Geldpolitik vor dem Bankrott?

09.12.22
DebatteDebatte, Wirtschaft, Krisendebatte, TopNews 

 

Von Tomasz Konicz

Ein Überblick über die Widersprüche bürgerlicher Krisenpolitik in der aktuellen Stagflationsphase. (Erster Teil einer Serie zum derzeitigen Krisenschub)

Können wir uns Geld überhaupt noch leisten? Oder, anders gefragt: Bekommt die Politik die Teuerung endlich in den Griff? Die New York Times sah Anfang November einen geldpolitischen Hoffnungsschimmer aufkommen, nach vielen Monaten beständig steigender Inflation.1 Laut den aktuellen Daten hat sich die Teuerung in den Vereinigten Staaten leicht abgeschwächt, was eine „willkommene Nachricht für Federal Reserve wie für das Weiße Haus“ sei. Demnach hat sich der Preisauftrieb von 8,2 Prozent im September auf 7,7 Prozent im vergangenen Oktober verlangsamt – prognostiziert waren 7,9 Prozent. Die „Kerninflation“, bei der die Preissteigerungen für Energie und Lebensmittel herausgerechnet werden, schwächte sich im selben Zeitraum ebenfalls von 6,6 auf 6,3 Prozent ab.

Die Zinserhöhungen durch die US-Notenbank Fed, die den Leitzins binnen dieses Jahres von 0,25 auf bis zu vier Prozent erhöhte, scheinen somit Wirkung zu zeigen.2 Und das Ende der monetären Fahnenstange ist offensichtlich noch nicht erreicht worden. US-Notenbanker ließen durchblicken, dass die Leitzinsen auf ein Niveau von 4,75 bis 5,25 Prozent angehoben werden müssen, um die Teuerung endlich in den Griff zu bekommen.3 Eine „Pause“ sei bei den raschen Zinserhöhungen – dem schnellsten Zinsanstieg seit dem Kampf gegen die Stagflation4 in den frühen 80ern – nicht vorgesehen, erklärten Fed-Vertreter gegenüber US-Medien. Damit scheint der langfristige, in den 80ern eingeleitete5 Trend zur Absenkung des Zinsniveaus6 revidiert, mit dem Wirtschaft und Finanzsphäre von der Geldpolitik stimuliert und stabilisiert werden mussten.

Einen Fed-Leitzins von mehr als fünf Prozent gab es zuletzt 2008, auf dem Höhepunkt der Immobilienblase in den USA und der EU. Hiernach herrschte faktisch eine Nullzinspolitik, die im Rahmen der Krisenbekämpfung nach dem Platzen der Blase implementiert wurde. Versuche, die Leitzinsen anzuheben (2019 auf mehr als zwei Prozent), mussten nach dem Ausbruch der Pandemie (2020) aufgegeben werden.

Neben den raschen Leitzinserhöhungen ist es die „monetäre Straffung“ der Notenbank Fed, die dazu beitragen soll, den Preisauftrieb in den Vereinigten Staaten wieder unter Kontrolle zu bringen. Zur Erinnerung: Das Weltfinanzsystem musste im Gefolge der großen Krisenschübe des 21. Jahrhunderts mittels der berüchtigten quantitativen Lockerungen stabilisiert werden, bei denen die Notenbanken faktisch Geld druckten, indem sie Wertpapiere und Staatsanleihen auf den Finanzmärkten aufkauften, um so diesen zusätzliche Liquidität zuzuführen. Die durch Aufkäufe von Finanzmarktwaren generierte Liquidität ließ die Preise steigen – in der Finanzsphäre. Der Umfang dieser Liquiditätsspritzen, die in der vergangenen Dekade maßgeblich zur temporären Stabilisierung des in einer Liquiditätsblase verfangenen Weltfinanzsystems beitrugen, lässt sich ganz einfach an den Bilanzsummen der Notenbanken ablesen.

