Vom Reichssicherheitshauptamt (RSHA) zum Bundesnachrichtendienst (BND) Teil 2


Bildmontage: HF

30.11.11
AntifaschismusAntifaschismus, News 

 

von Reinhold Schramm

[Teilaspekte]

Die Geheimdienste der Bundesrepublik Deutschland sind in spezifischer Weise in die Durchsetzung der innen- und außenpolitischen Konzeptionen der herrschenden ökonomischen und gesellschaftspolitischen Oligarchie einbezogen. Ihre offiziellen Bezeichnungen sollen darüber ebenso hinwegtäuschen wie über die subversiven Aktivitäten, die sie betreiben.

Ebenso verhält es sich mit der ins Feld geführten Behauptung, es handele sich lediglich um „geheime Nachrichtendienste“. Auch damit soll der Eindruck hervorgerufen werden, als befassten sich diese Geheimdienste nur mit dem Sammeln, Sichten und Auswerten von Informationen.

Der Bundesnachrichtendienst (BND), dessen Tätigkeit vor allem in der Auslandsspionage liegt, ist aus der „Organisation Gehlen“ (Org Gehlen) hervorgegangen. Diese Bezeichnung leitet sich vom Namen des damaligen Chefs der dem Oberkommando der deutschen Wehrmacht unterstellten Abteilung „Fremde Heere Ost“ (FHO, Generalleutnant Reinhard Gehlen) her.

Im August 1946 war Reinhard Gehlen* in die USA gerufen und dort (im Pentagon) beauftragt worden, den von ihm geleiteten und im wesentlichen intakt gebliebenen faschistischen Spionage-, Diversions- und Sabotageapparat als selbständige (westdeutsche) Organisation in den Dienst der von den USA betriebenen Geheimnisausforschung gegen Osteuropa und die Sowjetunion zu stellen.

Unter Einbeziehung von Beständen anderer faschistischer Geheimdienste, darunter die Verwendung von SS-, SD- und Gestapoangehörigen, den Mitarbeitern aus dem OKW-Amt Ausland/Abwehr, aus Org bzw. Fremde Heere Ost (FHO) sowie aus anderen Abteilungen des Generalstabs der Wehrmacht, wurden so die faschistischen Geheimdiensttätigkeiten - die Reaktivierung der (ostdeutschen und osteuropäischen) Kontaktleute und Agenten in den damals entstehenden volksdemokratischen Staaten eingeschlossen - nahtlos und mit der gleichen imperialistischen Stoßrichtung fortgesetzt.

Als das (west-) deutsche Monopolkapital seine ökonomische und gesellschaftspolitische Macht in der BRD restauriert hatte, erfolgte der Einbau dieser Geheimdienstorganisation, deren Tätigkeit nach der Gründung der BRD zunächst für die Interessen sowohl der US-amerikanischen als auch der (west-) deutschen Monopolbourgeoisie genutzt worden war, in den staatlichen Apparat der (westdeutschen) Bundesrepublik Deutschland.

Auf Beschluss des westdeutschen Bundeskabinetts vom 10. Juli 1956 wurde sie „eine dem Bundeskanzleramt angegliederte Dienststelle“ und 1956 als „Bundesnachrichtendienst“ (BND) offizieller Geheimdienst der Bundesrepublik Deutschland. [1] - [Ein modifizierter Auszug.]

* Gehlen, Reinhard

1902 geboren,

1923 Leutnant im ArtRgt. 3 der Reichswehr,

1935 Hauptmann und Generalstabsoffizier,

1938 Major und Ia der 213. InfDiv. der Wehrmacht,

1940 beim Frankreichfeldzug Verbindungsoffizier des Oberbefehlshabers des Heeres, Adjutant beim Generalstabschef des Heeres,

1940 Leiter der Ostgruppe der Operationsabteilung des OKH, an der Vorbereitung des Überfalls auf die UdSSR beteiligt,

1941 Oberstleutnant, ab 1. April 1942 Leiter FHO,

1944 Generalmajor

April 1945 von Hitler als Chef FHO abgelöst und durch dessen Stellvertreter Wessel ersetzt

Juni 1945 US-Gefangenschaft -

August 1945 Verhandlungen im Pentagon (USA) zur Überreichung von ihm neu formulierter Grundsätze der geheimdienstarbeit.

