Samuel Kofi Yeboah – Erst getötet, dann totgeschwiegen


Bildmontage: HF

19.05.11
AntifaschismusAntifaschismus, Saarland, TopNews 

 

von Dirk Scholl
 
Militaristen, Kolonialisten, Monarchen:
Sie werden bis heute noch geehrt und teilweise sogar verehrt.

Ob durch Straßen- und Kasernennamen oder auch durch einen Hinweis der kommunalen Website auf „besondere“ Persönlichkeiten.

So prangte noch bis ins letzte Jahr hinein der Name des weltbekannten „Kolonialhelden“ Paul Emil von Lettow-Vorbeck über einer Straße in Saarlouis. Der oftmals auch als „Löwe von Afrika“ bezeichnete Lettow-Vorbeck zog quer durch seine militärische Laufbahn eine Blutspur des Grauens.

Zu nennen sind hierbei insbesondere seine Beteiligung an der Niederschlagung des Boxeraufstandes, sein maßgeblicher Beitrag zum Genozid der Hereros und Nama sowie sein aktives Mitwirken am Kapp-Putsch.
Mit einstimmigem Ratsbeschluss wurde nun im Mai 2010 endgültig ein Schlussstrich unter die verklärende Heldenverehrung gezogen und die „Von-Lettow-Vorbeck-Straße“ umbenannt: Ein Teil nach einem ehemaligen SPD-Bürgermeister (Walter-Bloch–Straße), der andere natürlich nach einem ehemaligen CDU-Bürgermeister (Hubert-Schreiner-Straße).
 
Meine eigene Vorstellung als fraktionsloses Mitglied des Stadtrates für eine Umbenennung der „Von-Lettow-Vorbeck-Straße“ ging dahin, dass der Name eines Rassisten am besten durch den Namen eines Rassismusopfers ersetzt werden sollte. So brachte ich Samuel Yeboah ins Spiel.

Der ghanaische Flüchtling Samuel Yeboah suchte in Deutschland ein besseres Leben ohne wirtschaftliche Not und politische Verfolgung und fand stattdessen im Jahre 1991 mit gerade mal 27 Jahren durch einen allen Indizien zufolge rassistisch motivierten Brandanschlag den Tod in Saarlouis.

Im Gegensatz zu den geschichtsklitternden Helden vom Schlage eines Lettow-Vorbeck erwies sich Yeboah als echter, leider aber tragischer Held im Alltagsleben. Als Hausmeister in einem Fraulauterner Flüchtlingsheim fungierend rettete Samuel nach mehreren Zeugenaussagen noch einige Insassen aus dem brennenden Haus, bevor er selbst ums Leben kam.
Dieser selbstlosen Heldentat, die sich am 19. September 2011 zum zwanzigsten Mal jährt, blieb jedoch bis zum heutigen Tage die gebührende Ehrerweisung versagt!

Im Gegenteil:
„Am 19. September 2001 veranstaltete das “Antifaschistische Bündnis Saar” eine Kundgebung in Saarlouis. Nach der Beendigung der Kundgebung wurde an der Rathausfassade ein professionell gefertigter Gedenkstein für Samuel Yeboah angebracht. Die Verwaltung ließ ihn abmontieren und strengte ein Verfahren gegen den Anmelder der Kundgebung wegen Sachbeschädigung an. Vier Jahre später erhielt die Stadt Saarlouis 134,50 € (!) Schadensersatz zugesprochen.“
(Quelle: http://www.asyl-saar.de/flyer_samuel.pdf)

Mangelndes Fingerspitzengefühl der Richter und der Stadtverwaltung? Nein!
Ich bezeichne dieses Verhalten als latent existierenden Rassismus eines kleinbürgerlichen Idylls, das sich zu allem Überfluss auch noch als „Europastadt“ bezeichnet.
Dieser sich selbst zugelegte Titel suggeriert so etwas wie Weltoffenheit und Toleranz. Beides endet scheinbar jedoch an den Trümmern eines Flüchtlingsheims!? Weiter wurde mir gegenüber geäußert, dass in Stammtischgesprächen zwar ein gewisses Verständnis für die Umbenennung der Von-Lettow-Vorbeck-Straße zum Vorschein kam, allerdings unter dem allgemeinen Tenor: „Muss die Straße denn ausgerechnet nach so einem Bimbo benannt werden?“

Leider kann ich mich nicht des Eindrucks verwehren, dass man im Rathaus genau diesem „Druck der Straße“ erlegen ist. Bei allen Fraktionen (mit Ausnahme der FWG) inklusive der offiziellen „Linken“ (trotz entsprechender Passage im kommunalen Wahlprogramm!) stieß mein Vorschlag zur Umbenennung der „Von-Lettow-Vorbeck-Straße“ in „Samuel-Yeboah-Straße“ auf Ablehnung, insbesondere mit dem pseudojuristischen Hinweis, dass ein rassistischer Hintergrund der Brandstiftung nicht bewiesen wurde.

Wer sonst als die Faschisten sollte Interesse an einem Anschlag auf ein Flüchtlingsheim haben? Diese Frage blieb bis heute genauso unbeantwortet wie die Frage, was dies letztendlich mit dem heldenhaften Einsatz von Samuel Yeboah zu tun hat.

Nach wie vor wird stattdessen immer noch stolz auf die Tradition der Garnisonsstadt Saarlouis verwiesen. Und so blickt man noch immer voller Ehrfurcht auf preußische Militaristen wie Admiral Knorr, Graf Werder oder Großadmiral Holtzendorff, um nur ein paar Beispiele zu nennen.
Ihre Karriere wurde genauso wie die eines Lettow-Vorbeck durch ein Heer von Toten geebnet. Samuel Yeboahs Fehler war dagegen ganz offensichtlich, dass er Leben rettete. Vielleicht aber auch, dass er keinen preußisch klingenden Namen hatte!? Glanz und Gloria: Dazu passt eben kein Scheiterhaufen, dazu passt eben keine dunkle Haut!
 
Anlässlich seines kurz bevorstehenden 20. Todestages fordere ich deshalb die Stadtverwaltung und die im Stadtrat vertretenen Fraktionen erneut dazu auf, Samuel Kofi Yeboah einen gebührenden Platz in der Geschichte von Saarlouis einzuräumen.

Das Mindeste wäre eine Gedenktafel in der Saarlouiser Straße, in der er damals den Rassisten zum Opfer fiel. Was sind Titel wie „Europastadt“ oder „Fairtrade Town“ (um diesen Titel bewirbt sich Saarlouis derzeit) schon wert, wenn nach wie vor Täter geehrt und Opfer totgeschwiegen werden?

https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Samuel_Yeboah

Todesopfer rechtsextremer Gewalt seit 1990:
Offiziell jetzt 46, inoffiziell 149

www.netz-gegen-nazis.de/artikel/todesopfer-rechtsextremer-gewalt-seit-1990-offiziell-jetzt-46-inoffiziell-143-0975

www.opferfonds-cura.de/index.php?Itemid=5&id=49&option=com_content&task=view

www.netzpolitik.org/2010/visualisierung-todesopfer-rechter-gewalt-1990-2010/

https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Liste_von_Todesopfern_rechtsextremer_Gewalt_in_Deutschland

 







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