen, die außerhalb der kapitalistischen Produktionsweise liegen) nicht ‚gleich(ermaßen) frei‘ (im bürgerlich[-juristisch]en31 Sinne) sind.

Auch was danach noch in der Rezension kommt, sind bloß Behauptungen und Postulate ohne Begründung:

„Sexismus ist notwendiger Bestandteil seiner [des Kapitalismus] Aufrechterhaltung. Den Kapitalismus zu analysieren um die Frauenunterdrückung zu verstehen, bedeutet also sowohl die Logiken seiner Herrschaft zu begreifen als auch die Unterdrückung als Produkt menschlicher Praxis zu enttarnen.“

Leute, die meinen, sie müßten den Kapitalismus analysieren, um das, was sie „Frauenunterdrückung“ nennen, zu verstehen, werden das patriarchale Geschlechterverhältnis niemals verstehen; es ist nicht die Praxis der kapitalistischen Produktionsweise, sondern es ist – in allen (bisherigen) Klassengesellschaften und auch schon in gesellschaftlichen Verhältnissen noch ohne Klassen – die Praxis von Männern Frauen auszubeuten und zu beherrschen. (KapitalistInnen beuten zwar auch Frauen, soweit letzte lohnabhängig sind, aus und beherrschen sie; aber in dem Fall nicht als Frauen, sondern als Lohnabhängige.) Es handelt sich um unterschiedliche Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse mit unterschiedlichen Funktionsmechanismen.

Organisatorische Schlußfolgerung

Ausgehend von einer intersektionalen Gesellschaftsanalyse, die von der Existenz mehrerer Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse und der Existenz weiterer Diskriminierungsverhältnisse ausgeht, und von einer politischen Parteilichkeit gegen alleHerrschafts- und Ausbeutungsverhältnissen und alle Diskriminierungsverhältnisse, ist bezüglich der Organisationsstruktur von Parteien, Gruppen und ähnlichem mit emanzipatorischem Anspruch zu fordern:

  • Zum Beispiel nicht nur Frauenplena, sondern Frauenplena mit Vetorecht gegen Beschlüsse der Gesamtorganisation.

  • Awarnesstrukturen, deren Arbeitsweise und Mitglieder nicht von der Gesamtorganisation, sondern von den Angehörigen beherrschter und ausgebeuteter oder diskriminierter gesellschaftlicher Gruppen bestimmt werden (also in Bezug auf sexuelle/sexualisierte Belästigung, Gewalt etc. von Frauen und jungen Mitgliedern; in Bezug auf Rassismus von Schwarzen/MigrantInnen usw.).

  • „Definitionsmacht“ für Angehörige beherrschter und ausgebeuteter oder diskriminierter gesellschaftlicher Gruppen

    • hinsichtlich geschehener Handlungen und Äußerungen und hinsichtlich getätigter Äußerungen

      sowie

    • hinsichtlich der Einvernehmlichkeit oder Nicht-Einvernehmlichkeit der geschehenen Handlungen.32

  • Würdigung des Sachverhalts unter Berücksichtigung der sozialwissenschaftlichen Erkenntnisse zur Funktionsweise des jeweiligen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisses.33

  • Keine didaktizistischen (aufklärerischen) Illusionen bei der Bekämpfung von Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnissen – auch nicht innerhalb der Linke (Partei und Bewegung) selbst.34


Postscriptum 1 und 2 sowie ein Anhang

PS. zu: „transformative justice“ (Transformative Gerechtigkeit)

Statt des feministischen Konzepts der „Definitionsmacht“ bevorzugt Marx21 – vermutlich nur solange, wie es um das Geschlechterverhältnis geht – das (irgendwo zwischen Linksliberalismus und Anarchsimus schwankende) Konzept der „Transformativen Gerechtigkeit“:

