Gronau: Betreiber der Urananreicherungsanlage Urenco meidet Kontakt mit russischer Umweltschützerin

18.05.11
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von Bernhard Clasen

Am 18. Mai besucht die russische Journalistin und Umweltschützerin Swetlana Slobina aus Angarsk am Baikal-See Gronau.

Swetlana Slobinas Heimatstadt Angarsk, ist lange Jahre Bestimmungsort von abgereichertem Uran aus der Urananreicherungsanlage Gronau gewesen.

Dort am Baikalsee lagert es nun unter offenem Himmel und bedroht die Gesundheit der Bevölkerung. Grund genug für die Umweltschützerin, der Firma URENCO Danke zu sagen für den Müll.

Doch ein Gespräch der Umweltschützerin mit dem Betreiber der Urananreicherungsanlage kommt nicht zustande, weigert sich doch die Firma mit fadenscheinigen Argumenten, Swetlana Slobina zu treffen.

In einem Gespräch mit Bernhard Clasen erklärt Swetlana Slobina die Hintergründe ihres Besuches.

Sie sind vor kurzem in Deutschland eingetroffen, wo Sie unter anderem auch Gronau besuchen. Warum?

Seit 1996 liefert die Firma Urenco, die in Gronau eine Urananreicherungsanlage betreibt, abgereichertes Uran nach Russland. Die Atomwirtschaft spricht hier gern von „Wertstoff der Zukunft“. Tatsächlich will man sich hier jedoch nur Atommülls entledigen, den keiner braucht. Von diesen Transporten ausländischen Atommülls nach Angarsk hat die Bevölkerung unserer Stadt jedoch erst 2006 erfahren. Meine Heimatstadt Angarsk am Baikalsee ist eine von vier Bestimmungsorten dieses abgereicherten Urans. Die anderen drei Orte sind geschlossene Städte. 10% dieses abgereicherten Urans will Urenco nach dessen Wiederaufbereitung wieder zurücknehmen, doch 90% verbleiben in Russland.

Ende 2009 sind die Transporte von abgereichertem Uran aus Deutschland nach Angarsk eingestellt worden. Ein Grund könnte sein, dass das „Elektro-Chemische Werk Angarsk“, das die Urananreicherungsanlage betreibt, auf seinem Gelände einfach keinen Platz mehr für weiteren Müll hat.

Wie sieht es denn in der Urananreicherungsanlage in Angarsk aus?

Ich bin am 22. April einer Einladung des Werkes gefolgt und habe es besucht. Man hat uns keine Geigerzähler gegeben, sogar das Personal, das uns durch die Räumlichkeiten führte, hatte keinen Geigerzähler bei sich. Deswegen können wir auch nicht sagen, wie groß die radioaktive Gefahr ist, die von diesem Werk ausgeht, das gerade einmal drei Kilometer von Wohnsiedlungen entfernt liegt. Ein ehemaliger Mitarbeiter der Urananreicherungsanlage hatte einmal berichtet, dass pro Jahr 100 – 150 Fässer von abgereichertem Uran, das unter offenem Himmel lagert, rissig würden. Diese Risse würden jedoch schnell wieder verschweißt, so der ehemalige Mitarbeiter. Wäre eine Verschweißung nicht mehr möglich, so diese Quelle, würde der Inhalt zeitnah in neue Fässer umgelagert. Doch ob dies stimmt, können wir leider nicht nachprüfen. Bei der Werksführung hat man uns keinen Zutritt zu der Lagerstätte von abgereichertem Uran gegeben. Die einzige Möglichkeit, zu schätzen, wie viel abgereichertes Uran in unserer Urananreicherungsanlage gelagert wird, bietet das Internet. Dort finden sich aus dem Kosmos aufgenommene Bilder, die zeigen, dass diese Lagerstätte größer ist als der restliche Teil des Betriebsgeländes.

Und wie steht die Bevölkerung zu dem ausländischen Atommüll in Angarsk?

Zunächst hatte die Anti-Atom-Bewegung in Angarsk nicht viele Unterstützer. Zwar galt die Arbeit im Kombinat immer als gefährlich, sie war aber mit einem gewissen Prestige für die Arbeiter verbunden. Lange Jahre hatte das Kombinat den Arbeitern und ihren Familien zahlreiche soziale Garantien gegeben. Das Werk hatte eigene Kindergärten, das Essen in der Kantine war gut und preisgünstig, Kinder von Mitarbeitern konnten in den Sommern kostenlos in Ferienlager fahren. Das Werk hatte eine Poliklinik, ein eigenes Krankenhaus, Fitness-Clubs und günstige Wohnungen für junge Familien. Doch seit der Umwandlung des Kombinats in eine Aktiengesellschaft 2008 zählt nur noch der Profit. Was nicht profitabel ist, wurde abgewickelt. Und so gibt es heute keine sozialen Angebote und Vergünstigungen mehr für die Arbeiter des Kombinats. Derzeit findet gerade eine „Verschlankung“ des Werkes statt, mit anderen Worten, es werden zahlreiche Arbeiter entlassen. Und so haben die Bewohner der Stadt immer mehr den Verdacht, dass das Kombinat bald nur noch Müllhalde für Atommüll sein wird.

