Neuerscheinungen Antisemitismus und jüdisches Leben

22.01.20
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Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Die Verfolgung und Ermordungen der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945. Deutsches Reich und Protektorat Oktober 1941-März 1943, De Gruyter Oldenbourg, Berlin/Boston 2019, ISBN: 978-3-11-036496-5, 59,95 EURO (D)

Die Edition „Die Verfolgung und Ermordungen der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945“ ist auf insgesamt 16 Bände angelegt, die bis 2020 erscheinen werden. In ihnen wird eine thematisch umfassende, wissenschaftlich fundierte Auswahl von Quellen publiziert. Dieser sechste Band dokumentiert die Verfolgung der Juden im Deutschen Reich und dem Protektorat Böhmen und Mähren vom Beginn der systematischen Deportationen im Oktober 1941 bis zum März 1943.

Mitte Oktober 1941 begann die systematische Deportation der Juden aus dem Zentrum des deutschen Machtbereichs. Tausende wurden in Zügen aus Berlin, Wien, Prag, Paris, Brüssel und anderen Städten in das Ghetto Litzmannstadt, nach Minsk, Kaunas oder Riga, und später direkt in die Vernichtungslager gebracht und dort ermordet. Auch aus dem vermeintlichen Vorzeigeghetto Theresienstadt im Protektorat Böhmen und Mähren, dem eine wichtige Rolle bei der Verschleierung der Vernichtungspolitik zukam, gingen Deportationszüge nach Auschwitz.

Die 330 Dokumente des Bandes schildern die „Aktivitäten und Reaktionen von Menschen mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen, Überzeugungen und Absichten, an verschiedenen Orten, mit jeweils begrenzten Horizonten und Lebenserfahrungen“. (S.7) So wird die Lage der Juden und den um sich greifenden Schrecken dokumentiert, als die ersten abgeholt wurden und nachdem Lebenszeichen von den deportierten Freunden und Verwandten ausblieben. Geheime Sitzungsprotokolle ebenso wie öffentliche Reden führender NS-Politiker zeichnen die zentralen, in Berlin getroffenen Entscheidungen nach, die den Weg zur Ermordung der europäischen Juden markieren. Zeitungsartikel, Diplomatenberichte und Tagebücher skizzieren die Reaktionen in den nicht besetzten Ländern auf den Beginn der Deportationen und auf die sich in der zweiten Jahreshälfte 1942 verdichtenden Nachrichten von der systematischen Ermordung der Juden. Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Situation der Juden im Protektorat Böhmen und Mähren und dort vor allem im Ghetto Theresienstadt, dem als vermeintlichen Alters- und Vorzeigghetto eine wichtige Rolle bei der Verschleierung der Vernichtungspolitik zukam. Dokumente zur so genannten Fabrik-Aktion, der Deportation der jüdischen Rüstungsarbeiter aus Berlin und anderen deutschen Städten. Der Band handelt außerdem von den einigen tausend untergetauchten Juden und denen, die als „Mischlinge“ oder als Partner einer „Mischehe“ von den Deportationen vorerst ausgenommen waren.

Das Buch beginnt mit editorischen Vorbemerkungen. Danach folgt eine mehr als 70seitige „Einleitung“, wo historische Hintergrundwissen zu der behandelten Zeitspanne vom Oktober 1941 bis zum März 1943 gegeben wird. Dabei werden der Krieg gegen die Sowjetunion, die Diskussionen über die „Lösung der Judenfrage“ im Herbst 1941 sowie die Morde an Juden im deutschen Machtbereich behandelt. Außerdem geht es um die Lage der Juden im Deutschen Reich, wobei Sammellager, Erfassungen und Deportationen vermittelt werden. Die Wannseekonferenz und ihre Ergebnisse, die Situation im Protektorat Böhmen und Mähren, das Ghetto Theresienstadt, die Eskalation der Vernichtungspolitik 1942, die Deportationen im Frühjahr 1943 und die Reaktionen darauf kommen ebenfalls zur Sprache.

Danach folgt das Dokumentenverzeichnis: Im ersten Teil geht es um das Deutsche Reich, im zweiten um das Protektorat Böhmen und Mähren. Diese Einteilung wird auch bei den folgenden abgedruckten Dokumenten beibehalten. Die Dokumente werden in durchnummerierter Reihenfolge abgedruckt.