„Dem Konzept der Definitionsmacht entgegen steht das Konzept der ‚Transformativen Gerechtigkeit‘: Personen, die sexistisches Verhalten oder einen sexuellen Übergriff melden, werden ernst genommen, jedoch ohne eine Vorverurteilung der beschuldigten Person. Es ist ein Prozedere, das dazu dienen soll, den Fall zu klären und Strukturen zu schaffen, um Sexismus und Diskriminierung zu erschweren. Wichtig beim Konzept der Transformativen Gerechtigkeit ist der Ansatz, Alternativen zur Strafjustiz in Fällen von zwischenmenschlicher Gewalt zu finden. So beinhaltet der Ansatz eine Kritik an der strafenden Justiz. Zudem verfolgt er die Absicht, nicht nur die Opfer in die sozialen Strukturen ihres Umfelds einzubeziehen und dort zu reintegrieren, sondern auch die Täter zu resozialisieren. Bei Vergehen unterhalb der Schwelle eines Offizialdelikts können Gespräche und Bildungsangebote und spezifische Auflagen helfen, dass die zu Recht beschuldigte Person ihr Verhalten nachhaltig ändert.“

Gespräche und Bildungsangebote“, „resozialisieren“ – sagt das Marx21 auch in Bezug auf das kapitalistische Klassenverhältnis? Oder ist das ausschließlich die ‚super-schlaue‘ Marx-21Taktik in Bezug auf das patriarchale Geschlechterverhältnis?

Bestätigen die zitierten Ausführungen nicht die schon weiter oben formulierte Vermutung, daß Marx21 keinen Begriff von dem gesellschaftlichen Charakter des patriarchalen Geschlechterverhältnisses hat – und diesbezüglich vielmehr zu Individualisierung, Psychologisierung und Diktatisierung neigt?

Alternativen zur Strafjustiz“ bei Gewalttaten35 – nicht im Prozeß des Absterbens eines post-revolutionären Übergangsstaates, sondern schon hier und heute? – Ist das nicht eine völlig verworrene zwischen (Links)liberalismus und Anarchismus schwankende Vorstellung, wenn es sich um Gewalttaten handelt, die konform mit einem gesellschaftlichen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnis (und nicht entgegen) begangen werden?

Ob Marx21 wohl bekannt ist, daß Marx das Konzept der „Gerechtigkeit“ (für Herrschende und Beherrschte; für Ausbeutende und Ausgebeutete usw.) eine „Zeitungsschreiberphrase“ (MEW 1936, 11 - 32 [26]) nannte?

Einige Seiten vorher schrieb Marx:

„Was ist ‚gerechte‘ Verteilung? Behaupten die Bourgeois nicht, daß die heutige Verteilung ‚gerecht‘ ist? Und ist sie in der Tat nicht die einzige ‚gerechte‘ Verteilung auf Grundlage der heutigen Produktionsweise? Werden die ökonomischen Verhältnisse durch Rechtsbegriffe geregelt, oder entspringen nicht umgekehrt die Rechtsverhältnisse aus den ökonomischen? Haben nicht auch die sozialistischen Sektierer die verschiedensten Vorstellungen über ‚gerechte‘ Verteilung?“ (ebd., 26, 18])

In etwa zur gleichen Zeit stellten Marx und Engels gemeinsam folgende These auf:

„Wo der Klassenkampf als unliebsame ‚rohe‘ Erscheinung auf die Seite geschoben wird, da bleibt als Basis des Sozialismus nichts als ‚wahre Menschenliebe‘ und leere Redensarten von ‚Gerechtigkeit‘.“

Bleibt nur noch anzumerken, daß Feministinnen schlecht beraten wären auf den Klassenkampf37 als Abhilfe gegen das patriarchale Geschlechterverhältnis zu hoffen. Dagegen helfen vielmehr feministische Organisierung, feministische Kämpfe, feministische Parteilichkeit.


PPS.: „Nebenfragen“ / „Nebenschauplätze“ (Gregor Gysi) – die nicht-marxistische /

offen reformistische Variation auf marxistisches Nebenwiderspruchs-Denken

Ich habe vorstehend eine Konvergenz zwischen der konkreten Positionierung von Marx21 zu #LinkeMeToo und den theoretischen Positionen von Marx21 zum Geschlechterverhältnis aufgezeigt. Damit soll allerdings nicht gesagt werden, daß jene konkrete Positionierung ausschließlich als Konsequenz des marxistischen Nebenwiderspruchs-Denkens auftritt.

