Wurzeln des Rassismus


Bildmontage: HF

04.12.14
AntifaschismusAntifaschismus, Internationales, Theorie, TopNews 

 

von Claude M. Lightfoot (1968)

Der Kampf für die Befreiung der Afroam- erikaner- Die historischen Wurzeln des Rassismus

Es wurde bereits dargelegt, dass der Rass- ismus eines der ideologischen Haupthin- dernisse auf dem Weg zur Herstellung der Einheit von Afroamerikanern und Weißen auf einer Massenbasis ist. Der Rassismus desorientiert die Massen der weißen Amerikaner und macht sie blind gegen den eigentlichen Feind.

Gus Hall, der Generalsekretär der Kommunistischen Partei der USA, wies eindringlich auf die schädlichen Auswirkungen des Rassismus hin, als er schrieb:
„Der Fanatismus ist einem Giftgas vergleichbar, das in der Absicht hergestellt wird, jegliche Opposition außer Gefecht zu setzen. Ähnlich einem solchen Gas entstellt er die Wirklichkeit und ruft einen Zustand der Verwirrung hervor. Der Freund erscheint einem als Feind und der Feind als Freund.“ [1/18]

Die Kehrseite des Rassismus und eine Reaktion darauf sind separatistische Er- scheinungen des afroamerikanischen Nationalismus, wonach alle Weißen als Feinde betrachtet werden. Auch wenn diese Strömungen in der afroamerikani- schen Bewegung nicht dominierend ist, muss sie doch als spalterische und schädliche Tendenz bekämpft werden. –

Sie desorientiert die afroamerikanischen Massen. Den Kampf zu führen, ohne zu wissen, wer der Gegner ist und worin die Probleme ihren Ursprung haben, kommt dem Versuch eines Arztes gleich, der eine Krankheit ausrotten will, ohne vorher die Ursache festge- stellt zu haben.

Man hat uns ein verzerrtes Geschichtsbild vermittelt. Afroamerikanern und Weißen wurde gleichermaßen gelehrt, dass der Vormarsch der Zivilisation – der Fortschritt in Wissenschaft und Technik, im Bereich der Bildung, der Künste usw. – ein Ergebnis der Überlegenheit der Weißen sei. Um diese Theorien aufrechtzuerhalten, wurde die Geschichte des afroamerikanischen Volkes nahezu völlig ausgelöscht.

Niemals wurden die Leistungen und menschlichen Vorzüge eines Volkes mehr entstellt als die der Afroamerikaner in den USA. Die weißen Ausbeuter, ob es sich um Plantagenbesitzer im Süden oder Industrielle im Norden der USA handelt, haben es gleichermaßen für notwendig und gewinnbringend befunden, das afroamerikanische Volk in jeder nur vorstellbaren Weise zu erniedrigen.

Ihre Historiker, Wissenschaftler, Politiker, Geistlichen, Journalisten und Romanschriftsteller – sie alle haben die Afroamerikaner als ein Volk ohne Geschichte und Tradition hingestellt. Sie haben unsere Intelligenz, unsere Moral und unseren Kampfgeist herabgewürdigt und unter schändlichem Missbrauch der Wissenschaft versucht, die Afroamerikaner als den Weißen biologisch unterlegen abzustempeln.

Während der letzten Jahrzehnte haben fortschrittliche afroamerikanische und weiße Historiker und Naturwissenschaftler jenes mit Sorgfalt konstruierte System aus Rassenvorurteilen und Aberglauben einer vernichtenden Kritik unterzogen.

Biologen haben zweifelsfrei bewiesen, dass es weder in körperlicher noch in geistiger Hinsicht überlegene oder unterlegene Rassen gibt. Mit großer Exaktheit haben Historiker die von allen Rassen der Menschheit geleisteten Beiträge zum Fortschritt der Zivilisation nachgewiesen. Dessen ungeachtet spukt die Vorstellung von einer Überlegenheit der Weißen noch immer in den Köpfen vieler Menschen.

