Thesen über die Massenbasis der Herrschaft der Nationalsozialisten


02.11.17
AntifaschismusAntifaschismus, Kultur 

 

Kurt Pätzold: Gefolgschaft hinterm Hakenkreuz. Zwanzig Kapitel zu zwölf Jahren deutscher Geschichte, Verlag am Park, Berlin 2017, ISBN: 978-3-845187-73-9

Rezension von Michael Lausberg

Kurt Pätzold war vor der Wende der führende Faschismus-Forscher in der DDR. Nach der Wende wurde er im Zuge der Abwicklung der Sektion Geschichte 1992 entlassen. Pätzold schrieb regelmäßig für die Junge Welt und war wissenschaftlicher Beirat der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehörten die Geschichte des Faschismus und der NSDAP, Entwicklungen im Bereich des Geschichtsrevisionismus sowie die Geschichte des Antisemitismus und der Judenverfolgung. Dieses Buch konnte Pätzold nicht mehr zu Ende schreiben, da er 2016 starb. Stattdessen schrieb sein Freund und Kollege Thomas Weißbecker das Fragment zu Ende und brachte es druckreif hinaus.

In diesem Buch steht die Frage im Mittelpunkt, welche Faktoren dafür verantwortlich waren, dass die Mehrheit der deutschen Bevölkerung dem Nationalsozialismus so bereitwillig folgte. Der hohe Grad an Kollaboration und Zusammenarbeit der meisten Deutschen mit dem nationalsozialistischen Regime wird nicht nur durch den Zwang, die drohenden Strafen oder Autorität erklärt. Es wird die These aufgestellt, dass die deutsche Bevölkerung keinen Totalverlust der Selbstbestimmung besaß und alle Möglichkeiten zu eigenen Entschlüssen verloren hatte. Im Zentrum dieser Suche nach den Ursachen stehen die „vielgestaltigen Wechselwirkungen zwischen denen, die aus ihrer Interessenlage heraus bewusst Manipulation betrieben, und denen, die sich aus vielerlei Gründen gegen ihre eigentlichen Interessen manipulieren ließen.“ (S. 8)

In den ersten neun Kapiteln werden diese Fragen anhand von verschiedenen Episoden aus den Jahren 1933 bis 1939 beantwortet. Danach folgen 11 Kapitel über Episoden aus dem 2. Weltkrieg, bevor im dritten Kapitel noch eine eingehende Untersuchung über die Forschungsergebnisse der Nachkriegszeit zu diesem Thema und die Verführbarkeit der Massen im Besonderen angestoßen wird.

Pätzolds Thesen über die Massenbasis der Herrschaft der Nationalsozialisten negiert die These von den Verantwortung Hitlers und einige seiner Offiziere und Gefolgsleute. Der immer noch gängigen Behauptung der reinen Befehlsempfänger wird auch vehement widersprochen. Ohne eine notwendige Basis und Zustimmung in der Bevölkerung hätte sich der Nationalsozialismus niemals so lange halten können. Das Buch hat jedoch nicht nur einen historischen Charakter: die Frage nach der Gefolgschaft von faschistischen Parteien hat gerade wieder Hochkonjunktur, da seit dem Ende des 2. Weltkrieges wieder erstmals eine völkische Partei in den Bundestag eingezogen ist. Genug Gründe, um dieses spannende Buch zu lesen.







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