Auch Leute,

  • die gar nicht (mehr) von gesellschaftlichen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnissen (antagonistischen Widersprüchen) ausgehen,

  • sondern davon daß ‚das System‘ (besser: die gesellschaftliche Struktur) nicht der Fehler ist, sondern bloß einzelne Fehler und Mängel hat, denen abzuhelfen ist;

  • deren politische Perspektive nicht die Überwindung der herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern deren ‚Verbesserung‘ ist,

ordnen #LinkeMeToo der Einheit der Partei (wenn wir „Linke“ in #LinkeMeToo nicht nur im Sinne der Partei, sondern auch der breiteren Linken als Bewegung verstehen, dann können wir hinzufügen: „oder Einheit der Politgruppe“) unter und finden, daß andere Fragen wichtiger sind als „Gedöns“ (Gerhard Schröder)38 – ein Beispiel dafür ist im Falle der Linkspartei ist Gregor Gysi, der sicherlich ‚unverdächtig‘ ist, heute noch marxistische Positionen zu vertreten:

„Ich sehe nur folgende Möglichkeit, die Existenz der Partei zu retten, ihre Bedeutung zu erhöhen. Wir brauchen einen inhaltlichen Neuanfang, eine Konzentration auf wichtige politische Fragen, müssen Nebenfragen und Nebenschauplätze jetzt ausklammern, müssen eindeutig klären welche Interessen wir wie zu vertreten haben und dann gemeinsam (!) und mit Leidenschaft kämpfen. Wir brauchen also eine Wiedergewinnung der kulturellen und seelischen Ostidentität, eine Konzentration auf die Frage der sozialen Gerechtigkeit und der Guten Arbeit, eine Verankerung der sozialen Verantwortung bei der ökologischen Nachhaltigkeit und eine realistische Friedens- und Außenpolitik.“

(https://twitter.com/GregorGysi/status/1520003813935038464 [29.04.2022] und zwei Folge-Tweets)

Bei Gysi ist es nicht ein klassenkämpferischer Antikapitalismus, sondern ein NATO-freundlicher (Euphemismus: „realistische Friedens- und Außenpolitik“) Sozialreformismus, dem der Geschlechterwiderspruch in der Linken untergeordnet wird – aber Unterordnung bleibt Unterordnung.


Gliederung des dreiteiligen Artikels:

Teil I

Trotzkistische Positionen zum Geschlechterverhältnis – kritisch analysiert

Der aktuelle Anlaß: Die Positionierung von Marx21 zu #LinkeMeToo

#LinkeMeToo: über 60 Fälle von sexueller/sexualisierter Gewalt und ähnlichem

Zusammenarbeit mit und Boykott von ‚Bürgerlichen‘ nach Marx21-Art

Sexistisches Verhalten oder patriarchales Geschlechterverhältnis?

Marx21: „Sachlich“ über sexuelle/sexualisierte Gewalt diskutieren

Das subjektive Empfinden ist das Kriterium, das (einvernehmlichen) Sex von sexueller Gewalt u.ä. un­terscheidet

Zivilgesellschaftliche Positionierung versus staatliche Strafe


Teil II

Weibliche Definitionsmacht oder „sachliche Untersuchung“ nach IST-Art?

Unklare Strukturen und Hinhalten des Opfers

Verpflichtung des Opfers (!) zu Verschwiegenheit

Anreise von zwei Schiedskommissions-Mitgliedern, Fragen nach dem Vorleben und weiteres Hinhalten

Das politische Resümee der Betroffenen

Weitere Fälle in der SWP


Teil III

Zurück zu den theoretischen Positionen von Marx21

Leitsätze

Artikel „Let’s talk about sexism, baby!“ (von 2013)

Einsicht

und persistierende Irrtümer

Artikel „Frigga Haug und der Marxismus-Feminismus“

Organisatorische Schlußfolgerung

PS. zu: „transformative justice“ (Transformative Gerechtigkeit)

PPS.: „Nebenfragen“ / „Nebenschauplätze“ (Gregor Gysi) – die nicht-marxistische / offen reformistische Variation auf marxistisches Nebenwiderspruchs-Denken