Die Historiker beginnen jetzt alles zutage zu fördern, was in der Vergangenheit in bezug auf die Menschen schwarzer Hautfarbe im dunkeln lag oder verzerrt wiedergegeben wurde. Ich bin jedoch der Auffassung, dass sie noch nicht in vollem Umfang alle Ursachen aufgedeckt haben, die der dominierenden Rolle der Weißen in der Welt von heute zugrunde liegen. –

John Hope Franklin, ein bedeutender afroamerikanischer Historiker an der Universität Chicago, fasste die Situation wie folgt zusammen:
„Ich glaube, dass einer der Hauptgründe, warum in den USA Auffassungen von der Ungleichheit der Rassen fortbestehen und warum der Prozess zur Erringung der Gleichberechtigung aller Amerikaner so langsam verläuft, darin liegt, dass wir, die wir als Lehrende tätig sind, noch nicht in vollem Maße der Verantwortung gerecht werden, die Wahrheit über uns selbst und unsere Geschichte zu verbreiten.
Wir alle tun noch zu wenig, um die Entstellungen, Missverständnisse und irrigen Darstellungen aus dem Weg zu räumen, die uns daran hindern, eine klare Vorstellung von unserer gesellschaftlichen Struktur und Entwicklung zu gewinnen
.“
[2/19]

Die Frage nach der Entwicklungsgeschichte unserer Gesellschaft wurde in einem Gespräch aufgeworfen, das ich während eines Besuches in Mali im Winter 1964/65 führte. Damals stand Mali, ein Land ohne Zugang zum Meer nahe der Westküste Afrikas, vor ernsten ökonomischen und organisatorischen Schwierigkeiten. Es war früher eine französische Kolonie gewesen und hatte inzwischen die Unabhängigkeit erlangt. Aber wie bei den meisten afrikanischen Völkern, die jahrhundertelang beraubt und ausgebeutet worden waren, fehlte es seinen Bewohnern an Fachkenntnissen, und Mali musste sich trotz dieses Erbes, das ihm die französischen Kolonialisten hinterlassen hatten, aus eigener Kraft emporarbeiten.

Das Hotel, in dem ich wohnte, hatte auch mehrere weiße Amerikaner zu Gast. Ich war der einzige Gast schwarzer Hautfarbe. Als Amerikaner, die die gleiche Sprache sprechen, war es nur natürlich, dass wir Kontakt zueinander suchten und uns über die Geschehnisse des Tages unterhielten. Die meisten Gespräche hatten verschiedene Unannehmlichkeiten zum Gegenstand, auf die wir tagsüber gestoßen waren. –

Die weißen Amerikaner kamen zu dem Schluss, dass die Schwarzen von Natur aus nicht in der Lage wären, einen funktionierenden Verwaltungsapparat aufzubauen. Einige, die das Land schon zu der Zeit besucht hatten, als die Franzosen noch die Macht ausübten, wurden nicht müde, den anderen vor Augen zu führen, wie reibungslos damals alles gelaufen sei. Schließlich fasste einer der Doktoren dieser Gruppe genügend Mut und stellte mir die Frage, ob ich nicht auch der Ansicht sei, dass der von den afrikanischen Völkern bisher erreichte Entwicklungsstand einzig und allein der Anwesenheit der Europäer zu verdanken wäre.

Als ich diesen Unsinn hörte, dachte ich, da haben wir sie wieder, die Vertreter der Auffassung von der „Bürde des weißen Mannes“, wie Kipling es ausgedrückt hatte. Trotz meiner inneren Erregung blieb ich ruhig und schickte mich an, diesem „gelehrten Gentleman“ eine Geschichtslektion zu halten. Aber ich war mit meinen Antworten selbst nicht zufrieden und beschäftigte mich deshalb im folgenden Jahr noch eingehender mit der Untersuchung dieser Frage.

Während mehr als eine Milliarde Menschen nichtweißer Hautfarbe, die früher vom Weltimperialismus unterdrückt wurden, ihre Unabhängigkeit erlangt haben, verfügen sie jedoch nach wie vor noch nicht über das ökonomische Potenzial wie die von Weißen regierten Länder. Und eben dieser Umstand trägt dazu bei, die These von der Überlegenheit der Weißen aufzustellen. Er bewirkt des weiteren, dass einige Schwarze unterschiedslos alle Weißen als Feinde betrachten. Um derartige Auffassungen zu überwinden, muss man sich darüber Klarheit verschaffen, warum die Welt seit einigen Jahrhunderten von bestimmten Völkern der weißen Rasse regiert wird.

Die Historiker haben große Zivilisationen entdeckt, die von Völkern anderer Hautfarbe lange vor der Zeit der von Weißen beherrschten Welt geschaffen worden waren. In dem langen Entwicklungsprozess der gesellschaftlichen Organisation haben sich im Ergebnis eines fruchtbaren wechselseitigen Erfahrungsaustausches zwischen den meisten Völkern der Erde fortgeschrittene Produktionsverfahren und höhere Kulturformen entwickelt. Die Völker schwarzer, brauner, gelber oder weißer Hautfarbe – sie alle haben dazu bedeutende Beiträge geleistet. An dem einen oder anderen Punkt haben sich alle diese Völker auf dem Entwicklungsweg zur Zivilisation befunden, aber aus bestimmten historischen Gründen ist eben das eine oder andere Volk schneller und weiter vorangekommen. Es gab Zeiten, das Völker, die auf einer niedrigeren kulturellen Entwicklungsstufe standen, höhere Kulturformen vernichtet haben, so zum Beispiel im Falle der Zerstörung des Römischen Reiches durch die Hunnen.

