Hooligans als politische Akteure im antiislamistischen Kreuzzug


17.10.17
AntifaschismusAntifaschismus, Kultur 

 

Von Michael Lausberg

„Die Gewalt ist eines der stärksten Erlebnisse und bereitet denen, die fähig sind, sich ihr hinzugeben, eine der stärksten Lustempfindungen“.[1]

Spätestens seit der Kölner Demonstration des Bündnisses „Hooligans gegen Salafisten“ (HogeSa) mit mehr als 4500 Teilnehmer im Oktober 2014, die in bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen mündete, rückte das Phänomen des Hooliganismus wieder ins Licht einer breiteren Öffentlichkeit. Dies war neben den Aufmärschen von Pegida  in Dresden die größte  Zusammenkunft der extrem rechten militanten Szene seit langer Zeit. Die schlimme Bilanz dieser Gewaltorgie war: 17 festgenommene Hooligans und 49 verletzte Polizisten, ein Sachschaden in fünfstelliger Höhe und  57 Strafanzeigen.

Europaweit propagieren zahlreiche Hooligans islamfeindliche Parolen und machen aus politischen Gründen Jagd auf Muslime oder linke Gegendemonstranten. Es existieren in zahlreichen Ländern personelle Überschneidungen und Netzwerke zwischen Neonazis und Hooligan-Gruppierungen.

Dieser Sammelband, der von Richard Gebhardt herausgegeben wurde, behandelt die Subkultur der Hooligans, von denen sich viele als politische Akteure eingebunden in den Aktionsrahmen der extremen Rechten verstehen. Dabei ist nicht jeder Hooligan als extrem Rechter zu bezeichnen, da die Szene einen heterogenen Charakter besitzt. Diese „dominante rechtsoffene Problemgruppe“ (S. 9) galt jahrelang „als Veteranen der alten Schule, als Vertreter einer gewalttätigen Subkultur, die weitgehend aus den Kurven verdrängt wurde.“ (S. 7) Außerdem geht es sich darum, dem „Kitschbild vom „unpolitischen“, nur saufenden und krakeelenden Hool einer kritischen Prüfung zu unterziehen. (…) Fußballfans sind heute mehr denn je politische Akteure. Und den völlig unpolitischen Hool gibt es nicht.“ (S. 8)

In dem Sammelband analysieren Journalisten und sonstige Fußballexperten das Phänomen des Hooliganismus in der BRD, ergänzt um Exkurse zur Lage in Osteuropa und England. Aus einer progressiven Weltanschauung heraus verfolgen die Autoren verschiedene Herangehensweisen und Ansichten. Philipp Beitzel analysiert den Kampf um die Hoheit in der Fankurve zwischen Hooligans, Ultras und Kutten. Pavel Brunßen und Peter Römer präsentieren über Hooligans als selbsternannte Verteidiger einer angeblich existierenden deutschen und abendländischen Kultur gegen „den Islam“.  Daniel Ryser gibt exemplarisch einen Einblick in militante Auseinandersetzungen während der EM 2016. In einem Interview mit dem Filmemacher Fred Kowasch über seine Dreharbeiten zu „Inside Hogesa“ werden seltene Einblicke in die inneren Strukturen der Hooligans gezeigt. Mark Haarfeldt präsentiert ausführlich die Entstehungsgeschichte und Struktur des Hooliganismus in der DDR. Robert Claus beschäftigt sich mit den Geschlechterverhältnissen in der Szene, bevor Richard Gebhardt in seinem Schlussessay interpretiert Richard Gebhardt sein „wildes Nachdenken über Fußball und Gewalt“ in Auseinandersetzung mit soziologischen und philosophischen Klassikern vorstellt.

Der Sammelband soll „kein wissenschaftlicher Sammelband vom Fachmann für Kenner“ sein, sondern stattdessen eine breitere Leserschaft, die „sich jenseits der Schlagzeilen hintergründig informieren will“, ansprechen will.

