Leseauszug aus dem Buch " Mao in der bayerischen Provinz" von Max Brym


02.10.19
KulturKultur, Organisationsdebatte, TopNews 

 

„Viele Menschen wurden in den siebziger Jahren in maoistischen K- Gruppen politisch sozialisiert. Nach der Forschung durchliefen rund 100.000 Personen in der BRD solche Gruppen. Besonders stark waren außerhalb der Großstädte in Bayern, solche Organisationen in den tiefschwarzen Landkreisen Altötting und Mühldorf. Diese Geschichte in der ich persönlich stark involviert war wird aufarbeitet. Geschichte ist geronnene Erfahrung und darf nicht vergessen werden. Es geht um die SIK ( Sozialistisches Initiativkomitee Altötting- Mühldorf- Wasserburg), die KPD/ML und die „Arbeiter Basis Gruppen“ später „Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD“, sowie die nichtmaoistische DKP im ländlichen Raum. Das Buch behandelt die Gründung des Habermas Lesekreises in Altötting im Jahr 1968. Es geht um die Auseinandersetzung bezüglich des Jugendzentrums am Ort. Dann folgte 1972 die Spaltung der SIK, es entstanden die „ Arbeiter Basis Gruppen“ in Altötting. Die KPD/ML sorgte Anfang der siebziger Jahre für viel Aufsehen in Burghausen und insbesondere in Töging am Inn. Der Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD war mit seiner Zeitung „ Der Rote Landbote“ besonders in Waldkraiburg und in Altötting aktiv. Personen welche damals öffentlich auftraten und somit als Personen der Zeitgeschichte gelten werden mit ihren Klarnamen benannt. Andere Namen von Aktivisten wurden abgeändert. Auch wenn die Gruppen aus heutiger Sicht klein erscheinen mögen erreichten Sie in den genannten Landkreisen im Lauf der Jahre hunderte von vor allem jugendliche Menschen welche kürzere oder längere Zeit in einer oder mehreren der genannten Gruppen aktiv waren. Die Publikationen vor allem des Arbeiterbundes hatten durchaus Einfluss in bestimmten Betrieben etwa dem Werk Gendorf in Burgkirchen, oder der WASAG Chemie in Aschau am Inn sowie dem Betriebswerk der DB in Mühldorf am Inn. Die DKP Zeitung „Im Chemie Dreieck“ brachte den einen oder anderen Kommunalpolitiker in Waldkraiburg und Burghausen ins schwitzen. Ähnliches gilt für den „ Roten Landboten“ des Arbeiterbundes in Altötting und der „Vertriebenenstadt“ Waldkraiburg. Bekannt wie bunte Hunde waren damals in den beiden Landkreisen der Altkommunist Georg Kellner, ( DKP) aus Burghausen, Harald Haugwitz, wohnhaft in Neuötting ( Arbeiterbund) Dietmar von der Au, aus Altötting ( SIK) und meine Person vor allem in Waldkraiburg ( DKP dann Arbeiterbund). Die Jusos waren damals auch im südostoberbayerischen Chemiedreieck ziemlich weit links. In Altötting wurden sie von Walter Roßdeutscher repräsentiert. In Burghausen von dem jetzigen SPD Bürgermeister Hans Steindl. Er galt damals als „ roter Rebell“ und bezichtigte auf einer DKP Veranstaltung in Burghausen, die DKP zu weit „ rechts zu stehen“.


Sinn und Zweck

Das vorliegende Büchlein stellt eine Mischung aus persönlicher Erinnerung und realen zeitgeschichtlichen Ereignissen dar. Es soll gezeigt werden, dass es in dem Marinewallfahrtsort Altötting nicht nur bescheidene Arbeiter im Weingarten des Herrn gab, sondern auch Juden, Antifaschisten und rebellierende Jugendliche im Gefolge der Studentenbewegung von 1968. In der „Vertriebenenstadt“ Waldkraiburg hielten nicht nur gestrenge sudetendeutsche Revanchisten Hof, sondern eben so sehr sudetendeutsche Sozialdemokraten und Gewerkschafter. Auch in Waldkraiburg entwickelten sich ab Anfang der siebziger Jahre oppositionelle kommunistische Gruppen. Natürlich verändert sich manches in der persönlichen Betrachtungsweise im Lauf der Zeit, aber das Ideal einer sozial gerechten Gesellschaft bleibt. Zudem ist jeder Mensch das Produkt seiner Umgebung und seiner Familie. Nach meiner Erfahrung haben ehemalige Freunde von mir in Altötting und Waldkraiburg eine nachhaltige Prägung erhalten. Wenn ich die heute angegrauten „Linksextremisten“ aus Waldkraiburg und Altötting in München treffe, fällt mir immer wieder auf: Keiner dieser linken Rebellen aus Waldkraiburg und Altötting ist politisch nach rechts gegangen. Sie sind in unterschiedlicher Form links geblieben. Offensichtlich hat die katholische Dogmatik aus Altötting in umgekehrter Form eine bestimmte Eigendynamik entwickelt. Auch der Katholizismus enthält soziale Elemente. Bei einigen Menschen führte diese Dynamik zu den Lehren von Karl Marx. Die Härte der Auseinandersetzung in den genannten Orten, härtete ab. Der neoliberale Zeitgeist hat bei Altlinken aus Altötting und Waldkraiburg schlechte Karten.
Das Buch erscheint im Herbst 2019 Erinnerung an den Kriegsbeginn 1939 in Waldkraiburg

Im Herbst 1979 hatte die VHS in Waldkraiburg Süd in der dortigen Realschule zu einer Veranstaltung zum Kriegsbeginn 1939 ausgerechnet Dr. Walter Brand eingeladen. Wir mobilisierten über den „Roten Landboten“ ca. 30 Leute, um die Veranstaltung mit dem Altfaschisten Brand zu verhindern. Das war zwar eine Vereinfachung, aber dennoch hatte es eine solch spannende und emotionsgeladene Veranstaltung in Waldkraiburg noch nie gegeben. In dem Raum waren ungefähr 60 Anhänger von Brand sowie unsere Aktivisten und jede Menge Polizei. Zehn Polizisten wachten im Raum, draußen im Wald und auf den Parkplätzen war fast eine Hundertschaft Polizei. Der dritte Bürgermeister Werner Tusche von der SPD bat als Veranstaltungsleiter gleich zu Beginn: „Bitte, bitte, bleibt friedlich. Noch nie hat eine Veranstaltung der VHS unter solchen Bedingungen stattgefunden.“ Während der Veranstaltung kam es immer wieder zu Unterbrechungen. Brand konnte nicht in Ruhe sprechen. Dennoch war er gut gelaunt und jubilierte: „Ich freue mich, ich freue mich, dass ich so etwas noch erleben darf. Das erinnert mich an die Zeit, als ich mit Konrad Henlein durch das Sudetenland zog und dort von der tschechischen Polizei vor dem Terror der Kommune geschützt wurde.“ Während der Diskussion wurden drei unserer Genossen von der Polizei abgeführt. Es kam immer wieder zu kleinen Handgreiflichkeiten. Nur ich konnte relativ ruhig meinen Beitrag beenden. Der geschickte Politiker Brand benutzte mir gegenüber das vergiftete Argument: „Den Herrn Brym nehme ich ernst. Er liegt zwar falsch, aber er ist wenigstens belesen.“ In Waldkraiburg war die Veranstaltung hinterher Stadtgespräch. Die Brüder Brunotte nannten mich in der Gaststätte Rübezahl, wo es neben dem normalen Stammtisch noch einen Stammtisch gab, an dem sich CSU-Stadträte und brave sozialdemokratische Stadträte trafen, einen Terroristenchef. Die Aktion war im Wesentlichen richtig. Ich erhielt viel Zuspruch gerade von alten Sozialdemokraten aus dem ehemaligen Sudetenland, wie Pfeifer, Hartl, Teistler und anderen. Am SPD-Rentnerstammtisch wurde ich nach der Aktion gegen Brand zum Essen eingeladen. Es ging um Dr. Brand, nicht um meine Ideen zu Mao.

Maoismus in Waldkraiburg – Kneipenpolitik

Die Gaststätte Rübezahl war ein wichtiger politischer Ort in Waldkraiburg. Am ersten Tisch, meinem Stammplatz, wurde sofort nach dem Druck der „Rote Landbote“ verteilt. Der Wirt Augsten nahm immer gleich zehn Stück ab und gab sie am Abend an die Honoratioren der Stadt weiter. An diesem Tisch hatte ich einige Arbeiterfreunde. Am Abend wurden laut Witze über die eifrig lesenden Stadträte, die weiter hinten saßen, gemacht. „Na, Heinz (Heinz Hampel, CSU Stadtrat), bist du schon fertig“, oder: „Gotti (SPD-Stadtrat Rainer Gottwald), was sagst du.“ Die Herren reagierten meistens nicht. Sie hörten sich sogar unsere Spottgesänge an. Ein gewisser Holer dichtete „Gotti, ach Gotti, fahrn wir nach Brunotti in der gut old Hampel Land, da spielt die Friedel Stecher Band.“ Es gab Gelächter und böse Blicke. Der in Waldkraiburg bekannte Rechtsanwalt Hübner, genannt Hübi, schwankte zwischen dem Prominententisch und dem Tisch des „Roten Max“. Sein Kommentar zu meinen Argumenten und zum „Landboten“ war meistens: „Also juristisch betrachtet kommst du damit vor Gericht nicht durch, Max.“ Wieder Gelächter. Auch Kurt Mangler war oft in der Gaststätte Rübezahl. Oft lobte er dort gegenüber älteren Sozialdemokraten den „Roten Landboten“. Zum vorbeihuschenden Stadtrat Gottwald sagte er dann meistens: „Hoppla, da kommt ja der Flügeladjutant des Bürgermeisters.“ In dieser politischen Ideenschmiede Waldkraiburgs gab es durchaus seltsame politische Vorkommnisse. Ein sozialdemokratischer Stadt- und Kreisrat wollte Mangler am späten Abend beweisen, wie links er eigentlich sei. Mangler hatte persönlich etwas gegen diesen älteren Genossen. Grundsätzlich nannte er den Stadtrat nur „Zahnklempner“ und den SPD Stadtrat Friedel Stecher „Klimperheini“. Stecher spielte öfter bei SPD-Infoständen Klavier. Der SPD Stadtrat brüllte Mangler an: „Ich bin der Linkeste aller Linken, ich bin schon fast ein Anarchist.“ Woraufhin Mangler meinte: „Albert, erzähl das alles bitte in der nächsten Stadtratssitzung“, was natürlich nicht geschah. Viele Debatten wurden damals in der Gaststätte Rübezahl geführt, wo es einmal die Woche einen SPD-Rentnertisch gab. Stets brachte ich den neuesten „Roten Landboten“ vorbei und bot die „Kommunistische Arbeiterzeitung“ an. Oft verkehrten wir damals auch in einem großen Café am Stadtplatz. Der Wirt war zwar reaktionär, aber dennoch freundlich. Eines Tages bat er mich zu einem Gespräch ins Hinterzimmer seiner Gaststätte. Er regte sich furchtbar über einen Stadtratsbeschluss bezüglich der Autostellplätze in Waldkraiburg auf, demzufolge jeder Gastronom für die städtischen Parkplätze eine hohe Summe bezahlen sollte. Er forderte mich auf, dass ich dazu einen Artikel im „Roten Landboten“ schreiben solle, was ich ihm gegen die gleich in bar bezahlte Spende von 500 Mark zusicherte. Den Artikel hielten wir für angebracht, weil diese Gebühr kleinere Lokalinhaber ziemlich belastete. Still und heimlich senkte der Stadtrat nach der Veröffentlichung dann diese Gebühr für Lokalinhaber. Mit den anderen Genossen vom Arbeiterbund traf ich mich, wenn es wichtig war, entweder im Wald oder in den Gaststätten des Albaners Hamid, der „Kupferkanne“ oder einem Lokal im Altvaterweg. Dort waren wir relativ sicher. Einmal im Monat fand eine Sitzung mit einem Anleitungskader aus München statt. In diesen Lokalen verkehrten fast nur Emigranten und Säufer, keine städtische Prominenz und auch keine SPD- und CSU-Mitglieder. Für öffentliche Veranstaltungen des Arbeiterbundes gerade zum 1. Mai fanden wir immer eine Lokalität. Zwar war es nicht mehr die Gaststätte am Rathaus oder „Nolli“, doch fast immer gab uns Harald Zappe einen Raum. Auch im „Weißen Hirsch“ fanden Veranstaltungen statt.

Vorbestellungen unter https://www.suedwestbuch.de/buecher/neuerscheinungen/item/mao-in-der-bayerischen-provinz








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