Hintergrund: Bauplatzbesetzung Marckolsheim 1974 - 1975 vor 45 Jahren: Von den frühen Kämpfen für Luftreinhaltung zum Klimaschutz


Foto: Meinrad Schwörer, BUND-Archiv

02.09.19
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Von Axel Mayer, BUND Südlicher Oberrhein

Am 20. September 1974 wurde der Bauplatz eines geplanten, extrem luftverschmutzenden Bleiwerks im elsässischen Marckolsheim von Umweltschützern beidseits des Rheins besetzt. Für den 20. September 2019, also genau 45 Jahre später, ruft die Jugendumweltbewegung "Fridays for Future" alle Menschen, egal welchen Alters, zu einem globalen Klimastreik auf, einem Streik, der nicht kommen wird wie die Morgenröte nach durchschlafner Nacht! Und manche Marckolsheimer "Alt-Aktive" werden sich wieder beteiligen.

Immer ein wenig im Schatten des großen AKW-Wyhl Konflikts steht die weltweit erste, ökologische, grenzüberschreitend organisierte und erfolgreiche Bauplatzbesetzung im elsässischen Marckolsheim am Rhein, am Fuße des Kaiserstuhls.

Den Hintergrund des Umweltkonflikts aus dem Spätsommer und Winter 1974 – 75 würde man heute als klassisches Beispiel der Globalisierung deuten. Ein deutscher Konzern, die CWM (Chemische Werke München), machte sich die Grenzlage zunutze und wollte in Frankreich, direkt am Rhein, ein extrem umweltbelastendes Bleichemiewerk bauen. Vom Bleistaub betroffen wäre die Bevölkerung auf beiden Rheinseiten gewesen. Auch damals schon gab es Versuche, die Menschen grenzüberschreitend gegeneinander auszuspielen. "Fortschrittsverweigerung" wurde den Besetzern vorgeworfen. Während heute die Konflikte häufig zwischen "Vorfeldorganistationen" der Konzerne und der Umweltbewegung ausgetragen werden, gab es damals noch den direkten Konflikt zwischen den Chemischen Werken München, Behörden und den Bürgerinitiativen.

Die Baupläne wurden 1973 bekannt, einer politisch brisanten Zeit am Oberrhein. Vorangegangen waren der umstrittene Baubeginn des französischen AKW Fessenheim und erste massive Bürgerproteste gegen die Pläne des Badenwerks, erst in Breisach und später in Wyhl ein Atomkraftwerk zu bauen.

MARCKELSE

en Marckelse hets aangfange
Marckelse lejt am Rhin

en Marckelse han mer s guldene kalb gstoche
en Marckelse han mer d demokratie entdeckt
en Marckelse han mer d granze gsprangt
en Marckolse sen mer majorann worre

en Marckolse hets aangfange
Marckelse em Elsass

(André Weckmann)

 

Gründe gegen die Bleifabrik anzugehen gab es viele. Über 9 Tonnen Blei hätte die Fabrik jährlich über den Schornstein abgegeben und das in einer Weinbauregion. Schnell wurde auch bekannt, dass in der Umgebung vergleichbarer Werke in Deutschland die Kühe auf der Weide gelegentlich tot umgefallen waren. Ursache: Bleivergiftung.


"Das Sterben dauert zwei Tage: Zunächst erblinden die Tiere und finden kein Futter mehr, später beginnen sie sich im Kreis zu drehen, blöken und haben Schaum vor dem Maul. Schließlich treten Lähmungserscheinungen hinzu, die Tiere brechen zusammen, können sich nicht mehr erheben und verenden qualvoll." So beschrieben Augenzeugen das Rindersterben, das am vergangenen Wochenende – wenige Tage nach dem Weideauftrieb – plötzlich in der Nähe von Nordenham an der Unterweser auftrat. Bis zum 17. Mai gingen dort sechzehn Kühe und Kälber ein, mußten 69 Rinder notgeschlachtet sowie weitere sechzehn als sichere Todeskandidaten von den Weiden getrieben werden. Die Nordwest-Zeitung charakterisierte die Stimmung im Wesermarschgebiet mit den Worten: ,,In Nordenham grassiert die nackte Angst."
Angst verspürten dabei nicht nur die Bauern, die ihre Existenz bedroht sahen – die Landwirte beziffern den bisher entstandenen Schaden auf insgesamt 250 000 Mark –, Angst machte sich gleichzeitig unter der Bevölkerung breit. Denn: Das Massensterben von Rindern (und Kaninchen) ist auf ein Gift zurückzuführen, das auch Menschen gefährdet – auf Blei."
Quelle: Die Zeit vom 26. Mai 1972

Gegen Bleichemie und Atomindustrie schlossen sich im August 1974 deutsche und französische Umweltschützer zusammen und gründeten das Internationale Komitee der 21 badisch-elsässischen Bürgerinitiativen. Einen ähnlichen Zusammenschluss dieser Art hatte es nach den Wunden des ersten und zweiten Weltkrieges bisher nicht gegeben. Erstaunliches tat sich vor 45 Jahren und fast 30 Jahre nach Kriegsende in der ländlichen Region beiderseits des Rheins: Über 3000 Menschen aus beiden Ländern kamen beim Sternmarsch zum geplanten Standort in Wyhl zusammen, über 4000 Menschen beim Demonstrationszug unter Glockengeläute gegen das Bleichemiewerk in Marckolsheim.

