"Die eigentlich 'Rechten' sind diejenigen, die Haider als 'rechts' gebrandmarkt haben ..."


Jörg Haider auf einem Wahlplakat der BZÖ

08.10.09
AntifaschismusAntifaschismus, Arbeiterbewegung, Hessen, Debatte 

 

oder wie viel Haider-Relativierung verträgt sich mit einer linken Position?

Kommentar zur Auseinandersetzung zwischen Arbeiterfotografie und Andreas Waibel, Club Voltaire, Frankfurt / Main

Von Edith Bartelmus-Scholich

Am 9.10.09 wird im Frankfurter Club Voltaire eine Diskussionsveranstaltung unter dem Titel "'Die Bandbreite' und 'Medien zwischen Realität und Scheinwelt'" stattfinden, die in die Kritik gekommen ist. Bemerkenswert ist zunächst, dass sowohl die Band ‚Die Bandbreite' als auch der Referent Elias Davidson sowie die linke Organisation Arbeiterfotografie auf ihren Webseiten unterschiedliche Verschwörungstheorien verbreiten. Das Thema ‚Medien zwischen Realität und Scheinwelt' wird trotz seiner Vielschichtigkeit durch die Zusammensetzung der Akteure einseitig von Anhängern verschwörungstheoretischer Ansätze abgehandelt werden. Schon dies ist ein fragwürdiger Ansatz in einer linken Debatte.

Im Vorfeld der Veranstaltung hatte Andreas Waibel, heute vom Vorsitz des Club Voltaire zurück getreten, gegen die Veranstaltung Front gemacht. ‚Arbeiterfotografie' und ‚Die Bandbreite' wirft er rechte Verbindungen vor. Im Fall ‚Die Bandbreite' orientiert er sich an den Texten, die auch provozierend mit den Themen Faschismus, Antisemitismus und Homophobie umgehen. Es mag sein, dass Andreas Waibel die Intention der Künstler hier missverstanden hat. Im Fall der angesehenen linken Organisation Arbeiterfotografie hat Waibel jedoch Fakten geliefert, die nicht so einfach vom Tisch zu wischen sind. Auch wenn ‚Arbeiterfotografie' sich selbst in einer Erklärung als Opfer einer Hexenjagd beschreibt.

Andreas Waibel hat sich auf der Webseite von Arbeiterfotografie umgesehen - und es ist nur zu hoffen, dass viele Linke es ihm nachtun. Unter dem Titel "Feindbild Haider zerstört" steht dort ein langer Text der mit  "Betrachtung zu Schlüsselargumenten in Gerhard Wisnewskis Buch 'Jörg Haider - Unfall, Mord oder Attentat?' - von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann - 10.8.2009" überschrieben ist (Quelle: http://www.arbeiterfotografie.com/politische-morde/index-2008-10-11-joerg-haider.html ). Wie Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann sich dabei dem Buch über die Todesumstände Jörg Haiders sowie der Person Haiders nähern, belegen die nachfolgenden Zitate von der Webseite der ‚Arbeiterfotografie':

"Der Vorwurf des Antisemitismus ist seit der Judenvernichtung im Dritten Reich die schärfste politische und demagogische Waffe, die sich gegen einen Menschen in Stellung bringen lässt. Und zwar deshalb, weil in diesem Vorwurf auch immer der vielfache Mord an Unschuldigen mitschwingt", so Gerhard Wisnewski. Von Haider stammen eine Reihe von Äußerungen, die als antisemitisch gebrandmarkt worden sind... "Dazu ein ergänzender Gedanke unsererseits, schreiben Annelise Fikentscher und Andreas Neumann von ‚Arbeiterfotografie': Wenn Leute vom Schlage eines Henryk M. Broder, die im Umfeld der Bundesregierung und in den etablierten Medien ein und aus gehen, andere übelst diffamieren, wie z.B. im Sommer 2009 die mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Israel-Kritikerin Felicia Langer, dann ist das hinzunehmen. Wenn aber ein Jörg Haider eine lockere, vielleicht unbedachte Äußerung über jemanden macht, der Finanzunternehmer und Vorsitzender der Israelitischen Gemeinde in Wien ist, dann ist das Antisemitismus."

Weiter heißt es in der abschließenden Bewertung von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann: "Eine Frage bleibt: wie war es möglich, das Feindbild Haider in dem Maße zu schaffen, wie das geschehen ist - auch unter den 'Linken', die des kritischen Denkens fähig sein müßten? Mit welchen Tricks wird gearbeitet, um Feindbilder so erfolgreich zu installieren? Der Fall Haider muß uns diesbezüglich eine Mahnung sein. Bei jeder Verteufelung eines Menschen müssen wir hellhörig werden. ... Jedenfalls: Gerhard Wisnewski hat einen wesentlichen Anteil an der Zerstörung des Feindbildes Haider. Die eigentlich 'Rechten' sind diejenigen, die Haider als 'rechts' gebrandmarkt haben und selber eine menschenverachtende Politik gegenüber Flüchtlingen, die um Asyl ersuchen, betreiben und die für die Vernichtung von Menschenleben in großem Stil (mit)verantwortlich sind, z.B. in Zusammenhang mit den Kriegen gegen Jugoslawien, Afghanistan, Irak, Libanon und in Palästina." Soweit die Auszüge von der Webseite der ‚Arbeiterfotografie'.

Diesen Artikel verteidigt der Bundesvorstand der ‚Arbeiterfotografie', wenn er in seiner Erklärung schreibt: "Es ist eine bösartige Unterstellung, wir hätten die "Verharmlosung des Waffen-SS Fans Haider... übernommen". Wir analysieren, inwieweit die gegen Haider erhobenen Vorwürfe zutreffen und kommen zu dem Ergebnis, dass die Vorwürfe (teilweise) nicht gerechtfertigt sind. ... Und es geht um die Frage, inwieweit das entstandene Jörg-Haider-Feindbild nachvollziehbar ist und wo nicht, und inwieweit es befördert wurde, weil er Störfaktor imperialistischer Interessen ist. Es muß gestattet sein, sich mit dem Tod eines Politikers, dessen Auffassungen und dem Verhalten anderer ihm gegenüber zu befassen, unabhängig davon, wo er politisch gestanden hat."

Die naive, ja geradezu umarmende Würdigung des Faschisten Jörg Haiders durch Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann, dem u.a. zugute gehalten wird, dass er sich - wie alle Nazis -  dem Finanzkapital entgegen stellen wollte, und die Rechtfertigung des Artikels durch den Bundesvorstand von ‚Arbeiterfotografie' sind alarmierend. Sie zeigen, auf welche Irrwege die Anwendung der schon immer auch unter Anti-Imperialisten umstrittenen These "Der Feind unseres Feindes ist unser Freund" und die Zuwendung zu Verschwörungstheorien führen können. In diesem Fall ist die Trennschärfe zwischen rechts und links vollkommen verloren gegangen. Den Nutzen daraus zieht das Nazi-Spektrum.

Edith Bartelmus-Scholich, 8-10-09



Leserbrief von Dieter Krogmann zu "Die eigentlichen Rechten..."  - 13-10-09 17:24




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