1 „Auflösung“ von Linksruck und „Gründung“ von Marx21 fanden am selben Tag in Frankfurt statt: „Am Samstag, den 1. September 2007 will sich die Organisation Linksruck auflösen. […]. Gemeinsam mit anderen haben Mitglieder von Linksruck an der Neugründung eines marxistischen Netzwerks innerhalb der Linken gearbeitet, welches sich um das neue Magazin ‚marx21‘ gruppieren will. Die Netzwerkgründung soll am 1. und 2. September in Frankfurt a.M. stattfinden.“ (https://web.archive.org/web/20080920100844/http://www.linksruck.de/artikel_2036.html)

2

  • 2007: „Wir arbeiten in der politischen Strömung ‚Sozialistische Linke‘ mit und stärken mit ihr die Orientierung auf die Interessen der Arbeiterklasse und ihrer Gewerkschaften.“

  • 2020: „Wir arbeiten im innerparteilichen Zusammenschluss ‚Bewegungslinke‘ mit und stärken mit ihr die Orientierung der LINKEN auf die Interessen der Arbeiterklasse, auf gewerkschaftliche Kämpfe und außerparlamentarische Bewegungen.“

3 „Hausarbeit“ hier verstanden als Arbeit, die in Wohnungen, verrichtet wird, z.B. um die Wohnung sauber zu halten oder Kinder ins Bett zu bringen.

4

5 Vgl. dazu meine These (und die nachfolgenden Erläuterungen): „Eine Fusion von Marxismus und Feminismus ist nicht möglich, bevor der Marxismus seine monokausale Erklärung von Herrschaft und Ausbeutung, in der das patriarchale Geschlechterverhältnis nur als ‚Beiprodukt’ der Entstehung des Klassenkampfes vorkommt, revidiert.“ (Ein umgedrehter Spieß. Zwanzig Thesen zum 1. Mai 2018, S. 33; Erläuterungen auf S. 34 - 39; https://de.indymedia.org/sites/default/files/2018/05/Th_ad_fem_Kampf_kontra_pat_GV__mit_FN__FIN_1-5-18.pdf).

6 Vgl.: „Den Feminismus als Teil des Kommunismus (wirklich) zu akzeptieren, setzt voraus und heißt zugleich, daß die Überwindung des Kapitalismus nur einer von mehreren ‚Inhalten’ des Kommunismus (als Produktionsweise) und die ArbeiterInnenklasse nur eines von mehreren revolutionären Subjekten des Kommunismus (als Bewegung) ist.“ (ebd., 34, FN 49; alte Hv. getilgt; neue Hv. hinzugefügt).

7

  • Integration von feministischer, antirassistischer und marxistischer theoretische Praxis einerseits

    sowie

  • Integration von feministischer, antirassistischer und marxistischer politische Praxis andererseits

nicht dagegen die Nivellierung des Unterschiedes zwischen theoretischer und politischer Praxis.

8 https://www.marx21.de/18-04-13-frauenbewegung/.

9 Vgl. dazu meine These: „‚Die marxistische Frauenemanzipationstheorie’ gibt es nur insofern, als die verschiedene marxistischen Theorieansätze zum Geschlechterverhältnis – anders als der Feminismus – allesamt daran scheitern, eine eigenständige materielle, gesellschaftliche Basis für Herrschaft über und Ausbeutung von Frauen durch Männer zu benennen (bzw. auf alle Fälle daran scheitern, sie fundiert zu analysieren), und deshalb auch nicht in der Lage sind, eine adäquate Strategie zu deren Überwindung zu entwickeln.“ (Biologischer oder historischer Materialismus?, in: scharf-links vom 05.03.15; http://www.scharf-links.de/51.0.html?&tx_ttnews[swords]=Materialismus%20Schulze&tx_ttnews[tt_news]=50317&tx_ttnews[backPid]=65&cHash=e439cfd095)

10 S. zu dem folgenden Engels-Zitat (auf die patriarchale Implikation des von Engels Dargestellten hinweisend): https://perspektive.nostate.net/files/feminismus_2019_frauenstreik.pdf, S. 3; vgl. https://perspektive.nostate.net/files/feminismus_2016_positionierung.pdf, ebenfalls S. 3.

