Erfolgreiche neue Anti-AKW-Bewegung in Belgien


Bilder: Jörg Schellenberg


20.09.11
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Von Walter Schumacher

Rund 2000 Atomgegner haben am 17.9. in Tihange/Ost-Belgien gegen das dortige AKW demonstriert. Die TeilnehmerInnen kamen aus Belgien und den umliegenden deutschen und niederländischen Regionen im Dreiländereck.
Bei einem Unfall in den drei Atommeiler alter Bauart könnten die Großstädte Lüttich (25 km Luftlinie), Maastricht (40 km) und Aachen (60 km) tödlich verstrahlt werden. Diese Demonstration war seit über dreißig Jahren die erste - und sie könnte das Wiedererstarken auch der belgischen Anti-AKW-Bewegung signalisieren.

Die Demonstration richtet sich gegen drei AKW-Blöcke, die die gleichen Probleme haben wie alle AKWs: Atommüll-Produktion, technische Alterung der Materialien, Bedienungsfehler, Gefahr durch Flugzeugabstürze1, Niedrigstrahlung, usw..

Aber Tihange bietet weitere Besonderheiten: drei AKWs vom Bautyp Fukushima
Die drei Atommeiler des AKW Tihange sind alte Siedewasserreaktoren, gebaut in den Jahren 1975/82/85. Sie sind vom gleichen Typ wie die Reaktoren in Fukushima mit den gleichen Schwachstellen wie in Japan. Der GAU in Fukushima wurde NICHT2 durch den Tsunami, sondern durch das vorherige Erdbeben ausgelöst. Der Wassereinbruch durch den Tsunami hat die ganze Situation letztlich nur noch weiter verschlimmert.
Dummerweise wurde das AKW-Tihange - wie Fukushima - auch auf einer tektonischen Kante ("Erdbebenspalte") gebaut, zwar nicht am Meer, aber an der Maas. Zwar gibt es hier keinen Tsunami, aber es gibt oberhalb Staudämme, die einem Erdbeben auch nicht unbedingt standhalten müssen.
Naturgegeben ist es auch in Tihange keineswegs sicher, dass Erdbeben dort immer brav unter der Stärke von 6,5 der Richter Skala bleiben werden. Erst 1992 bei Roermond (??? km) das letzte Erdbeben mit der Stärke 6.0 gegeben. Die Betreiber sind überzeugt, dass die Statik ihrer AKWs solch einem Erdbeben standhalten würden, währen die belgischen Aufsichtsbehörden sagen, dass das Werk nur für Erdbeben der Stärke 5,9 ausgelegt wäre. Solche Widersprüche erzeugen doch erhebliche Zweifel an der Sicherheit und Seriosität, weil zwischen beiden Werten der Faktor vier liegt, wenn man bedenkt, dass die Richterskala logarithmisch ist.

Tihange im Dreiländereck
Durch die Lage von Tihange im Dreiländereck B/D/NL und den hier vorherrschenden Westwinden wären bei einem AKW-Unfall drei Großstädte gefährdet. In dem betroffenen Gebiet wohnen ca. 1,5 Millionen Menschen, im 75 km Radius um die AKWs in Tihange sogar 5,9 Mio.

Wieso jetzt eine Demo nach über 30 Jahren "Ruhe"?
Während der Zeit der starken Anti-AKW-Bewegung (Mitte 70er/Anfang 80er Jahre) hatte es - ähnlich wie in Deutschland - auch in Belgien viel Widerstand gegeben. Nachdem aber die Reaktorblöcke einmal gebaut waren, hatte deren "strukturelle Gewalt" (wirklich gigantische Betonkolosse) den Widerstand überall kleiner gemacht und in Belgien ist er sogar weitestgehend zum Erliegen gekommen.

In Deutschland hatte es eine andere Entwicklung gegeben. Die AKW-Bewegung war kleiner geworden, aber hatte immer wieder erfolgreiche Aktionen organisiert. Und "Gorleben" war jedes Jahr Anlass für erhebliche gesellschaftliche Auseinandersetzungen um die Atomenergie.
Eine deutliche Erstarkung entstand durch die Aufkündigung des sog. "Atomkompromisses" durch die Bundesregierung. Aber der GAU in Fukushima hat der deutschen Anti-AKW-Bewegung dann einen sehr starken Auftrieb gegeben.


Zusammenarbeit der Anti-AKW-Gruppen in der Drei-Länder-Euregio
Bei den wöchentlichen (!) AKW-Aktionen in Aachen waren im Frühjahr auch belgische AtomgegnerInnen dazugestoßen. Dadurch motiviert, beschlossen diese belgische FreundInnen, eine Demonstration in Tihange zu organisieren. Die deutschen Anti-AKW-Gruppen haben das kräftig unterstützt, sodass in einer guten Zusammenarbeit eine wunderschöne Aktion entstanden ist.