Kurze Geschichte des „Zentralbankkapitalismus“

Den Beginn des „Zentralbankkapitalismus“7 markiert die 2008 in den USA und Europa geplatzte Immobilienblase,8 bei der das Weltfinanzsystem mit hypothekenverbrieften Schrottpapieren überschwemmt wurde und – nach der Pleite von Lehman Brothers – in eine Schockstarre überging, die das gesamte Weltsystem bedrohte. Was tun? Aus der Not heraus fing die Fed ab dem Februar 2009 an, diesen Finanzmarktmüll aufzukaufen, um die Kreditvergabe in der „eingefrorenen“ Finanzsphäre wieder in Gang zu bringen. Schon Mitte 2010 hat die Fed mehr als 1,1 Billionen Dollar (das sind 1100 Milliarden) „gedruckt“ und der Finanzsphäre zugeführt, um diese „Mortgage Backed Securities“ (MBS), bei denen auf dem Höhepunkt der Immobilienblase Hypotheken unterschiedlicher Bonität gebündelt wurden, aufzukaufen.

Und diese quasi spontane Krisenreaktion verstetigte sich, ähnlich der Nullzinspolitik, zu einer neuen, politischen Richtlinie, quasi zu einer neuen politischen Konstante, bei der die Notenbanken immer größere Mengen an „Wertpapieren“ in ihren Bilanzen halten.9 Die MBS sind folglich nie wieder – trotz etlicher Anläufe, sie abzustoßen – aus der Bilanz der Fed verschwunden. Der Nennwert dieser Hypothekenverbriefungen stieg sogar langfristig von rund 1,1 Billionen 2010, über mehr als 1,7 Billionen 2016, bis auf 2,7 Billionen im Frühjahr 2022. Versuche, die MBS in der Fed-Bilanz zu reduzieren, führten entweder zu Destabilisierung der Finanzmärkte, sodass sie abgebrochen werden mussten, oder sie wurden – mit dem Ausbruch der Pandemie – von Krisenschüben unterbrochen. Damit wurden die Notenbanken faktisch zu Gefangenen der Liquiditätsblase10, die sie selber in Reaktion auf den Krisenschub von 2007/08 hervorbrachten.

Der drohende Kollaps des Weltfinanzsystems im Gefolge des Immobilienkrachs (Pleite von Lehman Brothers 2008 samt anschließendem „Einfrieren“ der Weltfinanzmärkte) konnte somit nur um den Preis einer erneuten Blasenbildung, letztendlich durch einen Blasentransfer von der Immobilien- zur Liquiditätsblase abgewendet werden. Damit ist die Geldpolitik, die mittels MBS-Aufkäufen den Immobilienmarkt stütze, auch zur zentralen Konjunkturstütze geworden, da der Immobiliensektor einen wichtigen Wirtschaftsfaktor darstellt. Die Spekulationsexzesse in der Finanzsphäre fungieren somit als Konjunkturtreiber für die reale Wirtschaft, da beispielsweise die Immobilienblase in den USA und der EU mit einer starken, letztlich kreditfinanzierten Konjunktur auf dem Bausektor einherging. In Spanien herrschte auf dem Höhepunkt des Spekulationsfiebers ein regelrechter Arbeitskräftemangel, der Hunderttausenden von Arbeitsmigranten aus Bulgarien und Rumänien Verdienstmöglichkeiten im spanischen Bausektor verschaffte. Nach dem Platzen dieser Blasen herrschte auf der Iberischen Halbinsel hingegen eine Arbeitslosigkeit von mehr als 20 Prozent.11

Noch eindeutiger wird dieser Zusammenhang zwischen expansiver Geldpolitik der Notenbanken und konjunktureller Dynamik in der realen Wirtschaft bei der großen Liquiditätsblase,12 die das transatlantische Immobilienfieber ablöste. Die Käufe von Hypotheken-Papieren durch Notenbanken wurden bald überflügelt von den Aufkaufprogrammen für Staatsanleihen. Die US-Notenbank ging ab 2010 dazu über, umfassend die „Treasuries“ der US-Regierung aufzukaufen, was letztendlich der Finanzsphäre ihr abermaliges spekulatives Abheben13 und Washington die Konjunkturprogramme und Stuersenkungen vergangenen Dekade ermöglichte. Die Zahlen sind eindeutig:14 2007, kurz vor dem Zusammenbruch der Immobilienbonanza, hielt die Fed Staatsanleihen im Wert von rund 700 Milliarden Dollar, 2012 waren es schon mehr als 1,2 Billionen, 2016 gar knapp 2,5 Billionen. (Ähnlich verhält es sich in der Eurozone, wo die Aufkäufe von Staatsanleihen durch die EZB Gegenstand politischer Auseinandersetzungen zwischen der BRD und der südlichen Peripherie waren).15

