Büchertod


Bildmontage: HF

09.05.10
AntifaschismusAntifaschismus, Kultur, TopNews 

 

von Dieter Braeg

Jedem Zeitgeist sein Ungeist.

Am 10. Mai 1933, vor 77 Jahren, verbrannte man an vielen Orten in Deutschland Bücher. „Wider den deutschen Ungeist“ war die Parole.

Bertold Brecht
Die Bücherverbrennung
(1938)


Als das Regime befahl, Bücher mit schädlichem Wissen
Öffentlich zu verbrennen, und allenthalben
Ochsen gezwungen wurden, Karren mit Büchern
Zu den Scheiterhaufen zu ziehen, entdeckte
Ein verjagter Dichter, einer der besten, die Liste der
Verbrannten studierend, entsetzt, daß seine
Bücher vergessen waren. Er eilte zum Schreibtisch
Zornbeflügelt, und schrieb einen Brief an die Machthaber.
Verbrennt mich! schrieb er mit fliegender Feder, verbrennt mich!
Tut mir das nicht an! Laßt mich nicht übrig! Habe ich nicht
Immer die Wahrheit berichtet in meinen Büchern? Und jetzt
Werd ich von euch wie ein Lügner behandelt! Ich befehle euch:
Verbrennt mich!

Angefangen hat das alles schon viel früher.

Schon im Jahre 1922 forderten deutsche Medizinstudenten, dass „in allen klinischen Vorlesungen die ersten vier Bankreihen nur von Studenten germanischer Abstammung besetzt“  werden dürften.
1923 veröffentlichten die rechtsgestrickten Studenten,  an den Universitäten längst eine Mehrheit, ein „Grundsatzpapier“.

„Wir bekämpfen mit allen zu Gebote stehenden Mitteln die Träger jenes jüdischen Geistes, dessen Auswirkungen deutsches Volksbewußtsein zerstört, deutsche Tatkraft ausmergelt, deutsche Kunst verseucht, deutschen Imperialismus im Schlamme des Materialismus erstickt haben. Wir bekämpfen die unglückselige Hirngeburt unserer Epoche, den selbsternannten Pazifismus, und brandmarken ihn wegen seiner die Volkskraft zersetzenden Wirkung als Hochverrat an unserer Nation.“

Das war der Erste Absatz, der mit dazu beitrug, dass zehn Jahre später, im Mai 1933, die Bücher starben.  Aber nicht nur Studenten waren Vorbereiter, die den Büchertod förderten und verlangten.

Ernst Jünger schrieb im Jahre 1931: „Im gleichen Maß…in dem der deutsche Wille an Schärfe und Gestalt gewinnt, wird für den Juden auch der leiseste Wahn,. In Deutschland Deutscher sein zu können, unvollziehbar werden, und er wird sich vor seiner letzten Alternative sehen, die da lautet: in Deutschland entweder Jude zu sein oder nicht zu sein.“

Der deutsche Ungeist feiert, bis zum heutigen Tag, seine Geisteshaltung die sich ausdrückt im Satz: WIR HABEN VON NICHTS GEWUSST!

Bücher brennen ab einer Temperatur von 232,78 Grad Celsius, da entzündet sich Papier. Im Jahre 1951 schrieb der amerikanische Science Fiction Autor  Ray Bradbury die Kurzgeschichte The Fire Man (erschienen im Galaxy Science Fiction Magazin 1. Jahrgang Nr. 5, Februar 1951). Später wurde daraus ein Roman, „Fahrenheit 451“, der erstmals im Jahre 1955 in deutscher Sprache erschien (Übersetzt von Fritz Güttinger). Da wird eine Gesellschaft beschrieben, die Bücher verbrennt, ihren Besitz verbietet.

Jüngers Feststellungen reichten aber den Nationalsozialisten nicht, also gab es im März des Jahres 1933 eine weitere Aktion, um die zukünftige Elite in die richtige Geisteshaltung einzuweisen. Die Preußische Akademie der Künste mit ihrer Abteilung „Sektion für Dichterkunst“ propagierte die „Selbstreinigung von undeutscher Literatur“ – die Hochschulprofessoren waren Vorbild für das, was nun die Hochschüler in die Hand nahmen.
Man schritt zur Büchervernichtung in den Universitätsstädten Berlin, Breslau, Marburg, Nürnberg, Heidelberg, Breslau und Greifswald, errichtete riesige Scheiterhaufen und am 10. Mai nahmen an diesen Veranstaltungen fast 130 000 Menschen teil. Vorher hatte man Bücher „eingesammelt“.

Jene die heute so großartig bemerken, dass „eine Zensur“ nicht stattfände, mögen die Sprache prüfen, mit der an diesem 10. Mai 1933 Bücher verbrannt wurden:

„Die Feuersprüche
1. Rufer: Gegen Klassenkampf und Materialismus, Für Volksgemeinschaft und idealistische Lebenshaltung! Ich übergebe den Flammen die Schriften von Marx und Kautsky.
2. Rufer: Gegen Dekadenz und moralischen Verfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner.
3. Rufer: Gegen Gesinnungslumperei und politischen Verrat, Für Hingabe in Volk und Staat! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Friedhelm Förster.
4. Rufer: Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, Für den Adel der menschlichen Seele! Ich übergebe der Flamme die Schriften des Sigmund Freud.
5. Rufer: Gegen Verfälschung unserer Geschichte und Herabwürdigung ihrer großen Gestalten, Für Ehrfurcht vor unserer Vergangenheit! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Emil Ludwig und Werner Hegemann.
6. Rufer: Gegen volksfremden Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung, Für verantwortungsbewusste Mitarbeit am Werk des nationalen Aufbaus! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Theodor Wolf und Georg Bernhard.
7. Rufer: Gegen literarischen Verrat am Soldaten des Weltkrieges, Für Erziehung des Volkes im Geist der Wahrhaftigkeit! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Erich Maria Remarque.
8. Rufer: Gegen dünkelhafte Verhunzung der deutschen Sprache, Für Pflege des kostbarsten Gutes unseres Volkes! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Alfred Kerr.
9. Rufer: Gegen Frechheit und Anmaßung, Für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist! Verschlinge, Flamme, auch die Schriften der Tucholsky und Ossietzky!“

