Noch 7 Tage – Interview zum Nazifaufmarsch in Magdeburg


KomFort

08.01.12
AntifaschismusAntifaschismus, Sachsen-Anhalt 

 

von KomFort - kombinat-fortschritt

Während bundesweit die Vorbereitungen zu den diesjährigen Massenblockaden in Dresden auf Hochtouren laufen, droht ein anderer geplanter Großaufmarsch von Neonazis fast aus dem Blick zu geraten. Auch in Magdeburg wollen sie ihre geschichtsverdrehenden Phrasen durch die Straßen gröhlen. Und auch in der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt sollen sie Widerstand zu spüren bekommen.

Kombinat-Fortschritt sprach mit dem Bündnis “Entschlossen Handeln” und Einzelpersonen von “BlockierenMD” die gemeinsam Rede und Antwort standen…

KomFort: Moin, Moin. Ich will ganz ehrlich sein. Als der Vorschlag im Raum stand mit „den Magdeburgern“ ein Interview zu machen, gab es in den Redaktionsräumen von Kombinat-Fortschritt einige Debatten. Magdeburg – zumindest in der Außenperspektive – da kann man sich leicht die Finger verbrennen, war der Tenor.

Frank: (ein deutlicher vernehmbarer Seufzer) Ḿmh. Wir wissen was du meinst. Und tatsächlich gestaltet sich durch dieses Bild auch unsere Bündnisarbeit etwas schwieriger, als vielleicht in anderen Städten.

KomFort: Mal konkret nachgefragt, wie sieht es in der linken Szene vor Ort aus?

Susi: Magdeburg ist natürlich nur ein Spiegelbild der bundesweiten Linken, selbst wenn das Viele erschrecken mag.

KomFort: Naja, nehmt es mir nicht übel, aber Magdeburg gilt in der Szene nicht als der Durchschnitt, sondern geradezu als krasse Sonderform.

Susi: Worauf ich hinauswollte: Die Magdeburger Szene lässt sich mit den Attributen „jung, weiß, männlich, auf antifa fokussiert“ beschreiben.

KomFort: Zustimmung – das ist in MV auch ganz ähnlich.

Frank: Abseits aller vergangenen Szeneauseinandersetzungen stellen die Nazis hier aber auch für viele Menschen ein reelles Problem dar. Das dürfte bei euch ähnlich sein. Nur das bei euch die NPD noch zusätzlich im Landtag sitzt. Für eine „kleine“ Stadt ist die linke Szene aber schon stark fragmentiert. Es gibt die unterschiedlichsten Ansätze und Gruppen, die bisher immer nur sporadisch miteinander gearbeitet haben. Trotzdem ist es eine sehr aktive Szene mit viel Potenzial. Aufgrund der Geschichte wird Magdeburg auch stark von außen beobachtet und kritisiert, dies macht theoretische Diskussion und Auseinandersetzungen sehr schwer.

KomFort: Auf der anderen Seite hat aber gerade Magdeburg ein massives Problem mit einer extrem gewaltbereiten Naziszene. Zu Beginn der 1990er gab es mehrere Tote bei euch und dann habt ihr auch noch einen großen Naziaufmarsch mit alljährlich um die Tausend Teilnehmer.

Susi: Uns geht es in unserer Mobilisierung auch darum, den fast schon alltäglichen Naziwahnsinn in den Fokus zu rücken. Der Aufmarsch ist nur ein Teil des Problems und sollte auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in Magdeburg im ganzen Jahr ein Naziproblem gibt und nicht nur im Januar.

Frank: Aus diesem Grund gilt es für uns jetzt nach vorne zu schauen. Wir wollen dem „Trauermarsch“ unseren größtmöglichen Widerstand entgegensetzen.

KomFort: Ein bisschen erinnert das an Dresden. Vor den Massenblockaden wurden die Ereignisse seitens der Radikalen Linken zwar auch immer aufmerksam verfolgt und als dringendes Problem wahrgenommen, nur sah man dafür dann immer relativ wenig auf der Straße. Auch wenn die Rahmenbedingungen dort natürlich etwas andere sind als bei euch. Dresden – Vorbild oder Konkurrenz?