Diesen Berg an Staatsschulden wollte die US-Geldpolitik ab 2018 langsam abbauen, sodass 2019 die Treasuries in der Bilanz der Fed sich „nur“ auf etwas mehr als 2 Billionen Dollar summierten. Dann kam die Pandemie, was den durch die Liquiditätsspritzen aufgeblähten Weltfinanzsektor, der aufgrund der 2018 eingeleiteten monetären Straffung ohnehin destabiliisert wurde, abermals in Schieflage brachte und die Weltkonjunktur durch das partielle Einfrieren der globalen Lieferketten abschmieren ließ. Der Geldpolitik blieb nichts anderes übrig, als die Gelddruckerei ins Extrem zu treiben: Mitte 2022 befanden sich US-Staatsschulden im „Wert“ von 5,7 Billionen Dollar in der Bilanz der US-Notenbank. Zugleich wurden wieder verstärkt MBS aufgekauft, sodass deren Volumen sich von 1,4 Billionen Ende 2019 auf mehr als 2,7 Billionen Mitte 2022 nahezu verdoppelte.

Es ist diese an Umfang gewinnende Gelddruckerei gewesen, die staatliche (Treasuries) und private Nachfrage (MBS) generierte und somit die Konjunktur und die Finanzsphäre belebte. Mitte 2022 ist die Bilanz der Fed auf insgesamt neun Billionen Dollar angeschwollen (hauptsächlich Staatsanleihen und Hypothekenpapiere).16 Die „Liquiditätsspritzen“, die dazu beitrugen, die Fed zu einer Art Müllhalde des Weltfinanzsystems zu verwandeln, haben die Konjunktur angetrieben. Und sie haben die Finanzmärkte um den Preis immer neuer Spekulationsexzesse – bis zur absurden Hausse mit Meme-Aktien17 – zeitweilig stabilisiert. Dies war nur deswegen möglich, weil die Inflation im Dollarraum, der ja immer noch als Weltleitwährung fungiert, niedrig blieb. Und die Teuerungsraten blieben nur deswegen niedrig, weil die Gelddruckerei der Notenbanken zu einer Inflation der Wertpapierpreise auf den Finanzmärkten im Rahmen der besagten Liquiditätsblase führte, die mit dem Ausbruch der Pandemie und der aufkommenden Inflation ein jähes Ende fand (Übrigens: Die Neo-Keynesianische „Neue Monetäre Theorie“,18 eine Art Querdenker-Sekte der Ökonomenzunft, brütete während der Liquiditätsblase, aufbauend auf diesem unverstandenen Zusammenhang zwischen expansiver Geldpolitik und Finanzmarktinflation, ihre absurde Krisenideologie aus, wonach Gelddruckerei nahezu unbegrenzt möglich sei, solange nicht Vollbeschäftigung herrsche).

Die eingangs erwähnte Inflation ist somit nicht nur auf die Pandemie, die voll einsetzende Klimakrise und den Krieg in der Ukraine zurückzuführen,19 sondern auch auf das Ende dieser Liquiditätsblase, bei der die durch Aufkaufprogramme generierte Liquidität aus der Finanzsphäre entweicht und nach handfesten, krisenbeständigen Anlagemöglichkeiten in der realen Welt sucht20 – und die Leitzinserhöhungen sind das einzige Mittel, das der Geldpolitik bleibt, um diesen Preisauftrieb zu bekämpfen.

Risse im Fundament

Erst vor diesem zeitgeschichtlichen Hintergrund wird die fundamentale Neuausrichtung der Geldpolitik voll verständlich, die nun von der US-Notenbank unternommen wird. Falls die Fed dies durchhält, käme dies einem Paradigmenwechsel gleich, der eine rund 14 Jahren andauernde Ära expansiver Geldpolitik beenden würde. Die Zinserhöhungen der Notenbank gehen mit der Reduzierung des „Wertpapierberges“ einher, den die Fed akkumulierte. Die Bilanzsumme der US-Notenbank ist inzwischen von ihrem Höchststand von 8,93 Billionen im Mai 2022 auf 8,62 Billionen reduziert worden.21 Dies geschieht nicht durch aktive Verkäufe auf den Finanzmärkten, sondern durch eine Reduzierung der Neuaufkäufe von fällig gewordenen Anleihen und MBS. Pro Monat sollen so Staatsanleihen im Wert von 60 Milliarden Dollar von der Fed nicht durch Neuaufkäufe ersetzt werden, was eine „vorhersehbare und geschmeidige“ Reduzierung der Bilanzsumme mit sich bringen solle, so die Notenbank.22 Bei MBS beträgt dieser Wert rund 35 Milliarden Dollar pro Monat.

