„Das totalitäre Phänomen“


Gedenktafel für Hannah Arendt in Berlin; Foto: OTFW, Wikimedia Commons

14.02.18
AntifaschismusAntifaschismus, Kultur, Theorie 

 

Zur politischen Soziologie des Totalitarismus der deutsch-jüdischen Autorin Hannah Arendt

Von Richard Albrecht

Auch ein jüdisch-deutsches Leben: Am 14. Oktober 1906 in Linden (damals bei Hannover) hineingeboren in diese unsere Moderne mit ihren Welt-, Weltanschauungs- und Weltvernichtungskriegen, aufgewachsen im ostpreußischen Königsberg in einem liberalen deutschjüdischen Milieu. Die junge Frau studiert in Heidelberg und auch bei Karl Jaspers, Martin Heidegger und Edmund Husserl. Sie engagiert sich nach ihrem flinken Doktorat 1928 in der zionistischen Bewegung in Deutschland. Das ist den neuen deutschen Herren nicht genehm: Flucht also nach Machtübergabe, -übernahme  und -ausübung durch Nationalsozialisten schon 1933: Illegalität im Nachbarland Frankreich. Dort wieder aktiv in der jüdischen Rescue-Arbeit, um zu retten, wer immer aus Deutschland zu retten ist. Günther Anders - später bedeutender sozial-philosophischer Kritiker des Atomzeitalters, - als Günter Stern 1902 in Breslau geborener Sohn des jüdisch-deutschen Psychologenehepaares Wilhelm, Mitbegründer der Universität Hamburg, und Clara Stern, 1992 in Wien gestorben - ist ihr erster Ehemann und Lebensgefährte. Beide können nach der Besetzung des größten Teils von Frankreich durch deutsche Truppen in die Vereinigten Staaten, die USA, fliehen ... Wieder Arbeit in jüdischen Hilfskomitees - aber auch: Aufarbeitung all dessen als Intellektuelle, was geschah. Und all dessen, warum es so und nicht anders geschehen konnte: Zäh, verbissen, gegen Widerstände ...

Bibel des Antitotalitarismus

Das bis heute wichtigste Ergebnis dieser Jahre auch des Zweifels an allen Möglichkeiten der conditio humana und unserer Mit-Menschlichkeit ist ein Buch, das bis heute als „Bibel“ des Antitotalitarismus gilt: Hannah Arendts wissenschaftliche Trilogie The Origins of Totalitarism (1951). Das Buch schließt an wesentliche Vorarbeiten anderer linksintellektueller Emigranten an: namentlich an Ernst Fraenkels „The Dual State. A Contribution to the Theory of Dictatorhip“ (zuerst 1941), Franz Leopold Neumanns „Behemoth. The Structure and Practise of National Socialism” (zuerst 1941), Paul Merkers „Deutschland. Sein oder nicht Sein?“ (zwei Bände, zuerst 1944/45) und Paul Serings [i.e. Richard („Rix“) Löwenthal] „Jenseits des Kapitalismus“ (zuerst 1947). Hannah Arendts Buchs erschien in erweiterter deutscher Fassung - inzwischen mehrfach wiederaufgelegt - 1955 als Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Es ist ein Text, dem jede "tröstliche Moral" (Manès Sperber) fehlt. Denn auch für Hannah Arendts Studie/n zur totalitären Herrschaft gilt als Angebot an uns (als) Leser: Mit der Autorin "die Einsamkeit teilen", also an einer paradoxen Form von Gemeinschaft teilhaben, in der, so Manès Sperber, "jene zueinanderfinden, die aus der gleichen Quelle den Mut schöpfen müssen, ohne Illusionen zu leben."

In Kalten-Kriegs-Zeiten der 1950er Jahre wird Hannah Arendt bekannter, schließlich prominent, wird zu Vorträgen eingeladen und Gastprofessorin in Princeton, in Harvard, in Chicago, in Berkeley, an der New School for Social Research in New York, könnte schließlich festangestellte tenure-Professorin werden: Am Brooklyn College in New York (1956), an der University of Chicago (1963) und zuletzt an der New School for Social Research (1967) ... bis sie endlich, nach zwei Jahrzehnten produktiver akademischer Lehr- und politischer Publikationstätigkeit, neunundsechzigjährig, Anfang Dezember 1975, stirbt.