Unter anderem werden hier Teile der Rede von Goebbels vom 16.11.1941 abgedruckt, in der er den Juden die Schuld an der Ausweitung des Krieges gibt und ihre Vernichtung rechtfertigt. Oder die Notiz des US-Konsuls in Genf, Paul C. Squire vom 28.9.1942, wo er dargelegt, was er über die Ermordung der europäischen Juden und die Verwendung ihrer Leichen erfahren hat. Ein Gedicht über Theresienstadt der 14jähirgen Hanuk Hachenburg vom 26.2.1943 ist ebenfalls enthalten.

Die halbfett von den Bearbeitern der Bände formulierte Überschrift gibt Auskunft über das Entstehungsdatum des folgenden Schriftstückes, dessen Kernbotschaft, Verfasser und Adressaten. Dann folgen die Dokumente, die in der Regel im vollen Wortlaut abgedruckt werden. Lediglich in Ausnahmefällen, wenn diese sehr umfangreich sind, erfolgt der Abdruck nur teilweise. Per Fußnoten erfolgt eine Edition der darin benutzten Namen, Ereignisse oder Orte.

Im Anhang findet man noch ein Glossar, ein Abkürzungsverzeichnis, ein Verzeichnis der im Dokumententeil genannten Archive, ein systematischer Dokumentenindex, wo sich die angegeben Zahlen auf die Nummern der Dokumente beziehen, ein Register der Institutionen, Firmen und Zeitschriften, ein Ortsregister und ein Personenregister.

Die Arbeit mit Primärquellen verschafft einen ganz anderen, besseren Zugang als ein zusammenfassendes Lehrbuch. Dies zeigt sich an diesem Band. Die Dokumente zum Deutschen Reich nehmen zwei Drittel des Platzes ein, die zum Protektorat Böhmen und Mähren ungefähr ein Drittel. Die Dokumente sind bewusst nicht systematisch geordnet und haben die Absicht, immer wieder einen Perspektivwechsel herbeizuführen. Dies führt zu einer Achterbahn der Gefühle beim Lesen der Dokumente. Mord, Verfolgung, daneben ein offizielles Schreiben aus der Sicht der Täter, daneben ein Dokument aus der Distanz der nicht eroberten Gebiete. Eine gelungene Methode, auch wenn manche Perspektivenwechsel drastisch sind.

Theoretisches Hintergrundwissen wird zwar ausreichend gegeben, es hätte aber in ein eigenes Kapitel hineingehört und nicht in der Einleitung.  Durch die umfangreichen Register wird eine schnelle Suche gewährleistet. Überhaupt ist der umfangreiche Anhang hervorzuheben. Eine Zeitleiste zum schnellen Nachschlagen fehlt allerdings.

 

Buch 2

Rolf Kießling: Jüdische Geschichte in Bayern. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, De Gruyter Oldenbourg, Berlin/Boston 2019, ISBN: 978-3-486-76384-3, 79,95 EURO (D)

1000 Jahr jüdische Geschichte in Bayern wurde bislang nur unzureichend wissenschaftlich aufgearbeitet. In diesem Buch stellt Rolf Kießling, langjähriger Inhaber des Lehrstuhls für Bayrische und Schwäbische Landesgeschichte der Universität Augsburg, die Rahmenbedingungen jüdischen Lebens in den Gebieten Bayerns dar. Dabei stehen neben der mal weniger ausgeprägten Verfolgung und Diskriminierung auch die wirtschaftliche Kooperation, gesellschaftliche Begegnung, geistige Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt sowie innere Entwicklungen der jüdischen Gemeinden im Mittelpunkt.

Das Buch unterteilt sich in drei große historische Abschnitte. Angefangen von den Pogromen der Kreuzzüge in Regensburg und Würzburg werden die weiteren Entwicklungen im Spätmittelalter ausgebreitet. Danach werden die Geschehnisse von der Reformation bis zum Beginn der Moderne behandelt. Anschließend folgen die Entwicklungen bis in die Gegenwart mit einem Schwerpunkt des antisemitischen Terrors der Nazis und weiten Teilen der Bevölkerung und den Opfern der Shoa. Nach diesen Teilen werden jeweils Zwischenfazits gezogen.