Doch was bedeutet es für das faktische Rückgrat des Weltfinanzsystems,23 für den amerikanischen Anleihemarkt, wenn die US-Notenbank anfängt, weniger US-Staatsanleihen zu kaufen? Mitte November berichtete etwa die Financial Times (FT) über die zunehmenden „Risse im US-Anleihemarkt“, die im Gefolge der geldpolitischen Wende der Fed sichtbar würden.24 Demnach zeige der mit einem Volumen von 24 Billionen Dollar wichtigste Anleihemarkt der Welt inzwischen ähnliche Instabilitäten wie kurz nach Ausbruch der Pandemie, als die „Ängste vor einem Kollaps der Weltwirtschaft“ zu einem Einbruch der „Preise und Liquidität“ führten, warnte die FT. Im Klartext: Niemand wollte mehr US-Staatsschulden kaufen, sodass die Fed mit ihrer „quantitativen Lockerung“ einspringen musste.

Die Financial Times nennt dabei zwei Indikatoren, die inzwischen ein kritisches Krisenniveau, ähnlich dem im März 2020, erreicht hätten. Die Liquidität des Anleihemarktes sei eingebrochen, so dass es schwerfalle, größere Transaktionen abzuwickeln. Demnach falle es Brokern inzwischen schwer, Bondpakete im Wert von 400 Millionen zu handeln, was zuvor einfach über den elektronischen Handel abgewickelt werden konnte. Zudem sei die Markttiefe rasch gesunken. Hiermit wird das Transaktionsvolumen gemessen, ab dem der Marktpreis beeinflusst werden kann. Im Frühjahr 2020, als das Finanzsystem angesichts der Pandemie kurzfristig in Schockstarre überging, konnten Transaktionen im Umfang weniger als 200 Millionen Dollar den Anleihepreis beeinflussen. Nach der abermaligen Runde von Anleihe-Aufkaufprogrammen der Fed ist die Markttiefe wieder auf mehr als 500 Millionen Dollar pro Transaktion geklettert, um nun, nach Einleitung der „monetären Straffung“ durch die Notenbank, abermals auf weniger als 200 Millionen abzustürzen.

Dabei hat sich das Gesamtvolumen des Marktes für die US-Treasuries im 21. Jahrhundert vervielfacht: von rund drei Billionen im Jahr 2000, über mehr als vier Billionen kurz vor dem Platzen der Immobilienblase 2007, bis zu knapp 16 Billionen am Vorabend der Pandemie, 2019. Derzeit beträgt das Marktvolumen, wie erwähnt, circa 24 Billionen. Die Anleihemärkte seien nun „ein fragiler Raum“, mit einer „furchtbaren Liquidität“, klagte ein Investmentbanker gegenüber der FT, was die „Chancen eines Finanzunfalls“ erhöhe. Mit anderen Worten: die Krisenanfälligkeit des Gesamtsystems nimmt rasch zu, nachdem ihm die „Liquiditätsspritzen“ der Notenbanken entzogen worden sind.

Dieses „Gefühl von Anfälligkeit“ auf dem Markt für US-Staatsanleihen stelle aber ein großes Problem für institutionelle Investoren wie Rentenfonds oder ausländische Regierungen dar, die ihr Geld für gewöhnlich in den als sicher und stabil geltenden Treasuries anlegten, so die FT. Der Markt für US-Staatsanleihen fungiert faktisch als das Fundament des Weltfinanzsystems, wo Geld mit der Aussicht auf sichere, niedrige Renditen von Großanlegern wie Rentenfonds oder Versicherungen investiert wird, die auf verlässliche Einnahmen angewiesen sind. Und dieses Fundament zeigt nun laut FT zunehmend „Risse“. Wenn die „Liquidität“ auf dem US-Anleihemarkt nicht mehr gegeben sei, dann impliziere das „auch etwas hinsichtlich der breiten Stabilität der Finanzmärkte“, erklärte ein Analyst gegenüber dem Londoner Wirtschaftsblatt.

