Neuerscheinungen Graphic Novel und Kunst


Bildmontage: HF

19.06.20
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Kristina Krasnyanskaya, Alexander Semenov: Soviet Design. From Constructivism to Modernism 1920-1980, Scheidegger & Spiess, Zürich 2020, ISBN: 978-3-85881-846-1, 77 EURO (D)

Dieses englischsprachige Buch bietet erstmals einen umfassenden Überblick über die sowjetische Innenarchitektur mit mehr als dreihundert Farbabbildungen. Kristina Krasnyanskaya und Alexander Semenov dokumentieren sieben Jahrzehnte Innenarchitektur in der Sowjetunion, basierend auf umfangreichen Recherchen und Zeichnungen, die bis vor kurzem nicht zugänglich waren: „The aim of this publication ist to acquaint readers with the different schools and trends of Soviet furniture design and to present a complete picture of ist developements, from which they can draw their own conclusions.“ (S. 401) Sie zeigen eine Vielfalt an Originalstilen vom Konstruktivismus über die revolutionäre Avantgarde bis zur Spätmoderne. Die Publikation entstand in Zusammenarbeit mit der Heritage Art Gallery in Moskau und anderen russischen und internationalen Museen.

Nach verschiedenen Vorworten wird in einem einleitenden Essay der Frage nachgegangen, was sowjetisches Design ausmacht und in den Kontext der historischen und politischen Situation gestellt. Dann wird das sowjetische Design in drei großen Teilbereichen präsentiert. Im ersten wird das Design der 1920er präsentiert. Dabei wird zunächst auf Theorie und Prinzipien eingegangen, vor allem der staatlichen Kunst- und Technikschule Vkhutemas. Außerdem werden die Avantgarde-Konzepte der Möbelproduktion, seiner Stile und Begründer wie Rodschenko, El Lissitzky oder Wladimir Tatlin und deren Produktion dargestellt.

Die weitere Entwicklung bis zu den frühen 1950er Jahren, die eng mit der Person Stalins zu tun hat, bildet den zweiten Teilbereich. Zuerst werden die theoretischen Prinzipien dieser Zeit vorgestellt, bevor danach Möbelkonzepte wie der Postkonstruktivismus, Art Déco in der Sowjetunion und der sowjetische Neoklassizismus und die Bedingungen der Massenproduktionen folgen.

Im dritten Teilbereich geht es um die Zeit nach Stalins Tod bis zu den 1980er Jahren. Dort werden zuerst die Entstehungsbedingungen und Prinzipien des sowjetischen Modernismus, danach die goldene Periode der sowjetischen Innenarchitektur und die neue Generation der 1970er und 1980er Jahre behandelt. Mehr als 300 Abbildungen ergänzen dabei den Text.

Danach werden die wichtigsten Thesen nochmals zusammengefasst, bevor alphabetisch sortierte Biografien der im Text vorgestellten Designer folgen. Im Anhang findet man noch eine Literaturübersicht.

Dies ist keine der typischen Abhandlungen, die sich fast sklavisch an der Chronologie orientieren. Hier werden die Transformationenebenen im sowjetischen Design seit 1917 vor allem durch die gelungenen großformatigen Abbildungen erfahrbar; eine Welt, die den meisten Menschen in westlichen Staaten fremd erscheinen wird. Dies heißt jedoch nicht, dass die Stile und gezeigten Designstücke nicht in den politischen, sozialen und ideologischen Kontext eingeordnet werden. Die Dämonisierung der Sowjetunion und seiner Satellitenstaaten dauert auch mehr als 30 Jahre nach dem Kalten Krieg auch in der Kultur noch an, dies ist wohl der umfassendste Versuch, dies für den Bereich des sowjetischen Designs zu ändern.

 

Buch 2

Tobias Friedrich: Geheimnisvolle Schönheiten. Meeresbewohner im Dunkel, Terra Mater Books, Wals bei Salzburg 2020, ISBN: 978-3-99055-014-4, 35 EURO (D)

Das Schwarzwassertauchen ist eine besondere Art des Nachttauchens, bei der die Teilnehmer kilometerweit vor der Küste in tiefes ozeanisches Gewässer gebracht werden. Gewichtete Downlines werden dabei an das Boot gebunden, jeder Taucher ist über eine kürzere mit der Downline verbunden. Tobias Friedrich verbindet dies mit der Fotografie. Er lichtet seine Motive der Meeresbewohner bewusst in dunkler Umgebung ab, das Leben unter Wasser zeigt sich dort in einer dramatischen geheimnisvollen Schönheit. Die in diesem Buch vorgestellten Aufnahmen sind auf über dreißig Reisen in allen Weltmeeren in den letzten zehn Jahren entstanden, die meisten aus tropischen Gewässern von der Wasseroberfläche bis zu fast 100 Metern.

