Politische Kunstaktion am Nürnberger Hauptbahnhof - Aktivist*innen verteilen selbst gebastelte 0€-Tickets

06.11.22
BewegungenBewegungen, Bayern, TopNews 

 

Von Aktion "Null für immer"

Verkehrswende-Aktivist*innen veranstalten eine politische Kunstaktion zur Nachfolge des 9€-Tickets am Nürnberger Hauptbahnhof. Eine Aktivistin seilte sich in der Mittelhalle mitsamt Megaphons von einem Geländer ab, eine andere Gruppe von Aktivist*innen verteilte währenddessen in der Halle säckeweise "Flugblätter" – Laubblätter, auf die sie „0€-Ticket“ gedruckt hatten. Dabei kam es zu Tumult und Unordnung – Die Kletter-Aktion nutzte die Ablenkung durch die "Flugblätter", um sich in der Mittelhalle abzuseilen – und weigerte sich hinterher auf Aufforderung des DB-Sicherheitsdiensts, von selbst herunterzukommen. Die Aktion wurde nach etwa einer Stunde durch Einsatzkräfte des Rettungsdienstes beendet.

Aktivist*in Charlie Paka antworten etwas blumig auf die Frage, ob eine solche Störung im Betriebsablauf des Bahnhofs wirklich nötig sei: "Es sollte viel mehr Kunst im öffentlichen Raum geben, Kunst ist, was dem grauen Alltag Farbe gibt. Fahrkarten sind ja auch ästhetisch eine Beleidigung, indem wir buntes Laub zu 0€-Tickets gemacht haben, wollten wir diesen Umstand ändern. In den gleichförmigen weißen Buchstaben in der Schriftart Arial, die auf den ganzen unterschiedlich bunten Blättern leuchten, trifft Ordnung auf Chaos. Genau das machen Züge: sie bringen alle Passagiere mit ihren diversen Fahrtzielen in geordnete Bahnen."

Am Mittwoch hatten sich Bund und Länder auf die Einführung eines 49€-Tickets als Nachfolge für das beliebte 9€-Ticket geeinigt. Dies nahm eine Gruppe Aktivist*innen zum Anlass für eine Kunstaktion. Sie fordern eine Verkehrswende und ein „0€-Ticket.“ Dabei ist ihnen wichtig zu betonen, dass viele Menschen sich ein 49€-Ticket immer noch nicht leisten können. Aktivistin Fiona Lange meint etwa: "Das 9€-Ticket war die sinnvollste verkehrspolitische Maßnahme seit langem. Für 3 Monate konnten alle Menschen für sehr wenig Geld die öffentlichen Verkehrmittel nutzen, viele ärmere Familien konnten damit erstmals einen Ausflug machen. Bei 3 Kindern mal 9€ pro Kind auszugeben, um für ein Wochenende in die Sächsische Schweiz zelten zu fahren, ist drin – bei 49€ ist so etwas unvorstellbar.“

Die Gruppe möchte neben den sozialen Vorteilen aber auch auf die klimapolitische Relevanz eines kostenlosen ÖPNV aufmerksam machen. Aktivist Florian Martin dazu:a "Wir fordern kostenlose Öffis für alle! Die Klimakrise schreitet immer weiter voran und der motorisierte Individualverkehr gießt weiter Benzin ins Feuer. Öffentliche Verkehrsmittel sind die Mobilität der Zukunft, wenn wir auf einem bewohnbaren Planeten leben wollen. Damit die Menschen vom Auto auf die Öffis umsteigen können und wollen, brauchen wir jetzt den kostenlosen ÖPNV."

Dass das Nachfolgeticket nun deutlich teurer werden wird, wird nicht nur von der Kunstaktion kritisiert, sondern auch der Sozialverband Deutschland hatte stattdessen ein 365-Euro-Jahresticket gefordert. Andere Initiativen fordern bereits seit Jahren einen Nulltarif oder etwa die Entkriminalisierung von „Leistungserschleichung“, wie sie im letzten Dezember auch von Jan Böhmermann in seiner Fernsehshow „ZDF Magazin Royale“ angeregt wurde. Dies würde sehr viel Aufwand bei der Vollstreckung von Geldstrafen sparen, der weit höher ist als die Verluste, die den Verkehrsbetrieben durch Leistungserschleichung entstehen.

Diesen Ton schlägt auch die Kunstaktion im Hauptbahnhof an: "49€ sind kein günstiges Ticket, sondern eine Verfünffachung des Preises. Das 0€-Ticket wäre ein würdiger Nachfolger des 9€-Tickets. Deswegen nehmen wir es selbst in die Hand und verteilen Freifahrkarten an alle. Außerdem ist unsere Version deutlich umweltfreundlicher. Fahrkarten und Klagen erfordern viel mehr Ressourcen", so Aktivist*in Charlie Paka.

Für die Finanzierung des 49€-Tickets werden Bund und Länder jeweils 1,5 Milliarden Euro jährlich beisteuern, außerdem hat Bundesverkehrsminister Wissing zugesichert, die Regionalisierungsmittel zu erhöhen, um auszugleichen, dass Einnahmen aus teureren Tickets in Zukunft wohl wegfallen werden. Auch wenn drei Milliarden Euro viel Geld sind, im Vergleich zu anderen Bundesausgaben fällt es kaum ins Gewicht – so flossen kürzlich erst 100 Milliarden Euro an die Bundeswehr und 200 Milliarden Euro in den sogenannten „Doppel-Wumms“. Dagegen wirkt das Engagement der Verkehrsministerien für einen erschwinglichen und unkomplizierten Nahverker etwas blass.

Eine andere Initiative, die für einen Nulltarif kämpft, ist Ticketfrei Nürnberg – eine Art Blitzermelder für Ticket-Kontrolleur*innen. Die Nutzer*innen warnen sich gegenseitig vor Kontrollen im öffentlichen Nahverkehr. Allerdings nicht im Radio, sondern über Twitter, Telegram, E-Mail und Mastodon. Mit 1500 Nutzer*innen zeigt die Initiative, dass es ein großes Interesse an kostenlosem Nahverkehr gibt – und dass das derzeitige Angebot für viele Menschen zu teuer ist.







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