Die jüdischen Gemeinden waren im Mittelalter in verschiedenen Wellen immer wieder der Verfolgung ausgesetzt: die Pogrome der Kreuzzüge, regionale Verfolgungen im 13. Jahrhundert sowie die „Pestpogrome“. Dem gegenüber stand eine dünne Akzeptanz des jüdischen Lebens in den Kathedral-.Reichs- und Residenzstätten, die eine weitgehend selbständige Entfaltung des Gemeindelebens mit Synagogen, Gemeindezentren und Friedhöfen erlaubte. Im 15. Jahrhundert dominierten eine Ausweisungspolitik und die Aneignung jüdischen Vermögens durch die königliche Gewalt, was für eine jahrhundertelange Ausdünnung jüdischen Lebens sorgte. Die Schwerpunkte jüdischer Siedlung verschoben sich nach Osteuropa und Südeuropa.

Mit dem Beginn des konfessionellen Zeitalters wurden sowohl von Protestanten als auch von Katholiken als „Christusmörder“ und weiteren antijüdischen Stereotypen belegt und dem Missionsziel unterworfen. Die stimulierende Wirkung des jüdischen Handels und der Kreditvergabe trug dazu bei, ihre Akzeptanz zu erhöhen. Die „Hofjuden“ übernahmen die Gelenkstellen zwischen Herrschaft und Gemeinde, sie trugen aufgrund ihrer herrschaftlich privilegierten Positionen in den Gemeinden zur Stabilisierung bei. Gleichzeitig kam es auch zu Abwehrmaßnahmen wie im Bamberger Aufstand 1699. Ein demographisches Wachstum zeigte sich besonders in den urbanen Zentren. Lion Feuchtwanger beschrieb diese Zeitspanne in seinem Roman „Die Juden von Zirndorf“.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erhielt Bayern wieder einen beträchtlichen Zulauf jüdischer Bevölkerung. Über 95% von ihnen lebte in Franken, Schwaben und der Pfalz, nur 5% in Altbayern; viele Juden waren im Handel tätig. Das Ende der Matrikelgesetze 1861, die die Zahl der Juden an einem Ort beschränkt hatte, wirkte sich aus. Die Vereinheitlichung der bis dahin kleinräumigen Niederlassungen „wich schnell einer restriktiven Politik, in der sehr viel mehr als der Status Quo festgeschrieben wurde, als dass eine systematische Weiterentwicklung Platz gegriffen hätte.“ (S. 556) Mit der Reichsgründung 1871 schien eine Integration in die Mehrheitsgesellschaft vollzogen. Es entwickelte sich aber ein neuer rassistischer Antisemitismus, der den alten christlichen Antijudaismus zunehmend ablöste, zu sehen vor allem bei den Auswirkungen des Berliner Antisemitismusstreites. Die Distanz von Juden und Nichtjuden wurde schärfer. Die spezifische Ausformung der Revolution von 1918 mit den beiden Räterepubliken im April 1919 entwickelten Hass auf deren (jüdische) Vertreter Gustav Landauer und Erich Mühsam. Gerade München mutierte von einem „Ort kulturell vielfältiger Urbanität zu einer ‚völkischen Hauptstadt der Bewegung‘“ (S. 559) Die Novemberpogrome 1938 waren dann der Vorlauf zu den Deportationen in die KZ’s und Vernichtungslager verbunden mit dem Tod zahlreicher bayrischer Juden.

Die aus den KZ’s befreiten kamen in spezielle jüdische „Displaced Persons Camps“ vor allem in der amerikanischen Zone. Die meisten von ihnen verließen Bayern in den 1950er Jahren, erst die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion stärkte wieder die bayrischen jüdischen Gemeinden.

Das Buch fasst erstmals das vollständige Wissen über das jüdische Leben in Bayern von ca. 1000 bis in die Gegenwart auf wissenschaftlichem Niveau zusammen. Der Band macht ausführlich die Ambivalenz zwischen antisemitischen Mustern und Morden und der Toleranz und der Verständigung mit der Mehrheitsbevölkerung deutlich. Für die Lektüre bedarf es einiger Vorkenntnisse in der Geschichte des Antisemitismus, leider gibt es kein Glossar der wichtigsten wissenschaftlichen bzw. jüdischen Begriffe.