Die Taten von Dschingis-Khan im 13. Jahrhundert sind ein Beispiel für die Vorherrschaft eines nichtweißen Volkes, das in diesem Falle eine niedrigere Kulturstufe repräsentierte und ein fortgeschritteneres Volk unterjochte. Dschingis-Kahn führte die nomadisierenden Stämme von der Wüste Gobi in der Mongolei aus zur Eroberung eines großen Teils der damals erschlossenen Welt. Er stellte eines der mächtigsten Heere auf, das die Welt bis dahin gekannt hatte. Auf dem Wege zur Eroberung der Welt unterwarfen seine Heerscharen als erstes das alte China, das zu den fortgeschrittensten Zivilisationen jener Zeit gehörte. Von dieser günstigen Ausgangsposition aus fiel er in das übrige Asien und in einen Großteil Europas ein.

Falls die Barbarei im Hinblick auf die neuere Geschichte der herrschenden weißen Nation als besonderer Charakterzug der Weißen erscheinen sollte, muss man einmal lesen, was Harold Lamb zum barbarischen Charakter der von Dschingis-Khan geführten Streitkräfte geschrieben hat:
„Es ist in der Tat schwierig, ihn nach herkömmlichen Maßstäben zu beurteilen. Wenn er mit seinen Horden auszog, dann erstreckten sich seine Märsche nicht über Meilen, sondern über Längen- und Breitengrade hinweg. Städte, die auf seinem Weg lagen, wurden oft gänzlich ausgelöscht und Flussläufe in ihrer Richtung verändert.
Die Fliehenden und Sterbenden bevölkerten ganze Wüsten, und wenn er weitergezogen war, blieben nur Wölfe und Aasgeier als die einzigen Lebewesen in den einst dichtbesiedelten Landstrichen zurück. Diese Vernichtung menschlichen Lebens übersteigt heute unsere Vorstellungskraft, wenngleich diese angesichts der Ereignisse während des letzten Krieges an einiges gewöhnt wurde. Dschingis-Khan, ein Nomadenhäuptling, verließ die Wüste Gobi, um gegen die zivilisierten Völker der Erde Krieg zu führen, und er war siegreich.“
[3/20]

Die Geschichte ist voller Beispiele dafür, dass nichtweiße Völker in bestimmten Zeiten die Vorherrschaft erlangten. Im 13. und 14. Jahrhundert standen Gesellschaften in mehreren Erdteilen auf mehr oder weniger der gleichen Entwicklungsstufe. Es gibt umfangreiches Beweismaterial, das darauf hindeutet, dass mehrere afrikanische Stammesgemeinschaften und China auf einer höheren Entwicklungsstufe gestanden haben als die meisten Völker in Europa. Dr. W. E, B. DuBois weist darauf mit folgenden Worten hin:
„Es kann keinen Zweifel geben, dass das Kulturniveau der Masse der Neger in Westafrika im 15. Jahrhundert höher war als das der Bewohner Nordeuropas, welchen Vergleichsmaßstab man auch immer zugrunde legen mag – Wohnunterkünfte, Kleidung, Schöpfungen und Wertschätzung der Kunst, politische Verwaltungsstruktur und religiöse Gebundenheit. Während der gesamten Zeit des Mittelalters besass Westafrika eine solidere politisch-soziale Organisationsstruktur, erreichte es einen höheren Grad des Gemeinschaftslebens und war sich der sozialen Funktion der Wissenschaft bewusster als Europa.“ [4/21]

Meine Gespräche mit den Amerikanern fanden in einem Land statt, das im 13. Jahrhundert mindestens allen europäischen Völkern ebenbürtig und weiter fortgeschritten war als die meisten von ihnen. Wir diskutierten über die Fähigkeit der Afrikaner, ein besseres Leben aufzubauen – und das in einem Land, das eine Stadt wie Tombouetou (Timbuktu) errichtet hat, die im Mittelalter als Stätte der Gelehrsamkeit einen führenden Platz in der Welt einnahm. Zu dieser Zeit hatte Mali auf wirtschaftlichem Gebiet begonnen, einen ausgedehnten Handelsverkehr zu entwickeln. Man schätzt, dass die Handelskarawanen, deren Wege in verschiedene Teile Afrikas, in den Nahen Osten und nach Asien führten, 20.000 Kamele umfassten. Das Großreich Mali, auf das später das Songhai-Reich folgte, besass die Voraussetzungen für eine bedeutende Höherentwicklung. Wenn es dazu gekommen wäre, hätte die Weltgeschichte anders verlaufen können.

