Darf Jürgen Elsässer als Antisemit bezeichnet werden?


Jürgen Elsässer - Bildmontage: HF

10.10.14
AntifaschismusAntifaschismus, Bayern, Debatte 

 

von Max Brym

Prozess in München

Am vergangenen Mittwoch den 9. Oktober fand in München ein Prozess vor dem Landgericht statt.
Der Kläger war Jürgen Elsässer, er klagte geg- en die bekannte linke Publizistin Jutta Ditfurth.


Der Herausgeber des rechten 'Compakt'-Magazins Jürgen Elsässer will mit dieser Klage nicht nur der linken Publizistin Jutta Ditfurth den Mund verbieten, sondern sich selbst in ein pseudodemokratisches Licht stellen.

In einer Fernsehsendung im März dieses Jahres nannte Jutta Ditfurth Herrn Elsässer einen „glühenden Antisemiten“. Die Meinung von Frau Ditfurth ist für den Schreiber dieses Artikels, welcher nicht Jura studiert hat, zutreffend und fällt unter den Artikel der grundgesetzlich geschützten Meinungsfreiheit.
Elsässer hingegen betrachtet die Meinung von Frau Ditfurth, als „Schmähkritik“ und „existenzvernichtend“.

Einiges zur Faktenlage

Der Ex-Linke Jürgen Elsässer gründete 2009, die so genannte „Volksinitiative gegen das Finanzkapital“. Mittlerweile ist er Herausgeber des sehr aufwändig gestalteten Compakt-Magazins. Der Abgang von Jürgen Elsässer, aus der linken Szene spätestens im Jahr 2009 wurde von vielen alt und Neonazis in unzähligen Artikeln positiv bewertet.

Für Elsässer sitzt der Hauptfeind des deutschen Volkes in den USA und selbstverständ- lich in Jerusalem. Elsässer fordert die Überwindung des „links rechts Denkens“. Er ist für die Einheit aller Deutschen gegen das internationale Finanzkapital.

Selbstverständlich befindet sich dieses „raffende Kapital“ an der Ostküste der USA. Die Logik der Artikel von Elsässer legen nahe, dass dieses raffende Kapital im Gegensatz zum treudeutsch schaffenden Kapital steht. Mittels eindeutiger Codes wird in den Texten von Jürgen Elsässer, die Mär vom bösen alles beherrschenden jüdischen Kapital bedient. Selbstverständlich hat Herr Elsässer Kenntnisse darüber wie man den Antisemitismus in scheinbar unverdächtige Sprache vermittelt. Dieser Herr hat allerdings auch keinerlei Bedenken offene Antisemiten zu treffen, sie zu interviewen und in seinen Texten hoch zu jubeln.

Die TAZ schreibt dazu am 9. Oktober:
„Vor zwei Jahren reiste Elsässer in den Iran und schüttelte dem damaligen Präsidenten und Holocaust-Leugner Ahmadinedschad freundlich die Hände. Er trat als Redner bei den kürzlich entstandenen Montagsdemonstrationen auf, bei denen Politiker als „Vasallen der Rothschilds“ bezeichnet werden.
„Ich finde, dass man einen solchen Mann in der politischen Auseinandersetzung als Antisemiten bezeichnen kann“, sagt Ditfurth.“

Die Argumentation des Herrn Elsässer

Elsässer meinte der Vorwurf des Antisemitismus könne ihn die „Existenz als Journalist kosten“. Diese Argumentation ist völlig haltlos. Immerhin wurde der in München ansässige Verleger Dr. Frey, durch offenen altertümlichen Antisemitismus zum Multimillionär. Aber Herr Elsässer unterscheidet sich ziemlich stark von dem alt und fett gewordenen Dr. Frey.

Nach meiner Meinung bedient Elsässer mit bestimmten Worten und Codes ziemlich geschickt den Antisemitismus des 21 Jahrhunderts. Im Verfahren hingegen stellte sich Elsässer als Unschuldslamm dar, welcher von der „bösen Jutta“ verfolgt wird. Elsässer erklärte vor Gericht: „Ich kann gar kein Antisemit sein denn ich habe zehn Jahre für die -Jüdische Allgemeine Wochenzeitung- geschrieben“.

Diese Argumentation ist mehr als blödsinnig. Nach dieser Logik könnte Benito Mussolini niemals Faschist gewesen sein. Bekanntlich stand Mussolini bis 1914, als Chefredakteur der linkssozialistischen Zeitschrift 'Avanti', auf dem linken Flügel der damaligen italienischen Arbeiterbewegung. Bekanntlich hat sich dies entscheidend geändert.

Der Deutsche Faschist Franz Schönhuber, schrieb in den fünfziger Jahren für KPD nahe Zeitungen und in den sechziger Jahren für die damals linksliberale Münchner Abendzeitung. Später landete er im Freundeskreis von Franz-Josef Strauß und gründete dann die Republikaner mit. Gleichzeitig veröffentlichte er ein Buch unter dem Titel: „Ich war dabei“. Gemeint war damit die 'SS'.

Desöfteren verteidigte sich Schönhuber als Chef der Republikaner damit, dass er gar kein Nazi sein könnte, denn er hätte ja auch „für linke Zeitungen geschrieben“. Auf dieser abgeschmackten alten Schiene bewegt sich Jürgen Elsässer. Der Anwalt von Elsässer, der unter anderem den Holocaust Leugner David Irving verteidigte meinte, dass Frau Ditfurth gegenüber seinem Mandanten „unzulässige Kritik„ betreibe.