Nach Rückkehr aus den USA Aufbau der Organisation Gehlen, ab 1956 Präsident des Bundesnachrichtendienst (BND) und Ministerialdirektor im Bundeskanzleramt. -

Mai 1968 Pensionierung und Auszeichnung mit dem »Großen Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik mit Stern und Schulterband«. Letzter Dienstgrad Generalleutnant. [2]

In der Org Gehlen waren unter anderem folgende Angehörige von SS, SD und Gestapo tätig:

Böhrisch, Dr. Herbert

geboren 26. 4. 1913

Eintritt in die NSDAP am 1. 11. 1938,

Eintritt in die SS am 15. 10. 1938, Im SD ab 1. 11. 1938,

Mai 1942 beim Reichssicherheitshauptamt (RSHA) Berlin als SS-Obersturmführer beim Amt III (SD Inland) Gruppe B Referat 1 (Volkstumsarbeit)

1942 Hauptsturmführer

1944 im Referat III B des SD-Leitabschnitts Wien

Nach 1945 in der Org Gehlen tätig.

Deppner, Erich

geboren 8. 8. 1910

NSDAP-Mitgliedsnr. 1254844, SS-Nr. 177571,

Untersturmführer 9. 11. 1938

Dezember 1938 als SS-Untersturmführer im SD-Hauptamt

21. 3. 1940 als SS-Hauptsturmführer Leiter (i.V.) Des Referats III C 1 (Recht),

30. 1. 1941 Sturmbannführer

1942 Kommandant des Lagers Westerbork in den Niederlanden (Ausgangsbahnhof für den Transport von Juden in die Vernichtungslager) - Stellvertreter von SS-Brigadeführer Wilhelm Harster, SD- und Sipo-Chef in den besetzten Niederlanden;

Oktober 1944 als SS-Sturmbannführer im Reichssicherheitshauptamt (RSHA)

nach Kriegsende Eintritt in Organisation Gehlen, Decknamen Egon Dietrich, Ernst Borchert,

1956 Übernahme in den Bundesnachrichtendienst (BND)

aus CIA-Dokument: NA, RG 263 - namentlich Erich Deppner.

»Deppner war Chef von Abt. I der Sipo und des SD in Den Haag. Er war im Juni 1943 von Himmler belobigt worden für seine gute Arbeit in Holland (Siehe Chef München an Chef EUR vom 5. Dezember 1966.) Deppner saß 1960/61 neun Monate im Gefängnis, weil er sowjetische Kriegsgefangene in Holland erschossen hatte.«

In diesem Dokument stellte die CIA fest, dass der BND ihm trotz seiner Verurteilung als Kriegsverbrecher wieder einstellte, um »Forschung« an »nicht-sensitiven Angelegenheiten« zu betreiben.

Doloezalek Alexander

Rassen- und Siedlungsamt der SS in Poznan und Lodz

Aufgabe dieses Amtes war die Organisation der Weiterverwendung von Kleidung und Vermögensgegenständen der deportierten Juden.

Nach dem Krieg Eintritt in Organisation Gehlen, u. a. Führungsoffizier in Dienststelle 62.

Er erscheint auf der Notfall-Evakuierungsliste des Bundesnachrichtendienst (BND) von 1959.

Fiebig, Konrad

Einsatzkommando 9 der Einsatzgruppe B in Witebsk (Bjelorußland)

Richter in einem Sondergericht

1948 Eintritt in Organisation Gehlen, gearbeitet u. a. in Generalvertretung H als Kurier, Chef eines zentralen Amts für Berichts-, Übersetzungs- und Edierungswesen

Angeklagt der Tötung von 11.000 Juden, 1962 Freispruch mangels Beweisen

BND hat darauf Fiebig wegen Urkundenfälschung pensioniert.