Es herrschte eine große Bereitschaft für eine freundschaftliche und kollegiale Zusammenarbeit. Natürlich gab es die Sprachbarrieren. Bei allen größeren Treffen musste zwischen Deutsch/Französisch/Niederländisch hin- und hergeschaltet werden, was aber gemeinsam gut gelöst wurde.
Auch war die Kenntnis sowohl über die anderen Organisationen, die anderen politische Kulturen und auch die unterschiedliche Bündnispolitik in den verschiedenen Ländern gering.
Noch am schwierigsten war das Finden einer Gemeinsamkeit der inhaltlichen Parolen. In dem länderübergreifenden Bündnis3 gab es eine politische Spannweite von "AKWs sofort abschalten", den "deutschen Atomkompromiss" bzw. "das belgische Atomausstiegsgesetz akzeptieren" bis zu "AKWs abschalten sobald wie möglich".
Diese unterschiedlichen Positionen sind deutlicher Ausdruck der unterschiedlichen AKW-Diskussionsstände in den verschiedenen nationalen Gesellschaften. Viele deutsche AKW-GegnerInnen mussten hier erhebliche Zugeständnisse machen, um ein gemeinsames Handeln zu ermöglichen.
Letztlich wurden all diese Klippen gut gemeistert, so dass im Ergebnis eine tolle Aktion zustande gekommen ist. Bei der internen Schlussbesprechung stand ein riesiges, gegenseitiges Lob der beteiligten Organisatoren.

Die Mobilisierung
Die Mobilisierung lief individuell in den einzelnen Ländern. Nur in den deutsch-niederländischen Gebieten gab es gemeinsame Plakat- und Flugblattaktionen. Auch die Rundfunk- und Fernsehsender haben die Vorbereitungen erstaunlich positiv begleitet.
Sehr geholfen hat auch die Beistellung von Bussen für die Demo-Anreise. Die Busse wurden durch Spenden bzw. Bürgschaften vorfinanziert, sodass eine kostenlose Mitfahrt möglich war. Letztlich habe die gesammelten Spenden das Ganze komplett getragen!!

Eine erfolgreiche Aktion
Im Ergebnis war es ein Riesenerfolg! Fast 2000 Menschen kamen zusammen, die Hälfte aus Belgien, der andere Teil aus Deutschland (u.a. mit 6 Bussen). Aber auch aus den Niederlanden waren ca. 200 Menschen von weither (Bossele/Zeeland), aber auch aus der näheren Umgebung (Limburg) mit PKWs angereist.

Im Vorfeld hatte es wie üblich Verunsicherungsmaßnahmen durch die belgischen Behörden gegeben, was aber offensichtlich nicht verfangen hat. Leider hat die belgische Polizei die Demoroute aus der Stadt Huy herausgehalten. Es wurde vor "Chaoten" gewarnt usw.. Nichts von alledem.

Die belgische Polizei trat während der Demo & Kundgebung nur minimal in Erscheinung, hatte aber im Hintergrund Wasserwerfer und 12 Mannschaftswagen bereitgehalten. Die Atomkraftwerke waren militärisch abgesichert - notwendige Konsequenz der Atom-Technik, die durch ihr Gefährdungspotential grundsätzlich undemokratische "Sicherheitsstrukturen" erzeugt.

Auffällig war, wie "bunt" die Aktion war. So hatten viele mit Verkleidung/Schminke oder mit selbst gestalteten Schildern, aber auch mit vielen Fahnen zu einem bunten Bild beigetragen. Der Anteil dieser engagierten DemonstrantInnen war deutlich höher, als das bei anderen Demos zu beobachten ist. D.h. die TeilnehmerInnen waren zum großen Teil keine Mitläufer, sondern engagierte Menschen gegen die Atomenergie.

Übrigens wurden am gleichen Tag entlang der Grenzgebiete B/CH/D/F/Lux/NL in Fessenheim (1000 TeilnehmerInnen), Cattenom/Perl (500), Bure (400) und in Gronau (Urananreicherungsanlage, 200) demonstriert.

Ausblick
Am Jahrestag von Fukushima (Sonntag, der 11. März 2012) wird es in Tihange eine weitere internationale Demonstration und Kundgebung geben. Schwerpunkt der zukünftigen Agitation wird die Erdbebengefährdung von Tihange sein. Hier besteht eine deutliche Analogie zu dem GAU in Fukushima und wir glauben, dass eine Skandalisierung DIESER Erdbebengefahr ein wichtiger Hebel werden kann, um die belgische Atomindustrie zum Abschalten zu zwingen.
Wir hoffen alle, dass wir mit unseren Anti-Atom-Aktionen noch "rechtzeitig" erfolgreich sind, bevor eine Naturkatastrophe in unserer Region eine nukleare Katastrophe nach sich zieht.

Aachen, der 20.09.11
Walter Schumacher

1 Der Airport Liége (Luftlinie ???km) wurde erst kürzlich für Frachtverkehr stark ausgebaut und mittlerweile gibt es ein Vielfaches an Flugbewegung über Tihange, die beim Bau und der Genehmigung des AKWs nicht berücksichtigt wurden.

2 In der Presse wurde das nur im Kleingedruckten erwähnt, weshalb im öffentlichen Bewusstsein immer doch die irrige Annahme herrscht, dass erst der Tsunami den Gau ausgelöst hat. (siehe Süddeutsche vom )

3 Nucléaire, STOP ! nucleaire-stop.blogspot.com
 Inter-Environnement Wallonie www.iewonline.be
 Climaxi - actie voor een sociaal klimaat www.climaxi.be
 Aktionsbündnis gegen Atomenergie Aachen www.anti-akw-ac.de
 Landelijk Platform tegen Kernenergie www.stopkernenergie.nl







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