Die Richterin

Ziemlich dürftig - aber aussagekräftig - war wie die Richterin den Antisemitismus definierte. Nach ihren Worten ist ein Antisemit ein „Mensch welcher den Holocaust leugnet und das Dritte Reich verteidigt“. Dann fügte sie hinzu, dass der „Vorwurf des Antisemitismus aufgrund der deutschen Geschichte tatsächlich sehr schwerwiegend sei und bei dem Betroffenen zu erheblichen Konsequenzen führen könne“.

Für Beobachter des Prozesses drängte sich nach diesen Worten der Eindruck auf: „Ja verdammt wie konnten uns dass die Juden mit Auschwitz nur antun -.“ Offensichtlich ist für die Richterin den Antisemitismus, nur deswegen schwerwiegend wegen unserer „vermaledeiten Vergangenheit“. Die Definition des Antisemitismus durch die Richterin war elementar falsch. Nicht jeder Antisemit muss sich positiv auf das Dritte Reich beziehen. Es gibt sogar Antisemiten, die Hitler vorwerfen nicht gründlich genug gewesen zu sein Andere hingegen werfen den Nazis vor übertriebenen zu haben.

Andererseits gibt es jede Menge spirituellen angehauchte Vollpfosten. Jene erklären und verklären den Holocaust als karmische Angelegenheit. Darunter der in München lebende Rainer Langhans. Der Ex Kommunarde Langhans wertete in diversen Interviews den Holocaust als Ereignis im Rahmen der Reinkarnation. Die Nazis wären demzufolge ein Produkt des Karmas.

Es gibt sogar scheinbar pro-zionistisch daherkommende Antisemiten. Darunter befindet sich der norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik. In seiner Rechtfertigungsschrift geiferte dieser Mörder nicht nur gegen den Multikulturalismus und den Islam, sondern er definiert die Juden als Problem und Lösung zugleich.

In der Schrift dieses Massenmörders ist zu lesen, dass die „Juden in Norwegen und Deutschland aufgrund ihrer geringen Zahl kein Problem darstellen“. Allerdings stellen sie ein „Problem aufgrund ihrer großen Zahl in Frankreich und Belgien dar“. Der scheinbar philosemitische Massenmörder fordert die Juden auf, diverse Länder zu verlassen, um kein Problem darzustellen. Es gibt also den modernen vielgestaltigen und international existierenden Antisemitismus. All diese Zusammenhänge, bzw. die Logik des Denkens, gingen an dieser Richterin im Verfahren - Elsässer gegen Ditfurth - offensichtlich vorbei.

Atmosphäre und Publikum

Der Prozess hatte ziemlich viele Zuhörer und Zuhörerinnen. . Die meisten Zuhörer waren Männer im Alter zwischen 40 und 60, aber auch jüngere Frauen in T- Shirts mit Werbebannern für das 'Compact'-Magazin. Die meisten der herausgeputzten Herrn drückten in Mimik und Gestik aus, auf welcher Seite sie standen.

Der Autor dieser Zeilen kannte viele dieser Leute von der rechten Kundgebungen aber auch von den - Montagswahnwachen - in München. Psychisch kaum aushaltbar war die Anwesenheit des alten Rechtsterroristen Karl-Heinz Hoffmann. Der ehemalige Chef der 'Wehrsportgruppe Hoffmann', verteilte Visitenkarten mit folgenden Text: „Karl-Heinz Hoffmann Systemkritiker“. Als Adresse, gab er ein Schloss in Thüringen an. Dieser Typ aus dessen ehemaliger Wehrsportgruppe, ein Oktoberfest Attentäter 1980 kam, sprach mit vielen Herrn auf dem Gang.

Herrn Elsässer begrüßte er nicht. Dies ist frei nach Heinrich Heine so zu bewerten: “Blamier mich nicht mein schönes Kind und grüß mich nicht unter den Linden, wenn wir zuhause sind wird sich schon alles finden.“ Immerhin hatte Jürgen Elsässer den Naziterroristen in seiner 'Compakt'-Videoreihe ausführlich interviewt. Es sagt viel über dieses Land aus, wie sich dieser Hoffmann völlig frei und unangegriffen bewegen kann.

Der Narziss Elsässer hingegen trat anders auf. Zwei Bodyguards geleiteten den „großen Jürgen“ in und aus dem Gerichtsgebäude. Der Anzug von Herrn Elsässer kam nicht von der Stange. Offensichtlich hat dieser rechte Querfronttheoretiker, mittlerweile jede Menge Kohle. Diesen Vorteil versucht er gegenüber Jutta Ditfurth zu nutzen.

Er verwickelt Jutta Ditfurth, in sehr teure Verfahren mit dem Ziel sie finanziell auszubluten. Zusätzlich will Elsässer einem Persilschein für seinen modern aufgeputzten Rechtsradikalismus Der Prozess ist noch nicht zu Ende, mit einem Urteil ist im November zu rechnen. Solidarität mit Jutta Ditfurth gegen den rechten Querfronttheoretiker Elsässer ist dringlich erforderlich. Dies gilt auch in finanzieller Hinsicht.


VON: MAX BRYM






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