Es liegen auch zahlreiche Beweise vor, dass China in der Zeit des Mittelalters über ein ähnlich großes Potential verfügte. Somit besassen vom 13. bis zum 15. Jahrhundert zwei nichtweiße Gesellschaften, die eine in China und die andere in Afrika, die Möglichkeiten, sich und die Menschheit auf eine höhere Stufe der sozialen, politischen und ökonomischen Organisation zu heben. Ihre Entwicklung wurde jedoch aufgehalten, und es fiel mehreren europäischen Völkern zu, die historische Entwicklung in Verlaufe der nächsten Jahrhunderte voranzutreiben.

Was hemmte die weitere Entwicklung von Mali? Wodurch war bedingt, dass die europäischen Küstenvölker zu Fackelträgern der Zivilisation wurden? Nach meiner Abreise aus Mali stellte ich überall, wohin ich kam, diese Fragen zur Diskussion, um zu erfahren, welche Auffassung andere dazu vertraten. Ich war erstaunt, wie wenig man darüber wusste, weshalb sich die Zivilisation in Afrika nicht weiterentwickelt hatte. Selbst führende afrikanische Persönlichkeiten, mit denen ich mich darüber unterhielt, konnten nicht viel dazu sagen.

Dr. W. E. B. DuBois schrieb dazu, nachdem er dargelegt hatte, auf welch fortgeschrittener Stufe die afrikanischen Völker bis zum 15. Jahrhundert gestanden hatten, folgendes:
„Was führte zum Abbruch und zur Stagnation dieser Entwicklung? Es war der Sklavenhandel, jener zeitbedingte Übergang von der Auffassung, dass die Güter zum Wohle der Menschen da sind, zu jener Auffassung, dass der Mensch selbst eine Ware sei.“ [5/22]

Der Sklavenhandel war zweifellos ein bedeutender Faktor, der die Höherentwicklung der afrikanischen Kultur hemmte, aber als alleiniger Grund scheint er mir keine ausreichende Erklärung zu sein. Denn er erklärt nicht, wie und warum die Europäer so mächtig wurden, dass sie in der Lage waren, einen ganzen Kontinent zu versklaven.

Obwohl Marx keine spezielle Untersuchung der afrikanischen Verhältnisse vornahm, wie er es im Falle Asiens tat, so liefern doch seine gründliche Analyse zur Entwicklung des Kapitalismus und seine wissenschaftliche Arbeitsweise die erforderlichen Grundlagen für die Gewinnung eines klaren Bildes.

Der marxistische Philosoph Maurice Cornforth gibt in seinem Buch „Historical Materialism“ (Der historische Materialismus) eine gute Zusammenfassung, indem er feststellt:
„Die grundlegenden Gesetzmäßigkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung sind ökonomische Gesetzmäßigkeiten. Es sind objektive Gesetzmäßigkeiten, die unabhängig vom Willen des Menschen wirken und sowohl die spezifischen Gesetze einschließen, die jeder einzelnen sozialökonomischen Formation eigen sind, als auch die allgemeingültigen Gesetze, die allen Formationen gemeinsam sind.“ [6/23]

Diese Betrachtungsweise bietet uns eine wertvolle Grundlage. Unter Berücksichtigung des Primats der ökonomischen Faktoren müssten wir jedoch meines Erachtens auch die geographischen Bedingungen, den Umfang der Verbindungen zur übrigen Welt, die Rolle der Kriege und die Auswirkungen der Entwicklung des Kapitalismus in Europa auf Afrika und andere unterdrückte Gebiete in Betracht ziehen.

Selbst eine oberflächliche Betrachtung macht deutlich, dass ein wesentlich größerer Aufwand zur Erhaltung des Lebens in Europa erforderlich ist als in Afrika oder Asien. Aufgrund der klimatischen Bedingungen benötigt der Europäer mehr Baumwolle und Wolle für Kleidung, mehr Lebensmittel und massivere Wohngebäude. Der Europäer hatte zwingende Gründe, zum Zwecke der Befriedigung dieser Bedürfnisse Verbindungswege nach Asien und Afrika zu erschießen. Die europäischen Küstenvölker mussten sich deshalb zwangsläufig mit der Seefahrt beschäftigen und Reisewege nach anderen Kontinenten erforschen.

