Neuerscheinungen Geschichte der Nazi-Zeit


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15.06.19
AntifaschismusAntifaschismus, Kultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Heike B. Görtemaker: Hitlers Hofstaat. Der innere Kreis im Dritten Reich und danach, C. H. Beck, München 2019, ISBN: 978-3-406-73527-1, 28 EURO (D)

Die Historikerin Heike Görtemaker stellt nach ihrem Buch über Eva Braun den inneren Kreis um Hitler, der nach der nationalsozialistischen Machtübernahem die Züge eines Hofstaates annahm. Sie zeigt die wechselhaften Beziehungen und Interaktionen zwischen Hitler und ihnen und zeigt das Weiterleben des inneren Zirkels nach 1945.

Dabei war der Kreis um Hitler wechselhaft, wobei man die Zeit vor und nach 1933 unterscheiden muss. Seine Förderer und Unterstützung in der Zeit der Haftzeit Hitlers und beim Aufbau der NSDAP.

Nach der Machtübernahme änderte sich der innere Kreis, es waren Günstlinge, Schmeichler und Leute, die sich im Geist der Macht sonnten. Aber auch überzeugte Nationalsozialisten, die die Ideologie Hitlers teilten.

Görtemaker hat viele private Quellen aus dem Umfeld Hitlers recherchiert und setzt daraus Hitlers inneren Kreis zusammen, der sich vor allem am Obersalzberg konstituierte. Sie geht auf deren Biografien, ihre politische Haltung und deren Funktionen ein und wie sie von der Nähe Hitlers profitierten und er von ihnen profitierte.

Dieser innere Zirkel lebte auch zum großen Teil nach dem Ende der NS-Herrschaft weiter. Sie bildeten eine Notgemeinschaft, die sich ins Nachkriegsdeutschland integrierte, neue Karrieren machte und Schuldabwehr sowie die Verharmlosung der Nazi-Gräuel betrieben. Sie schrieben zum Teil ihre Memoiren, wo deutlich wird, dass sie an der alten nationalsozialistischen Ideologie festhielten und verbreiteten. Ihre Erinnerungen sind subjektivistisch, ohne Reue und verzerrten die politische Realität und verklärten die „guten alten Zeiten“.

Manche der hier vorgestellten Personen und Geschichten sind bereits bekannt, aber es werden auch bisher unbekannte Quellen ausgewertet, die neue Erkenntnisse bringen. So werden Kontakte und Zusammenschlüsse vor allem nach 1945 deutlich, die alten Seilschaften funktionierten weiterhin. Auch die Interaktionen des Hofstaates mit dem Diktator sind spannend zu lesen, was sowohl die Politik und Entscheidungen Hitlers als auch sein Privatleben betreffen. 

 

Buch 2

Wolfgang Benz: Im Widerstand. Größe und Scheitern der Opposition gegen Hitler, C. H. Beck, München 2019, ISBN: 978-3-406-73345-1, 32 EURO (D)

Zwischen Wegducken und Mut zum Handeln schwankte nach 1933 die Haltung jener Deutschen, die keine überzeugten Nazis oder gleichgültige Mitläufer waren. Der Historiker Wolfgang Benz entfaltet in seinem großen Buch das vielschichtige Spektrum der Opposition gegen Hitler, zerpflückt dabei Mythen und bietet eine Gesamtdarstellung auf dem neuesten Stand der Forschung.