Hannah Arendt und ihr zweiter Mann und Lebensgefährte, Heinrich Blücher, erfuhren im US-amerikanischen Exil in New York 1943 vom fabrikmäßig unternommenen Völkermord an europäischen Juden, den beide zunächst nicht glauben zu können glaubten. Hannah Arendt hat, zwei Jahrzehnte später, immer noch betont: „Dies hätte nie geschehen dürfen“[1]

Auschwitz

Auschwitz - was das war, wie es dazu kommen konnte und wie es künftig verhindert werden kann: Das bestimmte Hannah Arendts Denken und Handeln. Und das Wissen um diese (und ihre eigne) Vergänglichkeit war die einzige und letzte Gewißheit der politischen Zeitgenossin, Soziologin und Philosophin Hannah Arendt.

Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, so der deutsche Titel ihres Hauptbuchs, kann auch als ausgreifende Zeitdiagnose gelesen werden: Was die Autorin etwa zum Imperialismus ausführt, behandelt die auch ideengeschichtlich hergeleitete Zerstörung des alten Europa durch den und im Ersten Weltkrieg. Und der zweite Teil ihres 750-Seiten-Werks über Totalitarismus läßt sich auch heute immer noch lesen als kundige Variation über einen geschichtlich-allgemeinen Prozeß der Ent-Bindung von Traditionsbeständen, Verweltlichung und Modernisierung, kurz: Es geht um das, was der deutsche Soziologe Max Weber als Schlagwort geprägt hat – „Entzauberung“ der Welt -, ein Prozeß, der im totalitär-bürokratischen Zeitalter von Massen und Zerfall wohl beschreibbar, aber (so Hannah Arendt) nicht erklärbar ist:

"Zu erklären ist das totalitäre Phänomen aus seinen Elementen und Ursprüngen so wenig und vielleicht noch weniger als andere geschichtliche Ereignisse von großer Tragweite."

Totalitäre Politik

Und auch wenn, oder vielleicht gerade weil, die politische Wissenschaftlerin und Publizistin Hannah Arendt immer einem beschreibend-identifizierenden Zugriff zum Totalitären verpflichtet blieb, insofern Erscheinungen beschrieb und phänomenologisch verfuhr - so können doch, auch heute, noch einzelne Seiten, Hinweise und Facetten ihrer kritischen Einschätzung von totalitärer Politik im 20. Jahrhundert  wenn nicht in jeder Einzelheit, so doch wenigstens in der  allgemeinen Tendenz stimmig klingen:

"Totalitäre Politik ist nicht Machtpolitik im alten Sinn, auch nicht im Sinn einer noch nie dagewesenen Übertreibung und Radikalisierung des alten Strebens nach Macht nur um der Macht willen: hinter totalitärer Machtpolitik wie hinter totalitärer Realpolitik liegen neue, in der Geschichte bisher unbekannte Vorstellungen von Macht und Realität überhaupt. Auf diese Begriffsverschiebung kommt alles an, denn sie und nicht bloße Brutalität, bestimmt die außerordentliche Schlagkraft wie die ungeheuerlichen Verbrechen der totalen Herrschaft. Es handelt sich bei totalitären Methoden nicht um Rücksichtslosigkeit, sondern um die völlige Nichtachtung aller berechenbaren äußeren Konsequenzen, nicht um chauvinistische Greueltaten, sondern um die Nichtachtung aller nationalen Interessen und die völlige Wurzellosigkeit derer, die sich der Bewegung als solcher verschrieben haben, nicht um die vulgäre Durchsetzung irgendwelcher personaler oder Cliqueninteressen, sondern um die ruchlose Verachtung aller Zweckmäßigkeitserwägungen. [...] Der unerschütterliche Glaube an eine ideologisch-fiktive Welt, die es herzustellen gilt, hat die politischen Verhältnisse der Gegenwart tiefer und entscheidender erschüttert, als Machthunger oder Angriffslust es je hätten tun können. Der Machtbegriff der totalen Herrschaft" - so Hannah  Arendt zusammenfassend über seine Wirksamkeit - "beruht ausschließlich auf der Kraft und der Stärke, welche durch Organisation und reibungsloses Funktionieren zu erreichen ist."