In der Einleitung wird die Faszination der Schwarzwasserfotografie näher vorgestellt. Danach folgen verschiedene Kapitel entsprechend der Tauchtiefe: bis 5 Meter, 5-10 Meter, 10-20 Meter, 20-30 Meter, 30-40 Meter, 40-50 Meter und 60-100 Meter. Diese werden jeweils von einem kurzen Einführungstext über die Umgebung, seine Empfindungen, die Tauchgänge und die benutzte Technik eingeleitet. Bisweilen geht er auch auf einzelne Tauchgänge an verschiedenen Orten näher ein, beschreibt Angstmomente und Überraschungen und die Verschmutzung der Ozeane durch Plastik, was die Artenvielfalt bedroht. Dann folgen die Aufnahmen, die meist über eine Doppelseite gehen.

Dort gibt es atemberaubende tolle Aufnahmen von Meeresbewohnern und Korallenwäldern in ihrer ganzen Farbenpracht zu sehen. Nahaufnahmen von Riffhaien, Krebsen, Rotfeuerfischen, Seepferdchen, Oktopussen oder Riffkalmaren. Leider fehlen Hinweise zu Ort und Datum der Bilder. Detailreiche Aufnahmen, die die ganze Faszination des Schwarzwassertauchens widerspiegeln.

 

Buch 3

Markus Peter und Ulrike Tillmann: Hans Scharoun und die Entwicklung der Kleinwohnungsgrundrisse. Die Wohnhochhäuser Romeo und Julia 1954–1959, Park Books, Zürich 2020, ISBN: 978-3-03860-156-2, 58 EURO (D)

Die Stuttgarter Wohnhochhäuser «Romeo und Julia» von Hans Scharoun, entstanden in den Jahren 1954 bis 1959, bilden einen seiner eigenwilligsten und weitreichendsten Versuche, den «Wohnvorgang» neu zu entwerfen. In den hinterlassenen Dokumenten zu dem Projekt im Baukunstarchiv der Akademie der Künste in Berlin gibt es bis auf wenige Ausnahmen, die in diesem Buch erstmals zu einem Planungsprozess rekonstruiert wurde. Zu Beginn des Buches werden die Zeichnungen Scharouns aus den Jahren 1954 und 1955 gezeigt.

Danach werden auf den Prozess der Planung und auf die ideengeschichtlichen Hintergründe Scharouns in Auseinandersetzung mit früheren Grundrissentwürfen und deren Protagonisten. Zu nennen ist da vor allem Hugo Häring, der als Vertreter der organischen Architektur galt und die Harmonie von Gebäude und Landschaft, eine den Baumaterialien gemäße, „organisch“ aus der Funktion heraus entwickelte Form sowie eine soziale Zweckmäßigkeit der Architektur anstrebte. Oder die Bezugnahme auf die Analysekriterien zur Bewertung von Kleinwohnungsgrundrissen von Alexander Klein, der Kleinwohnungsgrundrisse mit ihren vielen unproduktiven Flächen zweckmäßig und wirtschaftlich gestalten wollte. Klein teilte er den Grundriss in zwei Raumgruppen: Wohn-, Esszimmer und Küche sowie Schlaf-, Schrankzimmer und Bad. Seiner Vorstellung nach sollte jeder Grundrisstyp eine seiner Nutzfläche entsprechende, bestimmte Bautiefe und Frontlänge haben. Es werden dazu zahlreiche historische Bilder zur Bauphase und zeitgenössische Fotografien von Georg Aerni.

Das Besondere an Scharouns Konzeption der beiden Wohnhochhäuser sind „die Umwandlung des Nacheinanders der reihung und der Addition in das Gleichzeitige, die Scharoun vor allen anderen beschäftigten; die Gleichzeitigkeit wird dabei das eigentlich Primäre der Polyphonie selbst. Sicherlich widersetzt sich Scharoun damit der drohenden Wiederholung, der Eindeutigkeit und Vorhersehbarkeit der Monotonie des Massenwohnungsbaus, und er bedient sich nochmals verstärkt, erweiterter Logiken der Akkumulation und der Multiplizierung, um diese unorthodoxe Figuration von Wohnungseinheiten auszubilden.“ (S. 192)

Mit dem Buch wird der Grundrissforschung des 20. Jahrhunderts eine bislang weitgehend unbekannte Größe neu hinzugefügt. Die Arbeitsweise von Scharoun wird hier detailliert nachgezeichnet. Es wird klar: Die intellektuelle Auseinandersetzung Scharouns mit Konzepten der Kleinwohnung, Protagonisten der Grundrissgestaltung und die Fähigkeit zur interdisziplinären Adaption sind höher zu bewerten als die eigentlichen Prozesse der Planung und die Phasen der Realisierung.

 

Buch 4

Uli Oesterle: Vatermilch. Buch 1: Die Irrfahrten des Rufus Himmelstoss, Carlsen, Hamburg 2020, ISBN: 978-3-551-71158-8, 20 EURO (D)

Dies ist der erste von vier geplanten Graphic Novel über eine Beziehung zwischen Vater und Sohn, die in verschiedenen Zeitebenen spielt. Dies ist jedoch mehr als bloße Unterhaltungsliteratur: Oesterle verarbeitet darin die eigene Geschichte seines lange Zeit verschwundenen Vaters. Oesterles Vater verschwand nach der Trennung der Eltern aus dem Leben der Familie. In 37 Jahren sah er seinen Vater nur zweimal. Erst nach dem Tod seines Vaters herrschte Klarheit. Bei der Obduktion stellte sich heraus, dass sein Vater unter dem Korsakow-Syndrom litt, einer schweren, chronischen Schädigung des Gehirns verursacht durch Alkohol und andere Drogen, die vor allem Hirnregionen betrifft, die für die Gedächtnisbildung und die Regulierung der Emotionen zuständig sind. Dies wird in Nachwort am Ende der Geschichte erzählt.

Dies verarbeitete er in diesem Zyklus, der im Gegensatz zur biografischen Geschichte jedoch noch verändert wurde und somit fiktive Elemente aufweist. Der Zyklus spielt in München und beginnt im Jahre 1975, wo Rufus Himmelstoss eine Mischung aus Snob- und Hippieleben mit Koks, freier Liebe und Besäufnissen führt. Betrunken wird er in einen tödlichen Verkehrsunfall verwickelt und verschwindet seitdem und lässt seinen Sohn Victor zurück. Victor, das Alter Ego von Oesterle, trifft ihn urplötzlich nach dreißig Jahren wieder, ein unerwarteter Neuanfang. Hier steht noch der Lebensweg von Rufus Himmelstoss im Mittelpunkt, sein Abgleiten im Leben, seine Drogensucht über sein Betteln vor dem Gourmettempel Tantris bis hin zu seinem Entschluss 1977, ich bin dann mal weg.

Uli Oesterle verarbeitet mit dieser künstlerischen Auseinandersetzung seine eigene Vergangenheit. Ein außergewöhnliches Stilmittel, das nur in Ansätzen unterhaltsam und witzig daherkommt, sondern eher nachdenklich macht und individuelle Aufarbeitung beinhaltet, ohne dabei als Blaupause für andere Szenarien verstanden werden zu wollen. Diese öffentliche Form der Bewältigung und Darstellung der eigenen Emotionen hat etwas Beeindruckendes und zeugt von einem starken Charakter des Autors. Ein gelungener Einstand mit dem tiefen Fall von Rufus Himmelstoss und ehrlichen Zeichnungen.

 

Buch 5

Achim Riether, Staatliche Graphische Sammlung München (Hrsg.) Einblattholzschnitte des 15. Jahrhunderts, Deutscher Kunstverlag, Berlin, ISBN: 978-3-422-97985, 58 EURO (D)

Als Einblattholzschnitt bezeichnet man die frühesten Werke des Bilddruckes in Mitteleuropa, die zwischen 1400 und 1550 als Einzelblätter unabhängig von Buch- und Textdrucken hergestellt wurden. Einblattholzschnitte zeichnen sich dadurch aus, dass sie nur einen Schöndruck (Vorderseite) und keinen Widerdruck (Rückseite) kennen Die „Einseitigkeit“ der Einblattholzschnitte war drucktechnisch bedingt. Die Figuren des Einblattholzschnittes sind in der Regel klar und übersichtlich gezeichnet, ohne Berücksichtigung einer räumlichen und körperlichen Wirkung. Häufig waren sie für ein nachträgliches, manuelles Kolorieren gedacht und deshalb in ihrer Darstellung auf Umrisslinien beschränkt.

Die Staatliche Graphische Sammlung München besitzt einen der weltweit bedeutendsten Bestände an deutschen Einblattholzschnitten des 15. Jahrhunderts. Sie entstanden im bayrisch-Salzburger Raum, wo sie in Klosterbesitz überdauert haben. Sie werden in diesem Bestandskatalog erstmals in einem Buch vorgestellt.

Das Buch wird von zwei Essays eingeleitet. Im ersten stellt Achim Riether den Einblattholzschnitt des 15. Jahrhunderts vor. Vor der Entstehung der Einblattholzschnitte im 15. Jahrhundert waren religiöse Bilder den meisten Bevölkerungsgruppen nur in Kirchen zugänglich. Mit dem neuen Medium des Einblattholzschnittes war es weiten Kreisen möglich, religiöse Bilder zu erwerben. Die Zunahme des privaten Bildbesitzes steht deshalb in enger Wechselbeziehung zu einem sich eher ins Private zurückziehenden religiösen Verhaltens. Andreas Strobl präsentiert danach Curt Glasners Buch über den Einblattholzschnitt aus dem Jahre 1923 und dessen Kernaussagen Danach werden die Abbildungen des Bestandes mit Namen, Entstehungsort und Entstehungsdatum abgedruckt.

Anschließend folgt der Katalog. Dessen Abfolge ist eine ikonografische: beginnend mit dem Alten und Neuen Testament, gefolgt von Darstellungen der Heiligen, allegorischen religiösen Blättern bis hin zu Kalendern und anderen Sujets der realen Welt. Die Seitenzahlen der Abbildungen finden sich bei den jeweiligen Katalognummern. Der Katalog wurde von sechs Autoren erstellt und enthält neben einer ausführlichen Beschreibung und einer Abbildung folgende systematische Angaben: Informationen zum Holzschnitz, zur Kolorierung, ggf. Xylografischer Text, Maße, Stempel, Verso, Provenienz, Erhaltung, Literatur.

Am Ende des Kataloges wird das Gulden Puchlein, eine Papierhandschrift, die vom Nürnberger Dominikaner Conrad Forster sehr wahrscheinlich für das Nürnberger Dominikanerinnenkloster St. Katharina geschrieben worden ist, behandelt. Es besteht aus acht Zeichnungen und Miniaturen und 70 teils kleinformatige, teils ganzseitige kolorierte, eingeklebte Holzschnitten. Die Miniaturen und Holzschnitte des Gulden Puchlein sind extra gelistet.

Am Ende des Buches behandeln Katrin Holzherr, Melanie Anderseck und Cornelia Stahl die Drucktechniken, Druckfarben, die verschiedenen Kolorierungen, die Metallauflagen, Erhaltungszustand und Restaurationsgeschichte des Münchener Bestandes. Im Anhang findet man Konkordanzen, Provenienzen sowie eine ausführliche Bibliographie.

Mit Einblattholzschnitten werden bestimmt wenige etwas anfangen können, von daher ist das einleitende Essay wichtig für das Verständnis. Diese früher als Gebrauchsgüter verstandenen Blätter sind heute seltene Objekte der Kunstgeschichte vor der Erfindung des Buchdrucks, von denen heute nur noch ein paar tausend existieren. Die Münchener Sammlung ist eine der größten der Welt, von daher werden in diesem Buch die Kunstwerke erstmals einem größeren Publikum zugänglich gemacht. Mit den Seitenzahlen bei den Katalognummern wurde eine verständliche Systematik gewählt, die jedes einzelne Blatt in einen größeren Zusammenhang stellt. Die Abbildungen lassen jedes Detail erkennen, die Literaturhinweise sind sehr umfangreich.

 







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