Frank, Friedrich

geboren 4. 2. 1909,

9. 11. 1935 Untersturmführer

Dezember 1936 als SS-Untersturmführer im SD-Hauptamt

Dezember 1937 und 1938 sowie Juni 1939 als SS-Obersturmführer im SD-Hauptamt

Gestapo in Krakau und später bei SS-Brigadeführer Wilhelm Harster in den Niederlanden

Nach 1945 Organisation Gehlen.

Guse, Karl

Obersturmbannführer

Chef der Gestapo in Rom vor der deutschen Invasion 1943

nach dem Krieg Eintritt in Organisation Gehlen, Dienststelle 12 oder Generalvertretung-G (Eindringen in die SBZ über Berlin)

Göring, Franz

geboren 13. 1. 1908

20. 11. 1931 Eintritt in die NSDAP

April 1936 SA-Scharführer, Dezember 1938 als SS-Obersturmführer im SD-Hauptamt

1942 Abteilungsleiter im Militäramt

22. 1. 1945 erhielt er Befehl von SS-Brigadeführer Walter Schellenberg, bestimmte jüdische Familien im KZ aufzuspüren (im Rahmen von Schellenbergs Versuchen, die Westalliierten für einen Separatfrieden mit Hitlerdeutschland zu gewinnen)

In der Organisation Gehlen 1958 Leiter der Org-Dienststelle »TON« un Hamburg (Stellbergstr. 45) zur Tiefenforschung und im BND Leiter der Dienststelle in Hamburg,

Deck- und Arbeitsnamen: Wilhelm Tobias, Claus Thomas, Wilhelm Thorwald, Helmut Fricke, Dr. Walther

Hausleiter, Cornelis

Hauptgefreiter in der Waffen-SS, wegen Kriegsverbrechen in Tschechien nach dem Krieg in der Organisation Gehlen untergetaucht

1969 BND-Verbindungsführer bei I F 1 (Nah-/Mittel-Ost), in den 1970er Jahren Referatsleiter I F 1 (Nah-Mittelost);

in den frühen 1980er Jahre im Sachgebiet 56 AA (Führen von Journalisten als Quellen)

Ende der 1980er Jahre Referatsleiter 16 C (Nah-/mittelost),

Arbeitsname: Bernhard Fischer; Decknamen: Carl Hagemann alias Curt Hausmann, alias Carl hartmann

1991 als Regierungsdirektor pensioniert;

Ende August 1998 verstorben.

Kayser-Eichberg, Erich Ulrich

Professor für Psychologie an der Universität in Danzig, daneben 1942-43 SS-Sturmbannführer in der Rassen- und Siedlungsamt-Einheit der Waffen-SS Alpenland und dann 1944 SS-Sturmbannführer im Rassen- und Siedlungsamt beim Höheren SS- und Polizeiführer für Böhmen;

nach dem Krieg Eintritt in Organisation Gehlen

Krassowski, Werner

SS-Hauptsturmführer

1939-41 in Polen SS-totenkopf-Regiment, Wachmann in einem KZ

SS-Einheit im Baltikum. Nach 1945 Organisation Gehlen

Kirchbaum, Wilhelm

geboren 7. 5. 1896

1922 Mitglied der NSDAP, SS-Nr. 107039,

Oktober 1934 als SS-Sturmführer im SD

1935 als SS-Obersturnführer im SD-Hauptamt, dort aufgestiegen bis zum Standartenführer (20. 4. 1939);

1941 Vertreter des Amtschefs IV in dessen Funktion als Generalgrenzinspekteur,

1. 5. 1940 bis 1945 Feldpolizeichef der Wehrmacht,

Oberführer 30. 1. 1943,

ab 1945 wichtigster Anwerber für die Organisation Gehlen

1946 Personalchef der Organisation Gehlen

1951 Leiter der Bezirksvertretung Bad Reichenhall der Org

April 1956 Übernahme in den BND als Beamter;

1960 Selbstmord

Makowski, Dr. Ernst

geb 30. 5. 1909, Eintritt in die NSDAP 1. 9. 1931,

Eintritt in die SS 1. 5. 1933, SD ab 1. 5. 1936

Dezember 1938 sowie im Juni 1939 als SS-Untersturmführer im SD-Hauptamt

1942 in der Abteilung III des Befehlshabers der Sicherheitspolizei in Paris

1944 im Referat III b der SD-Stelle Frankfurt/Main

Oktober 1944 als SS-Sturmbannführer im Reichssicherheitshauptamt (RSHA).