Zwei wichtige Ereignisse zwangen diese Völker, neue Zugänge nach Afrika und Asien anstelle des Landweges nach Asien über Russland und Kleinasien sowie der Seewege über das Mittelmeer zu suchen. Im Jahre 1493 eroberten die Türken Konstantinopel und schnitten damit buchstäblich die Handelswege ab, die über das Mittelmeer verliefen. Zur gleichen Zeit wurde der Handel auf dem Festland zunehmend durch Raubritter gefährdet. Zum zweiten hatte die in Europa ausbrechende Beulenpest – der „schwarze Tod“ – derart verheerende Auswirkungen für den Kontinent, dass die Verbindung zu Asien und Afrika allein für die Erhaltung des Lebens zu einer unmittelbaren Notwendigkeit wurde. Gerald Fiennes sagte dazu in seinem Buch „Sea Power and Freedom“ (Seemacht und Freiheit) folgendes:
„Im Laufe des 14. Jahrhunderts wurde die Bevölkerung durch den ,schwarzen Tod’ um die Hälfte dezimiert. Das gesamte System der Leibeigenschaft, auf dem die Landwirtschaft beruhte, wurde zerstört, und riesige Landstriche blieben für nahezu die gesamte Dauer des 15. Jahrhunderts unbestellt.“ [7/24]

Unter dem Einfluss dieser Ereignisse entdeckte der portugiesische Seefahrer Vasco da Gama einen neuen Reiseweg nach dem Osten, indem er das Kap der Guten Hoffnung umsegelte. Spanien finanzierte die Fahrt von Christopher Kolumbus über den Atlantischen Ozean – und die Neue Welt war entdeckt. Die Erschließung neuer Handelswege auf der Grundlage dieser beiden Entdeckungsfahrten führte zu einer grundlegenden Veränderung der Beziehungen zwischen Asien, Afrika und Europa. Durch den nunmehr möglichen Kontakt mit der Außenwelt wurden die Europäer in die Lage versetzt, die neuesten ausländischen Errungenschaften in ihren Ländern einzuführen.

Wie bereits dargelegt wurde, begann Mali bereits im 13. Jahrhundert mit der Entwicklung eines ausgedehnten Handelsverkehrs, wobei besonders der Handel mittels Kamelkarawanen blühte. Es liegt jedoch auf der Hand, dass der Handel auf der Grundlage dieser Karawanen nicht mit dem Handel auf der Basis von seetüchtigen Schiffen Schritt halten konnte. Basil Davidson stellt in diesem Zusammenhang fest:
„Der Weg durch die Sahara, die schon immer schwer zu überwinden war, wurde nicht leichter. Der Schiffbau erfuhr im 15. Jahrhundert einen Aufschwung und ermöglichte in bedeutendem Maße die Bewältigung weitreichender Fahrten über die Meere. Die europäischen Schiffbauer lernten, bessere Steuerruder herzustellen, drei anstelle von bisher zwei Masten einzusetzen sowie den Rumpf und die Querschotten der Schiffe widerstandsfähiger zu machen. Die Navigation verbesserte sich. Die Schiffe waren immer besser in der Lage, den Wind auszunutzen. Aber nichts konnte das Kamel als Transportmittel in der Wüste Sahara ersetzen.“ [8/25]

Auf diese Weise beschleunigten der Aufschwung des Handelsverkehrs und die Revolution im Transportwesen im 15. und 16. Jahrhundert die Entwicklung einiger europäischer Völker auf dem Wege zum Kapitalismus. Das geschah zur selben Zeit, als die Entwicklung in Mali stagnierte beziehungsweise zurückging.

In Europa waren allerdings auch Teile der alten Feudalklassen ebenso an der Belebung von Handel und Verkehr interessiert wie die im Aufstieg begriffene Klasse der Kaufleute, was sich ja auch in der Kolonialpolitik Spaniens und Englands zeigte.

Kriege und Invasionen haben eine bedeutende Rolle beim Niedergang einiger Völker und beim Aufstieg anderer gespielt. Im Falle Malis wurde das Songhai-Reich durch den Einfall der Mauren in seiner Entwicklung zurückgeworfen. In bezug auf die Auswirkungen dieser Invasion schrieb Davidson: „Während Europa eine industrielle Revolution erlebte und sich bis zu seiner gegenwärtigen Verfassung und kulturellen Höhe entwickelte, setzten jene Zivilisationen in den sudanesischen Ebenen ihre Entwicklung nur langsam fort.“ [9/26]