Dennoch begannen Mitte September die bauvorbereitenden Maßnahmen auf dem Marckolsheimer Baugelände. Am 20. September 1974 wurde der Bauplatz in Marckolsheim von Umweltschützern beiderseits des Rheins besetzt und nach indianischem Vorbild ein hölzernes Rundhaus, das erste Freundschaftshaus am Rhein, errichtet. Bauplatzbesetzungen in Wyhl (D), Kaiseraugst (CH), Gerstheim (F) und Heiteren (F) sollten folgen und auch die badischen Ackerbesetzer in Sachen Genmais Buggingen beriefen sich zwei Jahrzehnte später noch auf die Marckolsheimer Erfahrungen.

Bauplatzbesetzung, das schreibt sich mit 45 Jahren Abstand so einfach. Doch diese erste Bauplatzbesetzung in Marckolsheim, das war zuallererst Matsch, Schnee, knöcheltiefer Schlamm in einem nassen, kalten Winter. Das war der Rücktritt des Marckolsheimer Gemeinderats und eine besetzte Pontonbrücke über den Rhein nach Sasbach. Das waren Elsässer, Badener, Badisch, Elsässisch, Hochdeutsch und Französisch sprechende Menschen und Sprachprobleme zwischen Deutschen, Franzosen und Dialektsprechern. Das war ein Aufblühen der alemannischen Regionalkultur, gleichzeitig eine Blüte und ein Schwanengesang des elsässischen Dialekts. Das waren Frauen und Männer, Winzer und Freaks, Junge und Alte, Linke und Wertkonservative, mancherlei Gesichter, Reden, Streit, Liebesbeziehungen, Gespräche und Lieder am Lagerfeuer, Demos, Brückenbesetzungen, Flugblätter, Liederbücher und Plakate. Die Vergangenheitsverklärung bricht Ecken und Kanten der Erinnerung. Und aus den frühen erfolgreichen Kämpfen zur Luftreinhaltung erwuchs der große Streit um´s Waldsterben und die heutige Bewegung für den Klimaschutz.

Am 25. Februar 1975 kam dann der Erfolg. Die französische Regierung untersagt der deutschen Firma CWM offiziell die Errichtung der Bleifabrik in Marckolsheim und mit dem Wissen, dass illegale Bauplatzbesetzungen auch zu Erfolgen führen können, wendet sich der Protest gegen das wenige Kilometer entfernte AKW Bauprojekt im Wyhler Wald. Doch das ist eine andere Geschichte...

Was bleibt, ist ein Erfolg. Ein Erfolg für Mensch und Umwelt, denen jährlich viele Tonnen Blei erspart geblieben sind. Erstaunlicherweise sogar ein nachträglicher Erfolg für die Firma CWM, denn die Fabrik sollte Stabilisatoren für PVC und andere Kunststoffe herstellen, Produkte, die heute für PVC nicht mehr gebraucht werden. Wie so häufig hatte die Umweltbewegung auch einen ökonomischen Flop verhindert. Wir waren keine "Verhinderer", sondern haben geholfen, den Fortschritt menschengerecht zu gestalten. Die Umweltbewegung wird heute für das gelobt, was sie in der Vergangenheit getan und erreicht hat und sie wird dafür kritisiert, was sie aktuell fordert und durchsetzen will.

In diesen ökologischen Kämpfen am Oberrhein liegen wichtige Wurzeln des BUND, von Alsace Nature und der GRÜNEN. Hier wurden aus konservativen Naturschutzverbänden politische Umweltorganisationen und der Wachstumsglaube der 60er Jahre bekam erste Risse. Hier begannen die frühen Kämpfe für saubere Luft, aus denen sich die Bewegung gegen das Waldsterben und auch die heutige Klimaschutzbewegung entwickelte.

Und nicht zuletzt liegt eine der vielen Wurzeln Europas und der deutsch-französischen Aussöhnung in Marckolsheim. Hier wurde der Traum vom grenzenlosen Europa geträumt, ausgedrückt im Lied von François Brumbt: "Mir keije mol d Gränze über de Hüfe und danze drum erum". Und was Mensch gegen Luftverschmutzung, Klimaveränderung und die Auswüchse der Globalisierung tun kann, haben die Aktionen vor 45 Jahren auch gezeigt.

Heute stehen auf dem ehemals besetzten Gelände ein Autoauslieferungslager der Firma Peugeot und eine Zitronensäurefabrik. Beide Firmen sind bei weitem nicht mehr so umweltbelastend wie es das Bleichemiewerk gewesen wäre. Und doch stinkt manchmal die Zitronensäurefabrik Tereos Syral (früher) Jungbunzlauer, wenn auch nicht giftig, in die Dörfer beiderseits des Rheins....



Axel Mayer, BUND Geschäftsführer, Vizepräsident TRAS und Kreisrat, damals Lehrling und 18-jähriger Bauplatzbesetzer

 

https://www.mitwelt.org/europawahl-bauplatzbesetzung-marckolsheim.html







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