11 Engels‘ Chronologie zeigt sich auch in der Reihenfolge der zitierten Seiten: zunächst der „Frauenraub“ (S. 51) – dann der Übergang zum Patriarchat (S. 58 - 61).

12 Für das Kapital ist die Lohnsumme aller Beschäftigten (bei einer gegebenen Summe der Erwerbsarbeitszeit aller Beschäftigten) von Interesse; nicht, wie die (prozentuale) Verteilung dieser Lohnsumme auf Männer und Frauen ist.

Würde eine bestimmte – gegebenen / vereinbarte / erkämpfte – Lohnsumme bei gleichbleibender Arbeitszeit auf die Beschäftigten – z.B. männliche und weibliche – anders verteilt, würde sich für das Kapital nichts ändern: die Profitrate bliebe genau gleich.

Die gängige gewerkschaftliche Praxis prozentuale Entgelterhöhungen zu verlangen und mehr oder minder erfolgreich durchzusetzen, perpetuiert die Frauenlohndiskriminierung.

13 Vgl. zu dieser Lückenfüllung (wenn auch nicht speziell am Beispiel Marx21) meinen bereits in FN 9 genannten Beitrag und dort insbesondere den Schlußsatz: „die Naturalisierung der geschlechtlichen Arbeitsteilung [erweist sich] als Sperre dagegen, daß der Marxismus in Bezug auf das Geschlechterverhältnis seinem Anspruch, historischer und nicht biologischer Materialismus zu sein, gerecht wird.“

14 Vgl. dazu meinen Text: „das System, in dem wir leben“. Oder: Warum die kapitalistische Produktionsweise nicht das Ganze ist, in: trend. onlinezeitung 8/2017; http://www.trend.infopartisan.net/trd0817/tap-rso.pdf.

15 https://www.marx21.de/frigga-haug-und-das-verhaeltnis-von-marxismus-und-feminismus.

16 http://www.friggahaug.inkrit.de.

17 http://inkrit.de/neuinkrit/index.php/de/publikationen/das-argument.

18 https://d-nb.info/1003264832.

19 https://d-nb.info/552112763.

20 Inhaltsverzeichnis: https://d-nb.info/1061101533/04.

21 http://www.neu.inkrit.de/mediadaten/archivargument/DA135/DA135.pdf. Irgendwann nach Heft 255 (2/2004) verschwand die Autonome Frauenredaktion dann aus dem Impressum; jedenfalls in Heft 270 (2/2007) war sie nicht mehr vorhanden.

22 https://argument.de/.

23 https://d-nb.info/840289421/04.

24 Vgl. „Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht“ (MEW 23, 49 – Das Kapital. Bd. 1; https://marxwirklichstudieren.files.wordpress.com/2012/11/mew_band23.pdf).

25 „Delphy was a pioneer of materialist feminism, applying a materialist approach to gender relations.[9] Delphy analyzes inequalities between men and women as rooted in a material economic basis, specifically the domestic relations of production.[10] This revision of Marxism questioned the idea that there are only capitalist classes. For Delphy, gender is also a position in the mode of production (domestic labor). In this view, the main enemy of women as a class is not capital but patriarchy.“ (https://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Christine_Delphy&oldid=1055549573#Ideas)

26 „The domestic mode of production, as a model, as a set of relations of production, existed before the capitalist mode of production. It is distinct.“ (Christine Delphy / Danièle Léger, Debate on Capital, Patriarchy, and the Women's Struggle, in: Feminist Issues 1980, 41 - 50 [43])

Vgl. dazu auch die Folien zu meinem Vortrag „Marxismus / Feminismus x.0“, den ich am 02.09.2016 beim Action, Mond & Sterne-Camp (https://web.archive.org/web/20170906230654/http://actionmondundsterne.blogsport.de/2016/08/29/workshopprogramm-aenderungen-vorbehalten) in St. Georgen / Schwarzwald gehalten hatte, in: trend. onlinezeitung 9/2016; http://www.trend.infopartisan.net/trd0916/DGS-Graphiken_Feminismus.pdf.

