Umgang bei sexuellen Belästigungen auf transgenialen CSD

24.06.11
BewegungenBewegungen, Feminismus, Berlin, TopNews 

 

Von 'FeministIn für die Freiheit der Information'

Am Samstag, den 25. Juni findet in Berlin wieder der transgeniale CSD statt. Im Prinzip eine gute Sache: Ein bewegungs-orientierter bis autonomer Kontrapunkt gegen den Ku’damm-CSD [1] am gleichen Tag.
Nur: Wenn Ihr hingeht, verlaßt Euch ausschließlich auf Eure eigenen Kräfte. Im vergangenen Jahr gab es dort sexuelle Belästigungen, ohne daß Demo-OrdnerInnen oder andere -TeilnehmerInnen wirksam eingegriffen hätten. [2] Danach gab es Diskussionen, die aber zu keinem konkreten Ergebnis führten.
Auch diesmal lief die Vorbereitung kaum besser. An dieser Stelle und gut 24 Stunden vor Demo-Beginn ist nicht der Ort und die Zeit für Ursachenanalyse und die Frage nach politischer Verantwortlichkeit, die sicherlich nicht einseitig verteilt ist / nicht einseitig zu verteilen ist.
Hier können nur die grundlegenden faktischen Informationen berichtet werden. Ihre jeweiligen politischen und persönlichen Schlußfolgerungen können alle Zusammenhänge und einzelnen MitstreiterInnen ohnehin nur für sich ziehen.

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1. Am Dienstag der vergangenen Woche (14.6.) fand das erste Arbeitsgruppen-Treffen zum Thema OrdnerInnen/Awareness statt. Es gab ca. 10 TeilnehmerInnen, die kaum weitere Leute repräsentierten, teilweise aber selbst andere Funktionen während der Demo haben.

2. Am Mittwoch dieser Woche (22.6.) war das zweite Treffen; anscheinend waren weniger TeilnehmerInnen da. Bis gestern (Donnerstag) Nachmittag gab es nur 4 verbindliche Zusagen für die Übernahme entsprechender Aufgaben.
Insgesamt sucht die Vorbereitungsgruppe mindestens 10 Leute, was ist die Vorgabe der Bullen ist. Bullen hin oder her: Diese 10 Leute
(und selbst, wenn es am Ende mit Glück 30 Leute werden) sollen 10 Stunden abdecken vom Demo-Beginn um 14 h bis Kundgebungs-/Bühnenpro-gramm-/Show-Ende um 24 h.

Von den genannten Leuten müssen einige an den Lauti-Wagen darauf achten, daß keine Leute unter die Räder kommen. Sie können sich da also – sinnvollerweise und von Bullen wegen – nicht weg bewegen.

3. Weitere OrdnerInnen / Awareness-Leute werden nun via Facebook (!) gesucht. [3] Unklar ist, wie da ca. eine halbe Woche vor Demo-Beginn eine handlungsfähige Struktur (am Samstag ist Berliner CSD/tCSD-Wochenende) zustande kommen soll.

4. In einem mir bekannten und gestern verbreiteten Text mit den politischen Leitlinien für die OrdnerInnen/Awareness-Struktur heißt es:
„Rassistische, transphobe und sexistische Äusserungen und Verhaltensweisen gehören nicht hierher und sollten [!] durch gemeinsames Handeln unterbunden werden.“
Sexistisch kommt als letztes (obwohl das der konkrete Inhalt der Vorfälle des letzten Jahres war); das Wort „Belästigung“ wird vermieden und zu „Verhaltensweisen“ verharmlost. (In dem Facebook-Text ist sogar noch schwammiger von „schwierigen situationen“ die Rede.)
In dem mir vorliegenden Text heißt es des weiteren, daß die awareness-Struktur nur für den „NOTFALL“ (Großschreibung im Original) zur Verfügung stehe (was in Anbetracht des schlechten Vorbereitungsstandes verständlich ist), ansonsten sollen sich die Leute selbst kümmern.

5. Weiter heißt es in dem mir vorliegenden Text:
„Grundsätzlich gilt für unterstützende Personen:
Deeskalation, nicht Eskalation!
[...] Möglichst nicht körperlich werden. (Jegliche Berührung kann als Angriff empfunden werden, auch die vermeintlich beruhigende Berührung.)“
In dem Facebook-Text heißt es sogar strikt: „nicht körperlich werden!“ – Das Wort „möglichst“ steht dort nicht.