Frank: Für das Bündnis “Entschlossen Handeln” ist es direkt keins von beidem, da Dresden eine ganz andere Liga für die Nazis und somit auch für uns darstellt. Nur die Nazis wollen Magdeburg auf eine Stufe mit Dresden heben. Doch vielleicht können einzelne Ausschnitte aber ein Vorbild sein z.B. in den Punkten, die Politik der betroffenen Stadt oder des BgR („Bündnis gegen Rechts“ – Anm. d. Red.), von dem Ignorieren des Naziaufmarsches hin zum offensiveren Entgegentreten zu bewegen. Dieses Jahr ist es geplant, dass es keine offizielle Kranzniederlegung auf dem Dresdner Heidefriedhof gibt – für uns ein Vorbild auch in Magdeburg die städtische Gedenkkultur zu verändern. Mit großem Aufwand mobilisierte Massenblockaden sind in Magdeburg noch nicht möglich und für die bundesweite Szene so kurz vor Dresden auch organisatorisch nicht realisierbar. Dies ist uns bewusst und deshalb wollen wir auch nicht in eine Konkurrenz treten. Aber deswegen nehmen wir die Erfolge in Dresden als gutes Beispiel um die hiesigen Akteure zu animieren sich stärker zu engagieren. Mit dem Ziel der Stadt mitzuteilen, dass die Radikale Linke nicht ewig die bisherige Situation ertragen wird und es wie 2009 in Sachsen zu einer Wende in der Mobilisierung kommen kann.

KomFort: Also zusammengefasst: Schluss mit dem sinnlosen Versuch den Nahost-Konflikt in der Magdeburger Börde zu lösen, Magdeburg auf die zumindest überregionale Antifa-To-do-Liste heben, perspektivisch den Naziaufmarsch unmöglich machen. Wie sieht es mit der Resonanz auf diesen eher pragmatischen Weg aus?

Susi: Die Mobilisierung von dem Demo-Bündnis “Entschlossen-Handeln” und dem Blockade-Bündnis “BlockierenMD” laufen derzeit noch auf Hochtouren. So werden bis zum 14. Januar 2012 um die 14 Info- und Mobilisierungsveranstaltungen in Städten wie Rostock, Nürnberg oder Göttingen durchgeführt werden. Es gibt aus ganz Deutschland Anfragen wegen Mobi-Material und wir sind mit der Mobilisierung bisher sehr zufrieden. Für den 14. Januar 2012 wurde von “Entschlossen-Handeln” eine Demonstration durch die Innenstadt angemeldet, die auch nach einem Hin und Her mit der Polizei und dem Ordnungsamt in etwas geänderter Route stattfinden wird. Treffpunkt wird um 10 Uhr am Hauptbahnhof in Magdeburg sein. Dort kann man sich noch einmal mit heißen Getränken und veganem Essen versorgen. Ebenfalls wird es Stadtkarten und Infonummern für den Tag geben. Neben der Demonstration sind noch Blockaden auf der Naziroute geplant, die von dem Blockade-Bündnis “BlockierenMD” organisiert werden. Diese werden auch nach der Demonstration noch erreichbar sein. Wo genau diese stattfinden ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu sagen, da die genaue Route der Nazis noch unklar ist. Zusätzlich wird es an diesem Tag die sogenannte “Meile der Demokratie” und eine “Nazis wegbassen!”-Kundgebung in der Stadt geben.

KomFort: Okay jetzt habt ihr gleich alle wichtigen Fakten zum Tag selbst genannt. Aber wir können erst einmal festhalten, dass das Interesse steigt. Damit kommt dem diesjährigen 14. Januar sicher eine Schlüsselrolle zu. Ist man da nicht nervös aufgrund der hohen Verantwortung die man da trägt?

Frank: Eine gewisse Grundanspannung lässt sich da sicher nicht leugnen. Aber in Magdeburg und Umgebung sind sich eigentlich Alle einig, dass das nur der Beginn eines Prozesses sein kann. Da kann und wird sicher einiges schief gehen. Aber schließlich können Fehler auch nur dort entstehen, wo gearbeitet wird. Entscheidend ist für uns, dass man aus den gemachten Erfahrungen die richtigen Konsequenzen zieht.

KomFort: Welche Schlussfolgerungen habt ihr denn dann aus dem letzten Jahr gezogen?

Frank: Im vergangenen Jahr war es AntifaschistInnen immer wieder möglich, durch entschlossenes Handeln auf die Route der Nazis zu kommen. Da allerdings in Magdeburg der Grundsatz herrschte, dass gute, demokratische AntifaschistInnen auf der Meile der Demokratie verweilen und Alle anderen außerhalb nur Chaoten seien, blieb die Teilnahme an den Blockaden zu gering. Es war deshalb für die Polizei zu leicht die Blockaden zu umgehen oder wegzuräumen. Insgesamt aber hat die Informationsstruktur für Menschen, die sich daran beteiligen wollten gut funktioniert, allerdings blieb die überregionale Beteiligung weg und auch die notwendige inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Verhalten der Stadt fand nicht genug statt. Dies sind Kritikpunkte die dazu geführt haben, dass es dieses Jahr auch eine linksradikale Demonstration gibt.

KomFort: Jetzt haben wir relativ viel über euch gesprochen. Aber eigentlich geht es ja um die Nazis. Wie sieht es denn bei euch lokal aus?