27 Denn der Vorschlag der Rezensentin lautet: „Der marxsche Begriff der Produktionsweise beispielsweise wäre damit nicht auf ein rein ökonomisches Verhältnis zu reduzieren“. Er lautet nicht, anzuerkennen, daß auch die Ökonomie nicht allein von den Klassenverhältnissen, sondern auch vom Geschlechterverhältnis geprägt ist.

28 „Umfangreiche Studien vor allem aus dem Bereich des Arbeitsmarktes und der Professionen belegen, dass das, was jeweils als männlich bzw. weiblich gilt, nicht feststeht, sondern in Aushandlungsprozessen begründet wird (Maruani 1997, Neusel/Wetterer 1999). Gildemeister und Wetterer bezeichnen diese Aushandlungsprozesse als ‚Umschrift der Differenz‘ (Gildemeister/Wetterer 1992, 223). In der Regel gehen sie mit einer Hierarchisierung zu Gunsten von Männlichkeit einher. Zugleich zeigen diese Untersuchungen, dass innerhalb der einzelnen Professionen von den Männern spezifische Männlichkeitsideale entworfen werden.“ (Sylka Scholz, ‚Hegemoniale Männlichkeit‘ – Innovatives Konzept oder Leerformel?, in: Hella Hertzfeldt / Katrin Schäfgen / Silke Veth [Hg.], Geschlechterverhältnisse. Analysen aus Wissenschaft, Politik und Praxis. rls Texte Bd. 18, Dietz: Berlin, 2004, 33 - 45 [37]; https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Texte_18.pdf; meine Hv.)

 

  • Regine Gildemeister / Angelika Wetterer, Wie Geschlechter
    gemacht werden
    . Die soziale Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit und ihre Reifizierung in der Frauenforschung, in: Gudrun-Axeli Knapp / Angelika Wetterer (Hg.): Kore: Traditionen Brüche, Freiburg (i. Br.), 1992, 201 - 254.

  • Margaret Maruani, Die gewöhnliche Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt, in: Irene Dölling / Beate Krais (Hg.): Ein alltägliches Spiel. Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis, Suhrkamp: Frankfurt am Main, 1997, 48 - 74.

  • Aylã Neusel / Angelika Wetterer (Hg.), Vielfältige Verschiedenheiten. Geschlechterverhältnisse in Studium, Hochschule und Beruf, Campus: Frankfurt am Main/ New York, 1999.

29

  • Frigga Haug, Frauen – Opfer oder Täter? Über das Verhalten von Frauen, in: Das Argument H. 123, Sept./Okt. 1980, 643 - 649.

  • Christina Thürmer-Rohr, Aus der Täuschung in die Ent-Täuschung. Zur Mittäterschaft von Frauen, in: dies., Vagabundinnen. Feministische Essays, Fischer: Frankfurt am Main, 1999 (1. Auflage: Orlanda Frauenverlag: [West]Berlin, 1987, 38 - 56; als Zeitschriften-Aufsatz zuerst: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis 1983, 11 - 25).

30 Daß Marx21 nicht Männer – nicht einmal in Bezug auf die Hausarbeit –, sondern „die Kapitalisten“ als die Herrschenden (und Ausbeutenden) im Geschlechterverhältnis ansieht, wird auch in dem Artikel „Brot und Rosen – Für einen Feminismus der 99 Prozent!“ deutlich:

„Streiks verfehlen jedoch dort ihren zwingenden Charakter, wo sie die unbezahlte ‚Hausarbeit‘ betreffen, insbesondere bei der großen Gruppe alleinerziehender Frauen. Ob die männlichen Partner die ausgefallene Arbeit ausgleichen oder nicht – ein Schaden für die Kapitalisten entsteht so nicht. Im schlechteren Fall bleibt die Arbeit liegen. Um zu gewinnen, muss die Frauenbewegung ihre Wurzeln in den Gewerkschaften stärken und den Streik letztlich dorthin tragen, wo er den Herrschenden weh tut – in die Betriebe.“ (https://www.marx21.de/brot-und-rosen-fuer-einen-feminismus-der-99-prozent)

