Der Film zu Julian Assange: Ithaka

09.08.22
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Von Craig Murray (übersetzt und eingeleitet von Daniela Lobmueh)

US-Justiz und Londoner Regierung verletzen die Menschenrechte von Julian Assange, Leitmedien schweigen dazu, Craig Murray berichtet darüber in seinem Tagebuch (einige hoffentlich erklärende Einschübe von mir in Klammern).

Ithaka

Abseits des (in London grassierenden) Tory-Geschwätzes darüber, wer der "weltweit führende" Soziopath sein wird (bezieht sich vermutlich auf Propaganda gegen Russland und China?), habe ich die letzten beiden Abende in der Gesellschaft anständiger Menschen verbracht. John und Gabriel Shipton, Julians Vater und Bruder, waren in Glasgow und Edinburgh zur Vorführung von "Ithaka", dem Dokumentarfilm, der den Kampf der Familie von Julian Assange für seine Freilassung verfolgt. Ich habe die Fragen und Antworten moderiert.

Vielleicht haben wir auch den einen oder anderen Pub besucht.

Ithaka ist herzzerreißend und hat eine wichtige Botschaft, indem er Julian nach über einem Jahrzehnt konzertierter (ich verwende dieses Wort mit Bedacht) Propaganda, die darauf abzielte, ihn zu entmenschlichen, wieder menschlich macht. Die schiere Niedertracht der außergewöhnlichen Lügen, die von den Mainstream-Medien über seine persönliche Hygiene verbreitet wurden - Toiletten wurden nicht gespült und sogar die Wände der Botschaft mit Exkrementen beschmiert - ist etwas, das direkt aus dem Goebbels'schen Spielbuch stammt.

Das kalte Kalkül hinter Assanges Behandlung in den letzten Monaten in der Botschaft, als ihm der Zugang zum Waschen und Rasieren verwehrt wurde, um das scheinbare Monster für die Fotos seiner Verhaftung zu produzieren, ist ein wahres Beispiel für die Entfaltung des Bösen.

Zwei Tage vor seiner Ausweisung rief ich in der Botschaft an und sprach mit dem Ersten Sekretär (ein Gespräch, das ich aufgezeichnet habe). Ich erklärte ihm, dass, wenn Julian nicht mehr willkommen sei, sie es nur zu sagen bräuchten und er sich freiwillig auf die Polizeiwache begeben würde. Stattdessen hatten wir dieses kalkulierte Theaterstück.

Abgesehen von der Präsentation konnten sie so auch alle Besitztümer von Julian einbehalten, einschließlich all seiner juristischen Unterlagen, die dem Anwaltsgeheimnis unterliegen und seine Verteidigung betreffen. Wie wir bei der Auslieferungsanhörung gehört haben, wurden alle diese Papiere nach Quito gebracht und dann der CIA übergeben. Dies wurde von den Anwälten der US-Regierung zugegeben, die behaupteten, dass "chinesische Mauern" - ein direktes Zitat - innerhalb der US-Regierung die CIA daran hinderten, irgendwelche dieser Informationen an das Justizministerium weiterzugeben, das den Fall leitet.

Wenn Sie das glauben, muss ich Ihnen eine Brücke verkaufen. Tatsache ist jedoch, dass es die US-Regierung ist, die einen Auslieferungsantrag stellt, und die US-Regierung hat die juristischen Unterlagen der anderen Partei in diesem Fall gestohlen. In jedem anderen Fall würde dies dazu führen, dass der Fall sofort eingestellt wird.

Wenn man dies zusammen mit der Tatsache betrachtet, dass das Auslieferungsabkommen ausdrücklich die Auslieferung aus politischen Gründen verbietet, dass der Hauptzeuge der US-Regierung ein verurteilter Betrüger und Pädophiler ist, der für seine Aussagen bezahlt wurde (was er inzwischen abgestritten hat), und dass in den USA noch nie ein Journalist wegen Spionage angeklagt wurde, beginnt man zu verstehen, wie tief die staatliche Verderbtheit ist, die Julian seit vier Geburtstagen im strengsten Sicherheitsgefängnis des Vereinigten Königreichs festhält.

Ich fand dies merkwürdig. Mike Pompeo, ehemaliger US-Außenminister, der das Komplott zur Entführung oder möglichen Ermordung von Julian in der ecuadorianischen Botschaft beaufsichtigte, rief Priti Patel am 30. Juni an, kurz nachdem sie den Haftbefehl gegen Julian unterzeichnet hatte und auch kurz nachdem Pompeo von einem spanischen Gericht vorgeladen worden war, um über das Komplott auszusagen.  (Twitter mit Bild von Patel & Pompeo, grinsend)

Dieses Foto ist ungewöhnlicher, als man auf den ersten Blick meinen könnte. Mit einem Demokraten im Weißen Haus ist es äußerst selten, dass ein hochrangiger britischer Kabinettsminister, der in offizieller Funktion handelt, offen seine Freundschaft mit hochrangigen Republikanern aus der unterlegenen Regierung zur Schau stellt und offizielle Treffen mit ihnen abhält.

