ENDE GELÄNDE / WE SCHUT SHIT DOWN

05.06.22
BewegungenBewegungen, Kultur, Umwelt, TopNews 

 

Rezension von Udo Hase

ENDE GELÄNDE / WE SCHUT SHIT DOWN

Erschienen bei Edition NAUTILUS GmbH ISBN:978-3-96054-292-6

Autoren: Redaktionsgruppe von ENDE GELÄNDE, Jojo, Julia, Valli

Bevor ich auf das Buch eingehe, ist es vielleicht interessant für die Leser:innen, kurz auf den Hintergrund des Rezensenten einzugehen.

Ich hatte 2015 das erste Mal Berührung mit ENDE GELÄNDE. Allerdings nicht als Aktivist, sondern als Abholer für zwei Aktivist:innen, die im Rheinischen Braunkohlerevier an der 2015er Aktion des Bündnisses teilgenommen hatten. Gestartet waren sie aus einem Klimacamp. Dort hatten sie sich den ENDE GELÄNDE - Aktivist:innen angeschlossen, nachdem sie in den Workshops davon gehört hatten, dass diese den Tagebau Garzweiler am nächsten Tag stilllegen wollten. Beide erzählten, noch adrenalingeladen, von der Aktion in der Braunkohlegrube und vor allem von ihren Erfahrungen im Klimacamp und in den vorbereitenden Workshops. Als wir nach anderthalb Stunden zuhause ankamen, war ich sicher, dass hier eine Bewegung neuen Typs unterwegs war. 2016 nahm ich das erste Mal selbst an Camps und Aktionen Teil und fühle mich heute in meinem ersten Eindruck mehr als bestätigt. Auf das Buch habe ich mich gefreut und war sehr gespannt, ob es den Autor:innen gelingen würde, den Spirit der Bewegung, nur bewehrt mit Papier und Druckerschwärze, erfolgreich zu vermitteln.

Es ist gelungen. Und wie!

Das Buch ist in drei große Kapitel und einen Blick in die mögliche Zukunft gegliedert. Von den Erfahrungen der Bewegung über die Vorstellung von Methoden zur Veränderung der Welt, bis zur Beschreibung der angestrebten Ziele reicht der Bogen, den das Buch auf knapp 200 Seiten spannt.

Einer der größten Verdienste des Autor:innen – Kollektivs ist die gelungene inhaltliche Dichte der Erzählungen und die konsequent verwendete einfache Sprache. Es erfordert Interesse, aber keine Anstrengung. Vom Satzbau bis zu den verwendeten Begriffen und dem Stil kommen die Autor:innen den Leser:innen entgegen. Für Begriffe aus der „Bewegungssprache“ ist ein Glossar angefügt, in dem zu erfahren ist, das z.B. „Maafa“ (Swahili) der selbstbestimmte Begriff der vom „transatlantischen Versklavtenhandel“ betroffenen Menschen ist. Erläutert werden auch scheinbar gewohntere Begriffe wie „Homofeindlichkeit“, „Imperialismus“ oder „Klima – Alman“, usw.. Das Buch lässt sich also auch als Gebrauchsanleitung für Bewegungsneuline verwenden. Hier wird, auch in diesem Brevier, eine Hauptstärke von ENDE GELÄNDE sichtbar: der Kampf gegen jede schleichende Hierarchisierung, sei es durch Sprache, Dauer der Zugehörigkeit, geschlechtliche Identität oder besondere Eloquenz in der Rede. Dieser Kampf wird auch bei EG nicht immer gewonnen, jedoch beständig geführt und dass, aus meiner Erfahrung, von Anbeginn bis heute mit gleichbleibender Zähigkeit.

„Ende Gelände“ gibt einen Überblick über die Geschichte des Bündnisses und vermittelt dessen politische Ziele und, vor allem, die Überlegungen zu den, inzwischen berühmt gewordenen, angewandten Methoden des Widerstandes. Alle Beiträge des Kollektivs sind aus einer durchaus subjektiven Perspektive verfasst. Die Autor:innen vermeiden den Stil einer, immer nur scheinbaren, objektiven Beobachterposition und die damit notwendig verbundene autoritäre Haltung, hier würde etwas aus höherer Warte beurteilt. Jedes Kapitel ist ein Erlebnisbericht und lässt den Menschen hinter der Beschreibung erkennen. Das ist eine erfrischende und ungemein spannende Art, eine politische Bewegung kennenzulernen, die sich ständig darum bemüht, die Spannungen zwischen den Ansprüchen an individuelle Entscheidungsfreiheit und an organisationale Wirkmacht auszutarieren.

Was den Wirkungsanspruch der Bewegung angeht, lassen die Autor:innen keinerlei Zweifel an der nötigen Radikalität aufkommen. Ende Gelände wird als Bewegung präsentiert, die im Hier und Jetzt Veränderung erreichen will und dabei die internationale Solidarität mit allen von der Klimakatastrophe Betroffenen an die erste Stelle setzt. Was ebenfalls sehr klar wird, ist die politische Intention des Bündnisses. Ende Gelände bleibt nicht im Habitus einer beliebigen Umwelt – NGO stehen, die vielleicht ein bisschen besser und massenhafter Menschen für zivilen Widerstand ertüchtigen will. Es geht vielmehr um eine radikale Kritik am kapitalistischen System. Der Slogan „System Change …“ ist ernst gemeint. Was (zum Glück) fehlt, ist die, bei anderen radikalen linken Bewegungen und Gruppierungen oft vorhandene Hybris, die Alternativen zum System bereits zu kennen und als Heilsbotschaft nur noch zu verkünden.

Insofern ist der Umgang mit der Bewegung einerseits anstrengend, wegen des ständigen Bemühens Hierarchien zu entdecken und zu vermeiden, Rassismus, toxische Männlichkeit und Queer - Feindlichkeit aufzuspüren und im Diskurs darüber nach Möglichkeit zu überwinden. Andererseits ist es ein befreiendes Erlebnis, in einer durch und durch politischen Klimagerechtigkeitsgruppe, deren organisatorische Fähigkeiten unbestritten sind, die Utopie eines hierarchiefreien Umgangs miteinander als reales Experiment zu erleben. Den mit diesem Kunststück verbundenen Geist könnt ihr spüren, wenn ihr das Buch lest.

Also: Wer Ende Gelände kennenlernen will, muss „Ende Gelände – we shut shit down“ kaufen und lesen.







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