Das am 10. Mai 2010, 77 Jahre nach diesem beispiellosen Büchermord, in München auf dem Königsplatz von 11,00 bis 19,00 Uhr Texte aus Büchern der „verbrannten“ Dichter gelesen werden, ist leider zu wenig. In jener Region die sich als KULTURHAUPTSTADT Europas bezeichnet, da werden am 10. Mai nicht auf jedem wichtigen Platz der Ruhrstädte jene Texte gelesen, die eine  „Geisteselite“ der Nazis dem Sacheiterhaufen überantworteten.

Zunächst war dieser brachiale Akt der Kulturvernichtung allerdings nicht besonders wirkungsvoll. Es spricht für einen „stillen Widerstand“ dass, trotz aller Beschlagnahmeaktionen, Wohnungsdurchsuchungen mehr als eine Viertelmillion verbotener Bücher „überlebten“.  Wenig im Vergleich zur geschätzten Gesamtauflage von mehr als drei Millionen Exemplaren der verbotenen Autoren und Bücher.

In Berlin wo Propagandaminister Joseph Goebbels die Untat inszenierte, regnete es am Morgen des 10. Mai und die Angst ging um, ob die Bücherverbrennung überhaupt stattfinden könne. Aber das Wetter besserte sich und so stellte der Propagandaminister aus Rheydt (dort wird in einer Ausstellung zur Stadtgeschichte sein silbernes Besteckt gezeigt, dass ihm die dankbare Bevölkerung geschenkt hatte) fest: Als am 30. Januar dieses Jahres die nationalsozialistische Bewegung die Macht eroberte, da konnten wir noch nicht wissen, dass so schnell und radikal in Deutschland aufgeräumt werden könnte. Die Revolution die damals ausbrach, ist von uns – das können wir heute offen gestehen – von langer Hand und planmäßig vorbereitet wurde.

In einem Brief an Walter Hasenclever schrieb Kurt Tucholsky im Jahre 1933:
„Unsere Bücher sind also verbrannt. Im Buchhändlerbörsenblatt ist eine große Proskriptionsliste für in vierzehn Tagen angekündigt. Dieser Tage stand an der Spitze des Blattes in Fettdruck: „Folgende Schriftsteller sind dem deutschen Interesse abträglich..
Der Vorstand des Börsenvereins erwartet, daß kein deutscher Buchhändler ihre Werke verkauft. Nämlich: Feuchtwanger- Glaeser – Holitscher – Kerr -  Kisch – Ludwig - Heinrich Mann  - Ottwalt - Plivier - Remarque — Ihr getreuer Edgar - und Arnold Zweig.“  In Frankfurt haben sie unsere Bücher auf einem Ochsenkarren zum Richtplatz geschleift. Wie ein Trachtenverein von Oberlehrern.“

Kurt Tucholsky wählte den Freitod. Erich Kästner, sein Freund, überlebte.
Er schrieb: „Die Geschichte des Geistes und des Glaubens ist zugleich die Geschichte des Ungeistes und des Aberglaubens. Die Geschichte der Literatur und der Kunst ist zugleich eine Geschichte des Hasses und des Neides. Die Geschichte der Freiheit ist, im gleichen Atem, die Geschichte ihrer Unterdrückung, und die Scheiterhaufen sind die historischen Schnitt- und Brennpunkte. Wenn die Intoleranz den Himmel verfinstert, zünden die Dunkelmänner die Holzstöße an und machen die Nacht zum Freudentag. Dann vollzieht sich, in Feuer und Qualm, der Geiselmord an der Literatur.“

Carl von Ossietzky, Friedensnobelpreisträger und Chefredakteur der „Weltbühne“ wurde 1931 als „Landesverräter“ verurteilt. Auch seine Texte wurden verbrannt.
Der Versuch ihn zu rehabilitieren, scheiterte in dieser unserer Republik mit ihren blühenden Landschaften und dem umgangssprachlichen Krieg. Das Berliner  Kammergericht erklärte eine Wiederaufnahme des Verfahrens als unzulässig. Die neuen Gutachten seien nicht als Tatsachen oder Beweismittel ausreichend, um von Ossietzky nach damaligen Recht freizusprechen.
Nach allen Instanzen, siegte das, was Joseph Goebbels zur Freiheit meinte:
„Der kommende deutsche Mensch wird nicht nur ein Mensch des Buches, sondern auch ein Mensch des Charakters sein, und dazu wollen wir euch erziehen.“

Das hat geklappt!


BESCHLUSS DES BUNDESGERICHTSHOFS VOM 3. DEZEMBER 1992:

„Nach der Rechtsprechung des Reichsgerichtes schloß die Rechtswidrigkeit der geheim gehaltenen Vorgänge die Geheimniseigenschaft nicht aus. Jeder Staatsbürger schuldet nach Auffassung des Reichsgerichtes seinem Vaterland eine Treuepflicht des Inhalts, daß das Bestreben nach der Einhaltung der bestehenden Gesetze nur durch eine Inanspruchnahme der hierzu berufenen innerstaatlichen Organe und niemals durch eine Anzeige bei ausländischen Regierungen verwirklicht werden durfte.“

Dieter Braeg


VON: DIETER BRAEG






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