Jede Großkrise auf dem Anleihemarkt werde eine Intervention der Notenbank nach sich ziehen, bemerkte hierzu die Financial Times, doch würde dies „nicht die Art von Stabilität und Sicherheit kommunizieren, auf die Investoren auf der ganzen Welt angewiesen“ seien. Vor allem würde diese „Intervention“ aber darauf hinauslaufen, die oben dargelegte „quantitative Straffung“ auszusetzen – und somit zur Gelddruckerei zurückzukehren, die gerade aufgrund der Inflation überwunden werden soll. Die Notenbanken scheinen somit in ihrer eigenen Liquiditätsblase gefangen zu sein,25 da das sich abzeichnende Ende der inflationstreibenden Gelddruckerei Risse aufkommen lässt im Fundament des Weltfinanzsystems.

Die Liquiditätsparty ist zu Ende

Die große geldpolitische Wende der Notenbanken, die mittels monetärer Straffungen die Ära der quantitativen Lockerungen hinter sich lassen müssen, hinterlässt auch auf den Immobilienmärkten ihre Spuren. Die dekadenlange Party, die Hausbesitzer dank der faktischen Nullzinspolitik der Notenbanken feiern konnten, neige sich ihrem Ende entgegen, meldete die Financial Times im Oktober. Die Umsätze auf den Immobilienmärkten in nahezu allen Ballungszentren der USA und Großbritanniens seien im Sinkflug begriffen, während die rasch steigenden Zinsen Sorgen vor zunehmenden Zahlungsausfällen wecken lassen.26 In Deutschland sollen die Hauspreise laut einer Studie des DIW um zehn Prozent fallen.27 Ähnliche Prognosen von „mehr als zehn Prozent“ Wertverlust werden für viele Großstädte in den USA, für Großbritannien und sogar den Großraum London getätigt.

Das Problem mit dem scheinbar moderaten Preisverfall besteht darin, dass er in einem inflationären Umfeld stattfindet. Aufgrund der allgemeinen Inflation von rund elf Prozent in Großbritannien summierte sich der reelle Fall der Immobilienpreise auf rund 25 Prozent, der höher wäre „als die schmerzhafte Korrektur nach der Finanzkrise“ von 2007/08, erläuterte die FT. Der wichtigste Unterschied zum damaligen Krisenschub ist hingegen in den sogenannten Subprime-Hypothekenpapieren zu verorten, bei denen Hauskäufer mit schlechter Bonität Hypotheken erhielten, die mit weiteren Hauskrediten gebündelt und als MBS auf den Märkten gehandelt wurden. Diese Hypothekenverbriefungen waren der wichtigste Faktor, der die Weltfinanzkrise ab 2008 eskalieren ließ – und sie sind diesmal kaum in der Finanzsphäre zu finden. Die größere diesbezügliche Stabilität des Immobilienmarktes kommt bei dem Anteil der Hausdarlehen mit geringem Eigenkapitalanteil von weniger als zehn Prozent zum Ausdruck: Auf dem Höhepunkt der Immobilienbonanza lag er in Großbritannien bei sieben Prozent, nun sind es vier Prozent.

Dennoch wird die Zinswende die Anfälligkeit des im Anschwung befindlichen Immobiliensektors und der korrespondierenden Finanzsphäre erhöhen, da die steigenden Zinsen die finanzielle Belastung in der Mittelklasse erhöhen werden und der Abschwung auf dem Immobilienmarkt diesmal nur ein Teilmoment der Krise ist – er tritt somit mit anderen Dynamiken in Wechselwirkung. Millionen von Hypothekennehmern mit variablen Zinssätzen müssen sich somit auf höhere Belastungen durch steigende Zinsen einstellen, während die konjunkturelle Vollbremsung zu rasch fallenden Einnahmen führt. In Großbritannien etwa soll der Lebensstandard in den kommenden zwei Jahren um 7,1 Prozent fallen, was den höchsten Einbruch in den letzten sechs Dekaden markieren würde.28