Susi: Derzeit ist die Naziszene in Sachsen-Anhalt ziemlich geschwächt. Nachdem die NPD die Landtagswahlen im März 2011 in Sachsen-Anhalt verloren hatten, wurden die Führungspersonen ausgewechselt und es gab seit dem keine öffentlichen Aktionen dieser mehr. Die sogenannten “Freien Kräfte” sind mit dem Zerfall des “Freien Netzes”, was ein neonazistischer Zusammenschluss von Nazis aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen war, derzeit auch sehr inaktiv. Weitere Strukturen wie die “Freien Nationalisten Altmark West” sind, nachdem die Führungspersonen einen Rockerclub eröffneten, derzeit auch nicht politisch wahrnehmbar. Einzig die Jungen Nationaldemokraten (JN) mit ihrer Führungsperson Andy Knape, der auch aus Magdeburg kommt und großen Einfluss bei der “Initative gegen das Vergessen” hat, ist derzeit noch öffentlich wahrnehmbar. Dennoch kommt es in Sachsen-Anhalt und hauptsächlich in Magdeburg immer wieder zu rassistischen Übergriffen, Schändungen von Mahnmalen oder Angriffen auf alternative und antifaschistische Strukturen. So wurde in der Silvesternacht, zum 5. Mal innerhalb von nur 4 Monaten, ein Büro der Linkspartei im Magdeburger Stadtteil Reform angegriffen.

KomFort: Ähnliches kennen wir ja auch in MV. Wo es eine lange und vor allem unaufgeklärte Serie von Angriffen auf Institutionen und Symbole demokratischer Akteure gibt. Aber zurück zum 14. Januar – was sind da für euch die Minimalziele?

Susi: Unsere Ziele sind primär politischer Natur. Wir wollen durch viele entschlossene autonome AntifaschistInnen der Stadt  zeigen, dass sie mit uns rechnen muss, und so ein breiteres Bündnis, welches sich nicht von einer Extremismuskeule spalten lässt, für die nächsten Anti-Nazi-Proteste zu ermöglichen. Gleichzeitig zwingt es die Polizei und Politik zu bekennen, wie sie mit couragierten AntifaschistInnen umgehen will. In einer Stadt wie Magdeburg, in welcher es regelmäßig zu rechten Gewalttaten kommt, wäre ein brutaler Polizeieinsatz gegen couragierte BürgerInnen ein ziemlicher Skandal. Außerdem wollen wir natürlich möglichst viele Menschen auf und an die Route der Nazis bringen und somit die Faschisten bei ihrem sogenannten “Trauermarsch” stören und ihn verhindern.

KomFort: Was sich mir allerdings noch nicht ganz erschlossen hat: Warum es in diesem Jahr eigentlich zwei Bündnisse gibt? Schließlich habt ihr ja die Infoveranstaltung in Rostock gemeinsam gehalten und gebt auch gemeinsam dieses Interview. Wird es denn auch in der Zukunft zwei mehr oder weniger unabhängig voneinander agierende Bündnisse geben?

Frank: Im letzten Jahr beteiligten wir von “Entschlossen-Handeln” (Antifaschistische Aktion Burg und DKP Sachsen-Anhalt) uns mit an der Organisation von Blockaden gegen den Naziaufmarsch in Magdeburg. Schon damals kritisierten wir, dass in unseren Augen eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Naziaufmarsch und der Bombardierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg zu kurz kam. Da sich in den Planungen für 2012, der Großteil für etwas ähnliches wie schon 2011 aussprach, entschlossen wir uns etwas Eigenes zu organisieren. So kam es dann auch dazu, dass wir uns mit den Genossinnen und Genossen vom Blockade-Bündnis “BlockierenMD” unterhielten und eine Demonstration anmeldeten. Ziel dabei war und ist es zum einen inhaltlich auf den Naziaufmarsch und dem Geschichtsrevisionismus einzugehen und zum anderen den Nazis in der Innenstadt von Magdeburg den Raum für ihren Aufmarsch zu nehmen. Wie dies in der Zukunft aussehen wird, können wir zu diesen Zeitpunkt noch nicht sagen. Wir werden jetzt erst einmal den 14. Januar 2012 abwarten und danach die Aktivitäten gegen den Naziaufmarsch analysieren und auswerten.

kombinat-fortschritt.com/2012/01/07/noch-7-tage-interview-zum-nazifaufmarsch-in-magdeburg
entschlossen-handeln.tk
blockierenmd.tk

Eisige Kälte, trottende Nazis
Rechte Der Aufmarsch in Magdeburg könnte zum Dresden-Ersatz werden

http://www.akweb.de/ak_s/ak567/29.htm

 


VON: KOMFORT - KOMBINAT-FORTSCHRITT






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