Auf die Rolle des Krieges bei der Erringung der Vorherrschaft durch England wird von J. L. und B. Hammond in ihrem Buch „The Rise of Modern Industry“ (Die Entwicklung der neuzeitlichen Industrie) hingewiesen: „Die nationalen Wirtschaftskriege, die den Religionskriegen des 16. Jahrhunderts folgten, müssen unter zwei Gesichtspunkten betrachtet werden. Erstens entschieden sie darüber, welche europäischen Staaten eine Vormachtstellung in bestimmten Teilen der Welt, die von großer ökonomischer Bedeutung waren, erlangen konnten: Sie entschieden zwischen England, Frankreich und den Niederlanden als Konkurrenten für die Vorherrschaft in Indien und Nordamerika. Zweitens wirkte sich die Schädigung von Industrie und Handel durch diese Kriege in einigen Ländern stärker als in anderen aus und beeinflusste somit deren materiellen Fortschritt. In beiderlei Hinsicht gewann England auf Kosten seiner Nachbarn.“ [10/27]

Um das noch etwas näher zu erläutern: Die Niederlande waren im 16. und 17. Jahrhundert das mächtigste unter den sich entwickelnden kapitalistischen Ländern Europas. Die Kriege, die auf dem Kontinent wüteten und in die die Niederlande verwickelt waren, brachten dem niederländischen Kapitalismus einen Rückschlag und hatten den Aufstieg Großbritanniens zur Folge. Großbritannien befand sich als abseits vom europäischen Festland gelegene Insel in einer einzigartig günstigen Position, um einer direkten Einbeziehung aus dem Wege zu gehen.

Die Ironie der Geschichte bestand nun darin, dass Großbritannien mit der Zeit von seinem Platz als mächtigstes kapitalistisches Land durch die Vereinigten Staaten aus zum großen Teil den gleichen Gründen verdrängt wurde, aus denen es zwei Jahrhunderte zuvor die Niederlande verdrängt hatte. Im 20. Jahrhundert war Großbritannien voll an beiden Weltkriegen beteiligt, wobei die Position der USA während dieser Kriege etwa die gleiche war wie die Großbritanniens in der Napoleonischen Ära. Die Vereinigten Staaten lernten weder Kampfhandlungen noch Zerstörungen auf ihrem Territorium kennen und spielten die Rolle des Lieferanten für die kriegführenden Länder. Die Lehren der Geschichte scheinen aber an den amerikanischen Politikern spurlos vorübergegangen zu sein. Heute sind es besonders die ultrarechten Kreise der USA, die Aggressionskriege – wie den gegen Vietnam – schüren.

Alle Rassen der Menschheit verfügen über die inhärente Fähigkeit zu einer eigenständigen Entwicklung. Ob es zu einer Entwicklung kommt oder nicht, hängt von Zeit, Ort und Umständen ab. Wenn es nur eine Frage der Hautfarbe wäre, wie könnte man dann die Tatsache erklären, dass es zu allen Zeiten eine ungleichmäßige Entwicklung der Völker einer Rasse gegeben hat?

Wenn die Hautfarbe den entscheidenden Faktor darstellen würde, wie erklärt sich dann die ungleiche Entwicklung von Ausbeutern und Ausgebeuteten innerhalb ein und derselben Nation? Oder wie sollte man die Tatsache erklären, dass mit der Entwicklung des Kapitalismus in Europa viele weiße Nationen von stärkeren besiegt wurden? Die Situation, in der die Welt unter das erdrückende Regime einiger weniger von Weißen regierten Länder geriet, ergab sich nicht aufgrund der Hautfarbe der Ausbeuter oder der Ausgebeuteten. Sie war das Ergebnis des kapitalistischen Gesellschaftssystems, das auf der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, einer Nation durch die andere und einer Rasse durch die andere beruht.

In seinem Buch „Capitalism and Slavery“ (Kapitalismus und Sklaverei) zeigt Eric Williams das Problem des Rassismus in seinem richtigen Zusammenhang: „Die Sklaverei ... ist zu eng mit dem Menschen nichtweißer Hautfarbe in Verbindung gebracht worden. Damit hat man zu einer Rassenfrage gemacht, was eigentlich eine ökonomische Erscheinung ist. Die Sklaverei ist nicht auf den Rassismus zurückzuführen, der Rassismus war vielmehr die Folge der Sklaverei.“ [11/28]

Erst mit dem sich entwickelnden Kapitalismus wurden die schwarzen Sklaven zu Opfern der Ausbeutung auf den Plantagen der Neuen Welt, und der Rassismus wurde zum festen Bestandteil des kapitalistischen Ausbeutungssystems.

In der jüngeren Geschichte des Kapitalismus wurde der Rassismus infolge der kolonialen Unterwerfung der Völker dunkler Hautfarbe durch die imperialistischen Mächte verschärft.

