Neues Buch über „Sarrazins Correctness“


Unrast-Verlag

16.04.14
AntifaschismusAntifaschismus, Kultur, TopNews 

 

von Frank Behrmann

Gerade hat Thilo Sarrazin einen neuen Bestseller auf den Markt geworfen.
In „Vom neuen Tugendterror. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland“ beklagt er einmal mehr, dass die Meinungsfreiheit für ihn und seinesgleichen durch die Ideologie der „political correctness“ eingeschränkt sei.

Allerdings haben seine Bücher Millionenauflage erzielt und keine Talkshow hat bisher auf ihn verzichten mögen. Worum geht es ihm also bei seinen Klagen?

Der Sozialwissenschaftler Andreas Kemper hat rechtzeitig zum Erscheinen von Sarrazins neuester Arbeit ein Buch über dessen „Correctness“ und über die Traditionen, in denen sich seine Thesen bewegen, herausgebracht. Er vermutet, dass Sarrazin schlicht Kritik und Zensur in eins setzt, und es ihm darum ginge, „die Kritik zu unterdrücken“, sich jedenfalls nicht ernsthaft mit ihr auseinandersetzen zu müssen.

Während Sarrazin sich diskriminiert wähnt, verharmlost er „die Diskriminierungen der Vergangenheit und Gegenwart“, die die von ihm als „Gutmenschen“ Verunglimpften anprangern und aufheben wollen. So kommt Sarrazin beim Thema Meinungsfreiheit gar nicht erst der Gedanke, dass die soziale Selektion im Bildungsbereich „die Freiheit der Meinung in vielfacher und extremer Weise bestimmt“. In seiner elitären Gedankenwelt ist das der natürliche Gang der Dinge.

Angegriffen werde mit „dem politischen Schlagwort ´Politische Korrektheit` allerdings nur das Streben nach einer Verbesserung der Menschenrechtslage“, Sarrazin befür- wortet hingegen Disziplinierungen und Bevölkerungskorrekturen. Soziale Ursachen für individuelle Benachteiligungen oder für gesellschaftliche Missstände werden von ihm grundsätzlich ausgeblendet.

Sarrazins zentrale Thesen fußen auf reaktionären Ideologien, die zum Teil weit ins vorige Jahrhundert (wenn nicht noch weiter) zurückreichen – ob Sarrazin das nun bewusst ist oder nicht. Als Beispiele dieser elitären Attacken auf ArbeiterInnen und Angehörige der Unterschichten erörtert Kemper u.a. die Tradition elitären Denkens, das sich gegen „die da unten“ richtet, und darauf basierende sozialeugenische Konzepte, des Weiteren sog. Korrektionsanstalten „zur Aufnahme von Verbrechern und verwahrlosten Personen“, wie ein Lexikon vor 100 Jahren schrieb, oder das Hochhalten „preußischer Tugenden“.

All diese Ideologeme und Konzeptionen gehen davon aus, dass soziale Hierarchien auf biologischen Grundlagen fußen. Zum angeblichen Vorteil für die gesamte Gesellschaft wurde an Konzepten der Menschenzucht gearbeitet.

Der Erfolg Sarrazins ist Ausdruck einer Verrohung des Mittelstands. Zunehmend stärker wird in ökonomisch gut situierten Gesellschaftsschichten der Abkehr von Solidarität mit den sozial deklassierten Bevölkerungsteilen das Wort geredet. Diese werden nur noch als Kostenfaktor und Belastung für das eigene Wohlergehen wahrgenommen.

Die LeserInnenschaft dieser Bücher wurde von der Gesellschaft für Konsumforschung untersucht: „Die Süddeutsche fasst zusammen: ´Im jungen und mittleren Alter fühlten sich die Besserverdiener und Aufsteiger von Sarrazins Thesen überdurchschnittlich angesprochen, bei den Älteren ist es die Mittelschicht. Ältere Menschen aus der ´Arbeiterschicht` und Männer in sogenannter ´einfacher Lage` interessierten sich dagegen signifikant weniger dafür.` Die Sarrazin-Käuferschicht liebe die sozialen Gewohnheiten, überdurchschnittlich auch die Sauberkeit der eigenen Wohnung, hasse aber individuelle Risiken.“

Andreas Kemper, Sarrazins Correctness. Ideologie und Tradition der Menschen- und Bevölkerungskorrekturen, Unrast-Verlag, Münster 2014, 178 S., 13 Euro
www.unrast-verlag.de/neuerscheinungen/sarrazins-correctness-detail


VON: FRANK BEHRMANN






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