Pompeo ist jetzt ein Privatmann. Er könnte Patel natürlich als Freund in ihrem Haus treffen - aber offiziell, im Innenministerium? So etwas wird eigentlich nicht gemacht, oder wenn es ausnahmsweise nötig ist, dann geschieht es im Stillen.

Was haben sie im Innenministerium besprochen?

Hier ist noch etwas ganz anderes merkwürdig. Wie das Wall Street Journal berichtet, hat Priti Patel die US-Regierung gebeten, ihr öffentlich zu gratulieren, weil sie der Auslieferung von Julian Assange zugestimmt hat:

    Nach der Entscheidung von Frau Patel am 17. Juni fragte beispielsweise ein britischer Beamter bei der US-Botschaft in London an, ob Beamte dort oder im Justizministerium eine Erklärung abgeben könnten, in der sie die Entscheidung von Frau Patel begrüßen und hinzufügen, dass sie eine solche Unterstützung zu schätzen wüsste, so Personen, die mit der Anfrage vertraut sind.
    Das Justizministerium lehnte es ab, eine solche Erklärung abzugeben,

Diese Auslieferung hat einen sehr seltsamen Beigeschmack.

Der Film Ithaka ist weder eine Sezierung der rechtlichen Fragen noch eine ausführliche Darstellung des Falls Assange. Er konzentriert sich vielmehr auf die verheerenden Auswirkungen seiner grausamen Inhaftierung auf seine Familie, sowohl auf seine Frau und seine Kinder als auch auf seinen Vater John Shipton.

Johns persönlicher Kreuzzug zur Rettung seines Sohnes steht dabei im Mittelpunkt. Der Einblick in die Grundlagen des Falles - dass der Mann, der am meisten zur Aufdeckung von Kriegsverbrechen beigetragen hat, der Mann ist, der eingesperrt und gefoltert wurde, und nicht die Leute, die die Kriegsverbrechen begangen haben - stammt hauptsächlich aus Interviews mit Professor Nils Melzer, dem damaligen UN-Sonderberichterstatter über Folter.

Sehen Sie sich den Film an, der von den Kritikern des Mainstream-Films hervorragende Kritiken erhalten hat. In den Fragerunden, die ich im Anschluss an den Film leite, fällt mir auf, wie viele tränenüberströmte Augen es gibt, wenn das Licht angeht, und wie schnell die Stimmung im Publikum von Trauer zu Wut wechselt. Es ist ein bemerkenswerter Film.

Lassen Sie mich meine eigenen Einsichten geben. Es handelt sich um einen technischen Film, der aus Tausenden von Stunden Filmmaterial zusammengeschnitten wurde. Während der verschiedenen Phasen der Auslieferungsanhörungen wurde ich persönlich über fünf Wochen lang jeden Tag für den Film mit dem Mikrofon aufgenommen. Es wurden Dutzende von Stunden an Gesprächen zwischen John und mir aufgezeichnet, von denen keine einzige Sekunde in den Film gelangte.

Das ist absolut keine Beschwerde, Sie sehen mehr als genug von mir. Es ist lediglich eine Veranschaulichung der bemerkenswerten Technik, mit der dieser Film heruntergeschnitten wurde. Über tausend Stunden wurden auf dem Boden des Schneideraums liegen gelassen, um nur zwei im Film zu haben.

Das gibt dem Regisseur Ben Lawrence und seinem Cutter natürlich enorme Möglichkeiten, die Erzählung durch Auswahl zu gestalten. Ben hat sich dafür entschieden, die Trostlosigkeit von Julians Isolation zu illustrieren, indem er die Einsamkeit von Johns und Stellas Suche betont. Ich bin sicher, dass dies künstlerisch sinnvoll ist und eine echte Wahrheit darstellt - niemand kann die Verzweiflung der Familie wirklich teilen, und in der langen dunklen Nacht der Seele sind sie allein.

Aber ich möchte Ihnen versichern, dass die Familien von einer Gruppe wirklich liebevoller und fürsorglicher Menschen umgeben sind und unterstützt werden, die sich sehr viel stärker engagieren als ich selbst. Sie werden im Film aus Gründen der erzählerischen Auswahl nicht in den Vordergrund gestellt, aber sie existieren und sie wissen, dass sie die ewige Dankbarkeit von Julian und seiner ganzen Familie und vielen von uns anderen haben.

Ich würde noch hinzufügen, dass John Shiptons eklektischer Geist und seine tief philosophische Natur wunderbar zur Geltung kommen, aber sein immenser Charme und auch seine große Freude an sozialer Gesellschaft kommen auf der Leinwand vielleicht nicht so gut rüber. Ben hat sich auf die kantigeren Seiten von Johns Wesen konzentriert.