Der wahre Grund der imperialistischen Kolonialpolitik wurde von Jules Ferry, einem ehemaligen Ministerpräsidenten von Frankreich, in einer Rede vor der französischen Abgeordnetenkammer offen ausgesprochen: „Ist es nicht offenkundig, dass die großen Staaten des modernen Europa vom Augenblick der Begründung ihrer industriellen Macht an mit einem außerordentlich komplizierten Problem konfrontiert werden, das Grundlage ihres industriellen Lebens und eine unmittelbare Existenzfrage ist – der Frage der Märkte? Haben Sie nicht beobachtet, wie die Industrienationen eine nach der anderen zu einer Kolonialpolitik übergegangen sind? Und kann man sagen, dass diese Kolonialpolitik für die entwickelten Nationen einen Zeitvertreib darstellt? Keineswegs meine Herren. Diese Politik ist für uns alle ebenso notwendig wie der Markt selbst. Wie Sie wissen, bewegen sich heute das Gesetz von Angebot und Nachfrage, der freie Handelsaustausch und der Einfluss der Börsenspekulationen alle in einem Kreis, der die ganze Welt umspannt. Kolonien sind für reiche Länder die lukrativsten Möglichkeiten zur Kapitalanlage“. [12/29] Ferry hielt diese Rede im Jahre 1888, drei Jahre vor Beginn der Berliner Konferenz, die zur völligen Eroberung und Aufteilung Afrikas führte.

Der Kolonialismus als Wesenszug des Kapitalismus wurde noch unverhüllter und klarer von Albert Sarraut, dem ehemaligen französischen Minister für die Kolonien, 1933 in Paris charakterisiert: „Welchen Sinn hat es, die Wahrheit zu verbergen? Zu Beginn war die Kolonisation weder ein Akt der Zivilisierung, noch bestand der Wunsch dazu. Es war ein Akt der Gewalt ..., ein Zwischenspiel in dem lebenswichtigen Konkurrenzkampf, der sich von Mann zu Mann, von Gruppe zu Gruppe zunehmend entfaltete ... Der Kolonisation liegen geschäftliche Interessen zugrunde und nichts sonst ..., es ist die Übervorteilung der Schwachen durch die Starken.“ [13/30]

Die Geschichte zeigt, dass praktisch jeder vollentwickelte kapitalistische Staat an einem bestimmten Punkt seiner Entwicklung den Weg des Kolonialismus beschritten hat.

Die Vereinigten Staaten, die einst als erste Kolonie der Neuzeit die Fremdherrschaft abschüttelten, waren gegen Ende des 19. Jahrhunderts selbst gezwungen, diesen Weg einzuschlagen. Die Nachfrage nach ausländischen Märkten zur Aufnahme der überschüssigen Waren und Kapitalien verstärkte sich während der Krise von 1893. Senator Albert Beveridge fasste die Wünsche und Ziele der amerikanischen Industriellen und Finanzgewaltigen zusammen, als er erklärte: „Die amerikanischen Fabriken produzieren mehr als die amerikanische Bevölkerung braucht, die amerikanische Landwirtschaft bringt mehr hervor, als die Amerikaner verbrauchen können. Das Schicksal hat uns unsere Politik vorgezeichnet, der Welthandel muss und soll unser sein. Und wir werden ihn in die Hand bekommen, denn unsere Mutter England hat uns den Weg dazu gezeigt ... Unsere Handelsschiffe werden den Ozean beherrschen ... Dem Handel wird unverzüglich die Errichtung unserer Institutionen folgen. Und das amerikanische Gesetz, die amerikanische Ordnung, die amerikanische Zivilisation und die amerikanische Flagge werden an Ufern Fuß fassen, die bislang in tiefe Dunkelheit gehüllt lagen.“ [14/31]

Fünf Jahre nach dieser Rede führten die USA Krieg gegen Spanien, um die Kontrolle über Kuba und die Philippinen zu erlangen. Später traten sie dann in den ersten Weltkrieg ein, einem der blutigsten Kriege der Geschichte, um sich an der Neuaufteilung von Territorien und Märkten unter die kapitalistischen Mächte zu beteiligen.

Somit fährt der Kapitalismus in einem bestimmten Stadium seiner Entwicklung fort, seinen Einflussbereich durch die extreme Ausbeutung anderer Völker auszudehnen. Das trifft nicht nur auf weiße imperialistische Mächte zu, sondern auch auf eine Macht wie Japan, der einzigen nichtweißen Nation, die sich zu einer mächtigen kapitalistischen Industriemacht entwickelt hat. Japan annektierte Länder als Kolonien, die von anderen Völkern der gelben Rasse bewohnt werden. Es schloss sich im zweiten Weltkrieg Hitler in dem Besteben an, seien Herrschaft auf alle anderen Nationen Asiens auszudehnen. Es war somit die Entwicklung des Kapitalismus zu einem Weltsystem – und nicht die Hautfarbe –, die dazu führte, dass einige Nationen zu Unterdrückern und andere zu Unterdrückten wurden.