 

Buch 3

Bogdan Musial: Mengeles Koffer. Eine Spurensuche, Osburg Verlag, Hamburg 2019, ISBN: 978-3-95510-200-5, 24 EURO (D)

Als falsche Gräfin mit angeblich besten päpstlichen Kontakten verschaffte sich Magdolna Kaiser Zutritt zum Münchner Establishment. Mit falschen Behauptungen, aber überzeugenden Auftraten schaffte die Hochstaplerin, eine große Menge Geld anzuhäufen. Dann nutzte sie das schlimmste Menschheitsverbrechen der Geschichte, um daraus perfide ihren finanziellen Nutzen zu ziehen. Sie erschuf und verbreitete die Legende, dass ihr ungarischer Großvater jüdischer KZ-Arzt und Auschwitz-Überlebender gewesen sei. Mit dieser Lüge kam sie in Kontakt mit dem Historiker Bogdan Musial.

Musial ist Experte: 1998 promovierte er über die Judenverfolgung im besetzten Polen. Die Habilitation folgte 2005 an der Kardinal-Stefan-Wyszy?ski-Universität in Warschau. Seit 1999 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut in Warschau und in Jahren 2007–2010 war er Mitarbeiter am Institut für Nationales Gedenken. Sie legte gefälschte Dokumente als Beweis vor, diese Manipulation flog schließlich auf. Diese filmreife Geschichte erzählt Musial in diesem Buch. Der Autor legt dazu die wissenschaftlicher Sucharbeit der wahren Verhältnisse im Bereich medizinischen Vorgehens im Lager Ausschwitz bis zu seiner Räumung dar, soweit sich das heute überhaupt noch feststellen lässt. Die überführte Hochstaplerin wird schließlich überführt und wegen Betrugs in unzähligen weiteren Fällen vor Gericht verurteilt.

Der Beweis, dass die Dokumente gefälscht sind, führt zu einer eingehenden Beschäftigung mit dem verfügbaren Wissen der Shoa, des Lebens in den Konzentrationslagern und die Rolle von Medizinern im NS-System. Dies wird von Musial zu einer spannenden Erzählung verarbeitet. Er stellt – genauso wie Jan Philipp Reemtsma im Nachwort- Fragen über aus Leichtgläubigkeit und Naivität, Vertrauen, Fake News, Hochstapelei, die Aneignung des Schreckens und die Lehren aus diesem ungewöhnlichen Fall. Was ein bisschen zu kurz kommt, ist die Frage nach der Moral. Wie kann man es überhaupt wagen, aus dem schlimmsten Menschheitsverbrechen der Geschichte Profit zu schlagen und sich als Nachkomme eines Opfers auszugeben? Wie kann man dies vor sich selbst verantworten? Glaubt die Hochstaplerin am Ende die eigene Lüge noch selbst?

 

Buch 4

Matthias Küntzel: Nazis und der Nahe Osten. Wie der islamische Antisemitismus entstand, Hentrich & Hentrich, Berlin/Leipzig 2019, ISBN: 978-3-95565-347-7, 19,99 EURO (D)

Der Historiker und Politikwissenschaftler Matthias Küntzel beschäftigt sich in diesem Buch mit der Entstehungsgeschichte des islamischen Antisemitismus, bei der es auch um eine Darstellung der nationalsozialistischen Politik im Nahen Osten geht.

Auf der Suche nach Verbündeten und Einflusssphären waren die Nationalsozialisten schon vor dem Beginn des 2. Weltkrieges an guten Beziehungen mit der arabischen Welt interessiert. Dass dies ihrer eigenen Rassenideologie widersprach, interessierte niemanden. Neue Archivfunde über die Zusammenarbeit des Muftis von Jerusalem, Hadsch Amin al-Husseini, führende Köpfe der in Ägypten entstanden Muslim-Brüder und hochrangige Mitarbeiter aus Joseph Goebbels‘ nationalsozialistischem Propagandaministerium. Er zeigt, wie sich das Judenbild in Teilen des Islams unter dem Einfluss der arabischsprachigen Nazi-Propaganda verändert hat. Dabei spielt die Schrift „Islam und Judentum“, die den latenten Antijudaismus mit dem europäischen Antisemitismus verband, eine wichtige Rolle. Bereits im August 1937 wurde in Kairo die Schrift „Islam-Judentum“ veröffentlicht und auf der ersten panarabischen Konferenz verteilt. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde diese Propagandabroschüre auf Arabisch massenweise verbreitet. Diese unheilvolle Allianz wurde noch durch den Fundamentalisten und Antisemiten Mohammed Amin al-Husseini bestärkt. Al-Husseini reiste mehrfach nach Bosnien, wo er im Auftrag der SS muslimische Regimenter rekrutierte, u. a. die bosniakische Waffen-Gebirgs-Division-SS Handschar. Im Anhang ist die Broschüre „Islam-Judentum“ abgedruckt.

