von Dr. Reinhard Gaede
Wir erinnern an die Tradition christlichen Widerstandes gegen den Hitler-Faschismus und fordern alle Christinnen und Christen sowie religiös und humanistisch geprägte Menschen auf, sich die Zeuginnen und Zeugen des frühen Widerstandes gegen die Nazis zum Vorbild zu nehmen und aus den prophetischen Warnungen der Antifaschisten, die damals nicht beherzigt wurden, heute Lehren zu ziehen.
Einige der vergessenen und damals wie heute unbeachteten Warnungen bringen wir aus aktuellem Anlass zur Kenntnis:
"Christentum und Faschismus sind unvereinbar", so lautete der im November 1930 gedruckte Aufruf der religiös-sozialistischen Internationale, also vor der Machtergreifung der Nazis am 30. Januar 1933. Der Faschismus wird darin entlarvt als fanatische "Religion völkischer und rassischer Selbstvergottung".
Die religiösen Sozialisten erhoben Anklage: Das Kreuz als "Sinnbild der vergebenden und rettenden Liebe Gottes" ist verkehrt in das Zeichen (sc. des Hakenkreuzes) "selbstgerechter und hochmütiger Ausschließlichkeit, ja sogar des Hasses und der Gewalt". Neben der Vergottung des Staates steht die Unterdrückung der Gegner des Faschismus mit "Gewalt und Mord".
Und sie riefen die Verblendeten zur Umkehr auf: „Erwachet, die Ihr Euch durch den nationalistischen und faschistischen Trug und Rausch habt verblenden lassen, werdet des Abgrunds gewahr, vor dem Ihr steht; erwachet zur Wahrheit Christi, kehret von Cäsar und Wotan zu Christus, vom Lektorenbündel zur Domenkrone des Menschensohnes und vom Hakenkreuz zum wirklichen Kreuze zurück, dem allein der Sieg über die Welt verheißen Ist. Der Bund des Christentums mit dem Nationalismus und Faschismus ist Abfall von der Wahrheit Christi und ist eine größere Gefahr, als jede offene Feindschaft gegen seine Sache.“
Pfarrer Gotthilf Schenkel, Schriftleiter von „Der Religiöse Sozialist. Sonntagsblatt des arbeitenden Volkes“, fasste 1932 die Antriebsmomente dieses "neuen Heidentums" (Paul Tillich) zusammen: „Die Bewegung ist ein Ventil für alles, was an starken Instinkten empordrängt. ... Hass und Idealismus, Rache und Wut, Zorn und Abenteuerlust, Wunsch nach Uniform und Führer, nach Macht, Glanz und neuer Herrlichkeit. Viel alte Leidenschaft kommt wieder zum Durchbruch. Der Antisemitismus des letzten Jahrhunderts, der Bürgerschreck vor dem Sozialismus aus Bismarcks Zeit, die kulturkämpferische Stimmung gegenüber einer katholischen Bevölkerung ..., die Sucht nach neuem Sündenbock."
Erwin Eckert, Sprecher der religiösen Sozialisten, schrieb Weihnachten 1930: „Traurig ist unser Herz, aber wir verzagen nicht. Wir werden vor dem Götzen des Hakenkreuzes die Knie nicht beugen, wir werden ihm nicht dienen. Wir werden Gott, dem Herrn der Welten treu bleiben, Christus, dem Fürsten des Friedens nachfolgen und darum beten, dass der Heilige Geist der Liebe und Güte, der Gerechtigkeit und wahrhaftigen Brüderschaft in unsern Herzen Wohnung mache. So feiern wir Weihnachten und gehen in den Kampf, der uns verordnet ist und sind bereit, eher zu sterben, als daß wir ruhig zusehen, wie der Faschismus „im Namen Gottes“ die Völker der Welt an Leib und Seele vergiftet und verwüstet.“
Heute fallen die Neonazis – in ihren Grundüberzeugungen sind sie den Altnazis gleichzusetzen – im Allgemeinen durch ihre extreme Feindschaft gegen Fremde auf. Sie zeichnen Feindbilder von Asylbewerbern, Einwanderern aus der Türkei, so genannten Linken und Menschen jüdischen Glaubens. Sie propagieren einen Staat, in dem Menschen am Rande wie Behinderte, Homosexuelle Obdachlose und sozial Schwache keinen Platz haben und dem Hass ausgesetzt sind.
Ein großer Teil der Neonazis leugnet oder verschleiert die Verbrechen des Nationalsozialismus, speziell den Mord an 6 Millionen Menschen jüdischen Glaubens und einer halben Million Sinti und Roma sowie die Kriegsverbrechen.
Wir fordern Christinnen und Christen in Bielefeld und Umgebung auf, sich zahlreich an der Demonstration gegen die Neonazis zu beteiligen.
Alle Christinnen und Christen rufen wir auf, den Frieden und die Freude der Weihnachtsbotschaft auch im öffentlichen Leben zu bezeugen durch Arbeit für mehr Gerechtigkeit und Frieden in der Welt.
gez. Reinhard Gaede
Bund der Religiösen Sozialistinnen und Sozialisten Deutschlands e.V.
Mitglied der International League of Religious Socialists, der Initiative Kirche von unten, des Attac-Netzwerks, von Oikocedit und Kairos Europa
Drei Sätze eines religiösen Sozialisten (1928)
Martin Buber, wohl der bekannteste jüdische religiöse Sozialist, warb als Teilnehmer an den religiös-sozialistischen Tagungen immer für den Mut zur "Verwirklichung im Kleinen", wie in den Lebensgemeinschaften der Kibbuzim oder den religiös-sozialistisch motivierten Siedlungen der Bruderhöfe und anderer Projekte. Die "Drei Sätze eines religiösen Sozialisten" erschienen erstmals 1928 in den "Neuen Wegen", der damals von Leonhard Ragaz herausgegebenen Zeitschrift der Schweizer Resos.