Banalität des Bösen

In ihrem 1964 in Deutschland veröffentlichten Eichmannprozeß-Bericht von der Banalität des Bösen hat Hannah Arendt in der Eichmann-Figur als Inkarnation des tüchtigen SS-Bürokraten und Völkermord-Organisatoren ihren Kerngedanken zur Beschreibung von Genozid und Massenmord, seiner Planung, Organisation und Durchführung im arbeitsteiligen Verfahren durch gewisse Staats-Beamte als gewissenhafte Exekutoren von Gewissenlosigkeit verallgemeinernd popularisiert ... grad so, als wollte sie, als Überlebende, am zwei Jahrzehnte vor Auschwitz und Treblinka verstorbenen Prager Juden Franz Kafka, über den Hannah Arendt schon 1948 schrieb und von dessen künstlerischen Visionen und Dystopien sie als Wissenschaftlerin und Publizistin viele Anregungen erfuhr, eine moralische Schuld abtragen - geht es doch in Kafkas Romanfragment Der Prozeß auch um die Festnahme eines Unschuldigen durch eine mächtige Organisation, die gegen einzelne Menschen ein sinnloses Gerichtsverfahren organisiert. Dies ist - so Franz Kafka -:

"Eine Organisation, die nicht nur bestechliche Wächter, läppische Aufseher und Untersuchungsrichter beschäftigt,  sondern die weiterhin jedenfalls eine Richterschaft hohen und höchsten Grades unterhält, mit dem zahllosen, unumgänglichen Gefolge von Dienern, Schreibern, Gendarmen, vielleicht sogar Henkern."[2]

Franz Kafka wird auch das mit Blick auf Hannah Arendts Bürokratie-Kritik nicht einmal unzutreffende Bonmot, daß viele sogenannte Wissenschaftler, wenn sie nur die Welt von Dichtern und Künstlern auf eine andere Ebene transponierten, zu Ansehen, Ruhm and Bedeutung gelangten, zugeschrieben - eine Kritik, die, so der deutsche Soziologe René König (1973)[3], keineswegs nur Hannah Arendt betrifft. Und auch Hannah Arendts  wissenschaftliche Wissensdefizite, gerade in ihrem Hauptfeld Totalitarismus- und Genozid-Beschreibung, -Analyse und -Kritik  sind unverkennbar. Etwa immer dann, wenn sie alle Vor- und Zwischenformen des später Holocaust genannten staatlich geplanten, organisierten und exekutierten, fabrikmäßig ablaufenden Vernichtungskriegs und Massenmords gegen europäische Juden durch deutsche Staatsfunktionäre als „staatlich organisierten Verwaltungsmassenmord“ für einzigartig erklärt, damit auch so gar nichts von Vorläufern, also Deutschsüdwest vor dem Ersten Weltkrieg,  während des Ersten Weltkriegs gegen Armenier "hinten in der Türkei" und während des Zweiten Weltkriegs gegen Serben im kroatischen Separatstaat, wissen will ...

Understatement des Jahrhunderts

Im Epilog ihres Eichmannprozeß-„Bericht[s] von der Banalität des Bösen“ setzte sich die Publizistin Hannah Arendt auch mit (inter)nationalen Gerichtshöfen und ihren (völker)rechtlichen Grundlagen auseinander. Zum „Londoner Statut“ als Rechtsgrundlage des Internationalen Gerichtshof in Nürnberg 1945/46, der die NS-Hauptkriegsverbrecher aburteilte, bemerkte sie sarkastisch, daß im Deutschen und in Deutschland, bis heute wirksam, aus dort genannten „crimes against humanity“ so verniedlichend wie grundfalsch nicht „Verbrechen gegen die Menschheit“, sondern „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ wurden – grad so, „als hätten es die Nazis lediglich an „Menschlichkeit“ fehlen lassen, als sie Millionen in die Gaskammern schickten, wahrhaftig das Unterstatement des Jahrhunderts“.

 