Die hohen Zinsen und die drohende Rezession im Gefolge der monetären Straffung destabilisieren somit die gesamte Finanzsphäre, die in der vergangenen Dekade mittels der Geldflut der Notenbanken auf Wachstumskurs gehalten wurde. In der Eurozone, wo die geldpolitischen Auseinandersetzungen zwischen dem deutschen Zentrum und der südlichen Peripherie seit der Eurokrise Tradition haben, musste die EZB angesichts dieser Widersprüche zu einem besonderen monetären Spagat ansetzen: Die Leitzinserhöhungen29 und das Ende der Anleiheaufkaufprogramme der EZB30 gingen einher mit dem Auflegen eines neuen Krisenprogramms, des Transmission Protection Instrument (TPI). Das TPI erlaubt es der EZB, im Notfall – sobald wieder der Zinsabstand zwischen deutschen und südeuropäischen Anleihen ansteigt und ein erneutes Auseinanderbrechen des Euroraums droht – abermals Staatsanleihen und Schuldpapiere des privaten Sektors in unbegrenztem Ausmaß aufzukaufen, um den Euro zu stabilisieren. Die europäischen Währungshüter wagen somit ihre monetäre Straffung nur mit einer Art Versicherungspolice, die ihnen notfalls abermalige Gelddruckerei ermöglicht.

Es sind nicht nur die Märkte für Staatsschulden, die, vor allem in der Eurozone,31 unter der akkumulierten Schuldenlast zusammenzubrechen drohen, auch bei den Unternehmensanleihen wird die Luft allmählich dünn, die Labilität und Anfälligkeit für externe Schocks nimmt zu. Die New York Times berichtete Mitte November über die angespannte Lage auf dem Markt für „Corporate Bonds“, wo laut Prognosen im kommenden Jahr 7,5 Prozent aller Anleihen mit geringer Bonität ausfallen könnten.32 Bei den Verbindlichkeiten von Privathaushalten sieht es nicht besser aus: Diese sind in der gegenwärtigen Stagflation in den USA um 15 Prozent angestiegen.33

Generell sind die vielen Schuldenblasen und Instabilitäten in der Finanzsphäre nur Ausdruck der global zunehmenden Schuldenlast, die von rund 200 Prozent der Weltwirtschaftsleistung zu Jahrhundertbeginn auf mehr als 350 im vergangenen Jahr anstieg. In den OECD-Ländern summiert sich dieser Schuldenberg auf 420 Prozent des BIP, in China sind es 330 Prozent.34 Mit jeder globalen Spekulationsblase wuchs diese Verschuldung weiter stark an, wobei ein großer Teil dieser Kredite gerade nicht für profitable Investitionen, sonder für Konsumausgaben aufgewendet wurde. Das System lief schlicht auf Pump – und es war gerade die expansive Geldpolitik, die diesen Schuldenturmbau auf den Weltfinanzmärkten ermöglichte.

Entscheidend für den Verlauf des derzeitigen Krisenschubs ist die sich nun entfaltende Wechselwirkung zwischen Inflation, konjunktureller Vollbremsung und der labilen Finanzsphäre. Die geldpolitische Wende zur monetären Straffung wird die Konjunktur abwürgen, da die Kreditkosten steigen werden, was wiederum auf den Finanzsektor in Gestalt drohender Kreditausfälle ausstrahlen wird. Reale Wirtschaft und Finanzsphäre können sich somit wechselseitig destabilisieren (mal ganz abgesehen von externen Krisenfaktoren, wie neuen klimabedingten Extremwetterereignissen, oder der Gefahr eines Großkrieges).

Die Krisenfalle

Der große Unterschied zum globalen Finanzkrach von 2008/09 und zum pandemiebedingten Krisenschub von 2020 besteht somit in der Inflation, die nun die übliche Krisenpolitik verhindert. Bislang konnten die Notenbanken schlicht die Zinsen senken und mittels quantitativer Lockerung frische Liquidität in den Finanzsektor pumpen, um die Folgen eines Krisenschubs abzufangen. Im Englischen Sprachraum gibt es die Redewendung „to kick the can further down the road“, mit der die kapitalistische Krisenpolitik der vergangenen zwei Dekaden gut umschrieben wird. Der innere Widerspruch eines faktisch auf Pump laufenden spätkapitalistischen Weltsystems, das ans seiner Produktivität erstickt, wurde durch immer neue Spekulationsdynamiken verschleppt und in immer größere Dimensionen getrieben.

