Bilanz einer beruflichen Jagd auf noch lebende NS-Verbrecher


13.12.17
AntifaschismusAntifaschismus, Kultur 

 

Rezension von Michael Lausberg

In diesem Buch berichtet Kurt Schrimm, Staatsanwalt und langjähriger Leiter der Zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen, über seine Arbeit, hohe Hürden und Erfolge bzw. Misserfolge bei der Jagd nach NS-Tätern.

Im ersten Kapitel wird der Autor und seine berufliche Karriere näher vorgestellt. Dann folgt eine Art Rechenschaftsbericht, warum immer noch mehr als 70 Jahre nach dem Ende der NS-Schreckensherrschaft Täter gesucht werden. Diese Frage ist eigentlich bei Mitwirkenden des größten singulären Verbrechens der Menschheitsgeschichte überflüssig, wird aber dennoch beantwortet. Anschließend kommt er auf die heutigen Ermittlungen und deren Behinderung in früheren Jahrzehnten zu sprechen. Der juristische Umgang mit NS-Tätern in der Vergangenheit vor allem war in den 1960er und 1970er Jahren, als sogar einer von ihnen, Kurt Georg Kiesinger Bundeskanzler wurde, skandalös:

Nach 1969 wurde kein Wachpersonal aus Auschwitz mehr verurteilt - bis zum Fall Gröning: Oscar Gröning - als "Buchhalter von Auschwitz" bekannt - wegen Beihilfe zum 300.000-fachen Mord zu vier Jahren Haft verurteilt.

Der Grund dafür ist ein Urteil des Bundesgerichtshofes (BGH) von 1969, das auch die aktuellen Prozesse bedrohen könnte. Damals entschied der BGH, dass nicht jeder, der in Auschwitz in das Vernichtungsprogramm eingegliedert war, dafür zur Rechenschaft gezogen werden kann. Nur wer aktiv die Morde "gefördert" hätte, könnte auch dafür angeklagt werden. Das Urteil behinderte jahrzehntelang die strafrechtliche Verfolgung von NS-Verbrechern durch die deutsche Justiz. Wem nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden konnte, selbst gemordet - oder zumindest sehr aktiv dabei geholfen - zu haben, der wurde meist gar nicht erst angeklagt. Dass die Konzentrationslager nur funktionieren konnten, weil das Personal die Gefangenen dort im Zaum hielt, ließ das Urteil unbeachtet. Dies galt insbesondere für Lager wie Auschwitz, die nicht ausschließlich der Vernichtung dienten.

Dennoch verfolgte zumindest die deutsche Justiz jahrzehntelang beschämend wenig NS-Verbrecher. Von mehreren hunderttausend Beteiligten, vor allem aus Polizeibataillonen, Einheiten von Wehrmacht und Waffen-SS und dem Personal in den Vernichtungslagern, wurden bis 2012 lediglich rund 6500 Menschen angeklagt - über 90 Prozent davon in den ersten zehn Jahren nach Kriegsende.

Weiterhin berichtet er von seinen größten Erfolgen in der Aufspürung und Verurteilung von Tätern am Beispiel von vier Verbrechern. Dann folgen die größten Misserfolge seiner Arbeit, einige davon machen nicht nur den Autor wütend. In einem weiteren Kapitel geht er auf die verschiedenen Schwierigkeiten bei den Wahrheitsfindung nach der langen Zeit des Begehens der Tat ein und schildert dies konkret an einigen Fällen aus der Praxis. In einem beinahe schon philosophisch orientierten Kapitel beschäftigt sich Schrimm mit der Frage, ob es bei der Verfolgung von NS-Tätern Gerechtigkeit gäbe. Nach einer langen Erörterung über den Begriff Gerechtigkeit verneint er diese Frage. Auf die selbst gestellte Frage, ob seine Arbeit dazu beitragen kann, in Zukunft solche oder ähnliche Verbrechen zu verhindern, antwortet er folgendes: „Vielleicht trägt unsere Tätigkeit dazu bei, dass wir und unsere Nachfahren wachsamer sind als unsere Vorfahren und unser Bestreben auf zwei Dinge richten: Vermeidung von Diktatur und Krieg. Dann wäre unsere Arbeit auch im Hinblick auf die Zukunft nicht ganz umsonst gewesen.“ (S. 375)

Schrimm berichtet sehr differenziert und empathisch über die ehemaligen Opfer, ein Punkt ist aber mehr als ärgerlich: Im Text benutzt er die Fremdbestimmung und von der deutschen Mehrheitsgesellschaft in abwertendem Sinne gebrauchte Wort „Zigeuner“. Diese bezeichnen sich zum großen Teil selbst als Sinti und/oder Roma, was eigentlich bekannt sein dürfte.

 

Dieses Buch handelt von der juristischen Seite der Aufarbeitung der NS-Verbrechen, nicht über die moralische Schuld. Das Buch ist auch gleichzeitig eine Art Anklage der bundesdeutschen Justiz der 1960er und 1970er Jahre, wo sehr viele NS-Verbrecher gar nicht zur Rechenschaft gezogen wurden, einige mit Hilfe des Vatikans und anderer Länder und Organisationen untertauchen konnten und einige gar begnadigt wurden. Kurt Schrimm gewährt einen hochinteressanten Einblick in seine Arbeit, seine Gefühlswelt vor allem beim Treffen der Opfer und die Ohnmacht der Justiz in manchen Punkten. Die Jagd nach den Tätern von damals muss mit allen Mitteln weitergehen: Es darf kein Vergeben und Vergessen geben.

 

Kurt Schrimm: Schuld, die nicht vergeht. Den letzten NS-Verbrechen auf der Spur, Heyne Verlag, München 2017, ISBN: 978-3-453-20119-4

 







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