Ihre antisemitische Propaganda verbreiten die Nationalsozialisten für die Teile der arabischen Welt, die nicht lesen konnte auch per Radio. Sie verfügten über einen Kurzwellensender im Berliner Vorort Zeesen, der zu den damals technisch besten der Welt gehörte. Für das deutsche Propagandaministerium gehörte das Radio Zeesen im Kampf um die Köpfe zu einem wichtigen Instrument. Für die arabische Welt war die Orient-Redaktion von Radio Zeesen zuständig. Der große Durchbruch war die Installation des in der arabischen Welt bekannten irakischen Nachrichtensprecher Junis Bahri als Ansager. Dabei stützt sich Küntzel auf die Auswertung von Mitschriften dieser Radiosendungen des Historikers Jeffrey Herf, die nicht in deutscher Sprache vorliegen und Recherchen im Berliner Bundesarchiv.

Wie sich dieses Erbe auch nach dem Ende des Nazi-Regime ausgewirkt hat, beschreibt Küntzel kurz anhand des ersten Nahostkrieges und der Kontinuitätslinie Amin al-Husseini.

Mit dieser Darstellung weist Küntzel nach, dass die Entstehung des islamischen Antisemitismus viel früher zu datieren ist, als bisherige Ansätze, die von 1967 oder 1979 ausgingen. Die nationalsozialistische Propaganda sorgte dafür, dass sich ein latent existierender Antijudaismus radikalisierte und dauerhaft manifestierte. Die von führenden Regierungsvertretern des Iran arrangierte International Conference on «Review of the Holocaust: Global Vision» am 11. und 12. Dezember 2006 in Teheran, bei dem Antisemiten, Neonazis und Islamisten aus 30 Staaten den Holocaust in Frage stellten oder leugneten und das Existenzrecht Israels bestritten, ist dafür den sichtbarste Ausdruck.

Eine nähere Untersuchung der bosniakischen Waffen-Gebirgs-Division-SS Handschar, zu der es in der Forschung viele Quellen gibt, in Verbindung mit antisemitischer Propaganda sucht man allerdings vergeblich in dem Buch. Auch der Hinweis auf die widersprüchliche Politik der Nationalsozialisten in Bezug auf den Islam fehlt. Einerseits die schon beschriebene Anbiederung an die arabische Welt, andererseits die nachweisbare Einweisung von „rassisch-minderwertigen“ Muslimen in KZ’s und Arbeitslager. Auch die Frage, welche Anknüpfungspunkte der vorher latent existierende islamische Antijudaismus für die Festigung des islamischen Antisemitismus durch die Nazi-Propaganda gab, bleibt offen. Dennoch leistet das Buch einen wichtigen Beitrag für die Entstehungsgeschichte des islamischen Antisemitismus.

 

Buch 5

Georges Bensoussan: Die Juden der arabischen Welt. Die verbotene Frage, Hentrich & Hentrich, Berlin/Leipzig 2019, ISBN: 978-3-95565-327-9, 19,90 EURO (D)

In diesem Buch setzt sich der französische Autor Georges Bensoussan mit der Geschichte der Juden in der arabischen Welt seit 1850 auseinander. Er will die bisher herrschende Meinung widerlegen, dass das jüdische Leben dort gesetzlich geschützt war und wenig Gewalt, Verfolgung und Ungleichheit ausgesetzt war. Bensoussan bezeichnet dies als „Mythos“ und sich von ideologischen Prämissen lösen, um die Wurzeln des arabisch-israelischen Konflikt zu verstehen und zu interpretieren.

Bensoussan unterteilt das Werk in Abschnitte, die von 1850 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, von 1919 bis zum Vorabend des Zweiten Weltkriegs und dann vom Zweiten Weltkrieg bis zur Gründung Israels und den Arabischen Kriegen reichen.

Unter dem Einfluss der europäischen Kolonialisierung haben die Juden der arabischen Länder, hauptsächlich Sephardim, eine Form der kulturellen Moderne erreicht, manchmal eine echte wirtschaftliche Entwicklung, und sich vom Status der Dhimmis als Vorfahren befreit. Seit den 1920er Jahren hat die Geburt des arabischen Antikolonialismus das Schicksal der jüdischen Minderheiten geprägt, die im Konflikt zwischen Kolonisierung und Kolonisierung gegen sie vorgegangen sind. Die Situation in Palästina und die Absprache einiger arabischer Führer mit den Ländern der Achse haben die Auflösung der letzten Verbindungen beendet, die das lange Zusammenleben einst hergestellt hatte.