Die Hooligans grenzen sich optisch von den übrigen Zuschauern ab, beliebte Kleidungsmarken  überschneiden sich mit denen, die von Neonazis getragen werden, wie zum Beispiel Alpha-Industries, Lonsdale, Pitbull oder Thor Steinar. Sie betonen martialische Werte wie Männlichkeit Disziplin, Tradition, Hierarchie, Unterordnung, Siegeswille und Kampfgeist, was sie für die extreme Rechte anschlussfähig macht. Das gemeinsame Erleben von Gewalt und Gefahr führt zu einem engen Zusammengehörigkeitsgefühl gegen gemeinsame „Gegner“ bringt eine identitätsstiftende Wirkung hervor.

Das Bild in deutschen Fußballstadien prägt seit Beginn der 2000er Jahre die Subkultur der Ultras, die in der Fankurve die Führungsrolle für sich beanspruchen. Wegen der hohen Sicherheitsvorkehrungen in den Stadien und der zunehmenden Repression verließen zahlreiche Hooligans verabredeten sich abseits der Öffentlichkeit zu organisierten Prügeleien abseits der Öffentlichkeit. Viele Hooligans sind regelmäßig in Kraft- und Kampfsportstudios zu finden, um sich für diese Auseinandersetzungen vorzubereiten. Die organisierte und per Handy oder ähnliches verabredete Randale  wird nicht mehr nur gegen den aktuellen Gegner des eigenen Teams ausgetragen, sondern auch mit anderen Hooligangruppen, die nicht in derselben Liga spielen müssen. Dies geht sogar so weit, dass es mittlerweile spezielle inoffizielle Turniere, in denen verschiedene Hooligangruppen aufeinander treffen und ein „Schiedsrichter“ über den „Sieger“ entscheidet. Diese Prügeleien werden anschließend professionell aufbereitet und auf Video-Plattformen online gestellt.

Dennoch sind Hooligans sind nie ganz aus den Stadien verschwunden. In den Profiligen schreckte sie die Repression ab und  verlagerten ihre Aktivitäten in die Amateurligen, wo die Sicherheitsstandards nicht so hoch sind.

Hooligans kämpfen seit 2011/12 um die Hegemonie in der Fankultur gegen die jugendliche Ultrakultur, die die Meinungsführerschaft der Hooligans in der Kurve in Frage gestellt haben. Der daraus resultierende Kampf der Fankulturen ist dabei auch ein politisch aufgeladener Konflikt. Rechte Kräfte unter den Hooligans sehen durch gesellschaftliches und antirassistisches Engagement ihr Refugium und deren Rekrutierungsort Stadion gefährdet.

Das Eingreifen der Hooligans in aktuelle politische Auseinandersetzungen gab es in dieser Form früher noch nicht und hatte eine längere Vorgeschichte.

Trotz aller Feindseligkeiten untereinander und Prügeleien bis hin zu Toten haben Hooligans aber schon immer bei einem konkreten Anlass Möglichkeiten zum Austausch und zur Vernetzung gesucht. Dies waren in der Vergangenheit meistens Spiele der Nationalmannschaft vom allem bei einer WM oder EM,  Nationalismus und Rassismus zählten mehr als die Vereinsfarben. Bei der EM 2016 in Frankreich Deutsche Hooligans zeigten gleich zwei Mal in der Innenstadt von Lille die Reichskriegsflagge,  skandierten rechte Parolen wie „Wir sind wieder einmarschiert“ und machten Jagd auf ukrainische Fans. Beim WM-Qualifikationsspiel in Prag gegen Tschechien vor einigen Monaten waren neonazistische Parolen unüberhörbar.

Als das Landgericht Dresden 2013 zu dem Schluss kam, dass die Hooligan-Gruppierung „Hooligans Elbflorenz“ als kriminelle Vereinigung einzustufen sei, gab in der Folge  es Auflösungen anderer zum Teil lang bestehender Gruppen wie  „Standarte Bremen“, „Westfront Aachen“, „Vulture Hannover 13“ und „Division Duisburg“.

Ein erstes Zeichen der Vernetzung und des Austausches vollzog sich 2013, als bekannt wurde, dass sich insgesamt 17 Hooligangruppen zu den „GnuHonnters“ (Neue Jäger) zusammengeschlossen hatten. Angeregt von der Dortmunder Borussenfront fanden Hooligans aus Cottbus, Dresden, Duisburg, Essen, Braunschweig, Berlin, Frankfurt und München, darunter auch viele regionale Köpfe der Neonaziszene den Weg in die Ruhrmetropole.

2014 wurde das Internetforum „Weil Deutsche sich’s noch trauen“ bekannt, deren Mitglieder nahezu aus denselben Szenen wie die „GnuHonnters“ kamen.  In dem Forum ging es um „Verteidigung Deutschlands“ gegen die „zunehmende Islamisierung“. Hier planten Hooligans militante Aktionen unter anderem auf den Salafistenprediger Pierre Vogel und der Gründer der sogenannten Sharia-Polizei, Sven Lau. Im Februar 2014 störten meist Hooligans eine Kundgebung von Pierre Vogel in Mönchengladbach. Am 28.9. 2014 trafen sich dann ca. 300 Hooligans in Dortmund zur weiteren strategischen Planung, auch der gewalttätigen Demonstration in Köln. Diese wurde auch aufgrund der starken Mobilisierung szeneintern als Erfolg gewertet. HogeSa meldete danach noch mehrere Demonstrationen an, die jedoch nicht mehr die hohe Kölner Teilnehmerzahl erreichte. Dann kam es zu internen Zerwürfnissen und Spaltungen, so dass die Kölner Demo 2015 die letzte dieser Art war.

Manche Hooligans fanden in den verschiedenen x-gida Bewegungen eine neue Heimat. Bei Pegida in Dresden fungieren Hooligans als inoffizielle Ordner am Rande der Versammlung. Dort „schützen“ Demoteilnehmer vor unbequemen Fragen der „Lügenpresse“ und Gegendemonstranten. In Berlin gründete sich das „Bündnis deutscher Hools“ (BDH), ein von Hools des BFC Dynamo und des FC Union als „Sicherheitsdienst“ des x-gida Ablegers Bärgida. Am 11. Januar 2016 überfielen 250 Neonazis und rechte Hooligans mehrerer höherklassiger Vereine im Zuge der Legida-Kundgebung in Leipzig den alternativen Leipziger Stadtteil Connewitz. Von den festgenommenen 68 Hooligans hatten 39 Einträge in der Datei Gewalttäter Sport.

In den Fankurven gibt es schon lange Allianzen zwischen Hooligans und Neonazis: „Das ‚unpolitische‘ Deckmäntelchen, das Hools sich mit Verweis auf ihren Vereins- und Fußballbezug und den dort herrschenden Werten überstreifen, ist eine Lebenslüge.“ (S. 45)

Um diesem Trend entgegenzuwirken, muss „dieses Problem muss als solches erkannt und benannt werden. Dazu bedarf es der Bereitschaft aller, also der Spieler, der Vereine, der Verbände, der Politik und insbesondere der Fans. Eine eindeutige Positionierung des eigenen Vereins dürfte für die meisten Zuschauer ein klares Statement darstellen, dem zu folgen sie dann auch bereit wären.“ (S. 46) Des Weiteren sollen sozialpädagogische Fanprojekte involviert werden, die die Selbstverantwortung von Fanszenen durch die Stärkung  des Verantwortungsbewusstseins von jugendlichen Fußballfans fördern und so die antirassistischen Prozesse in den Fanszenen stärken.

 

Richard Gebhardt (Hrsg.):  Fäuste, Fahnen, Fankulturen. Die Rückkehr der Hooligans auf der Straße und im Stadion, Papyrossa Verlag, Köln 2017, ISBN: 978-3-89438-634-4

 


[1] Bill Bufford, Geil auf Gewalt. Unter Hooligans, München 1992, S. 234







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