"Die Kunst des Selbstrasierens"


14.04.17
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Rezension von Michael Lausberg

Gärtner, J.: Die Kunst des Selbstrasierens. Hamburger Sozialdemokraten im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Feldhaus Verlag, Hamburg 2014, 19,50 Euro

Der Autor Jens Gärtner, Sozialwirt, Erwachsenenbildner und Politologe beschäftigt er sich mit dem bis heute sichtbaren langen Schatten des Faschismus und Nationalsozialismus in Deutschland. Er leitet das carpediem! Institut für Management und Kommunikation und veröffentlicht u.a. auch Bücher zum Thema Persönlichkeit, Führung und Motivation. Dabei liegt auf der Betrachtung der persönlichen Schicksale und der Haltung von Menschen in ihrer Zeit. Ihn beschäftigte die Frage, wie sein Vater und die Frauen und Männer, die ein ähnliches Schicksal erlitten hatten, mit ihren Familien diese schweren, zum Teil unerträglichen Jahre zwischen den Weltkriegen überstehen konnten. Jens Gärtner ist Mitglied im Hamburger Schriftstellerverein „Writersroom“, im Verein Weiterbildung Hamburg und im Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie“.

Sein Buch ist aus der Motivation geschrieben, die Menschenrechte zu schützen, die Anfänge totalitärer Strukturen zu erkennen und diesen beherzt entgegenzutreten. Es handelt sich um einen dokumentarischen Roman. Grundlage sind Tagebuchaufzeichnungen, Interviews und Video-Dokumentationen der Shoah. (S. 4) Die entscheidenden Fragen, die den Autor bewegen, sind die folgenden: Warum leisten Menschen Widerstand? Wie war es damals im Dritten Reich? Wie sah das Leben eines einzelnen Widerstandskämpfers aus, was bedeutet es für die Familien, wenn ihr Kind Widerstandskämpfer ist? (S.5)

Es ist einer der Romane über die stillen Helden, die niemals öffentlich erwähnt werden und die keine Anerkennung für ihren Widerstand posthum erhalten haben und wahrscheinlich niemals erhalten werden.

In der postfaschistischen Bundesrepublik wurde die NS-Vergangenheit nie richtig aufgearbeitet. Täter bekamen wieder ihre alten Posten, Kiesinger brachte es sogar zum Bundeskanzler. Die Herren Globke und Oberländer schafften es immerhin in die hohe Politik mit Hilfe von zum Teil revanchistischen Vertriebenenverbänden, der HIAG und neu entstandenen rechten Parteien wie die Deutsche Partei (DP) oder Teilen der CDU/CSU. Schuldabwehr ließ nur Trauer für die Täter zu, die Opfer wurden sträflich vernachlässigt und der Widerstand -welcher Couleur auch immer- blieb im Geruch des Vaterlandverrates.

Das Buch hat aber auch eine aktuelle Dimension: Es dient zur Mahnung an die heutige Zeit, wo es rechte Gewalt, NS-Relativierung, No-Go-Areas für Ausländer gibt und die demokratischen Parteien als Reaktion auf die völkische AfD immer weiter nach rechts rücken. Freital, Bautzen, Heidenau sind die Synonyme für Pogrome gegen Geflüchtete, die nur das radikal umsetzen, was an Stammtischen, in Zeitungen und in der Politik gefordert wird: Das Boot ist voll! Ausländer raus und Grenzen dichtmachen!

Der Titel des Buches geht auf die Tarnbroschüre „Die Kunst des Selbstrasieren“, die auf das „Prager Manifest“ zurückging. Das Prager Manifest wurde im Jahre 1934 von der Auslandsleitung der SPD veröffentlicht und rief zum revolutionären Sturz des nationalsozialistischen Regimes auf.

Es erschien am 28. Januar 1934 in der Zeitschrift  Neues Vorwärts, der in dieser Zeit eine Auflage von ca. 20.000 Stück, in besonderen Fällen bis zu 70.000 Stück hatte. Allerdings dürften wenige Exemplare nach Deutschland gelangt sein. Für Deutschland war die Sozialistische vorgesehen, in der das Prager Manifest gleichfalls wiedergegeben wurde und die im Dünndruck mit ca. 10.000 Exemplaren erschien. Darüber hinaus wurden 40.000 Tarnbroschüren mit dem Titel Die Kunst des Selbstrasierens gedruckt und über Kuriere in Deutschland eingeschmuggelt. Die Revolution der Gesellschaft,  Abrüstung und Kriegsgefahr sowie die Einheit des revolutionären Sozialismus standen im Mittelpunkt des Manifestes.

Dies ist die Geschichte von jungen Menschen wie auch Heinz Gärtner, die Widerstand im Dritten Reich gegen das NS-Regime. In Hamburg organisierten kleine Gruppen von Sozialdemokraten und der sozialistischen Arbeiterjugend unter Einsatz ihres Lebens den Widerstand. Diesen Fragen geht dieses Buch nach, in dem es anhand von Original­dokumenten, Tagebüchern, Interviews und Briefen die Linien der jungen Widerstandskämpfer nachzeichnet und ihren Alltag, ihr Leben, ihre Ängste und Gefühle beschreibt. Heinz Gärtner erlebt den Kampf der sozialistischen Arbeiterjugend, das Konzentrationslager, den Tod der Mutter, das Gefängnis und später Krieg und russische Kriegsgefangenschaft. Dennoch bleiben Zweifel, ob er genug getan hat, um die ideologischen Ziele des NS-Regimes zu verhindern.

Vielleicht ist es besser so, dass die Widerstandskämpfer dieses Buches nie etwas von einem Thilo Sarrazin oder Heinz Buschkowsky mitbekommen haben, die die einstigen Ideale der Sozialdemokraten mit Füßen treten und nicht ausgeschlossen werden.

Jens Gärtner gibt mit dem Buch Widerstandskämpfern im Dritten Reich ein Gesicht, lässt den Leser an ihren Gefühlen teilhaben und legt nebenbei noch ein Stück Hamburger Geschichte vor, die immer noch unbearbeitet zu sein scheint. Wichtig ist, dass sich das Buch nicht nur an historisch Interessierte wendet, sondern auch eine Mahnung für die heutige Zeit darstellt, wo die Bundesrepublik immer weiter nach rechts rückt und einfache Antworten auf komplexe Fragen wieder Hochkonjunktur haben. Daher ist die Lektüre des Buches sehr zu empfehlen.







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