Was die Autorin als historisch arbeitende Politikwissenschaftlerin hätte wissen können: Die Formel „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ war, wie inzwischen dokumentarisch belegt, kein bloß stümperhafter und schon gar nicht erst nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffener Übersetzungsfehler, sondern als „reichsdeutsches Dokumentenfalsifikat“ (Richard Albrecht) bereits während des Ersten Weltkriegs, nämlich am 7. 6. 1915 im halbamtlichen Wolff´schen Telegraphenbüro, in Berlin produziert und in Deutschland amtlich übernommen worden (und ist bis heute noch gebräuchlich): 1915 ging es um jungtürkische „nouveaux crimes contre l´humanité et civilisation“[5], 1945 um nationalsozialistische „crimes against humanity“ – also jeweils um Schwerstverbrechen, Verbrechen gegen die Menschheit, Menschheitsverbrechen - und nicht bloß um Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Nicht nur nicht wissen, sondern nicht einmal erahnen konnte Hannah Arendt, daß, knapp zwei Jahrzehnte nach ihrem Tod, Deutschlands oberstes Kriminalgericht, der Bundesgerichtshof (BGH), am 17. Juni 2004 (im „Fall Engels“) mit der Menschlichkeits-Begründung eine Verurteilung durchs Hamburger Landgerichtsurteil aufhob: Bei einer 1944 während der NS-Besetzung Italiens durchgeführten Massenerschießung italienischer Gefangener als Vergeltungsmaßnahme nach einem gegen deutsche Soldaten gerichteten Partisanenangriff wären wohl die „objektiven“ Voraussetzungen des Mordmerkmals Grausamkeit erfüllt als der damalige SS-Offizier 1944 den Befehl zur Ermordung der Geisel gab – es wäre aber, so die BGH-Begrüdung weiter, nicht dargelegt worden, welche subjektiven Möglichkeiten der (erst 2001) angeklagte Täter gehabt hätte, die Geiselerschießungen unter „weniger qualvollen Begleitumständen“ durchzuführen: „Damit fehlt es im angefochtenen Urteil am Beleg der subjektiven Voraussetzungen des Mordmerkmals der Grausamkeit. Ein anderes Mordmerkmal ist nach den bislang getroffenen Feststellungen nicht erfüllt. Als Totschlag - auch wenn er wegen der Zahl der Opfer und der Begleitumstände der Tat als besonders schwerwiegend zu werten wäre - ist die Tat des Angeklagten bereits bei Anklageerhebung längst verjährt gewesen.“[6]

The Human Condition

Für intellektuell bedeutungsvoll, damit über bloß publizistisch-aktuelle Zeitdiagnose/n hinausgehend, halte ich nicht nur Hannah Arendts Antitotalitarimus-Buch wie ihren Eichmann-Prozeßbericht, sondern auch ihr zuerst 1958 veröffentlichtes 'modernes' Lese-Buch: The Human Condition, deutsch erschienen als Vita Activa oder Vom Tätigen Leben. In diesem Hannah-Arendt-Buch geht es um Bedingungen unseres im Kleinen vergemeinschafteten, im Grossen vergesellschafteten Lebens, damit unserer conditio humana (und nichts Anderes bedeutet der englische Originaltitel); etwa, wenn die Autorin als politische Philosophin im geschichtlichen Teil über die soziale Ordnung mittelalterlicher Ständegesellschaften ausführt:

"Kein Eigentum haben hieß, keinen angestammten Platz in der Welt sein eigen zu nennen, also jemand zu sein, den die Welt nicht vorgesehen hatte."

Und wer "Eigentum" durch bezahlte Erwerbsarbeit ersetzt, befindet sich, nolens volens,  plötzlich in unserer neuen Moderne, deren erwerbswirtschaftliche Maxime lautet: Wer hier und heute erwerbsarbeiten kann und will und keine bezahlte Arbeit hat, der hat keinen angestammten Platz in dieser spätkapitalistischen Industriegesellschaft, ist also jemand, den diese soziale Welt nicht vorgesehen hat und damit überzählig, wenn nicht gar überflüssig. - Ähnlich "modern" Hannah Arendts Hinweis zur zentralen Rolle des Konformismus als Merkmal aller Gesellschaft/en, damit jeder Vergesellschaftung von Menschen. Es geht immer um jene „zahllosen Regeln, die alle darauf hinauslaufen, die Einzelnen gesellschaftlich zu normieren, sie gesellschaftsfähig zu machen und spontanes Handeln wie hervorragende Leistungen zu verhindern."

Freilich ging Hannah Arendt davon aus, daß Gesellschaft real-existiert und keine Fiktion ist, genauer – Zitat Karl Marx:

„Die Gesellschaft besteht nicht aus Individuen, sondern drückt die Summe der Beziehungen, Verhältnisse, aus,  worin diese Individuen zueinander stehn.“[7]

Würde Hannah Arendt zehn Jahre länger gelebt und jene intellektuell abenteuerliche These der Begründerin des britischen Thatcherismus erfahren haben (demzufolge Gesellschaft „ein Unding“ ist, weil es „nur einzelne Männer und Frauen und deren Familien“ geben kann: „There is no such thing as society, only individual men and women and their families“) – dann hätte sie wohl, wenn überhaupt, möglicherweise nur noch knapp-sarkastisch oder langanhaltend-ablachend auf diesen staatsfräuisch-kretinischen Schwachsinn reagiert ...