Jede Schulden- und Finanzmarktblase wurde nach deren unweigerlichem Platzen durch einen Blasentransfer, durch Nullzinsen und expansive Geldpolitik, in eine weitere, noch größere Spekulationshausse überführt: von der im Jahr 2000 platzenden Internetaktienblase, über die Immobilienblase 2008, bis zur 2020 im Gefolge der Pandemie kollabierenden Liquiditätsblase. Dies ist nicht mehr ohne Weiteres möglich, die Politik findet sich in einer Sackgasse, in einer Krisenfalle,35 da die Inflationsbekämpfung eine straffe Geldpolitik fordert, während die zunehmende Finanzmarktinstabilität und die sich abzeichnende Rezession eigentlich eine lockere, expansive Geldpolitik nahelegen.

Die Notenbanken müssten somit zugleich expansive und straffe Geldpolitik betreiben, was nur auf die Aporie bürgerlicher Krisenpolitik in der Systemkrise verweist, die durch die Spekulations- und Verschuldungsexzesse im Rahmen der neoliberalen Finanzialisierung des Kapitalismus überbrückt wurde. Dieser grundlegende, durch die Bubble-Economy der letzten Jahrzehnte überbrückte Selbstwiderspruch der Krisenpolitik äußert sich inzwischen auch in Konflikten innerhalb der kapitalistischen Funktionseliten. Innerhalb der US-Notenbank Fed kämpfen in aller Öffentlichkeit zwei Fraktionen um den Krisenkurs.36 Während die monetaristischen „Falken“ der Inflationsbekämpfung Priorität einräumen, fordern die „Tauben“ eine Lockerung der geldpolitischen Daumenschrauben durch rasche Zinssenkungen, um die Krisenfolgen zu begrenzen und eine Eskalation zu verhindern.

Beide Seiten haben somit mit ihren Diagnosen am Krankenbett des Kapitals recht: Hohe Zinsen und straffe Geldpolitik würgen die Konjunktur ab und destabilisieren das System, während expansive Geldpolitik und quantitative Lockerungen die Inflation zusätzlich anheizen. Somit sind aber auch die „Therapien“ beider Fraktionen hinfällig. Diese sich seit Jahren abzeichnende Krisenfalle37 der Politik, die durch Blasenbildung auf den Finanzmärkten überbrückt wurde, könnte diesmal zuschnappen, sodass die politische Klasse nur noch den Verlauf der Systemkrise bestimmen kann: Wird die unausweichliche Entwertung des Kapitals die Verlaufsform einer Deflation oder Inflation annehmen?

Bislang gelang es den kapitalistischen Funktionseliten immer wieder, einen jeden Krisenschub in eine abermalige Blasenbildung zu überführen, den manifesten Entwertungsschub des Kapitals hinauszuzögern (the can was kicked further down the road). Doch das heißt nicht, dass diese Strategie der manifesten Krisenverzögerung – insbesondere aufgrund des inflationären Drucks – auch diesmal gelingen wird. Irgendwann bricht das globale Finanzkartenhaus zusammen, was, wie erwähnt, auch in Wechselwirkung mit externen, klimatischen oder geopolitischen, Faktoren geschehen kann.

Dass es diesmal einen harten konjunkturellen Einschlag geben könnte, legt ein zuverlässiger Frühindikator nahe: der linke Blödheitskoeffizient, laut dem sich der Marginalisierungsgrad von Krisentheorie innerhalb der deutschen Linken proportional zum latenten Entfaltungsgrad des kommenden Krisenschubes verhält. Kurz vor der nächsten Wirtschaftskrise will in der Szene niemand mehr was hören von irgendwelchen Krisen.38 Und das ist derzeit vollauf der Fall. Vom akademischen Schnösel bis zum linken Gewerkschaftsfunktionär will man nur noch über Umverteilung reden und soziale Demagogie betreiben, während die innere Schranke des Kapitals, das an seiner eigenen Produktivität erstickt,39 inzwischen schlichtweg geleugnet wird, da sie der intendierten opportunistischen Mitmacherei im Wege steht. Der nächste ökonomische Krisenschub dürfte somit kurz vor der Tür stehen, da auf die opportunistische Ignoranz40 deutscher Linker schon immer Verlass war.

