Deutschlands Emanzipation vom Faschismus fand nicht statt.


Bildmontage: HF

29.01.18
AntifaschismusAntifaschismus, Debatte 

 

Von Reinhold Schramm

»Hass auf Ausländer. Sachsen, braunes Naziland? Unfug. Binnen weniger Tage gab es in Sachsen mehrere Übergriffe auf Zuwanderer - typisch Ostdeutschland? Nein - typisch Rassismus. Warum wir es uns nicht zu einfach machen dürfen.«

Vgl. Spiegel-Online *

Kommentar

Emanzipation vom Faschismus fand nicht statt

Die sog. ‘68er Bewegung’ war keine Massenbewegung. Die Emanzipation der westdeutschen Gesellschaft ist ausgeblieben. Aber auch in Ostdeutschland gab es keine Emanzipation der Gesellschaft. Hätte es in der historischen DDR eine Emanzipation der ‘Arbeiterklasse’ und Frauen gegeben, die Wirtschaftsflucht von mehr als 80 Prozent der Ostdeutschen in das westdeutsche Wohlstands- und Konsumparadies wäre anhaltend ausgeblieben. Es ist selbst in der SED, der Minderheit von Kommunisten und Antifaschisten, nicht gelungen, die Mehrheit der Hauptamtlichen und schon gar nicht die Mehrheit der Mitgliedschaft zu überzeugen. Mit der Implosion der Gesellschaft implodierte zugleich die ‘Partei der Arbeiterklasse’.

Für beide historischen Teile Nachkriegsdeutschlands gilt: der gesellschaftspolitische Versuch, für die Überwindung der kapitalfaschistischen Ideologie von der ‘Volksgemeinschaft’, einer demokratischen und humanistischen Minderheit, ist im Massenbewusstsein nicht angekommen.

In Westdeutschland wurde ein vergleichbarer nationalistischer und rassistischer Ausbruch vor allem durch die ökonomische Entwicklung gedämpft, die die Flucht und Befriedigung im Massenkonsum ermöglichte. In Ostdeutschland bedurfte es schon erheblichen Idealismus, um unter eingebildeten oder realen Konsumentbehrungen, die Entwicklung und den Aufbau einer antikapitalistischen Alternative nicht aus den Augen zu verlieren.

Für beide Teile Deutschlands und Österreichs gilt gleichermaßen: die kapitalfaschistische Gesellschaftsordnung der ‘Volksgemeinschaft’, zwischen 1933 und 1945, wurde nicht von der deutschen und österreichischen Bevölkerung überwunden. Die Befreiung vom Faschismus kam [1945] von außen. Aber dieses Geschenk wurde nicht angenommen. Die notwendige Auseinandersetzung mit der kapitalfaschistischen Gesellschaftsordnung blieb aus. Sie wurde über den Konsum kompensiert. Aber auch in Ostdeutschland blieb, trotz der Jahrzehnte der Alimentierung durch die westdeutsche Erwerbsbevölkerung, die Kompensation aus.

Mit dem Ausbleiben einer massenwirksamen Beteiligung an der Wirtschaftsleistung bricht die verschüttete und unbearbeitete Vergangenheit im Massenbewusstsein allgemein auf. Irrationale Klassenkämpfe, nicht etwa gegen die deutsche Bourgeoisie und gegen den Kapitalismus, als Urheber*in von geistiger Unterwerfung und Entfremdung, Massenkonsum und Verteilung, Krisen und Wirtschafts-Kriegen, werden geführt. Nein, der massenpsychologische Frust und die Unzufriedenheit richtet sich gegen große Teile der eigenen Klasse: der untersten sozioökonomischen Schichten der Gesellschaft. Dabei insbesondere gegen vermeintlich Fremde: Menschen einer anderen Herkunft und Hautfarbe. Die massenpsychologische Basis für eine kapitalfaschistische Gesellschaftsordnung in Deutschland und Europa befindet in Vorbereitung. Eine emanzipatorische und humanistische Alternative ist (noch) nicht in Sicht

 

[– wurde von der SPON-Zensur nicht veröffentlicht.]

 

* Vgl. Spiegel-Online am 28.01.2018:  Hass auf Ausländer. Sachsen, braunes Naziland? Unfug. Binnen weniger Tage gab es in Sachsen mehrere Übergriffe auf Zuwanderer - typisch Ostdeutschland? Nein - typisch Rassismus. Warum wir es uns nicht zu einfach machen dürfen. Ein Kommentar von Peter Maxwill  –

 

»Für die 64 Millionen Menschen in Deutschland, die nicht zwischen Zwickau und Görlitz leben, ist dieses schlichte Denkmuster eine prima Sache: Rassismus scheint hierzulande geografisch einen festen Platz zu haben, und wer woanders wohnt, im Idealfall im Westen der Republik, ist fein raus. Hass auf (tatsächliche oder vermeintliche) Ausländer findet fast jeder schlimm - wie praktisch es da ist, dass man die Empörung darüber in "Dunkeldeutschland" abladen kann, im "Kaltland".« – »Das Problem heißt nicht Sachsen. Das Problem heißt Rassismus.«

www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/rassismus-in-sachsen-nicht-nur-ein-ostdeutsches-problem-a-1190120.html

 

29.01.2018, Reinhold Schramm







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