Kiel am 30.4/1.5.: Gerecht geht GANZ anders


Bild: ggGa Kiel

01.05.11
BewegungenBewegungen, Schleswig-Holstein, TopNews 

 

Von ggGa Kiel

Der Grundstein wurde genau vor einem Jahr gelegt: Spontan und angemeldet zogen am 1.Mai 2010 Autonome, Anarcho-SyndikalistInnen und andere Linke vom Kieler Stadtteil und bürgerlichem Schreckgespenst Gaarden zum Westufer auf die DGB Demo. Im Zuge der Sozialproteste gegen das Schleswig-Holsteinische Sparpaket bildete sich aus diesem losen Zusammenhang ein Bündnis, das sich in Abgrenzung zur standortnationalistischen, arbeitsfetischisierenden und vor allem defensiven DGB Kampagne "Gerecht geht anders" dann einfach "Gerecht geht GANZ anders" nannte. Dieses Bündnis organisierte bereits in den letzten Tagen und Wochen mehrere Treffen und Veranstaltungen. Am 30.4. fand dann ein zentrales Straßenfest mit Kundgebungen auf dem Vinetaplatz in Gaarden statt. Und am 1.Mai wurde erneut die alte Tradition aus den 70'ern/80'ern aufgegriffen, von Gaarden aus ans Westufer zu ziehen - ganz ohne DGB & Parteianhängsel.

Während letztes Jahr alles in Eile auf die Beine gestellt worden war, wurdedieses Jahr relativ breit zum 1.Mai mobilisiert: Das "Gerecht geht GANZ anders" Bündnis konstituierte sich neu und lud seit Januar zu Treffen ein. Es ging hier auch immer um die Frage, wie die Sozialproteste gegen die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise auf die Menschen sinnvoll und effektiv weitergeführt werden konnten. Das Bündnis selbst war aus einer Einladung der FAU Kiel ( http://www.fau.org/ortsgruppen/kiel/art_100921-223025) in Nachbereitung der ersten Großdemo mit antikapitalistischer Beteiligung im September ( http://de.indymedia.org/2010/09/289531.shtml) hervorgegangen. Für den "Höhepunkt" des so genannten "Heißen Herbstes", zu dem der DGB aufgerufen hatte, wurde dann das "Gerecht geht GANZ anders" Bündnis aus der Taufe gehoben. Schon hier spielte die Verknüpfung von Finanz- und Wirtschaftskrise und der Situation im Kieler Stadtteil Gaarden - jahrzehntelang systematisch von der Stadt ghettoisiert und nun mit einer "Aufwertung" genannten Verdrängung der unliebsamen Konsequenzen einer solchen Stadtpolitik konfrontiert - ein zentrale Rolle: Auch zu der Demo im November war der Vinetaplatz Startpunkt, um selbstbestimmt und kämpferisch auf das Westufer zu ziehen und sich dort in der DGB Demo bemerkbar zu machen ( http://de.indymedia.org/2010/11/294827.shtml).

Schon schnell kristalisierte sich der 1.Mai als neues aktionistisches und thematisches Feld des Bündnisses heraus. Die Kritik am sozialpartnerschaftlichen und vor allem hierarchischen DGB Apparat war dem Bündnis nachwievor ein zentrales Anliegen; doch die Kritik sollte spürbarer an konkreten Verhältnissen ansetzen. In der Stadt entfaltete sich eine Diskussion über einen Mord in Gaarden und dessen mediale Rezeption ( http://www.altemeierei.de/tiki-read_article.php?articleId=1555). Ein Aufbegehren gegen Gentrification, Sozialabbau, Niedriglohnpolitik, rassistische mediale und politische Hetze konnte nicht, dies war deutlich, die sozialen Problem im Stadtteil ausblenden - Gewalt, Alkoholismus und Drogenabhängigkeit, Vereinzelung und gegenseitige Vorurteile sind gerade in Gaarden als Folgen von Armut spürbar. Wie kann ein radikaler linker Gegenentwurf, eine linke Praxis in diesen sozialen Verhältnissen aussehen? Ein erster Schritt, um sich dieser Frage anzunehmen, sollte mit der Idee des Straßenfestes am 30.4. gegangen werden: Zentral im Stadtteil die Kommunikation und die Vernetzung zu suchen, eigene Ideen und Lebensentwürfe vorstellen, unkommerzielle Kultur ermöglichen. Der Vinetaplatz, Treffpunkt für viele nicht ins Stadtbild der Innenstadt und der schicken Westuferstadtteile passende Menschen, bot dafür die ideale Möglichkeit.

