Politik des „Ausdrucks“

19.01.17
AntifaschismusAntifaschismus, Debatte, TopNews 

 

Von Systemcrash

in dem Artikel Rechtspopulismus als Ästhetisierung der Politik findet sich ein zitat von Walter Benjamin:

Die Massen haben ein Recht auf Veränderung der Eigentumsverhältnisse; der Faschismus sucht ihnen einen Ausdruck in deren Konservierung zu geben.“

der zentrale begriff ist hier AUSDRUCK. also im falle des faschismus (und rechtspopulismus) die mobilsierung von gefühlen, die aber schon als ressentiments virulent sind. letztlich führt aber diese „ausdruckspolitik“ dahin:

„… die Massen zu ihrem Ausdruck ([aber] beileibe nicht zu ihrem Recht) kommen zu lassen.“

aber machen das „linke“ nicht auch, wenn sie z. B. Rechte für minderheiten einklagen? der artikel gibt hierauf eine antwort:

Doch rechte identitäre Politik unterscheidet sich grundsätzlich von linker Identitätspolitik. Sie gesteht das Versprechen auf Ausdruck nicht allen zu, sondern nur denen, die eine Großidentität teilen: Nation, Rasse, Kulturtradition oder Religion. Und diese Identitäten werden als fest definiert und als vorpolitisch ausgegeben. Wenn dagegen Genderaktivisten zum Beispiel für Homosexuelle streiten, dann nicht, weil Homosexualität als solche irgendwie auch mal zur Geltung kommen soll, sondern weil man gleiche Rechte für alle einfordert. Das ist keine kulturelle, sondern eine genuin politische Argumentation. Es sind also zwei verschiedene Strategien am Werk, nicht einfach verschiedene Milieus oder Themen im Fokus.“

obgleich mir diese definition überzeugend erscheint, sehe ich da aber auch ein problem. ist so eine scharfe trennung von „politik“ und „identität“ überhaupt möglich – oder auch überhaupt nur erstrebenswert? wenn ich mir so manche auswüchse der „political correctness“ ansehe, kommen mir da starke zweifel. aber das soll nicht mal das hauptargument sein. ich sehe da eher eine lebensfremde sphärentrennung zwischen abstrakten politischen idealkonstruktionen und den lebensrealitäten, wie sie „nun mal sind“ (in all ihrer ambivalenz). Wilhelm Reich nannte das sehr treffend den „fetisch der hohen Politik“. der mensch kann nicht von prinzipien und hehren idealen allein leben, wenn eine bibelparaphrase nicht zu anmassend ist.  ;)

ich fürchte, eine politik, die die (vermeintliche) „vernunft“ (aufklärung) zu ihrem maßstab macht, wird immer weniger wirkungsmacht haben als eine politik, die emotionen mobilisiert. es wäre fatal, wenn man den rechten (und konservativen) die deutungshoheit in sachen „identität“ überlassen würde. ich vermute, dieses problem hatte Ernst Bloch im blick, als er sagte: „Nazis sprechen betrügend, aber zu Menschen, die Kommunisten völlig wahr, aber nur von Sachen.“ dieses dilemma hat er dann mit viel grösserem philosophischen feinschliff einer „lösung“ zuzuführen versucht:

Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“ (das Prinzip Hoffnung)

aber wie gelangen wir zu dieser „realen demokratie“ (der begriff ist unglücklich gewählt, aber das vernachlässigen wir jetzt)? wie können wir „entäusserung“ und „entfremdung“ überwinden? (auch hier stellt sich die frage, ob das überhaupt erstrebenswert ist, denn jedes problem erzeugt ja auch damit seine lösung; der widerspruch ist also der motor der entwicklung. aber auch das lassen wir jetzt weg)

im artikel heisst es:

Für Walter Benjamin dagegen war der Klassenkonflikt der wichtigste Interessensgegensatz. Klasse und Masse müssen, so Benjamin, unterschieden werden – und die Ästhetisierung spricht die Masse an: „In [der] Masse ist […] das emotionale Moment bestimmend, von dem in der Massenpsychologie die Rede ist. […] So tragen die Manifestationen der kompakten Masse durchweg einen panischen Zug – es sei, daß sie der Kriegsbegeisterung, dem Judenhaß oder dem Selbsterhaltungstrieb Ausdruck geben.“

nun ja, lassen wir mal beiseite, ob „Massen“ immer reaktionäre ziele verfolgen. wir können uns aber darauf verständigen, dass in der „Masse“ das emotionale element bestimmend ist – oder wenn nicht „bestimmend“ dann doch zumindest stark vorhanden. aber warum sollte oder muss das „schlecht“ sein? menschen sind niemals reine vernunftwesen (das schlechte erbe der aufklärung), sondern immer auch von gefühlen und — ja auch! —  von vor-urteilen bestimmt. das kann auch gar nicht anders sein, weil als orientierungsannahme (über)lebensnotwendig. und im informationszeitalter bekommt diese tatsache sogar ein noch grösseres gewicht (neben den wirtschaftlichen problemen), wie die debatten um fake news zeigen.

wenn man, wie es offensichtlich Benjamin macht, den begriff „Klasse“ als idealkonstruktion einer ihren „wahren“ interessen bewusst gewordenen „Klasse für sich“ ansieht (wobei die quelle dieses ausdrucks nach wikipedia unklar ist) um sie von der „Masse“ abgrenzen zu können, dann wird diese abgrenzung immer eine theoretische kopfgeburt bleiben, da sie mit den „realen“ fleischlich-geistigen menschen nichts zu tun hat. Lenin hat das sehr plastisch zum ausdruck gebracht:

Denn zu glauben, daß die soziale Revolution denkbar ist ohne Aufstände kleiner Nationen in den Kolonien und in Europa, ohne revolutionäre Ausbrüche eines Teils des Kleinbürgertums mit allen seinen Vorurteilen, ohne die Bewegung unaufgeklärter proletarischer und halbproletarischer Massen gegen das Joch der Gutsbesitzer und der Kirche, gegen die monarchistische, nationale usw. Unterdrückung – das zu glauben heißt der sozialen Revolution entsagen. Es soll sich wohl an einer Stelle das eine Heer aufstellen und erklären: ‚Wir sind für den Sozialismus‘, an einer anderen Stelle das andere Heer aufstellen und erklären: ‚Wir sind für den Imperialismus‘, und das wird dann die soziale Revolution sein!

Wer eine ‚reine‘ soziale Revolution erwartet, der wird sie niemals erleben. Der ist nur in Worten ein Revolutionär, der versteht nicht die wirkliche Revolution.“

unabhängig davon, welche taktischen konsequenzen man aus diesem leninschen-realistischen begriff von „Klasse-Masse“ zieht, kommt aber noch ein zweites problem dazu: welcher lohnabhänge definiert heutzutage noch seine „identität“ über seine „klassenlage“?

die „linken“ (mit absicht klein geschrieben) haben also grosse probleme, vernünftige argumente gegen nationalismus und protektionismus zu finden, wenn sie auf der systemimmanenten bewusstseinsebe der logik der bürgerlichen gesellschaft stehenbleiben (‚jeder vertritt ja schliesslich nur seine eigenen, legitimen interessen/selbsterhaltung‘). in den debatten der Linkspartei würde man da sicher einige beispiele für finden. und nicht zufällig gibt es häufig inhaltliche schnittmengen oder ähnlich klingende aussagen zwischen vertretern der Linkspartei und der AfD. dies ist natürlich fatal, da es dem rechtpopulismus noch zusätzlichen aufwind verschafft.

Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“ (Albert Einstein)

wenn man dem rechtspopulismus etwas entgegensetzen will, muss man der logik der bürgerlichen gesellschaft etwas qualitativ anderes und neues entgegensetzen: nämlich das bewusstsein, dass die probleme nur noch global und solidarisch lösbar sind (statt nationalstaatlich und mit der konkurrenz des survival of the fittest. man könnte auch durchaus das bibel-sprichwort „einer trage des anderen last“ als programmmotto eines gerechten sozialen ausgleichs interpretieren). dies soll aber nicht als harmoniemodell (miss)verstanden werden, sondern kann tatsächlich nur durch knallharten klassenkampf (als übergangsphase) erreicht werden, weil die problemlösung nicht vereinbar ist mit der weiterexistenz der kapitalistischen produktionsverhältnisse.

In einer höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft, nachdem die knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit verschwunden ist; nachdem die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfnis geworden; nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch ihre Produktivkräfte gewachsen und alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen – erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont [sprich „Wertgesetz“, anm. v. systemcrash] ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahne schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ (Karl Marx, Kritik des Gothaer Programms)

diese positionen verteten heute nur marginale minderheitsströmungen. aber wenn es diesen minderheitsströmungen nicht gelingt, mehr wirkmächtigkeit zu erreichen (von hegemonie erst gar nicht zu reden. und mir ist das ungelöste problem, wie man ‚höheres bewusstsein‘ vermittelt schmerzlich bewusst; da es letzlich keine 'vermittlung' gibt, sondern 'nur' die weiterentwicklung des eigen 'selbst' [selbstqualifikation]) dann könnte das eintreten, wovor auch schon Benjamin gewarnt hatte:

Alle Bemühungen um die Ästhetisierung der Politik gipfeln in Einem Punkt. Dieser eine Punkt ist der Krieg.“

 







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