Leben retten

26.12.12
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von Dieter Braeg

„Adolfo Kaminsky – Ein Fälscherleben“
von Sarah Kaminsky

„Als ich beschloss, das Leben meines Vaters aufzuzeichnen, hatte ich mich bewusst dafür entschieden, nur über seine Kämpfe zu berich- ten und die Erzählung im Jahr 1971 enden zu lassen, als er jede Untergrundtätigkeit aufgab.
Ich meinte, dass sein anderes Leben, zu dem ich gehöre, nur für den engeren Kreis seiner Familie und Freunde interessant sei.“

Die Tochter des französischen Meisterfälschers Adolfo Kaminsky, der das Leben Tausen- der gerettet hatte, brauchte in ihrem Buch, ganz am Ende nur zwei Seiten für das Leben ihres Vaters nach 1972. Vorher hatte sie in zwei Jahren Nachforschungen ein Leben ihres Vaters entdeckt und dann veröffentlicht, dass sie nicht kannte. Bis dahin war er einfach nur „Papa“.

Adolfo Kaminsky fälschte Dokumente für KZ-Überlebende, die nach Palästina wollten, obwohl er den Zionismus als überzeugter Atheist ablehnte. Mit 18 Jahren im Jahr 1943, begann er, mitten im Krieg, mit seiner Arbeit. Er hatte Kontakt mit dem französischen Widerstand bekommen. Er hatte eine Färberlehre absolviert und stand plötzlich in einem geheimen Labor, wo eine kleine Anzahl von Leuten falsche Papiere für 'Résistance'-Kämpfer und verfolgte Juden herstellte. „Ich fiel fast um – sie entfernten den Juden- stempel mit einfachem Chlor. Ich sagte ihnen, dass der Stempel in ein paar Tagen wieder gelblich aufscheinen werde. Für den Inhaber des Passes war das höchst gefährlich.“

Kaminsky wurde ganz schnell der Laborchef der Fälscherwerkstatt der jüdischen Wider- standsgruppe,  die im Dachlabor in der Pariser Rue des Saints-Péres arbeiteten. Erstaunlich waren die Methoden und Geräte mit denen Adolfo Dokumente herstellte. Eine alte Singer Nähmaschine wurde in ein Stanzgerät für Passbildklemmen umgebaut und verwendet.

Kaminskys Leben ist mit dem Titel des Buches - 'Fälscherleben' - richtig beschrieben, aber er führte ein Lebensretterleben und noch dazu eines mit ganz klaren politischen Entscheidungen. Wer so gelebt hat und lebt, erinnert sich und man muss seiner Tochter dankbar sein, dass sie dieses Projekt realisiert hat. Im Jahre 1944 versuchte er den biegsamen und doch festen Schweizer Pass nachzumachen.

Sogar im Schlaf verfolgte ihn das Problem. Menschenleben waren von seinen Fähig- keiten abhängig: „Schließlich träumte ich, wie ich vorgehen musste um die richtige Papierqualität zu erhalten. Ich flocht eine Mullbinde in den Kartonmix, was ihr genau die richtige Elastizität verschaffte.“

In Holland, Belgien und Frankreich halfen gefälschte Papiere, Leben zu retten, Wider- stand gegen das verbrecherische Naziregime ein wenig gefahrloser zu gestalten. Wie viele Pässe es waren? „10 000 Dokumente für Kinder, bedeutend mehr für Erwachsene“ schätzt er. Pro Stunde dreißig Blankopässe konnte er herstellen, das bedeutete Rettung von Leben für jede Stunde längere Arbeit. „Mein größter Feind war nicht die Gestapo, sondern die Müdigkeit.“

Nach Ende des zweiten Weltkriegs war aber seine Tätigkeit nicht beendet. Viele Jahre später war sein Können gefragt und er stellte Papiere für die algerische Widerstands- organisation 'FLN' her, die für die Unabhängigkeit von Frankreich kämpfte. Er hatte bald seinen neuen Lebensmittelpunkt in Algerien und war dort nicht nur Fotograf, sondern auch Fälscher.

Später, wieder in Paris lebend. Half er den Anti-Apartheid-Kämpfern des 'ANC' und anderen afrikanischen Befreiungsbewegungen mit seinen Fälschungen. Den Kampf gegen die Diktaturen in Griechenland und Spanien oder in Dutzenden südamerikanischen Staaten unterstütze er ebenfalls mit seinem Können.

Auch in dieser Zeit war es notwendig die Aktivitäten nicht nur vor dem französischen Geheimdienst zu verbergen. Auch seine Ehefrau Leila, Tochter eines algerischen Imams, war über viele seiner Tätigkeiten nicht informiert. Seine Geschichte nun in diesem Buch erzählt, war nur möglich, weil irgendwann seine Tochter Sarah wissen wollte, welchen geheimen Tätigkeiten er im Laufe seines Lebens nachgegangen war.
Kaminsky war schon über 80 Jahre alt, seine Fälscherarbeit längst Vergangenheit, als er in 20 Gesprächen mit seiner Tochter sein Leben erzählte.

Oskar Schindler hat es zu einem Film gebracht, Kaminsky der zehnmal mehr Juden und Widerstandskämpfer gerettet hat, kann mit diesem Vergleich nichts anfangen. Nie hat er für seine Hilfe Geld genommen. Sogar der Herr Daniel Cohn Bendit, der dies mit seinen heutigen Standpunkten nie verdient hat, reiste 68 als Illegaler mit einem Kaminsky Papier. Wer nun hofft in diesem Buch eine Gebrauchsanweisung zu bekommen, wie man fälscht, der kann sich den Buchkauf sparen.

Hier wird, viel zu spät öffentlich, warum Kaminsky, trotz der Gefahr für eigenes Leben, aktiv war: „Wenn jemand ohne Verteidigung ist, kann man nicht wegschauen. Solange andere Leute Probleme haben, bin ich nicht berechtigt mich für etwas anderes zu interessieren.“

Die spärliche Anerkennung, einige algerische Ansteckorden oder aus Frankreich, die liegen „irgendwo in einer Schublade verlegt“ erklärt der, der nie nahm sondern, nur gegeben hat.

Auch heute bräuchten viele Menschen Flut- und Fälscherhilfe in dieser nichtunseren Welt.

Sarah Kaminsky, „Adolfo Kaminsky – Ein Fälscherleben.
Verlag Antje Kunstmann, München,
Neuauflage 2012. 219 Seiten 19,90 €
ISBN 978-3888977312

www.kossawa.de/index.php/kultur/buchbesprechung/295-dieter-braeg

 

 


VON: DIETER BRAEG






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