Sicherlich ist es richtig, auch auf sexuelle Belästigungen gleichermaßen entschlossen wie ruhig und besonnen zu reagieren.
Aber ohne zwischen Belästigern und Betroffenen zu unterscheiden, vor „Deeskalation“ [4], „Berührungen“ und körperlichen Auseinandersetzungen zu warnen, ist jedenfalls etwas anderes als feministische Parteilichkeit mit Betroffenen mit Betroffenen sexueller Belästigungen.

Auch wenn in dem mir vorliegenden Text zunächst, „sollten [aber auch dort schon Konjunktiv!, FFI] durch gemeinsames Handeln unterbunden werden“ steht – eine klare Ansage: „Belästiger fliegen raus“, sind weder die mir vorliegenden Leitlinien noch erst recht der Facebook-Text. Vielmehr ist dort impliziert gesagt, auch Belästiger sollen „beruhigt“, aber bitte nicht durch „Berührungen“ provoziert werden. Sicherlich geht es nicht darum, sie zu provozieren; aber es geht darum, mit möglichst wenig Störung durchzusetzen, daß sie die Veranstaltung verlassen.

So problematisch, wie dieser Stand der Dinge ist, so verständlich ist er, so wie die Sache vorher lief: Belästiger rauszuschmeißen ist ja auch nicht machbar mit Leuten, die via Facebook rekrutiert werden und eine Stunde vor der Demo eine „einführung zu awareness“ (Facebook-Text) erhalten, aber keine Chance haben, eine solche Situation, wie sie im letzten Jahr aufgetreten war, mal gedanklich oder besser noch im Rollenspiel durchzuspielen… Und entsprechend hilflos werden die OrdnerInnen auch diesmal sein.

6. Und als ob alldies noch nicht genug wäre, ist auch noch zu erwähnen: Bei der Abschlußkundgebung / bei dem anschließenden Straßenfest soll es einen Getränkestand einer location geben, von der Mitgliedern des Vorbereitungsplenums bekannt ist, daß der Besitzer meint(e), daß potentielle Taschendiebe und Belästiger nach Augenschein (!) zu erkennen sind, und daß es bei dieser ‚Diebstahlsprävention’ schon mehrfach zu rassistischen Einlaß- und Bedienpraxis kam. Auch nachdem diese Vorfälle in einer anderen Struktur diskutiert wurden, was in dazu führen soll, daß es demnächst eine antirassistische Schulung der Türsteher(Innen?) geben soll, hielt ein langjähriger Mitarbeiter der location gegenüber Plenums-Mitgliedern im Grundsatz an der ‚Diebstahlsprävention’ nach Augenschein fest.

Ich bedauere sehr, daß ich diese Informationen so spät bekannt mache. Der Entschluß fiel erst nach Diskussion mit GenossInnen, nachdem mir gestern der erwähnte Text mit den politischen Leitlinien für die OrdnerInnen-Tätigkeit bekannt wurde.
Noch mehr bedauere ich, daß dieses Problem auch noch mit anderen scharfen politischen und persönlichen Konflikten verquickt ist. Aber ich halte es in Verantwortung gegenüber etwaig weiteren Belästigten für notwendig, diese Informationen besser spät als gar nicht bekannt zu machen.

FeministIn für die Freiheit der Information

[1] https://www.facebook.com/notes/transgenialer-csd-2011/f%C3%BCr-viele-unbekannt-f%C3%BCr-andere-schnee-von-gestern-die-geschichte-des-transgenial/244955415518914.
[2] maedchenblog.blogsport.de/2010/06/28/sexuelle-belaestigungen-beim-transgenialen-csd-in-berlin/; de.indymedia.org/2010/07/285623.shtml.
[3] Siehe beigefügte screen shots.
[4] Die Kritik an dem Wort „Deeskalation“ ist zumindest der dort (http://theoriealspraxis.blogsport.de/2011/05/05/heute-5-5-11-17-h-queere-globalisierung-imperialen-begehrens/#fn1304697594963n) zitierten Person bekannt. 







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