Da sich der Kapitalismus vor allem in von Weißen regierten Ländern entwickelte, während die übrigen Nationen, darunter Völker aller Hautfarben, unterdrückt wurden, musste es unausbleiblich zur Entstehung der Rassenfrage kommen, die als Faktor des Systems der verschärften Ausbeutung nicht außer acht gelassen werden darf. Darüber hinaus wird die Ideologie des Rassismus nach jahrhundertelanger Praktizierung zu einer eigenständigen Erscheinung, wenngleich sie nicht den Kern des Problems bildet. Sie muss als Wirkungsfaktor in Betracht gezogen werden, ohne dass man sie als den einzigen oder hauptsächlichen Faktor betrachten darf.

Die Unterdrückung der Afroamerikaner in den Vereinigten Staaten ist Bestandteil dieses weltweiten Versklavungsprozesses der Menschen nichtweißer Hautfarbe. Der Afroamerikaner wird demnach erstens als Arbeiter, zweitens als Angehöriger einer Rasse und drittens als tyrannisierter Staatsbürger ausgebeutet und unterdrückt. Und hinter allen drei Formen dieser Ausbeutung steht der Kapitalismus als Urheber.

Da die Ideologie des Rassismus in den Vereinigten Staaten tief verwurzelt ist, ergibt sich die Frage: Ist es möglich, dieses tödliche Gift „zu besiegen“? Das schwarze Amerika befindet sich im Vormarsch und ist zu radikalen Lösungen bereit. Aber wie sieht es mit dem anderen Teil der Nation aus? Steht das weiße Amerika vor solchen Problemen, die es schließlich ebenfalls veranlassen könnten, auf radikale Veränderungen zu drängen?

Mit anderen Worten: Kann der afroamerikanische Aufstand mit seiner Ergänzung durch eine allgemeine soziale Revolution rechnen? Ich bin der Meinung, dass die objektiven Bedingungen, die allmählich zu einem grundlegenden Umschwung innerhalb des weißen Amerika führen können, bereits heranreifen.

Wie in der Zeit des Bürgerkrieges befinden sich die USA in einer politischen Krise. Es ist eine Krise, in der die schwer arbeitenden Massen der Menschen schwarzer und weißer Hautfarbe nicht auf die Dauer unter den Bedingungen des Status quo werden leben können. –

Es ist eine Krise, die jede Seite unseres Lebens erfasst. Die Unterdrückung der Afroamerikaner ist dabei nicht zu trennen von der außenpolitischen Krise und der Entstehung einer profaschistischen Gefahr inmitten einer parasitären Wirtschaft und einer kranken Gesellschaft
[Hervorhebungen, – R. S.]

Anmerkungen

1/18 Gus Hall: Negro Freedom Is In the Interest of Every American, New York 1964.

2/19 John Hope Franklin: The Negro in U. S. History. In: The American Teacher, Februar 1966.

3/20 Harald Lamb: Genghis Khan, New York 1927, S. 63.

4/21 W. E. B. DuBois: The World and Africa, New York 1963, S. 163.

5/22 Ebenda.

6/23 Maurice Cornforth: Historical Materialism, New York 1954, S. 71.

7/24 Gerald Fiennes: San Power and Freedom, New York 1918, S. 5.

8/25 Basil Davidson: Lost Cities of Africa, Boston 1959, S. 122.

9/26 Ebenda, S. 116.

10/27 J. L. und B. Hammond: The Rise of Modern Industry, New York 1926, S. 22/23.

11/28 Eric Williams: Capitalism and Slavery, New York 1961, S. 7.

12/29 Wortlaut, wie er von Okonkmo Nuani in einer Rede am 19. März 1966 in St. Louis zitiert wurde.

13/30 Zit. ebenda.

14/31 Zit. in Philip S. Foner: A. History of History of Cuba and Ist Relations with the United States, Vol. II, New York 1963, S. 343.

Quelle: Claude M. Lightfoot: Der Kampf für die Befreiung der Afroamerikaner. Dietz Verlag Berlin 1973. / Originaltitel: Ghetto Rebellion To Black Liberation, by Claude M. Lightfoot, International Publishers, New York 1968.

02.12.2014, Reinhold Schramm (Bereitstellung)


VON: CLAUDE M. LIGHTFOOT (1968)






<< Zurck
Diese Webseite verwendet keine Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz