Neuerscheinungen Natur und Klimawandel


Bildmontage: HF

26.06.20
KulturKultur, Umwelt, Ökologiedebatte, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Hans Jürgen Kugler/René Moreau (Hrsg.): Der grüne Planet. Zukunft im Klimawandel. Eine Anthologie, Hirnkost, Berlin 2020, ISBN: 978-3-948675-15-8, 25 EURO (D)

Die Klimakrise ist neben der derzeitigen Pandemie das Hauptthema der Gegenwart. Um das Bewusstsein für die Notwendigkeit eines notwendigen Kurswechsels in Politik, Gesellschaft und Wissenschaft zu schärfen, haben die Herausgeber und Mitarbeiter des EXODUS-Magazins für Science-Fiction-Stories & phantastische Grafik eine Anthologie mit originellen und wissenschaftlich fundierten Kurzgeschichte zum Klima veröffentlicht. Namhafte Autor_innen aus der deutschsprachigen spekulativen Literaturszene haben sich Gedanken gemacht, wie eine mögliche Zukunft im Zeichen der Erderwärmung aussehen könnte.

Das Buch unterteilt sich in vier Themenfelder: Apocalypse Now, Crisis? What Crisis?, Heiße Zeiten und Mad World. Zum ersten Themenfeld schreiben sechs Autor_innen, dort beschreibt zum Beispiel Christian Endres den Kampf eines Mannes gegen „die überwältigende Natur, die trotz der unverändert trockenen Sommer und zerstörerischen Unwetter zu alter Stärke zurückgefunden hat und die sich nicht noch einmal bezwingen lassen möchte.“ (S. 23) Zwischen den überwucherten Ruinen der Städte, dem radioaktiven Müll am Strand und Trümmern bahnt er sich dem Weg zum zerstörten Haus, das er einst mit seiner verstorbenen Frau bewohnt hat.

Unter den sieben Beiträgen des nächsten Themenfeldes ist der Beitrag von Ursula Isbel spannend, die über die große Flut, die ganze Küstenstriche im Meer versinken lässt, schreibt. Vier Beiträge gibt es über die Heißen Zeiten. Darunter ist der von Ute Wehrle, der von Marlenes Ausflug in den exklusiven Glaspalast „Wintermärchen“, wo eine künstliche Welt von früheren kalten Wintern lockt. Draußen ist es kurz vor Weihnachten tatsächlich so warm wie in der Karibik. Sechs Geschichten findet man im letzten Themenfeld. Hans Jürgen Kugler thematisiert in seinem Beitrag die kapitalistische Gier nach Geld und Wohlstand als den schlimmsten Feind der Natur.

Anschließend gibt es noch biografische Informationen über die Autor_innen und die Herausgeber.

Dieses Buch ist eine literarische Einmischung für Nachhaltigkeit, Ökologie und Zukunftsfähigkeit der Erde. Dies sind fiktionale, oft dystopische Geschichten über zukünftige Verhältnisse auf der Erde und die Folgen der Klimakrise aus verschiedenen Blickwinkeln, die zwar nicht schwer zu lesen sind, dennoch aber sehr nachdenklich machen. Das Titelbild mit der Uhr fünf vor zwölf steht sinnbildlich dafür, dass es noch nicht zu spät zum Gegensteuern ist. Eine lesenswerte letzte Mahnung.

 

Buch 2

Stefanie Schäfter/Meike Fienitz/Felix Buchborn/Kira van den Hövel: Super Local Food. Gesund und nachhaltig essen, oekom, München 2020, ISBN: 978-3-962-28181-6, 20 EURO (D)

In diesem Buch werden die negativen Auswirkungen von importiertem Superfood für die Umwelt und auch die dortigen Hersteller dargelegt. Stattdessen werden zahlreiche lokale Alternativen vorgestellt, die diesen in Vitamingehalt, Nährwert und Geschmack in nichts nachstehen. Außerdem gibt es eine Vielzahl an saisonalen Rezepten.

Im ersten Teil geht es um die Schattenseiten von importierten Superfoods wie Avocado, Quinoa, Kakao, Mandeln mit Daten und Fakten Superfoods als Marketingstrategie und ein Statements zu Fair-Trade-Siegel. Die Vorteile von lokalen Lebensmitteln wie Artischocken, Feldsalat, Kohl, Radieschen, Heidelbeeren, Rote Beeren, Buchweizen, Lavendel oder Kürbiskerne werden dann tabellarisch vorgestellt. Die fünf besten davon im Allgemeinen, Verdauungsbeschwerden, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und für ein starkes Immunsystem kommen dann zur Sprache. Es folgt eine stichwortartiger Überblick von heimischen Produkten, ihrer Inhaltsstoffe und wie sich importierte Superfoods ersetzen lassen können.

Im nächsten Kapitel wird skizziert, wie sich Gerichte zusammenstellen lassen, deren Zutaten alle zur gleichen Zeit regional und saisonal verfügbar sind, zum Bezug regionaler Lebensmittel, Resteverwertung und eine Klimabilanz von Lebensmitteln.

Anschließend werden zahlreiche Rezepte, in denen heimische Lebensmittel die Hauptrolle spielen, vorgestellt. Das Kapitel gliedert sich nach Jahreszeiten und stellt passende Salate, Suppen, Hauptgerichte, Snacks, Gebäck, Desserts und Frühstückskreationen vor. Alle Gerichte sind vegetarisch oder vegan. In einem Exkurs wird auch noch auch das Fermentieren eingegangen. Ein kleiner Ausblick rundet das Buch ab.

Im Anhang findet man noch einen Bildnachweis, einen Zutatenindex und die Quellennachweise.

Dieses Buch weist auf viele soziale und ökologische Folgen von importierten Obst und Gemüse hin und bietet heimische Alternativen dazu an. Dass diese jedoch nicht alles abdecken können und für eine Geschmacksvielfalt immer noch der Import in nachhaltigen Mengen notwendig ist, dürfte klar sein. Es soll ja kein dumpfer kulinarischer Nationalismus verbreitet werden. Das Buch kann aber helfen, die wachsenden Entfremdung zwischen Herkunft und Verbrauch überwinden und regionale Netzwerke zwischen Produzenten und Konsumenten schaffen.

Buch 3

James Walvin: Zucker. Eine Geschichte über Macht und Versuchung, oekom, München 2020, ISBN: 978-3-962-38179-3, 29 EURO (D)

Das Buch behandelt die Geschichte des Zuckers und die Auswirkungen für ganze Gesellschaften und Länder. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Großbritannien und den USA, andere Bereiche wie zahlreiche Aspekte der Kolonisation auch dargestellt.

Die erste Hälfte konzentriert sich auf den Sklavenhandel und Zuckerplantagen sowie die Entstehung und das Wachstum von Zucker in der westlichen Welt. In der zweiten Hälfte untersucht Walvin die Auswirkungen von Zucker von der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis zum heutigen Tag. Hier holt er alle wichtigen Fakten und Statistiken heraus.

Walvin nimmt uns mit auf eine Reise durch die moderne Geschichte des Zuckers, angefangen von Royals mit Hohlräumen im Europa des 17. Jahrhunderts bis hin zu fettleibigen Nordamerikanern des 21. Jahrhunderts, die mit HFCS (High Fructose Corn Syrup) überhäuft sind. Von Sao Tome und Principe über Brasilien bis hin zu Australien, den indischen und pazifischen Inseln zeigt er: „Überall dort, wo Zuckerplantagen Wurzeln schlugen, haben sie massive Veränderungen bewirkt. Sie haben die lokale Ökologie verändert, die lokale Demographie verändert und die Politik der Gesellschaft insgesamt verändert. “

Die Berichterstattung über die Zuckerproduktion und ihre Derivate während des Sklavenhandels ist relativ detailliert. Von Zuckerrohrplantagen in Louisiana, wo Sklaven arbeiten mussten, über karibischen Plantagen bis zur erzwungenen Annexion der Hawaii-Inseln.

Walvin zeigt auch, wie die Popularität von koffeinhaltigen Getränken in westeuropäischen Großstädten wie Amsterdam, Paris und London und schließlich in Nordamerika die Nachfrage nach Zucker stark erhöhte und den Preis senkte, was ihn schließlich selbst für die arme Mehrheit zu einem wesentlichen Bestandteil machte.

Neben der Beziehung von Zucker zu koffeinhaltigen Getränken stellt er vor, wie Rum entstanden ist, und zeigt, wie wichtig Rum als Währung und Werkzeug auf der ganzen Welt ist und wie seine weit verbreitete Liebe und Verwendung dazu führt, dass er als Rum angesehen wird wesentlicher Bestandteil der Rationen eines Soldaten.

Der Autor skizziert im zweiten Teil des Buches die weit verbreitete Verwendung dieser Substanz als Aroma in unseren Lebensmitteln. Fettleibigkeit nimmt dabei den wichtigsten Platz ein und wird anhand von Statistiken in den USA in den letzten Jahrzehnten untermauert. Neben einer pauschalen Medienschelte wird er konkreter und listet all die Milliarden Dollar, die in die Vermarktung und Werbung für nährstoffredundante, zuckerhaltige Produkte gesteckt wurden, Lobbyisten, Anwälte, Politiker und bezahlte Wissenschaftler wie den Fall der Harvard-Professoren, die 2016 entlarvt wurden, weil sie Geld genommen haben, um ihre Ergebnisse zugunsten der Zuckerindustrie zu manipulieren.

Dieses Buch zeigt die Geschichte dieser weltverändernde Zutat und unsere Beziehung zu Zucker, von der Verwendung in Arzneimitteln in früheren Gesellschaften über die enge Verbindung mit dem transatlantischen Sklavenhandel bis hin zu den nachteiligen Auswirkungen, die es auf unseren hat Gesundheit in der modernen Gesellschaft. Zu Recht argumentiert er, dass der globale Zuckerhandel alle damit verbundenen Gesellschaften stark beeinflusst hat. Er hätte sich direkter mit den Auswirkungen von Zucker auf die Gesundheit beschäftigen müssen, nicht nur mit Fettleibigkeit, sondern auch mit Diabetes, Nierenerkrankungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dennoch ist es ein Buch, das unsere Geschichte und unseren Lebensstil kritisch reflektiert.

Buch 4

Jonas Frei. Die Walnuss. Alle in Mitteleuropa kultivierten Arten. Botanik, Geschichte, Kultur, AT Verlag, Aarau/München 2019, ISBN: 978-3-03902-021-8,

Dieses Buch fasst das reichhaltige Wissen über die Walnuss und ihre vielfältige Kultur und Tradition zusammen. Erstmals werden alle in Mitteleuropa kultivierten Arten und Hybriden in detaillierten, reich bebilderten Porträts vorgestellt.

In der Einleitung wird gezeigt, dass es eine beachtliche Anzahl Formen, Sorten und Arten von Wahlnussgehölzen gibt, die auf Landwirtschaftsgütern, in Parks oder Arboreten Europas angebaut werden. Außerdem wird anhand einer Abbildung die Familie, Unterfamilie, Gattung und Artenzahl illustriert und eine geographische Verbreitungskarte gezeigt. Danach wird die facettenreiche Geschichte und Entstehung der Pflanzenfamilie in Europa, Methoden der Erforschung, ihre Nutzung, Symbolik quer durch die Jahrtausende und ihre Wirkungen als Heilmittel vorgestellt. Anschließend werden die Arten und Gattungen Mitteleuropas, ihre Unterscheidung und biologische Aspekte behandelt.

Dann folgen die Gattungs- und Artenporträts mit einigen Bemerkungen dazu. Neben den verschiedenen Arten werden auch die bekannten Hybriden zwischen den Arten vorgestellt. Die Porträts sind in folgende drei Gruppen eingeteilt: Walnüsse (12 Arten, 7 Hybriden), Flügelnüsse und Ringflügelnuss (5 Arten und 1 Hybride) sowie Hickorys und Zapfennuss (13 Arten). Die Daten der differenzierten Verbreitungsarten stammen aus den neuesten Publikationen zum Thema. Die Porträts sind mit zahlreichen Bildern versehen. Es werden Fotografien des Habitus, der Rinde und der Blätter der Gehölze gezeigt, die meist aus Parkanlagen Europas stammen. Bei den Blättern wird jeweils ein Blatt, das die gesamte Form abbildet, im verkleinerten Maßstab gezeigt und eines angeschnitten und in Originalgröße, was die Größenverhältnisse illustriert und eine Bestimmung erleichtern soll. Außerdem gibt es extra angefertigte Bleistiftzeichnungen der Nüsse.

Im Textteil wird nach einer einheitlichen Systematik vorgegangen: deutscher, wissenschaftlicher lateinischer Name, jeweils die englische, französische und chinesische Variante, Verbreitung, Wuchs, Blätter, Früchte, Anpflanzungen und Anmerkungen.

Anschließend werden noch tropische Arten und subtropische Walnüsse in einem Extrakapitel kurz beschrieben. Diese sind nach Erdteilen geordnet und enthalten viele Abbildungen. Dann wird noch darauf eingegangen, dass viele Arten der Walnussgewächse aus verschieden Gründen weltweit gefährdet sind. Dieses Kapitel setzt sich mit den Gründen auseinander: die Veränderungen der natürlichen Habitate durch den Menschen, Abholzung der Regenwälder in den Tropen, Gewinn von Land für die Landwirtschaft usw.

Im Anhang findet man noch eine systematische Übersicht, ein Quellen- und Literaturverzeichnis, Internetquellen und Links und die Bildquellen.

Dort werden die Gattungen und Arten dieser Pflanzenfamilie einzeln aufgelistet und ihre typischsten Bestimmungsmerkmale erklärt.

In fast allen Portraits erfährt man in einem Unterpunkt, in welchen Botanischen Gärten Europas diese wachsen.

Dies ist hochwertig gestalteter Band mit ausführlichen Artenporträts und detaillierten Abbildungen quer durch die Jahreszeiten, die sich auf Mitteleuropa beschränken. Der kulturgeschichtliche Teil ist ausführlich ausgefallen, es werden also nicht nur biologische und ökologische Aspekte angesprochen. Die in der BRD vorkommenden Arten kann man jederzeit auch in verschiedenen Gärten wie dem Botanischen Garten in Frankfurt/Main oder dem Hohenheimer Garten sehen. Leider fehlen dazu Adressen und Öffnungszeiten im Anhang.

 

Buch 5

Holger und Roland Grumt Suarez: 111 Insekten, die täglich unsere Welt retten, Emons, Köln 2019, ISBN: 978-3-7408-0628-6, 16,95 EURO (D)

Holger und Roland Grumt Suarez stellen in diesem Buch 111 Insekten repräsentativ für alle Insekten vor, die existentiell für das ökologische Gleichgewicht der Erde sind: „Ohne Insekten würden wir nicht einmal sechs Monate überleben. Es sind die Insekten, die ‚unseren‘ Planeten bewohnbar machen.“ (S. 3) Sie sind aber genauso wie andere Tiere vom Artensterben und den Auswüchsen der Klimakrise, Pestiziden usw. bedroht. Die Insektenbiomasse geht jährlich um ca. 2,5 % zurück.

Die Arten werden dabei in einzelnen Kapiteln vorgestellt: Dies geschieht jeweils auf zwei Seiten: Auf der einen gibt es einen informativen Text über Gattung, Aussehen, Lebensraum, Ernährung, Vorkommen und Eigenschaften, auf der anderen Seite eine farbliche Makroaufnahme.

So lernt man beispielsweise den Heiligen Pillendreher kennen, ein Blatthornkäfer, der für das „Entkoten“ der Welt verantwortlich ist und der im Alten Ägypten als Symbol der Auferstehung verehrt wurde. Oder der den Komposthaufen liebende Nashornkäfer, der das 850-fache seines Körpergewichtes trägt. Die Totenkopfschwebfliege ist vor allem als Larve für die biologische Schädlingsbekämpfung wichtig. Die Blauflügel-Prachtlibelle ist eine der schöneren unter den Insekten, die bevorzugt in Bachläufen, Fließgewässern und Moorgräben zu Hause ist und schon zu Sonnenaufgang aktiv ist.

Nach der Lektüre des Buches gibt es keine Ekelanfälle. Dies ist weder ein Insektenführer noch ein Bestimmungsbuch, sondern ein populärwissenschaftlichen Sachbuch mit sehr detaillierten Aufnahmen nicht nur für eingefleischte Biologen und Naturfreunde. Die Autoren beschreiben in einem lockeren Schreibstil hintergründig Besonderheiten und Charakteristika von Insekten und sensibilisieren dabei für ihre Lebensformen im ökologischen Gleichgewicht und weisen auf das aufhaltsame Insektensterben hin.

 

 

 







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