Verbunden mit einer radikalen Absage an die Widerstandsverhinderungspolitik des DGB ( http://de.indymedia.org/2011/04/305586.shtml) - trotz der Heftigkeit des Sparpakets in S-H wurde von dem Gewerkschaftsbund zu keinem Zeitpunkt mit Streiks oder gar mehr gedroht - sollte sich also mit dem Vinetaplatz ein zentraler Punkt in Gaarden angeeignet werden. Leicht von der Hand ging das nicht, denn das Bündnis selbst war, eben noch sehr jung, oftmals uneinig über den richtigen Weg (wie auch während der Dikussions- und Mobilisierungsveranstaltung in der Alten Meierei am 27.4. deutlich geworden war) und hatte des öfteren Kommunikationsprobleme. Trotzdem beteiligten sich am 30.4. zeitweilig 200 Menschen - zum Teil aus linken Zusammenhängen, aber auch spontan aus dem Stadtteil - an dem Straßenfest; verteilt über den Tag können es 300 gewesen sein, auch wenn der Platz in den letzten zwei Stunden sich deutlich leerte. Mit Live Musik und Dj'ing, Essen, Spielen, Chilloutareas, Infoständen und vielem mehr war der Vinetaplatz in einen kollektiven Raum umgestaltet worden. Tatsächlich freuten sich sowohl Kinder als auch Vinetaplatz "Stammgäste" - mit den Mitteln der "Trinkhalle" einerseits, Platzverweisen andererseits ganz oben auf der Abschussliste der Stadt - über das reichhaltige Angebot und nutzten vieles davon. Die Stadtteilinitiative Gaarden führte als Teil des Bündnisses Umfragen und Gespräche mit den GaardenerInnen über deren Sicht auf die Entwicklung des Stadtteils. Viele PassantInnen schauten auch einfach für ein paar Minuten vorbei, bevor sie ihren Weg weitersetzten. Der Brunnen entwickelte sich zum "Hot Spot" auf dem Vineta. Politisch wurde zudem von den Infoständen (Kritik an Leiharbeit & Gewerkschaftshierarchie) und mit Redebeiträgen sowie Audio-Beiträgen agiert. Das bürgerliche Bild von Arbeit und Arbeitslosigkeit war ebenso Gegenstand der Kritik wie die Fremdbestimmung über unser Leben im Allgemeinen. Zudem wurde ein Grußwort der Roten Flora verlesen, und auf die in Gaarden auszumachenden Parallelen zu den Anfängen der "Gentrification" genannten Vertreibung im Hamburger Schanzenviertel Ende der 90'er Jahre verwiesen.

Am 1.Mai trafen sich um 9:00 morgens dann einige leicht müde gestalten, um als "Gerecht geht GANZ anders" Block vom Vinetaplatz aus aufs Westufer zu ziehen: Der DGB sollte mit der Kritik an seinen Strukturen und mit der Perspektive eines selbstbestimmten und selbstbewussten Protestes konfrontiert werden. Wie schon im letzten Jahr ging es unangemeldet über die Hörnbrücke auf die andere Seite der Förde. Dort kam es zu einem kurzen Stop, da die plötzlich aufgetauchte Bereitschaftspolizei am Ende der Brücke den Zugang zum Westufer blockierte - ein hoch symbolisches Bild. Von da an ging es "beschützt" weiter Richtung Willhelmplatz, dem Startpunkt der DGB Demo. Als antikapitalistischer Block - gefolgt vom Block der Kampagne "Tatort Kurdistan" - wurde hier dann nicht "das Mindeste" gefordert, wie es der DGB in seinem Aufruf tat. Sowohl der DGB als auch die allgemeinen Verhältnisse wurde in Sprechchören radikal kritisiert; auf mitgebrachten Transpis wurde u.a. eine revolutionäre Perspektive gegen den Nationalismus unserer Tage in Stellung gebracht, oder der skandalöse gemeinsame Gesetzesvorstoß des DGB mit dem Arbeitgeberverband BdA ( http://www.fau.org/ortsgruppen/kiel/art_110406-001402) deutlich kritisiert.

Kurz vor dem erreichen des Legienhofes, wo der DGB traditionell seine Bühne und Würtchenstände aufbaut, scherte der "Gerecht geht GANZ anders" Block aus der Demo aus, um nach Gaarden zurück zu kehren.

Inwiefern Straßenfest und Demonstration nun den sehr verschiedenen Intentionen und Erwartungen der im Bündnis organisierten Gruppen und Einzelpersonen nahekamen, muss noch ausgewertet werden. Positive Ansatzpunkte dürften aber gesetzt worden sein. Gelegenheit für die Diskussion bietet sich u.a. auf den nächsten "Gerecht geht GANZ anders" -

Bündnisveranstaltungen:

5.5. Lesung Jan Ole Arps „Frühschicht – Linke Fabrikinterventionen in den 70er Jahren“ (Assoziation A), Zapata 19:00

Uhr(checkt akkiel.blogsport.de)

12.5. 19:30 Uhr (Räucherei, Preetzer Str.) Lesung zu Gentrification mit Christoph Twickel inigaarden.wordpress.com
  http://https://gaanders.wordpress.com/

Quelle: http://de.indymedia.org/2011/05/306430.shtml







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