Während des Zusammenbruchs der europäischen Mächte waren viele Juden gezwungen, zu gehen, nachdem sie Demütigungen und Enteignungen erlitten hatten. In einigen Fällen wurden diese Phänomene von körperlicher Gewalt begleitet. Von Marokko nach Ägypten, von Libyen nach Jemen, Irak und Tunesien mussten Hunderttausende Juden in weniger als 25 Jahren die arabisch-muslimischen Länder verlassen.

Bensoussan stellt insgesamt fest, dass die Geschichte der Juden in arabischen Ländern eine Geschichte des langsamen Zerfalls von Beziehungen, zunehmenden Spannungen, Gewalt und Verfolgung ist.

Besoussan bietet hier zwar eine grobe Geschichte jüdischen Leben in der arabischen Welt an und benennt die Stationen einer Verschlechterung des Verhältnisses. Um dieses Thema aber komplex zu erforschen und zu deuten, bedarf es detailliertere Studien, die staatliche, regionale und lokale Befindlichkeiten in der kulturellen, religiösen und politischen Praxis berücksichtigt. Ein anderer Punkt fällt auch auf: Seine Recherchen basieren auf Archiven des Bündnisses Israelite Universelle, französischen diplomatischen Dokumenten, israelischen Archiven und anderen verstreuten Fonds des CDJC und der OSE, regionale und lokale arabische Quellen sind unterrepräsentiert. Ein erweiterter Zugang zu diesem vielschichtigen Themenkomplex ist notwendig.

 

Buch 6

Markus Nesselrodt: Dem Holocaust entkommen. Polnische Juden in der Sowjetunion 1939-1946, De Gruyter/Oldenbourg, Berlin/Boston 2019, ISBN: 978-3-11-059156-9, EURO (D)

Mehr als 230.000 polnische Juden entkamen der nationalsozialistischen Verfolgung durch die Flucht in die Sowjetunion, andere wurden gegen ihren Willen von der sowjetischen Geheimpolizei ins Landesinnere der UdSSR verschleppt, wo sie Zwangsarbeit verrichten mussten und sich als Fremde fühlten. Die meisten von ihnen wurden im Rahmen der Evakuierung sowjetischer Staatsbürger aus den Frontgebieten im Süden der Sowjetunion bis zu ihrer Rückkehr nach Polen im Jahre 1946 auf. Dieser Band untersucht ihr Leben im sowjetischen Exil, wobei der Fokus auf jüdisches Leben in den zentralasiatischen Sowjetrepubliken liegt: „Mithilfe von Selbstzeugnissen soll einerseits die Frage untersucht werden, was polnische Juden in der Sowjetunion erlebten. Andererseits werden die Zeugnisse daraufhin befragt, wie deren Autoren das Erlebte retrospektiv darstellen. Gefragt wird demnach, welche Deutung beziehungsweise welchen Sinn die Autoren der Texte ihren eigenen Erfahrungen rückblickend zuschreiben.“ (S. 5) Dies ist eine überarbeitete Version der von Martin Nesselrodt am Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin eingereichten Dissertation. Dieses Buch erscheint in der Reihe Europäisch-Jüdische Studien des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien (MMZ) in Kooperation mit dem Selma Stern Zentrum für jüdische Studien Berlin-Brandenburg.