All das schmälert in keiner Weise das Erlebnis eines hervorragenden Films von Ben Lawrence, der von Julians ruhigerem, aber sehr talentiertem Bruder Gabriel produziert wurde. Zweifelsohne hat sich die öffentliche Wahrnehmung bereits zu Julians Gunsten verändert. Sehen Sie sich den Film nicht nur an, sondern nehmen Sie jemanden mit, dem die Augen für die Wahrheit geöffnet werden könnten. Craig Murray 10.Juli 2022

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Vorgeschichte: London inhaftierte Assange-Unterstützer Murray

Assange hat viele Freunde in Großbritannien, darunter den Britischen Ex-Botschafter  Craig Murray, der durch seinen Status dem Assange-Prozess folgen konnte. Der Zugang zum Gericht war streng reglementiert und nur wenige Beobachter waren zugelassen. Murray wurde durch seine Berichte zu einer wichtigen Quelle und prangerte die wenig rechtsstaatliche Prozessführung wiederholt an. Bis er 2021 selbst inhaftiert wurde.

Offizieller Grund für die Inhaftierung des zu ehrlichen Assange-Prozessbeobachters Craig Murray war die Verletzung des Verbots der Ermöglichung von "jigsaw identification": Murray soll bei seiner Berichterstattung in einem ganz anderen politischen Prozess so viele Details über die (angeblichen) Opfer genannt haben, dass deren Identifikation möglich sei. Murrays Verteidigung, andere Journalisten hätten mehr Details ausgeplaudert als er, wischte das Gericht vom Tisch und inhaftierte mit dem Justiz-Kritiker Murray sogar erstmals einen Journalisten wegen dieses Straftatbestands, so die Murray-Unterstützer 2021.

Ohne Murrays Berichte, die von den Leitmedien weitgehend ignoriert wurden, hätte die Welt weit weniger vom Assange-Prozess mitbekommen: Von den Aussagen der Zeugen der Verteidigung, den Friedensforschern und Presseexperten, die den US-Ankläger Lügen straften, der Wikileaks abkanzeln wollte, von der Vernehmung des Pentagon-Whistleblowers Daniel Ellsberg und des bekannten „Spiegel“-Redakteurs John Goetz oder des deutschen Vorzeige-Journalisten Jakob Augstein, die für den Wikileaks-Gründer Zeugnis ablegten. Ohne kleine Politblogs hätten wir wenig erfahren von Unrechtsjustiz und Staatsverbrechen, von den Einlassungen erfahrener Nahost-Korrespondenten  und von der Verweigerung weiterer Beweisaufnahme durch die desolate britische Justiz, die dem politisch Verfolgten einen kurzen Prozess machen wollte.

Einmalig dürfte in so einem bedeutsamen Prozess auch sein, dass ein wichtiger Zeuge der Anklage seine Beeinflussung durch die Ankläger, darunter die gröbsten Juristen, die die US-Justiz aufbieten konnte, eingestehen musste. So geschehen aber im Fall Assange im Prozess von Belmarsh, wo herauskam, dass US-Geheimdienste besagten Zeugen, einen isländischen Kriminellen,  bei Wikileaks einschleusten und später zu Falschaussagen gegen Assange motivierten. Die Londoner Justiz sah darüber hinweg und, so kritische Prozessbeobachter wie Nils Melzer und Murray, akzeptierte weitere absurde Beschuldigungen der US-Regierung gegen den Wikileaks-Gründer als rechtswirksam.

Es war ein absurder Schauprozess gegen einen kritischen Journalisten, der als politischer Gefangener abgeurteilt werden sollte. An Julian Assange soll ein brutales Exempel statuiert werden, zur Einschüchterung aller kritischen Medien, die es wagen ihre Stimme gegen die Machenschaften der Machteliten des Westens zu erheben. Jener Machteliten, die ihren Deep State durch beflissene Leitmedien zur Verschwörungstheorie erklären und ihre von Assange enthüllten Kriegsverbrechen vertuschen wollen. 

Quellen:

Ithaka

https://www.craigmurray.org.uk/archives/2022/07/ithaka/

 

Melzer, Nils,  Der Fall Julian Assange: Geschichte einer Verfolgung, Piper-Verlag Frankfurt 2020 https://www.piper.de/buecher/der-fall-julian-assange-isbn-978-3-492-07076-8

 

Rueger, Gerd R.: Kampagne gegen WikiLeaks? Die TV-Dokumentation “WikiLeaks – Geheimnisse und Lügen”, Berliner Gazette, 14.4.2012, http://berlinergazette.de/tv-doku-wikileaks-the-guardian/#more-29944

Sembdner, Ina, USA gegen Assange: Rache und Kalkül, Junge Welt 20.6.2022,

https://www.jungewelt.de/artikel/428700.usa-gegen-assange-rache-und-kalk%C3%BCl.html

 

Assange-Schauprozess: Unrechtsstaat wirft Nebelkerzen

https://www.demokratisch-links.de/assange-schauprozess-ii







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