Nach Überlegungen über Begriff und Deutung des Widerstandes gegen das NS-Regime werden die wichtigsten Widerstandsbewegungen und Einzelpersonen vorgestellt. Zunächst werden Publizisten, Politiker, Künstler und Wissenschaftler im Widerstand gegen den Nationalsozialismus vor der „Machtergreifung“ Hitlers 1933 gewürdigt. Dann folgen die Widerstandshandlungen der bayrischen Monarchisten, gefolgt von einem breiten Kapitel über Organisationen und Personen aus der Arbeiterbewegung. Die „konservative“ Opposition gegen die NSDAP, das Attentat von Georg Elser, Widerstand, Anpassung und Kollaboration der Kirchen, die Rote Kapelle, jüdischer Widerstand und die Rettung von Juden durch zivilgesellschaftliche Kräfte oder Einzelpersonen. Danach werden noch Opposition und Widerstand der jungen Generation in einem größeren Kapitel vorgestellt, bevor der Widerstand der gesellschaftlichen Eliten beschrieben wird. Es folgt noch der Widerstand von Soldaten oder Offizieren sowie spontaner Widerstand wie der Aufstand in Dachau oder die Freiheitsaktion Bayern.

In einem Epilog werden der Widerstand in Deutschland und im Exil behandelt und die grundsätzlichen Thesen des Verfassers über den Widerstand gegen das NS-Regime ausgebreitet. Benz resümiert: „Die vielen Opfer waren nicht umsonst. Im äußeren Sinne blieb der Widerstand erfolglos, denn die NS-Herrschaft brach erst mit der militärischen Niederlage zusammen. Für den Neubeginn nach dem Zusammenbruch, für eine auf Humanität, Recht und Demokratie gegründete Staats- und Gesellschaftsordnung nach Hitler gehört der Widerstand gegen den Nationalsozialismus aber als Beweis politischer Moral, unter welcher ideologischen Prämisse oder sozialen Voraussetzung er auch geleistet wurde, zu den wichtigsten sinnstiftenden Ereignissen der deutschen Geschichte.“ (S. 481)

Weiterhin heißt es ambivalent: „Voraussetzung für Widerstand ist das Bewusstsein für das Unrecht, für die Verbrechen, die im Namen von Ideologie und Staatsräson begangen werden. Dieses Bewusstsein fehlte weithin in der deutschen Bevölkerung, als Hitler mit ihren Zustimmung, getragen von der Begeisterung zu vieler, die Macht ausübte. Dass die oppositionelle Minderheit dagegen hatte keine Chance hatte – darin liegen Größe und Scheitern des deutschen Widerstandes.

Die Aufzählung der Widerständler oder Gruppen ist nahezu vollzählig, es fehlt allerdings ein eigenständiges Kapitel zum anarchistischen Widerstand. Otto Weidt, Mitglied der anarchistischen Bewegung in Berlin, rettete in der NS-Zeit Juden durch sein zivilgesellschaftliches und lebensgefährliches Engagement vor dem sicheren Tod. Dieser wird im Kapitel Widerstand für Juden kurz abgehandelt. Dagegen mutet es sehr seltsam an, dass undemokratische Bewegungen wie die „konservative“ Opposition und die bayrischen Monarchisten mehr als 10 Seiten einnehmen.

Ansonsten stellt Benz in anschaulicher Weise die ideologische Motivation der Widerständler vor. Die hier benutzten Kategorien überschneiden sich manchmal, aber sie geben die aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen und Klassen kommenden Widerstandshandlungen wider. Zivilcourage unter Einsatz des eigenen Lebens ist kein abgeschlossenes Projekt, die heutige Generation kann von diesen hier beschriebenen Personen und Gruppen viel lernen.

 

Buch 3

Sigurd Sorlie: Sonnenrad und Hakenkreuz. Norweger in der Waffen-SS.. Aus dem Norwegischen übersetzt von Michael Schickenberg und Sylvia Kall, Ferdinand Schöningh, Paderborn 2019, ISBN: 978-3-506-78690-6, 49,90 EURO (D) 

Am 9. April 1940 wurde das neutrale Norwegen im Zweiten Weltkrieg im Unternehmen Weserübung vom Deutschen Reich besetzt. Als Reichskommissar für Norwegen wurde Josef Terboven ernannt. Militärisch wurde die Okkupation begründet mit der bevorstehenden Landung britischer Truppen sowie den strategisch wichtigen Häfen an der norwegischen Küste, die für den Nachschub an Eisenerz aus dem schwedischen Kiruna wichtig waren. Vor allem die Bedeutung Narviks für die deutsche Kriegswirtschaft ist heute umstritten, denn das „Dritte Reich“ war weniger auf die schwedischen Eisenerzlieferungen angewiesen als gemeinhin angenommen. Das findet seine Bestätigung in der Anweisung Hitlers, die Hafenanlagen für den Gegner unbrauchbar zu machen. Von größerer Bedeutung waren die norwegischen Rohstoffe für die deutsche Kriegswirtschaft, was die Besetzung des Landes zur Schaffung eines „Europäischen Großwirtschaftsraumes“ unter deutscher Hegemonie erforderlich machte.

Norwegen leistete sechs Wochen lang militärischen Widerstand, war aber der deutschen Kriegsmarine unterlegen. Norwegische Nationalsozialisten (Vidkun Quisling) verbündeten sich mit den Deutschen und kamen dadurch an die Macht. Da der größte Teil der norwegischen Bevölkerung ihnen ablehnend gegenüberstand, erlangten Widerstandsorganisationen einen hohen Stellenwert.

Es gab aber auch Norweger, die mit der deutschen Besatzungsmacht zusammenarbeiteten. Dazu zählten die Mitglieder von Nasjonal Samling sowie norwegische Freiwillige, die an der deutschen Nordostfront im finnisch-sowjetischen Fortsetzungskrieg (1941–1944) kämpften, im Glauben dem finnischen „Brudervolk“ helfen zu müssen. Von diesen rund 4500 „Frontkämpfern“ wurden einige nach Kriegsende vor norwegischen Gerichten des Vaterlandsverrats angeklagt und bestraft. 360 Norweger dienten als Bewacher von Kriegsgefangenen im Dienst der SS. Sie wurden aus dem Hirden, der paramilitärischen Einheit von Nasjonal Samling rekrutiert.

Sigurd Sørlie legt die erste umfassende Darstellung über diese Männer vor. Er fragt nach ihren Motiven, Erfahrungen, Handlungen, weltanschaulichen Haltungen und Reaktionen auf das Kriegsgeschehen. Waren Sie Zeugen oder Mittäter bei NS-Verbrechen? In welchem Maße konnte die SS die weltanschauliche Haltung und das Handeln der norwegischen Soldaten beeinflussen?

Die Untersuchung brachte folgende Ergebnisse ans Licht: Die Mehrheit der norwegischen Freiwilligen war nicht nur nationalistisch und antikommunistisch orientiert, sondern sympathisierte auch mit der NS-Ideologie: „Ihre Auffassung von Nationalsozialismus deckte sich in weiten Teilen mit der in der SS vertretenen. Es herrschte breite Einigkeit darüber, dass die ‚nordisch-germanische Rasse‘ allen anderen überlegen sei und die meisten Freiwilligen internalisierten die Hauptelemente des Feindbildes der SS, einschließlich die Auffassung, dass die Juden hinter allen schädlichen Ideen und Kräften stünden und sie vorantrieben.“ (S. 372f)

Konfliktpotential gab es dennoch: Die norwegischen Freiwilligen lehnten es ab, die „pangermanische Identität“ über die nationale zu stellen. Dies sorgte fortwährend für große Unzufriedenheit: Die Mehrheit der Norweger hatte sich vor allem rekrutieren lassen, weil sie annahmen, ihr Kriegseinsatz würde die Bedingungen für die Verwirklichung der von der Nasjonal Samling verfolgten Wiederaufbaupläne verbessern. Die Nasjonal Samling betrachtete die Kollaboration als entscheidendes Mittel, ihr Ziel eines möglichst unabhängigen Norwegens innerhalb des nationalsozialistischen Europas zu erreichen. Als die Besatzungsmacht den Forderungen der Nasjonal Samling nach mehr Selbständigkeit nicht entgegenkam, versuchte die Mehrheit der norwegischen Freiwilligen die Waffen-SS zu verlassen, sobald die im Vertrag festgelegte Verpflichtungszeit abgelaufen war.

Einzelne Kampfverbände der Waffen-SS, in den Norweger dienten, waren stark in die Verbrechen des NS-Regimes involviert. Es gab allerdings erhebliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Formationen: „Während die Soldaten der Division ‚Wiking‘ zahlreiche und schwere Gräueltaten begingen, kam das Personal der Skikompanie und des Skijägerbataillons in Ostkarelien kaum in Situationen, die zu Verbrechen gegen Zivilpersonen und Kriegsgefangene hätten führen können.“ (S. 379)

Die Aufarbeitung der Rolle der Nasjonal Samling und der norwegische Freiwilligen im Dienst der Waffen-SS kommt zwar spät, aber nicht zu spät. Die Untersuchung hat hohes Niveau, gibt einen guten Einblick und ist trotz der Übersetzung ins Deutsche sehr flüssig zu lesen. In der Mitte des Buches gibt es noch 64 kommentierte Originalbilder, die einen entsprechenden visuellen Eindruck geben.

 

Buch 4

Reinhard Mehring: Vom Umgang mit Carl Schmitt. Die Forschungsdynamik der letzten Epoche im Rezensionsspiegel. Nomos-Verlag, Baden-Baden 2018, 49 Euro (D)

Der „Kronjurist des Dritten Reiches“ Carl Schmitt half dabei, das NS-Regime zu legitimieren. Reinhard Mehring will in diesem Buch im Spiegel ausgewählter, wörtlich belassener Rezensionen, Artikel und Sammelbesprechungen die Dynamiken, den Wandel und die Geschichtlichkeit das Bild Carl Schmitt in der neueren Forschung darstellen: „Sie spiegelt die Innovationsdynamik der Carl-Schmitt-Forschung über drei Jahrzehnte, wie ich sie sah, und möchte die Historizität von Forschung am Beispiel in subjektiver Brechung einsichtig machen.“ (S. 7)

Hier wird deutlich, dass Schmitt ein Repräsentant des neueren deutschen Antisemitismus war, der die Auseinandersetzung mit dem Judentum zum Zentrum seines Denkens und Wollens erhob. (S. 59)

In seiner Schrift Staat, Bewegung, Volk: Die Dreigliederung der politischen Einheit (1933) betonte Schmitt die Legalität der „deutschen Revolution“: Die „Machtergreifung“ Hitlers bewege sich „formal korrekt in Übereinstimmung mit der früheren Verfassung“, sie entstamme „Disziplin und deutschem Ordnungssinn“. Der Zentralbegriff des nationalsozialistischen Staatsrechts sei „Führertum“, unerlässliche Voraussetzung dafür „rassische“ Gleichheit von Führer und Gefolge.

Indem Schmitt die Rechtmäßigkeit der „nationalsozialistischen Revolution“ betonte, verschaffte er der Führung der NSDAP eine juristische Legitimation. Aufgrund seines juristischen und verbalen Einsatzes für den Staat der NSDAP wurde er von Zeitgenossen, insbesondere von politischen Emigranten (darunter Schüler und Bekannte), als „Kronjurist des Dritten Reiches“ bezeichnet. Den Begriff prägte der frühere Schmitt-Epigone Waldemar Gurian.

Schmitt diente sich auch willfähig der neuen Herrschaft aus Karrieregründen und Überzeugung an. Im Herbst 1933 wurde Schmitt aus „staatspolitischen Gründen“ an die Universität Berlin  berufen und entwickelte dort die Lehre vom „konkreten Ordnungsdenken“, der zufolge jede Ordnung ihre institutionelle Repräsentanz im Entscheidungsmonopol eines Amtes mit Unfehlbarkeitsanspruch findet. Diese Souveränitätslehre mündete in einer Propagierung des Führerprinzips und der These einer Identität von Wille und Gesetz („Der Wille des Führers ist Gesetz“). Damit konnte Schmitt seinen Ruf bei den neuen Machthabern weiter festigen. Zudem diente der Jurist als Stichwortgeber, dessen Wendungen wie totaler Staat –geostrategischer Großraum mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte enormen Erfolg hatten, wenngleich sie nicht mit seinem Namen verbunden wurden. Als Beispiel kann seine Instrumentalisierung der Verfassungsgeschichte zur Legitimation des NS-Regimes dienen. Viele seiner Stellungnahmen gingen weit über das hinaus, was von einem linientreuen Juristen erwartet wurde. Schmitt wollte sich offensichtlich durch besonders schneidige Formulierungen profilieren.

Der wahre Führer sei immer auch Richter, aus dem Führertum fließe das Richtertum. Diese behauptete Übereinstimmung von „Führertum“ und „Richtertum“ gilt als Zeugnis einer besonderen Perversion des Rechtsdenkens. Schmitt schloss den Artikel mit dem politischen Aufruf: „Wer den gewaltigen Hintergrund unserer politischen Gesamtlage sieht, wird die Mahnungen und Warnungen des Führers verstehen und sich zu dem großen geistigen Kampfe rüsten, in dem wir unser gutes Recht zu wahren haben.“

Öffentlich trat Schmitt wiederum als Rassist und Antisemit hervor, als er die Nürnberger Rassegesetze von 1935 in selbst für nationalsozialistische Verhältnisse grotesker Stilisierung als Verfassung der Freiheit bezeichnete (so der Titel eines Aufsatzes in der Deutschen Juristenzeitung). Mit dem so genannten „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“, das Beziehungen zwischen Juden (in der Definition der Nationalsozialisten) und „Deutschblütigen“ unter Strafe stellte, trat für Schmitt „ein neues weltanschauliches Prinzip in der Gesetzgebung“ auf. Diese „von dem Gedanken der Rasse getragene Gesetzgebung“ stößt, so Schmitt, auf die Gesetze anderer Länder, die ebenso grundsätzlich rassische Unterscheidungen nicht kennen oder sogar ablehnen. Dieses Aufeinandertreffen unterschiedlicher weltanschaulicher Prinzipien war für Schmitt Regelungsgegenstand des Völkerrechts.

Seine Propaganda für die NSDAP und deren Weltanschauung erreichte 1936 einen peinlichen Höherpunkt: die im Oktober 1936 unter seiner Leitung durchgeführte Tagung Das Judentum in der Rechtswissenschaft. Hier bekannte er sich ausdrücklich zum nationalsozialistischen Antisemitismus und forderte dazu auf, jüdische Autoren in der juristischen Literatur nicht mehr zu zitieren oder jedenfalls als Juden zu kennzeichnen.

Der Einfluss nach 1945 auf die deutsche Rechtswissenschaft war gering. Es gab Versuche von dem Philosophen Joachim Ritter und dem Verwaltungsrechtswissenschaftler Ernst Forsthoff, Schmitt und seine Werke wieder salonfähig zu machen. Es schien sie nicht zu stören, dass Schmitt auch nach dem Ende des NS-Regime nicht bereit war, seine Meinungen zu überdenken. Beweis dafür ist ein Eintrag in sein Glossarium vom 25. September 1947, in dem er den „assimilierten Juden“ als den „wahren Feind“ bezeichnete: „Denn Juden bleiben immer Juden. Während der Kommunist sich bessern und ändern kann. Das hat nichts mit nordischer Rasse usw. zu tun. Gerade der assimilierte Jude ist der wahre Feind. Es hat keinen Zweck, die Parole der Weisen von Zion als falsch zu beweisen.“

Das Bild Carl Schmitts hat sich in den letzten Jahrzehnten in der Forschung erheblich gewandelt. Wie dies geschieht und wie Schmitt in der Retrospektive von deutschen Intellektuellen nicht nur in der Rechtswissenschaft betrachtet wurde und wird, macht dieses Buch deutlich. Mehring nennt Anhänger und Gegner Schmitts und macht auch deutlich, dass Schmitts NS-Nähe, sein Rassismus und Antisemitismus eigentlich dafür sorgen müsste, dass er zu einer persona non grata in der Wissenschaft wird.

 

Buch 5

Burkhard List: Die Affäre Deutsch. Braune Netzwerke hinter dem größten Raubkunst-Skandal, Das neue Berlin, Berlin 2018, ISBN: 978-3-360-01337-8, 29 EURO (D)

Der nationalsozialistischen Kulturgutraub, darunter auch Raubkunst von unschätzbarem Wert, ist das übergeordnete Thema des Buches des Journalisten Burkhard List. Es handelt von dem jüdischen Anwalt Hans Deutsch, der die Ansprüche der weit verzweigten Familie der Rothschilds vertrat und seine Erlebnisse bei „Wiedergutmachungsämtern“ und im Kampf gegen die deutsche Justiz. List hat dafür  in neun Ländern recherchiert, in zwanzig Archiven Akten studiert und mit Zeitzeugen gesprochen.

Er schildert einen internationalen Betrugsfall, in den westdeutsche Regierungsstellen verwickelt waren. Ehemalige Nationalsozialisten behaupteten im Kalten Krieg, russische Stellen hätten die Raubkunst weggeschafft, um sich selber zu entlasten. Nun kommt die westdeutsche Nachkriegsjustiz, auch durchsetzt mit ehemaligen Nazis, ins Spiel: Als Deutsch dieser Darstellung widersprach, kam er sogar für 18 Monate in U-Haft. List legt Netzwerke von alten Nazis offen, die in der frühen Bundesrepublik wieder hohe Posten bekleideten und die Ansprüche der Opfer mit Füßen traten, ein weit verbreitetes Phänomen nach dem Versagen der Entnazifizierung. Ein Beispiel dafür: In der „Wiedergutmachungsabteilung“ des Finanzministeriums leitete der ehemalige hochrangige Nazi Ernst Féaux de la Croix die Abteilung für vermögensrechtliche Rückerstattungsfragen. Diese zynische Konstellation wurde noch absurder durch die Tatsache, dass er in seiner Abteilung durfte er gemeinsam mit politisch ähnlich gestrickten Kollegen sogar die Gesetzesentwürfe für die Wiedergutmachung formulieren durfte. Das ideologisch motivierte Zusammenspiel alten Nazis  in deutschen Ämtern macht List an zahlreichen anderen Beispielen fest.

Nebenbei erfährt man auch noch die Elemente der Geschichte der Restitutionen in der BRD und DDR. Sowohl die alliierten Maßnahmen wie auch die Restitutionen der Bundesrepublik Deutschland in den 1950er und 1960er Jahren waren unzureichend. In der Praxis wurden in der Nachkriegszeit nur wenige Kunstwerke „im Innern“ restituiert. Die Rückerstattungsgesetze mit ihren knappen Fristen griffen zu kurz. Auch lebten von den ehemaligen Eigentümern nur wenige noch in Deutschland. Viele waren ermordet worden, die Überlebenden emigriert, Familien auseinandergerissen. Auch Uneinsichtigkeit, fehlendes Schuldbewusstsein und der Unwille der neuen Besitzer, das geraubte Gut zurückzugeben, spielten eine nicht unerhebliche Rolle.

In der DDR fanden fast keine Rückerstattungen statt, da nach der damaligen Geschichtsschreibung „die faschistische Machtübernahme durch die Monopolkapitalisten verursacht und die Arbeiterklasse missbraucht“ worden war und nun nicht zur Verantwortung zu ziehen sei. Dementsprechend gab es auch keine gesetzliche Regelung.

Dieses Buch ist aber kein Science-Fiktion oder ein fiktionaler Roman, sondern bittere und zynische Realitäten der deutsch-deutschen Realität im Umgang dem nationalsozialistischen Kulturgutraub. Ein schlimmes Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte und der Umgang mit den Opfern, das Buch sollte jeder lesen, der Kontinuitätslinien vom NS-Staat zur BRD negiert.







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