Rassismus, Religion und Faschismus (nach Wilhelm Reich)


Bildmontage: HF

03.05.10
AntifaschismusAntifaschismus, Kultur, TopNews 

 

von Reinhold Schramm

Der Faschismus verrät alle Züge und Widersprüche der Charakterstruktur des Menschen. Der Faschismus stellt ein Amalgam zwischen rebellischen Emotionen und reaktionären sozialen Ideen dar. Versteht man unter Revolutionärsein die rationale Auflehnung gegen unerträgliche Zustände in der menschlichen Gesellschaft, dann ist der Faschismus nie revolutionär. Faschismus mag zwar im Gewande revolutionärer Emotionen auftreten. Man wird nicht den Arzt revolutionär nennen, der gegen eine Krankheit mit Schimpfworten vorgeht, sondern denjenigen, der still, mutig und gewissenhaft die Ursachen der Krankheit erforscht und bekämpft. Faschistisches Rebellentum entsteht immer dort, wo eine revolutionäre Emotion durch Angst vor der Wahrheit in die Illusion umgebogen wird.

Der Faschismus ist die Summe aller irrationalen Reaktionen des menschlichen Charakters. Dem bornierten Soziologen erscheint die faschistische Rassentheorie bloß als imperialistisches Interesse oder als "Vorurteil". Ebenso dem verantwortungslosen, phrasenhaften Politikanten. Die weite Verbreitung dieser "Rassenvorurteile" bezeugt ihre Herkunft aus dem irrationalen Teil des menschlichen Charakters. Die Rassentheorie ist keine Schöpfung des Faschismus. Umgekehrt: Der Faschismus ist eine Schöpfung des Rassehasses und sein politisch organisierter Ausdruck. Demzufolge gibt es einen deutschen, italienischen, spanischen, anglosächsischen, jüdischen und arabischen Faschismus. Die Rasseideologie ist ein biopathischer Charakterausdruck des orgastisch impotenten Menschen.

Der sadistisch-perverse Charakter der Rasseideologie verrät sein Wesen auch in der Stellung zur Religion. Der Faschismus ist der extreme Ausdruck des religiösen Mystizismus. Der Faschismus stützt diejenige Religiosität, die aus der sexuellen Perversion stammt, und er verwandelt den masochistischen Charakter der Leidensreligion des alten Patriarchats in eine sadistische Religion. Demzufolge versetzt er die Religion aus dem Jenseitsbereiche der Leidensphilosophie in das Diesseits des sadistischen Mordens.

Die faschistische Mentalität ist die Mentalität des kleinen, unterjochten, autoritätssüchtigen und rebellischen "kleinen Mannes". Der Kapitalist und Imperialist, der Großindustrielle und der feudale Militarist nützt diese soziale Tatsache für seine Zwecke aus, nachdem sie sich im Bereiche der allgemeinen Lebensunterdrückung entwickelt hat. Die autoritäre Zivilisation erhält in Gestalt des Faschismus vom kleinen, unterdrückten Manne (und Frau) wieder, was sie seit Jahrhunderten an Mystik, Feldwebeltum, Automatismus in die Massen der kleinen unterdrückten Menschen gesät hat. Der kleine Mann (und die kleine Frau) hat dem großen Mann sein Verhalten allzu gut abgeguckt, und er (sie) bringt es verzerrt und vergrößert wieder. Der Faschist (Mann und Frau) ist der Feldwebel in der Riesenarmee unserer tief kranken, großindustriellen Zivilisation. Man macht dem kleinen Menschen nicht ungestraft das große Tamtam der hohen Politik vor: Der kleine Feldwebel hat den imperialistischen General in allem übertroffen: in der Marschmusik, im Stechschritt, im Befehlen und Gehorchen, in der tödlichen Angst vor dem Denken, in der Diplomatie, Strategie und Taktik, im Uniformieren und Paradieren, im Dekorieren und Medaillieren.
[Wenn sich ein "proletarischer" General seine Brust mit Medaillen auf beiden Seiten, und darüber hinaus von der Kehle bis zum Nabel vollhängt, so demonstriert der den kleinen Mann, der hinter dem "echten", großen General nicht zurückbleiben möchte.]

Man muss den Charakter des kleinen unterdrückten Menschen jahrelang gründlich studiert haben, so wie sich die Dinge hinter der Fassade abspielen, um zu begreifen, auf welche Mächte sich der Faschismus stützt.
In der Rebellion der Masse der misshandelten Menschentiere gegen die nichts sagenden Höflichkeiten des Liberalismus und Demokratismus kommt die charakterliche Schichte der sekundären Triebe zum Vorschein.
Man kann den faschistischen Amokläufer nicht unschädlich machen, wenn man ihn, je nach politischer Konjunktur, nur im Deutschen oder Italiener und nicht auch im Amerikaner und Chinesen sucht; wenn man ihn nicht in sich selbst aufspürt; wenn man nicht die sozialen Institutionen kennt, die ihn täglich ausbrüten.

Man kann den Faschismus nur schlagen, wenn man ihm sachlich und praktisch mit gut begründeter Kenntnis der Lebensprozesse entgegentritt.
Wenn man einen faschistischen Charakter welcher Färbung immer die "Ehre der Nation" (statt die Ehre des Menschen) oder die "Rettung der heiligen Familie und der Rasse" (statt die Gesellschaft der arbeitenden Menschheit) predigen hört; wenn er sich aufpustet und das Maul voll von Schlagworten hat, so frage man ihn öffentlich still und einfach: "Was tust du praktisch, um die Nation zu füttern, ohne andere Nationen zu morden? Was tust du als Arzt gegen die chronischen Krankheiten, was als Erzieher zur Förderung kindlichen Lebensglücks, was als Ökonom gegen Armut, was als Sozialarbeiter gegen die Zermürbung kinderreicher Mütter, was als Baumeister zur Förderung der Wohnungshygiene?  -  Nun aber schwätze nicht, sondern gib konkrete praktische Antwort oder halte deinen Mund!"
Daraus folgt: Der internationale Faschismus wird nicht durch politische Manöver besiegt werden. Er wird der internationalen natürlichen Organisation der Arbeit, der Liebe und des Wissens erliegen.

Vgl.: Wilhelm Reich. Die Massenpsychologie des Faschismus.
(Aus: Vorwort, August 1942) - Ein modifizierter Auszug. 


VON: REINHOLD SCHRAMM






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