Chef von Hitlers Reichskanzlei


23-01-18
AntifaschismusAntifaschismus, Kultur 

 

Rezension von Michael Lausberg

Volker Koop, früherer Sprecher im Bonner Verteidigungsministerium und freier Publizist, legt in diesem Buch eine Monographie über den vielfach unbekannten Juristen Hans-Heinrich Lammers, dem Chef der Reichskanzlei im „Dritten Reich“ unter Hitler.

Auf diesem Posten agierte Lammers im Hintergrund, hatte aber durch die physische Nähe zu Hitler und die Leitung der Regierungsgeschäfte Einfluss und Macht: „Abgesehen von Hitler dürfte er der am besten informierte Repräsentant des Regimes gewesen sein. Zumindest die Vertreter der staatlichen Seite, also die Reichsminister, mussten ihn in Anspruch nehmen, wenn sie sich an Hitler wenden wollten – sei es, um ein Gesetzesvorhaben auf den Weg zu bringen oder um einen Termin zu bekommen.“ (S. 9) Joseph Goebbels unterstellte ihm sogar aus Neid, eine Art „Vizekanzlerschaft“ planmäßig anzustreben. (Ebd.)

Adolf Hitler ernannte Lammers zum Staatssekretär und Chef der Reichskanzlei. An dieser Schnittstelle zwischen Hitler und den Reichsverwaltungsbehörden organisierte er zusammen mit Martin Bormann, Otto Meissner Wilhelm Keitel) die Regierungsgeschäfte. Da nach 1933 kaum noch Kabinettssitzungen stattfanden, übermittelte er auch den Reichsministerien Hitlers Wünsche und Befehle. Lammers war es, der Hitlers häufig spontane Absichten und Pläne in verwaltungskompatible Juristentexte übersetzte und damit ihre Ausführung und Umsetzung sicherte. Damit verschaffte er der künftigen Mordmaschinerie (Holocaust, Euthanasie) einen Schein von Legitimität und juristischer Haltbarkeit, in Wahrheit führte einer der Erfüllungsgehilfen von Hitlers willkürlichen Gesetzen und Maßnahmen. Der Schreibtischtäter Lammers wurde nach 1945 lediglich zu wenigen Jahren Gefängnis verurteilt, ein Beispiel für die ungenügende Aufarbeitung der NS-Zeit kurz nach dem Ende des Regimes.

Hans-Heinrich Lammers war ohne Zweifel einer der einflussreichen nationalsozialistischen Täter, der über eine nicht nur räumliche Nähe zu Hitler verfügte, was hier in diesem Buch profund herausgearbeitet wird. Was allerdings fehlt, ist eine detaillierte Auswertung von Lammers juristischen Schriften vor 1933, um die Frage zu beantworten, ob er schon dort dezidiert nationalsozialistisch und völkisch argumentierte, also ein Überzeugungstäter war oder doch eher ein Mitläufer, der erst von Hitlers Gnaden zu einem solch wichtigen Amt kam. Insgesamt gesehen ist es aber eine aufschlussreiche Arbeit über einen wichtigen Schattenmann des „Dritten Reiches“ und ein weiterer Baustein zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus und seiner Institutionen.

 

Volker Koop: Hans-Heinrich Lammers. Der Chef von Hitlers Reichskanzlei, Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2017, ISBN: 978-3-8012-0519-5, 24, 90 Euro (D)







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