Außerdem wird in dem Artikel – nach dem Kontext zu urteilen: befriedigt – festgestellt: „Die Aufrufe und die Mobilisierungen zum ‚Frauenstreik‘ haben den Internationalen Frauentag wieder näher zu seinen fast vergessenen historischen Wurzeln der sozialistischen Frauenbewegung gebracht.“

Dies macht deutlich: Marx21 will Frauen hinter die theoretischen und politischen Errungenschaften der Neuen Frauenbewegung seit 1968 zurück zur marxistischen „Frauenfrage“ zerren, die heute etikette-schwindlerisch als „Feminismus“ bezeichnet wird. Vgl. dagegen krit. zu manchen

31 In den imperialistischen Metropolen sind Frauen zwar mittlerweile juristisch weitgehend gleich frei wie Männer; trotzdem sind sie aufgrund der größeren Belastung mit Haus- und Erziehungsarbeit faktisch weiterhin nicht gleich frei wie Männer, ihre Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt als Ware anzubieten.

32 Dagegen scheint mir richtig zu sein, daß hinsichtlich der begrifflichen Klassifizierung geschehener Handlungen und getätigter Äußerungen von einem inter-subjektiven Begriffsverständnis ausgegangen wird, und daß auf Äußerungen anders reagiert wird als auf Gewalt und folglich auch zwischen Gewalt und Äußerungen unterschieden wird.

33 „von der Realität männlicher Gewalt ausgehen, also die Tatsache der Gewalt anerkennen und um ihre Ausprägungen wissen, statt die Beweislast (für vorhandenes empirisches Wissen) der Frau zu übertragen. […]. einen empirischen Gewaltbegriff zugrundelegen, der von andauernden Akten der Unterwerfung ausgeht.“ (https://www.streit-fem.de/readDocumentPDF.php?file=tl_files/streit-fem/documents/Archiv-Forderungskatalog.pdf; längere Fassung: https://www.streit-fem.de/readDocumentPDF.php?file=tl_files/streit-fem/documents/1257009376.pdf, S. 3)

34 Für weitere organisatorische Vorschläge siehe den Abschnitt „Organisierung“ (insb. These 11 [S. 25 f.]) meines Textes „Ein umgedrehter Spieß. Zwanzig Thesen zum 1. Mai 2018“ (https://de.indymedia.org/sites/default/files/2018/05/Th_ad_fem_Kampf_kontra_pat_GV__mit_FN__FIN_1-5-18.pdf, S. 22 - 26).

35 „Wichtig beim Konzept der Transformativen Gerechtigkeit ist der Ansatz, Alternativen zur Strafjustiz in Fällen von zwischenmenschlicher Gewalt zu finden. So beinhaltet der Ansatz eine Kritik an der strafenden Justiz.“ (meine Hv.)

36 https://marxwirklichstudieren.files.wordpress.com/2012/11/mew_band19.pdf, S. 26

37 Vgl. zur Kritik der Parole, Frauenkampf heiße Klassenkampf, den Text der Gruppe Revolutionäre Perspektiven Berlin aus dem August 2016: „Frauenkampf heißt Klassenkampf?“; https://perspektive.nostate.net/files/feminismus_2016_positionierung.pdf. Die Gruppe vertritt folgende Gegenthese: „Wir denken es ist wichtig, feministische Kämpfe gegen das Patriarchat und Klassenkämpfe aufeinander zu beziehen, ohne den einen Kampf dem anderen unterzuordnen.“

38 „Das Wort erlangte im Deutschen ab 1998 eine größere Bekanntheit, als der damalige Bundeskanzlerkandidat Gerhard Schröder eine Ministerin suchte für das ‚Bundesministerium Familie, Senioren, Frauen und Jugend‘, das er ‚Familie und das andere Gedöns‘ nannte, […]. Es gibt unterschiedliche Versionen, wo und wann exakt er den Begriff prägte.[3][4]“ (https://de.wiktionary.org/w/index.php?title=Ged%C3%B6ns&oldid=9083454; siehe außer den dort verlinkten Quellen auch noch: https://www.sueddeutsche.de/politik/schroeders-sprueche-familie-und-das-ganze-gedoens-1.2658859)







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