Prominenz

Als politische Wissenschaftlerin hat sich Hannah Arendt auch politikgeschichtlich im Zusammenhang mit ihrer Deutung des Status gesellschaftlicher Parias mit Prominenz als medienvermittelter Bekanntheit und „Berühmtheit“ beschäftigt[8]. Sie sah die Begründung in dem, was sie operettenhafte „theatralische Kulissenkultur“ der „Kulturberufe“ im allgemeinen und des „Theaterwesens“ im besonderen nannte und was später das „Starwesen“ Hollywoods ausmachen sollte, schon „vor seiner Verbreitung durch den Film“ in der Vorkriegsmetropole Wien und der „Kulissenkultur in Österreich“ schon „vollständig vorgebilde“ und kritisierte bereits 1948 die sich immer dann, wenn "das Theater als Realität" gilt, ergebende "Verkehrung und Verwechslung von Sein und Schein": der mimisch-theatrale "Maßstab der Größe ist ausschließlich der gegenwärtige Erfolg". Jeder aufs Jetzt und Hier verkürzte "gegenwärtige Erfolg" im "Kulturbetrieb" verwechselt auch "die Bedeutung von Autoren mit der Auflageziffer ihrer Werke". Was sich als "Elite der Auserwählten", "Kaste berühmter Männer und "Gesellschaft der Berühmten" selbst verstehe und im "Kulturbetrieb" dargestellt werde - sind nach Hannah Arendt "gesellschaftlich gesehen [...] Parias": "Der Ruhm, der Erfolg, war ein Mittel gesellschaftlich heimatloser Menschen, sich eine Heimat, sich eine Umgebung zu schaffen." Insbesondere jüdische Schauspieler, Künstler, Intellektuelle, Autoren und Publizisten bedurften als "gesellschaftliche Paria" des "schützenden Kleides des Ruhmes" als "eine Art Heimatrecht in der internationalen Elite der Erfolgreichen". Auch diese Zugehörigkeit erwies sich jedoch als Illusion. Die "internationalen Gesellschaft der Berühmten" wurde "das erste Mal im Jahr 1914 zersprengt, bevor sie 1933 endgültig unterging."

Dem von ihr kritisch kommentierten Prominentisierungsprozeß konnte auch die Autorin nicht entgehen. In Deutschland wurde Hannah Arendt einmal, Mitte der 1960er Jahre, bekannt durch ihren Prozeß-"Bericht von der Banalität des Bösen" und die dort vertretene Deutung des "mordenden Spießers" Adolf Eichmann als bürokatischem Schreibtischtäter und gewissenhaftem Werkzeug der Gewissenlosigkeit; und zum anderen Anfang der 1970er Jahre durch ihre 1971 verfassungsgerichtlich erstrittene „Wiedergutmachung“.

 

 