Jeder Sozialismus, dessen Grenze enger ist
als Gott und der Mensch, ist uns zu wenig
(Leonhard Ragaz)
1
Religiöser Sozialismus kann nicht Verknüpfung von Religion und Sozialismus bedeuten, dergestalt, dass jeder seiner beiden Bestandteile auch unabhängig vom anderen, wenn nicht sein Genügen, so doch sein selbständiges Leben finden könnte und die beiden nur eben einen Vertrag geschlossen hätten, um ihre Selbständigkeiten zu einer des gemeinsamen Seins und Wirkens zusammenzufügen. Religiöser Sozialismus kann vielmehr nur bedeuten, dass Religion und Sozialismus wesensmäßig aufeinander angewiesen sind, dass jedes von beiden zur Erfüllung und Vollendung des eigenen Wesens des Bundes mit dem andern bedarf. Die religio, das ist die Selbstbindung der Menschenperson an Gott, kann ihre volle Wirklichkeit nur am Willen zu einer Gemeinschaft des Menschengeschlechtes – als die allein Gott sein Reich bereiten darf – gewinnen; eine socialitas, das ist ein Genossenschaftwerden der Menschheit, ein Genossewerden von Mensch zu Mensch; kann nicht anders wachsen als aus der gemeinsamen Beziehung zu der, wenn auch wieder und noch namenlosen, göttlichen Mitte. Verbundenheit mit Gott und Gemeinschaft zu den Kreaturen gehören zusammen. Religion ohne Sozialismus ist entleibter Geist, also auch nicht wahrhafter Geist; Sozialismus ohne Religion ist entgeisteter Leib, also auch nicht wahrhafter Leib. Aber: Sozialismus ohne Religion vernimmt die göttliche Ansprache nicht, er geht nicht auf Erwiderung aus, und doch geschieht es, dass er erwidert; Religion ohne Sozialismus vernimmt die Ansprache und erwidert nicht.
2
Alle »religiösen« Formen, Institutionen und Verbände sind je nachdem real oder fiktiv, ob sie einer wirklichen Religio – einer wirklichen Bindung der Menschenperson an Gott – zum Ausdruck, zur Gestalt und zum Träger dienen, oder nur neben ihr her bestehen, oder gar die Flucht vor der wirklichen Religio – als welche die konkrete Antwort und Verantwortung des Menschen im Jetzt und Hier einschließt – decken. So sind auch alle »sozialistischen« Tendenzen, Programme und Parteiungen je nachdem real oder fiktiv, ob sie einer wirklichen Socialitas – einem wirklichen Genossenschaftwerden der Menschheit – zur Kraft, zur Anweisung und zum Werkzeug dienen, oder nur neben ihrem Wachstum her bestehen, oder gar die Flucht vor der wirklichen Socialitas – als welche das unmittelbare mit einander Leben und für einander Leben der Menschen im Jetzt und Hier einschließt – decken. In der Gegenwart sind die geltenden religiösen Formen, Institutionen und Verbände, in die Fiktivität eingetreten, die geltenden sozialistischen Tendenzen, Programme und Parteiungen noch nicht aus der Fiktivität hervorgetreten. So steht heute im Bezirk der Geltung Schein gegen Schein. Aber im Bezirk der verborgenen Künftigkeit hat die Begegnung zu geschehen begonnen.
3
Der Ort, wo Religion und Sozialismus einander in der Wahrheit zu begegnen vermögen, ist die Konkretheit des persönlichen Lebens. Wie Religion in ihrer Wahrheit nicht Glaubenslehre und Kulturvorschrift, sondern das Stehen und Standhalten im Abgrund der realen wechselseitigen Beziehung mit dem Geheimnis Gottes ist, so ist Sozialismus in seiner Wahrheit nicht Doktrin und Taktik, sondern das Stehen und Standhalten im Abgrund der realen wechselseitigen Beziehung mit dem Geheimnis der Menschen. Wie es Vermessenheit ist, an etwas zu »glauben«, ohne – wie unzulänglich auch – auf das zu leben, woran man glaubt, so ist es Vermessenheit, etwas »durchsetzen« zu wollen, ohne – wie unzulänglich auch – auf das zu leben, was man durchsetzen will. Wie das Dort versagt, wenn das Hier nicht drangegeben wird, so muss das Dann versagen, wenn das Jetzt es nicht bewährt. Die Religion soll wissen, dass es der Alltag ist, der die Andacht heiligt und entheiligt. Und der Sozialismus soll wissen, dass die Entscheidung darüber, wie ähnlich oder unähnlich der erreichte Zweck dem einst gesetzten ist, davon abhängt, wie ähnlich oder unähnlich dem gesetzten Zweck das Mittel war, durch das er erreicht wurde. Religiöser Sozialismus bedeutet, dass der Mensch in der Konkretheit seines persönlichen Lebens mit den Grundfakten dieses Lebens Ernst macht: den Fakten, dass Gott ist, dass die Welt ist, und dass er, diese Menschenperson, vor Gott und in der Welt steht.
http://www.brsd.de
http://www.brsd.de/historisch/32-drei-se-eines-religi-sozialisten-1928
http://ilrs.org/deutsch/d.members.html
VON: DR. REINHARD GAEDE