Zeugnisse von Enkeln von Auschwitz-Überlebenden


27.01.20
AntifaschismusAntifaschismus, Kultur, TopNews 

 

Andrea von Treuenfeld: Leben mit Auschwitz. Momente der Geschichte und Erfahrungen der Dritten Generation, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2020, ISBN: 978-3-579-06612-7, 20 EURO (D)

Rezension von Michael Lausfeld

Dieser Band versammelt Zeugnisse von Enkeln von Auschwitz-Überlebenden, die bereit waren durch Gespräche ihre persönliche Geschichte öffentlich zu machen. Wobei Auschwitz als Synonym für unzählige andere Orte des Leidens und Sterbens steht und dieses Buch „stellvertretend geschrieben wurde für alle anderen Lager und für alle anderen Leidenswege unter der NS-Herrschaft“ (S. 15)

Andrea von Treuenfeld widmet sich der Frage, was Enkel von Überlebenden der Nazi-Verfolgung von den Erfahrungen der Großeltern wissen und welche Bedeutung dieses Wissen in ihrem heutigen Leben in der BRD für sie hat. Dafür hat sie mit einer Reihe von Menschen mit unterschiedlichen Familienhintergründen gesprochen, deren Vorfahren als politische Gegner des Nationalsozialismus, als Sinti und Roma oder als Juden verfolgt wurden. Unter den Vorfahren mancher Interviewter gab es allerdings auch überzeugte Nazis. Anders als die „Zweite Generation, die der Kinder, die noch sehr viel stärker geschützt werden sollte und umgekehrt auch die verletzten Eltern schützen wollte und deshalb das Schweigen der Überlebenden akzeptierte, stellte die Dritte Generation Fragen. Und bekam (meistens) Antworten.“ (S. 14)

Die Zeugnisse sind folgendermaßen aufgebaut: Die befragte Person wird kurz vorgestellt, dann wird die Lebensgeschichte der Großmutter und/oder des Großvaters etwas ausführlicher in tabellarischer Form beschrieben. Manche der Befragten erscheinen mit Bild, die Großeltern meistens.

Auf einer zweiten Ebene zeigt das Buch, wie Auschwitz selbst Teil der Geschichte wurde. Wichtige historische Wegmarken der Wahrnehmung, der Aufarbeitung und der Deutung von Auschwitz nach der Befreiung durch sowjetische Soldaten 1945 kommen dort zur Sprache. Die Zeugnisse der Enkel wechseln sich im Buch mit den historischen Wegmarken ab.

So erzählt Daniel Neumann, Jurist, Autor und Direktor des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen, über seine Großeltern Frania Broner Neumann und Hans Neumann. Frania Broder Neumann wurde 1943 nach Auschwitz-Birkenau deportiert, 1945 auf Todesmarsch nach Ravensbrück geschickt. Sie wurde in Ravensbrück durch sowjetische Truppen befreit. Hans Neumann flüchtete 1939 nach Amsterdam und kämpfte ab 1944 als alliierter Soldat. Die beiden blieben in Westdeutschland, lernten sich kennen und heirateten später. Daniel Neumann erzählt, dass die Geschichte seines Großvaters bei weitem besser erinnert und aufgearbeitet worden ist, als bei seiner Großmutter. Obwohl er bei ihr aufgewachsen ist, konnte sie sie nur bruchstückweise über das Erlebte sprechen. Daniel Neumann war selbst mit achtzehn Jahren in Ausschwitz freiwillig im Rahmen eines Schüleraustausches: „Weil es ein Element der Geschichte ist und ein Teil der Familiengeschichte.“ (S. 69) Weitere Ahnenforschung wollte er nicht betreiben, er sieht sich aber selbst als „Teil einer Generationenkette“. (S. 72)

Ein weiteres Beispiel ist Selina Zehden, Chief Operating Chief in einem Unternehmen, Ihre Großmutter Rachel Oschitzki wird nach Auschwitz-Birkenau deportiert, Auf dem Todesmarsch nach Pirna wurde sie durch sowjetische Truppen befreit. Ihre Großmutter erzählte ihr nur Ausschnitte des Grauens: „Wenn, dann habe ich meine Oma ihre Geschichte nur auf Veranstaltungen chronologisch erzählen hören. Mir hat sie immer in Auszügen erzählt. Stückchenweise.“ (S. 225f) Selina Zehden erzählt, dass Auschwitz in der Familie immer noch präsent ist und dass ihre Großmutter immer noch Albträume wegen den Nazi-Gräueln hat.

Hier werden emotionale und ergreifende Einzelschicksale sichtbar gemacht. Hut ab vor dem Mut der Befragten, öffentlich ihre Gedanken preiszugeben. Gut ist, dass die Autorin sich zurücknimmt und die Befragten in den Mittelpunkt rückt. Aber: Die hier versammelten Zeugnisse entstanden alle vor dem Anschlag auf die Synagoge von Halle mit zwei Toten. Vielleicht wären dann die Aussagen etwas anders ausgefallen. Klar wird, Menschenverachtung und Rassismus sind kein historische Phänomene, sondern in der Gegenwart virulent und lebensgefährlich. Der Schoß ist noch fruchtbar, Geschichte kann sich wiederholen, wenn antifaschistische Gegenwehr nicht konsequent genug ist.







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