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1 https://www.nytimes.com/2022/11/10/business/economy/october-inflation-data.html

2 https://de.statista.com/statistik/daten/studie/419455/umfrage/leitzins-der-zentralbank-der-usa/

3 https://www.cnbc.com/2022/11/16/feds-daly-sees-rates-rising-at-least-another-percentage-point-as-pausing-is-off-the-table.html

4 https://www.konicz.info/2021/11/16/zurueck-zur-stagflation/

5 https://www.statista.com/statistics/1338105/volcker-shock-interest-rates-unemployment-inflation/

6 https://www.statista.com/statistics/247941/federal-funds-rate-level-in-the-united-states/

7 https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/geldpolitik-2022/507732/zentralbankkapitalismus/

8 https://www.konicz.info/2006/11/30/platzt-die-blase-2/

9 https://www.stlouisfed.org/open-vault/2022/may/how-will-fed-reduce-balance-sheet

10 https://www.konicz.info/2018/02/05/gefangen-in-der-liquiditaetsblase/

11 https://www.konicz.info/2010/03/11/spanische-krankheit/

12 https://www.konicz.info/2015/09/09/anatomie-einer-liquiditaetsblase/

13 https://www.konicz.info/2021/04/13/oekonomie-im-zuckerrausch-weltfinanzsystem-in-einer-gigantischen-liquiditaetsblase/

14 https://www.stlouisfed.org/open-vault/2022/may/how-will-fed-reduce-balance-sheet

15 https://www.konicz.info/2022/06/11/fed-und-ezb-in-geldpolitischer-sackgasse/

16 https://fred.stlouisfed.org/series/WALCL

17 https://www.konicz.info/2021/01/30/hedge-fonds-gamestop-und-reddit-kleinanleger-die-grosse-blackrock-bonanza/

18 https://www.nd-aktuell.de/artikel/1146327.modernen-monetaeren-theorie-gelddrucken-bis-zur-vollbeschaeftigung.html

19 https://www.konicz.info/2022/07/27/ruhm-und-aehre/

20 https://www.konicz.info/2021/08/08/dreierlei-inflation/

21 https://fred.stlouisfed.org/series/WALCL

22 https://www.stlouisfed.org/open-vault/2022/may/how-will-fed-reduce-balance-sheet

23 https://www.konicz.info/2022/07/22/schuldenberge-in-bewegung/

24 https://www.ft.com/content/632411eb-c3fa-4351-a3b6-b0e30bdc0ef7

25 https://www.konicz.info/2018/02/05/gefangen-in-der-liquiditaetsblase/

26 https://www.ft.com/content/528500c8-7cfa-4aaf-9fca-7692aafeb9ce

27 https://www.faz.net/aktuell/finanzen/zinswende-immobilienwert-koennte-um-bis-zu-10-prozent-fallen-18482215.html

28 https://www.ft.com/content/5f081f77-ed30-4a06-864e-7e4cc3204017

29 https://www.ecb.europa.eu/press/pr/date/2022/html/ecb.mp221027~df1d778b84.de.html

30 https://www.derstandard.de/story/2000136438818/ezb-stoppt-ankaeufe-von-anleihen-was-sind-die-folgen

31 https://www.derstandard.de/story/2000136438818/ezb-stoppt-ankaeufe-von-anleihen-was-sind-die-folgen

32 https://www.nytimes.com/2022/11/10/business/economy/corporate-bonds-fed-interest-rates.html

33 https://www.cnbc.com/2022/11/16/credit-card-balances-jump-15percent-as-americans-fall-deeper-in-debt.html

34 https://www.marketwatch.com/story/high-debts-and-stagflation-have-set-the-stage-for-the-mother-of-all-financial-crises-11670004647

35 https://www.heise.de/tp/features/Politik-in-der-Krisenfalle-3390890.html

36 https://www.ft.com/content/2fc01b1e-fe5b-43b2-825f-bf6a3679a9fd

37 https://www.heise.de/tp/features/Politik-in-der-Krisenfalle-3390890.html

38 https://www.konicz.info/2020/12/09/der-linke-bloedheitskoeffizient/

39 https://oxiblog.de/die-mythen-der-krise/

40 https://www.konicz.info/2022/10/06/opportunismus-in-der-krise/







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