Nach 1945 Organisation Gehlen

Otten, Walter

geboren 5. 2. 1906,

Sturmbannführer 9. 11. 1943,

Oktober 1944 als SS-Sturmbannführer im Reichssicherheitshauptamt (RSHA)

SS-Brigadeführer und Kriminalrat der SS

Anfang der 1950er Jahre leitender Mitarbeiter Organisation Gehlen

Schmidt, Fritz

geboren 6. 12. 1908 in Bochum, Rechtsanwalt, Dezember 1938 sowie im Juni 1939 im SD-Hauptamt,

Sturmbannführer 30. 1. 1939

Mai 1942 beim Reichssicherheitshauptamt Berlin als Regierungsrat beim Amt I (personal) Gruppe D Referat 2 (SS-Disziplinsachen)

Juni 1944 als SS-Obersturmbannführer und Regierungsrat Leiter der Staatspolizeistelle Kiel, - verantwortlich für die Ermordung von »Fremdarbeitern«

1944 im Friedrich-Ott-Lager bei Kiel, Gestapochef in Kiel

Oktober 1944 als SS-Sturmbannführer im Reichssicherheitshauptamt (RSHA)

1946 in britischer Kriegsgefangenschaft

1954 Eintritt in Organisation Gehlen

[Ein Quellenauszug]

Im Sommer 1949 kamen etwa 400 Mitarbeiter in der Organisation Gehlen aus der SS, dem SD oder der Gestapo. Ihre Herkunft galt als lässliche Sünde, wenn denn die Gesinnung stimmte. -

Die Organisation Gehlen war zu einem Auffangbecken für Mitglieder der Nazi-Elite geworden. In den ersten Jahren der Bundesrepublik Deutschland setzten sie unbehelligt ihre Laufbahn fort. Überzeugte Nazis und skrupellose Karrieristen, Massenmörder und Schreibtischtäter kämpften weiter gegen »den Kommunismus«. [2]

Quelle: [1] Das politische System der Bundesrepublik Deutschland. Geschichte und Gegenwart. Staatsverlag Berlin 1985. Vgl.: 4.2. Der Aggressions- und Repressionsapparat.

Quelle: [2] Angriff und Abwehr. Die deutschen Geheimdienste nach 1945. Von Klaus Eichner und Gotthold Schramm (Hrsg.). edition ost - Eulenspiegel Verlagsgruppe. Vgl.: Gehlens Vorbereitung auf das Kriegsende und auf seine Zukunft mit den Amerikanern (S.42-43). Verwendung von SS-, SD- und Gestapoangehörigen [nach 1945] (S. 81-86).

Nachtrag und Info.-Empfehlung:

»Es gelang Gehlen, eine große Anzahl der noch lebenden Mitglieder seiner früheren Dienststelle auch deswegen zu interessieren, weil sie in ihrer neuen Stellung häufig mit einer neuen Identität versehen wurden. {...} Eingestellt wurden auch ehemalige SS-, SD- und Gestapo-Offiziere. Anfang der 1950er durchgeführte Untersuchungen der Central Intelligence Agency (CIA) ergaben, dass 13 % bis 28 % der Mitarbeiter der Organisation Gehlen ehemalige NSDAP-Mitglieder waren, und davon 5 % bis 8 % auch Mitglieder der SS, SD oder SA waren.« -

»Der CIA-Bericht verweist darauf, dass der Anteil an ehemaligen Mitgliedern der NSDAP vergleichbar ist mit der Besetzung des 2. Deutschen Bundestages. Unter den 487 Bundestagsabgeordneten befanden sich 129 ehemalige NSDAP-Mitglieder, was einem Prozentsatz von 26,5 % entsprach.« *

* Bundesnachrichtendienst (BND) - Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Bundesnachrichtendienst

 

 


VON: REINHOLD SCHRAMM






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