Immer mehr Einwohner verlassen die Stadt. 2010 haben nach Angaben des Föderalen Migrationsdienstes 3108 Personen Angarsk den Rücken gekehrt. Und deren Zahl wächst. 2009 hatten nur 1843 Personen die Stadt verlassen. In den letzten acht Jahren ist die Bevölkerung um 13.353 Personen gesunken. Lebten 2002 noch 247 118 Einwohner in der Stadt, waren es 2010 nur noch 233 765.

Wie ist es um die Gesundheit der Bevölkerung bestellt?

Die Rate der Krebserkrankungen in unserer Stadt ist nicht minder ein Geheimnis wie die genaue Menge abgereicherten Urans, das in unserem Kombinat gelagert wird. Und in vielen Krankenberichten meidet man das Wort „Krebs“, schreibt liebt „Herzinfarkt“, „Niereninsuffizienz“ oder ähnliches. Vor einem Jahr entstand auf Initiative von Natalja Titowa, einer einfachen Bewohnerin von Angarsk, ein Hospiz. Und weil Natalja Titowa die Notwendigkeit eines Hospizes in Angarsk begründen musste, gab man ihr auch Zahlen der Krebserkrankungen, die unsere Einwohner schockierten. So wurde bekannt, dass in dem 46 Kilometer von Angarsk entfernten Irkutsk 1500 Fälle von Krebserkrankungen im vierten Stadium bekannt sind. Irkutsk hat eine Bevölkerung von 650.000. In Angarsk sind 1200 Fälle von Krebserkrankungen im vierten Stadium bekannt. Doch unsere Bevölkerung beträgt nur 240.000. Prozentual gerechnet bedeutet dies, dass in  Irkutsk 0,2% der Bevölkerung an Krebs im letzten Stadium erkrankt sind, in Angarsk hingegen 0,5%. Das ist mehr als doppelt so hoch.

Die deutsche Atomwirtschaft, und hier insbesondere „Urenco“, behauptet ja immer wieder, das abgereicherte Uran, das nach Russland geschickt worden ist, sei Wertstoff und nicht Müll. Nun, ich hatte mich im April mit dem Generaldirektor des „Elektro-Chemischen Werkes Angarsk“, Herrn Alexander Belousow, getroffen, das auch die Urananreicherungsanlage hier betreibt. Ihm habe ich folgende Frage gestellt: „Angenommen, Urenco bittet Sie, das aus Deutschland angelieferte abgereicherte Uran wieder zurückzuschicken, würden Sie das Uranhexafluorid dann wieder zurückgeben?“ „Ja, das würde ich machen“ war die Antwort von Herrn Belousow. Und nun würde ich gerne von der Firma Urenco wissen wollen, ob sie bereit wäre, das in Angarsk gelagerte abgereicherte Uran wieder zurückzunehmen. Und dann wird aus deren Antwort schnell klar, ob es sich bei dem Uranhexafluorid um Wertstoff handelt, oder ob das Atommüll ist, den niemand haben will.

Von 1996 bis 2009 hatte die in Gronau ansässige „Urenco“ 20.000 Tonnen Uranhexafluorid, abgereichertes Uran, in vier russische Städte geliefert, eine davon ist Angarsk. Das Uranhexafluorid sei Wertstoff, sagen Atomwirtschaft in Deutschland und Russland unisono. Für Umweltschützer hingegen sind diese Lieferungen lediglich eine Möglichkeit gewesen, Atommüll billig in einem anderen Land entsorgen zu lassen.

Im „Elektro-Chemischen Werk Angarsk“ wird seit Beginn des Kalten Krieges Uran angereichert. Inzwischen gibt es Pläne, auf dem Gelände des Kombinats ein „Internationales Zentrum für Urananreicherung“ zu bauen.  Russische Umweltschützer fürchten, dass das „Internationale Zentrum für Urananreicherung“ auch in Zukunft abgereichertes Uran aus vielen Ländern annehmen und unter offenen Himmel lagern wird.

Biographisches:
Die 35-jährige Swetlana Slobina ist Literaturredakteurin der Angarsker Zeitung „Vremja“. Die Zeitung erscheint drei mal in der Woche.
Slobina, die im benachbarten Irkutsk Journalistik studiert hat, ist seit Beendigung des Studiums in Angarsk als Journalistin tätig.
Seit 2006 arbeitet sie in der russischen Atomkraft-Bewegung mit. Hier kämpfte sie vor allem gegen den Transport von abgereichertem Uran, Uranhexafluorid, aus dem westfälischen Gronau in ihre Heimatstadt Angarsk.


VON: BERNHARD CLASEN






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