Nach einer Erläuterung zur Schreibweise russischer und jiddischer Wörter folgt eine Einleitung mit der Aufgaben- und Fragestellung sowie der bisherigen Forschung. Danach werden Polen unter deutscher und sowjetischer Besatzungsherrschaft und die ersten Fluchtbewegungen skizziert. Anschließend geht es um die jüdischen Reaktionen auf die „Sowjetisierung Polens“, bevor dann die Evakuierung der jüdisch-polnischen Flüchtlinge aus den Frontgebieten in den Süden der Sowjetunion bis Ende 1941 im Mittelpunkt steht. Ihr Aufnehmen der fremden Umgebung, ihr Alltag, die Begegnungen mit Einheimischen und der Kontakt mit sowjetischen Juden kommen danach zur Sprache. Die Beziehungen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Polen zwischen dem Sommer 1941 bis April 1943 werden danach analysiert. Die Entstehung und die Aufgaben des Verbandes Polnischer Patrioten und die Repatriierungsphasen ab 1944 sowie die Reaktion auf die bekannt gewordenen Dimensionen des Holocausts werden dann thematisiert. Ihre Rückkehr in eine zerstörte Heimat und ihr Leben im kommunistischen Nachkriegspolen folgt anschließend. Die Beschäftigung über die Erfahrungen im sowjetischen Exil sowohl im frühen Nachkriegspolen und in den Lagern für jüdische „Displaced Persons“ im Nachkriegsdeutschland rundet die Untersuchung ab. In einem Fazit werden dann noch die wichtigsten Ergebnisse und ein Ausblick präsentiert. Jedes Kapitel endet mit einem Fazit. Im Anhang findet man noch ein Literaturverzeichnis, ein Quellenverzeichnis, ein Personenregister und ein Ortsverzeichnis.

Die Dissertation brachte folgende Erkenntnisse zu Tage: Im Sommer 1941 begann eine massive Bevölkerungsbewegung aus den westlichen und nördlichen Teilen der UdSSR in Richtung Zentralasien. Die Nachricht über die Aufstellung einer polnischen Armee in der Region übte eine große Anziehungskraft auf die jüdisch-polnischen Exilanten aus. Es gab eine Unterstützung von über 100.000 polnischer Juden durch die polnische Botschaft in London und ihr Netzwerk aus Dutzenden regionalen Zweigstellen vom Herbst 1941 bis Anfang 1943. Die Beziehungen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Polen in der Sowjetunion waren vielschichtig, in den jüdischen Selbstzeugnissen ist oft die Rede von getrennten Kollektiven. Die Ära des Verbandes Polnischer Patrioten bot durch ihre Hilfslieferungen eine Phase relativer materieller Sicherheit. 13.000 jüdische Soldaten und Offiziere kämpften in der zweiten polnischen Armee auf sowjetischem Territorium, die Berling-Armee.

Viele Zivilisten absolvierten im Exil eine schulische, berufliche oder akademische Aus- und Weiterbildung, an die sie nach ihrer Rückkehr in die Heimat anschließen konnten. Zahlreiche Erwachsene gingen einer Arbeit nach, was zu Kontakten jüdischer und nichtjüdischer Bevölkerung führte. Die Monate zwischen Sommer 1945 und Frühjahr 1946 war eine Zeit des Wartens auf die Repatriierung in die alte Heimat. Ca. 230.000 Personen insgesamt überlebten Krieg, deutsche Besatzungsherrschaft und Holocaust. Zehntausende kamen infolge von Mangelernährung, Krankheit und als Soldaten der beiden polnischen Armeen sowie der sowjetischen Streitkräfte zu Tode. Bei ihrer Rückkehr wurden sie mit dem gesamten Ausmaß der Zerstörung und der Vernichtung jüdischen Lebens in Polen konfrontiert. Die Komplexität im Kampf ums Überleben erschwerte den Rückkehrern nach dem Ende des Krieges, über ihre Erfahrungen im sowjetischen Exil mit Überlebenden der deutschen Besatzungsherrschaft zu sprechen. Die Erforschung der jüdischen Reaktionen auf Krieg, Besatzung und Verfolgung bieten subjektive, oft widersprechende Zeugnisse des Lebens im sowjetischen Exil und einen Einblick in die jeweilige Gemütslage.

Die Zeugnisse zeigen einen breiten zum Teil amibivalente Erfahrungsberichte des Lebens im sowjetischen Exil. Die Verarbeitung ihrer eigenen Verfolgung, den von Angehörigen oder Freunden und des Schreckens des Krieges ist genauso Thema wie ihre Behandlung in der Sowjetunion, ihre Odyssee in ihnen fremden Gebieten, die Probleme der Neuansiedlung und die Sehnsucht nach der Rückkehr nach Polen. Dieser Band analysiert erstmals die jüdische- polnische Perspektive auf Flucht und Evakuierung in das sowjetische Landesinnere und zeichnet sich neben seinen hohen wissenschaftlichen Niveau durch die Auswertung von unterschiedlichen Arten von Quellen in verschiedenen Sprachen aus, wo die Primärquellen immer im Mittelpunkt stehen.







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