„Wiedergutmachung“

Hannah Arendt hatte ihren ersten Antrag auf Entschädigung nach dem allgemeinen Bundesentschädigungsgesetz gestellt und wegen erwiesenen „Berufsschadens“ als Folge nationalsozialistischen  Unrechts 40.000 DM erhalten. Nach einer vom Bundesverfassungsgericht veranlaßten Änderung des speziellen „Gesetz[es] zur Regelung der Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts für Angehörige des öffentlichen Dienstes“ (BWGöD) 1965 klagte sie mit Hilfe der bekannten SPD-Spitzenjuristen und -Politiker Adolf Arndt und Martin Hirsch 1966 unmittelbar vor dem deutschen Bundesverfassungsgericht auf finanziell wesentlich höher ausfallende "Wiedergutmachung" nach dem und zugleich gegen das neue BWGöD. Nach nach fünf Jahren Prozeßdauer, Ende 1971, erhielt sie diese als – so der Urteilsleitsatz – „Person, die ihrerseits die Erfüllung der wesentlichen Voraussetzungen für eine aus Verfolgungsgründen nicht durchgeführte Habilitation nachweisen“ konnte[9]. Das „mit fünf gegen drei Stimmen ergangene“ höchstrichterliche Urteil vom 4. November 1971 soll sowohl Hannah Arendt durch die ihr nun als Ausgleich entgangener Gehalts- und Pensionszahlungen zugesprochene Gesamtsumme von gut einer halben Million DM auf einen Schlag "reich" gemacht haben[10] wie auch als direkte Rechtsfolge zur erneuten Neufassung des BWGöD 1973 (und deshalb als „Lex Arendt“ bezeichnet) geführt haben[11]. Das deutsche Bundesverfassungsgericht folgte dem durch ein Gutachten von Karls Jaspers gestützten Entschädigungsantrag der „berühmen Wissenschaftlerin“[12], die infolge von Machtübergabe, Machtübernahme und Machtausübung durch die Nationalsozialisten (seit) 1933 „aus Verfolgungsgründen“ entsprechend ihrer dem Grunde nach fertigen Habilitationsschrift als „habilitationsreife Habilitandin“ das Habilitationsverfahren formell nicht abschließen konnte. Damit war Hannah Arendt als prominente jüdische und im Ausland lebende Sozialwissenschaftlerin der erste „Fall“ und die erste, die nicht durch Pauschalzahlung nach dem Bundesentschädigungsgesetz (BEG) wie bisher üblich mit erheblich geringerer „Entschädigung“ abgefunden wurde. Sie gelangte vielmehr 1971 – so die Formulierung des Bundesverfassungsgerichts - in den „privilegierten Kreis der Wiedergutgemachten“ und wurde entsprechend des deutsche Staatsbedienstete begünstigenden Gesetzes zur Regelung der Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts für Angehörige des öffentlichen Dienstes (BWGöD) um das Zwölfeinhalbfache in Form der „Wiedergutmachung“ entschädigt.

Zu prüfen wäre, ob der moralische Soziologe und soziologische Moralist René König, der sich im „Fall“ Eugen Gerstenmaier, der als damaliger CDU-Spitzenfunktionär 1968 „zweihundertachtzigtausend Mark bezogen hat, wobei ihm nur vierundzwanzigtausend zugestanden hätten“, berechtigt öffentlich empörte, den „Fall“ Hannah Arendt vor Augen hatte, als er 1976 an die Form der Unrechtswiedergutmachung erinnerte:

"Es waren Prozesse nötig für die Wiedergutmachung. Wobei die Wiedergutmachung ja eines der traurigsten Dinge in der Bundesrepublik ist; denn es hat um alles erst Prozesse geführt werden müssen, und die größten Zahlungen sind an Rechtsanwälte und nicht an die Betroffenen gegangen, wobei jeder normale deutsche Bürger der Überzeugung ist, daß die Juden entsetzlich viel Geld aus Deutschland bezogen haben damals."[13]

 

Undenkbares denken

Hannah Arendts Lage ist tertial, also etwas Drittes zwischen Innen und Außen, zwischen Inside und Outside, nicht ganz ausgeschlossen zu sein und auch nicht völlig dazuzugehören, repräsentiert damit jene doppelte Marginalität und Zwischenlage, die etwas, das ich für moralisch und erkenntnispraktisch zentral wichtig halte, ermöglicht: Ich meine das, was heutige Sozialwissenschaft zunehmend unterläßt, wenn nicht gar verachtet - nämlich intellektuell Unannehmbares anzunehmen, Unaussprechliches auszusprechen und damit auch: Undenkbares zu denken. Denn ohne das, was in der internationalen sozialwissenschaftlichen Destruktionsforschung, etwa zum Völkermord/Genozid, ´thinking the unthinkeable´ genannt wird, lassen sich gerade heute epochal-destruktive Vernichtungsprozesse und historisch-entgrenzte Destruktionsereignisse wie Genozid und Völkermordpolitik als Staatsverbrechen nicht angemessen beschreiben, erklären und begreifen[14].

Wenn es denn eine unverzichtbare Kernfunktion von Sozialwissenschaftler(inne)n, die diesen Namen verdienen, ist, bisher unsichtbare Prozesse in der Welt des Sozialen sichtbar zu machen - die Sozialpsychologin Maria Jahoda sprach 1986 davon, unsichtbare Dinge sichtbar zu machen - und bisher unverstandene soziale Vorgänge beschreiben, verstehen und begreifen zu lernen - dann war Hannah Arendt eine bedeutende politische Wissenschaftlerin im vergangenen 20. Jahrhundert. Und daß Staaten in unserer Zeit, aus Hannah Arendts Sicht namentlich der Holocaust-nationalsozialistische wie der Gulag-stalinistische, als solche und aktiv und bewußt Verbrechen begehen, nicht irgendwelche, sondern kapitale Verbrechen, Verbrechen an der Menschheit, daß also Staaten als solche kriminell - nämlich staatskriminell - handeln (können) - diese scheinbare Paradoxie mußte auch erst mal wissenschaftlich durchdacht, intellektuell bewältigt und öffentlich ausgesprochen werden, ohne daß die moralische Persönlichkeit selbst an ihren Einsichten verzweifelt.

Der Preis ist die Preisgabe verbindlicher (staats-) bürgerlicher Sicherheiten und Gewißheiten. Hinter der glatten Fassade der Normalität kann sich, wie Hannah Arendt an ihrem Eindruck der SS-Spießer-Figur Eichmann vorführt, der Abgrund auftun: Das Böse kommt als Banalität daher, jede totalitäre Welt ist eine ungebändigt-furchtbare soziale Welt. Und zugleich im Sinne Franz Kafkas, weil und wenn „die Lüge zur Weltordnung gemacht“[15] wird, eine verkehrte Wirklichkeit und doch erweislich wirklich und strukturell eingelassen in jede bürgerliche Ordnungsnormalität.

So gesehen, gibt es, zu Ende gedacht, nur eine letzte bürgerliche Gewißheit: Daß unsere Leben endlich und unsere leiblichen Leben erst mit dem Tod (als Lebenssinn) zu Ende sind wie das Leben von Hannah Arendt, der US-amerikanischen Autorin deutsch-jüdischer Herkunft, die am 14. Oktober 1906 in (Hannover-) Linden geboren wurde und am 4. Dezember 1975 im New Yorker Exil starb.

 

[1] Zitiert nach http://www.rbb-online.de/zurperson/interview_archiv/arendt_hannah.html [wie alle links: 250110]  -  [2] Zitiert nach Richard Albrecht, „Lebendige Menschen“ als „tote Registraturnummern ..." - Eine Bürokratie-Kritik nach Franz Kafka: http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/38287.html  -  [3] René König, Sketches by a cosmopolitan German sociologist; in: International Social Science Journal, 25 (1973) 1/2: 55-70 - [4] http://www.yale.edu/lawweb/avalon/imt/proc/imtconst.htm (hier 6 c) - [5] Richard Albrecht, Völkermord(en). Genozidpolitik im 20. Jahrhundert (Aachen: Shaker, 2006 [= Beiträge zur Rechtswissenschaft]): 15-19  - [6] BGH 6 StR 115/03: http://www.recht.com/documents/BGHR%20Strafsachen/StGB_2F211_2F2_2FGrausam_8.asp  -  [7] Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie (Rohentwurf) [1857-58]. Berlin: Dietz, ²1974: 176  -  [8] Zuerst in ihrer auf „gestohlenes“ Leben abhebenden melancholischen Rezension der Erinnerungen von Stefan Zweig  udT. „Juden in der Welt von gestern“ 1944; zur literarischen „Prominenz“ innert der „Weimar Culture“ (Peter Gay) vgl. die Fallstudie: Richard Albrecht, Literarische Prominenz in der Weimarer Republik; in: Blätter der Carl-Zuckmayer-Gesellschaft, 12 (1986) 2/3: 127-135 - [9] BVerfG am 4. November 1971: BVerfGE 32: 173-195 [5:3-Stimmen-Beschluß des Zweiten Senats vom 4. November 1971: 2 BvR 493/66]; rechtskräftiger Beschlußtext:173-188; abweichende Meinung zweier BVerfRichter: 188-195; zitierter Leitsatz 174. – In zwei (mir aus Gründen bis Manuskriptabschluß 15. März 2010) nicht zugänglichen Büchern sollen sich zu Entschädigung/Wiedergutmachung Hannah Arendts Hinweise (von Liliane Weissberg [und] Claudia Christophersen) finden: „Rahel Varnhagen. The Life of a Jewess“ (1997) [und] „Romantik und Exil“ (2004). – Meine aufwändigen Recherchen Anfang 2010 ergaben: Es soll bei deutschen Entschädigungsämtern (Berlin, Köln und [damals] Stuttgart) außer den hier [p. 8] faksimilierten drei Briefen wie auch im Hannah-Arendt Institut für Totalitarismusforschung (HAIT) an der TU Dresden zu Entschädigung, Wiedergutmachung und "Lex Arendt" keine forschungsrelevanten Materialien geben. Die 232 Blatt umfassenden BVerfG-Verfahrensunterlagen 1966-1973 befinden sich wohl im Bundesarchiv (Koblenz), sind aber nicht dort, sondern nur über das BVerfG Karlsruhe (und mir nach Manuskriptabschluß) zugänglich (gemacht worden), so daß (m)eine spezielle Auswertung erst in einem späteren Bericht erfolgen kann. Im Hannah-Arendt-Zentrum am Institut für Philosophie der Universität Oldenburg schließlich sollen Dokumente aus dem Hannah-Arendt-Nachlaß vorhanden, durch ein erarbeitetes "Findbuch" teilerschlossen  ("A Register of Her Papers in the Library of Congress" [Washington, D.C.]: http://lcweb2.loc.gov/cgi-bin/query/r?faid/faid:@field(DOCID+ms001004) und im Prinzip auch allgemein zugänglich sein. -  [10] Alois Prinz, Beruf Philosophin oder Die Liebe zur Welt: Die Lebensgeschichte von Hannah Arendt. Weinheim-Basel: Beltz & Gelberg, ²2006: 290  -  [11] Zweites Bundesbesoldungserhöhungsgesetz vom 5. November 1973 (BGBl. I: 1569-1587, hier 1572, IV § 3)  -  [12] Anikó Szabó, Vertreibung, Rückkehr, Wiedergutmachung: Göttinger Hochschullehrer im Schatten des Nationalsozialismus. Mit einer biographischen Dokumentation der entlassenen und verfolgten Hochschullehrer, Universität Göttingen [...]. Göttingen: Wallstein, 2000, 768 p. [= Veröffentlichungen des Arbeitskreises Geschichte des Landes Niedersachsen, Arbeitskreis Geschichte des Landes Niedersachsen (nach 1945), Bd. 15], hier 468 f.  -  [13] René König im Gespräch mit Hans G. Oxenius: „Zeitfragen-Streitfragen“, WDR 3 Hörfunk, Erstsendung am 7. März 1976; zitiert nach:  Richard Albrecht, René König: Einmal Emigrant – Immer Emigrant; in: soziologie heute, 3 (2010), Aprilheft: 36-39, hier 38f. -  [14] Richard Albrecht, Vom „Volksfeind“ zum „objektiven Gegner“. Die Karriere eines ideologisch-politischen Konzepts, in: Geschichte – Erziehung – Politik, 1/1995: 1-7  -  [15] Franz Kafka, Der Prozeß [1915]. Neuntes Kapitel: Im Dom [Dialog K. – Geistlicher]; zitiert nach: Romane und Erzählungen. Frankfurt/Main 2004: Zweitausendeins, 362; http://de.wikisource.org/wiki/Der_Process/9._Kapitel

 

Hannah Arendt [Lesehinweise]

-Die verborgene Tradition. Sechs Essays (1948); erweiterte Ausgabe: Die verborgene Tradition. Acht Essays. Frankfurt/Main: Suhrkamp [suhrkamp taschenbuch/st  303], 1976, 169 p. -The Origins of Totalitarism (1951); deutsche Ausgabe [1955]: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. I. Antisemitismus; II. Imperialismus; III. Totale Herrschaft. München: S. Piper [Serie Piper 645]; Neuauflage 1986, 578 p. -The Human Condition (1958); Vita Activa oder vom tätigen Leben. München: S. Piper [= Serie Piper 217], Neuauflage 1981, 375 p. -Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. München: S. Piper [= Serie Piper 308], Neuauflage, 1986, xxxvii/358 p. -Die Lüge in der Politik; in: vorgänge, 3/2004: 3-18

 

Erstdruck: soziologie heute, 3 (2010) 12: 32-35; ibid, 3 (2010) 13: 36-38   ©Autor (renewed 2018)

 

Dr. Richard Albrecht, Sozialwissenschaftler & Wissenschaftsjournalist mit Arbeitsschwerpunkten Kunst & Kultur, Bildung & Cineastik in Bad Münstereifel. Kolumnist des Linzer Fachmagazin soziologie heute. BioBibiliographie https://ricalb.files.wordpress.com/2015/12/cv.pdf







<< Zurck
Ja, auch diese Webseite verwendet Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz