Neuerscheinungen Geschichte

08.01.19
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Geschichte der Welt

Sebastian Konrad/Jürgen Osterhammel: Geschichte der Welt: Wege zur modernen Welt 1750-1870, C. H. Beck Verlag, München 2016, ISBN: 978-3-406-64104-6, 49.95 EURO (D)

Globalgeschichte verfolgt das Anliegen, die Weltgeschichte als Ganzes zu sehen und nicht nur als Summe der Geschichten ihrer Teile. Ein wichtiger Impuls war die Überwindung des Eurozentrismus in der Geschichtswissenschaft, verbunden mit dem Anliegen, die Geschichte Europas als Norm zu betrachten. Der Aufstieg der Globalgeschichte ist auch Reaktion auf die zunehmende Fragmentierung der Geschichtswissenschaft und als Versuch, eine Metaebene als Idealtypus zu etablieren. Aus diesen verschiedenen Motivationen entstand im Bereich der Globalgeschichte ein Gemisch aus detailreichen Forschungen einerseits und größeren Synthesen bzw. Syntheseentwürfen andererseits.

Die Metaebene ist die „Geschichte der Welt“ eine Kooperation zwischen den beiden Verlagen C.H.Beck und der Harvard University. Diese ist auf sechs Bände angelegt, dies ist der vierte Band der Universalgeschichte. Die hier vorgestellte Epoche bietet große Umwälzungen wie in Europa die Französische Revolution. Im 19. Jahrhundert der Schwerpunkt der globalisierten Welt von der Achse Europa-Amerika stärker nach Europa-Asien, die Kolonisation und die Ausbeutung bislang unbekannter Gegenden durch europäische Staaten und Gesellschaften und offen ausgesprochene imperialistische Bestrebungen, die einen Gegenpol bildeten zu Ideen der Aufklärung. Die Modernisierung mit Dampfmaschinen, des Schienennetzes, neuer technologischer Möglichkeiten sowie politische und gesellschaftliche Umwälzungen waren für diese Zeit charakteristisch: „Modern zu sein (…) war eine Vorstellung der Akteure, ein Begriff der Selbstverständigung. Und mehr noch: (…) Der Begriff wurde ebenso zur Abgrenzung von früheren Epochen verwendet wie zur Distanzierung von gesellschaftlichen Gruppen, die als rückständig betrachtet wurden – innerhalb der eigenen Gesellschaft und darüber hinaus.“ (S. 23)

Die vier Beiträge des Buches erheben zu keiner Zeit Anspruch auf Vollständigkeit. Je nach politischer Richtung, Zugehörigkeit, Identität und Interesse sollen vielfältige Möglichkeiten einer eigenen Deutung des Lesers gegeben sein.

Cemil Aydin analysiert zu Beginn Regionen und Reiche in der politischen Geschichte des 19. Jahrhunderts. Anschließend betrachtet R. Bin Wong die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, Macht und Unterdrückung, die Industrialisierung und den Welthandel. Danach präsentiert eine Sebastian Conrad eine Kulturgeschichte der globalen Transformation mit Blick auf die Aufklärung und Religion. Jürgen Osterhammel stellt Aspekte einer globalen Sozialgeschichte vor, auch mit einer Gegenüberstellung von Netzwerken und Hierarchien. Das erinnert ein wenig an Niall Ferguson Werk „Türme und Plätze. Netzwerke, Hierarchien und der Kampf um die globale Macht“, der dort auf die Freimaurerlogen, Illuminatoren, Wissenschaftler, Kapitalisten und Entdecker ein und ihre Konfrontation mit hierarchischen Organisationen eingeht.

Im Buch findet man noch 54 Abbildungen und 24 Karten zur Visualisierung. Jedes Kapitel für sich ist ein eigenes Buch mit eigener theoretischer Grundlage, eigenen Thesen und Narrativen. Die einende Klammer aller Beiträge ist der Versuch, die historische Entwicklung aus einer globalen Perspektive zu betrachten, also nicht nur jedes Land, jeden Kontinent, jede Kultur oder andere definierte Entität aus sich selbst heraus zu betrachten und zu verstehen. Der Anhang ist sehr opulent und gibt zahllose Möglichkeiten der selbständigen weiterführenden Lektüre geordnet nach Kapiteln. Ein Personen- und Ortsregister zum schnellen Nachschlagen ist auch vorhanden.

Der Versuch der Darstellung einer Art Weltgeschichte die Epoche zwischen 1750 bis 1870 überblicksartig, kann als gelungen gewertet werden. Es lässt sich immer einwenden, dies Thema wurde zu wenig, zu viel oder gar nicht angerissen. Das lässt sich aber bei einer globalgeschichtlichen Perspektive niemals vermeiden, daher ist das kein grundlegender Kritikpunkt. Die wichtigsten Ereignisse der jeweiligen Epochen werden überblicksartig geschildert, intensivere Lektüre wird durch die vielen Verweise angeregt.

Weltgeschichte als Überwindung eines länder- oder kontinentaler Perspektive und deren ersten Gehversuche sind immer zu begrüßen.

 

Buch2

Emily S. Rosenberg (Hrsg.): Geschichte der Welt: Weltmärkte und Weltkriege 1870-1945, C. H. Beck Verlag, München 2018, ISBN: 978-3-406-64105-3, 48 EURO (D)

In diesem fünften Band der Reihe „Geschichte der Welt.“ geht es um die Ausprägungen der Moderne zwischen 1870 bis 1945. Der gemeinsame Nenner der Beiträge dieses Bandes ist der Versuch, die historische Entwicklung aus einer globalen Perspektive zu betrachten, also nicht nur jedes Land, jeden Kontinent, jede Kultur oder andere definierte Entität aus sich selbst heraus zu betrachten und zu verstehen.

Dieses Zeitalter beinhaltet die Voraussetzungen und die beiden großen Katastrophen der Menschheit, die beiden Weltkriege mit Millionen von Toten, unvorstellbaren Zerstörungen und dem Zivilisationsbruch des Holocausts. Zwischen 1870 und 1945 wurden durch die rasanten Fortschritte in Kommunikation, Technologie und Transportwesen der Austausch von Menschen, Produkten und Ideen rasant beschleunigt. Die wachsende globale Vernetzung führte nicht immer zu einer transnationalen Weltsicht, der Imperialismus, Nationalismus, Rassismus und Kolonialismus sind auch Konstanten der Epoche.

Nach einer längeren Einleitung von der Herausgeberin über transnationale Strömungen in verschiedenen Bereichen behandelt Charles S. Meier die moderne Form der Staatlichkeit und die verschiedenen Formen des Regierens und Herrschens. Danach analysieren Tony Ballantyne und Antoinette Burton den Imperialismus, Kolonialismus und deren Rückkopplung auf die herrschenden Gesellschaften. Anschließend beschäftigt sich Dirk Hoerder mit dem Hauptthema Migration und die Zugehörigkeit und Identität zu Gesellschaften oder kulturellen Gebieten: Dabei werden freie und unfreie Migrationen, Migrationen infolge von Krieg, Weltwirtschaftskrise und Dekolonisation und der Aspekt des Lokalen besprochen. Danach gehen Steven C. Topic und Allen Wells auf die Veränderungen einer sich immer mehr global entwickelnden Wirtschaft und deren Warenketten ein. Emily Rosenberg skizziert danach transnationale Strömungen wie den Internationalismus, soziale Netzwerke, Ausstellungen, Expertennetzwerke und spektakuläre Strömungen wie Abenteurer, Shows und Konsumrausch.

 

Die Schattenseiten der technologischen Weiterentwicklung zeigten sich folgenreich in den beiden Weltkriegen, die für alle daran beteiligten Nationen, Gruppen oder Einzelpersonen Lebenseinschnitte bedeuteten, was hier in diesem Band leider etwas zu kurz kommt. Auch die Aspekte der Arbeiterbewegung, des Klassenkampfes und des Sozialismus/Kommunismus werden etwas stiefmütterlich behandelt.

Ansonsten findet man hier alle wesentlichen Leitlinien einer globalen Perspektive in einem Band vereinigt, wobei sich auch jedes Kapiteln einzeln lesen lässt. Der Anhang ist sehr ausführlich und gibt zahlreiche Möglichkeiten der selbständigen weiterführenden Lektüre geordnet nach Kapiteln. Ein Personen- und Ortsregister zum schnellen Nachschlagen ist auch vorhanden.

 

Buch 3

Daniel Bultmann: Kambodscha unter den Roten Khmer. Die Erschaffung des perfekten Sozialisten, Ferdinand Schöningh, Paderborn 2017, ISBN: 978-3-506-78692-0, 39,90 EURO (D)

 

Die Roten Khmer, deren Name sich von den ethnischen Mehrheit in Kambodscha, der Khmer, herleitet,  kamen die 1975 unter Führung von Pol Pot in Kambodscha an die Macht kam und bis 1979 das Land als staatssozialistischer Vorsitzender   regierte. Die Roten Khmer wollten die Gesellschaft mit Gewalt in einen Agrarkommunismus überführen. Dieser Prozess umfasste auch die fast vollständige Vertreibung der Bevölkerung der Hauptstadt Phnom Penh und mündete im Genozid in Kambodscha, der weltweite Bekanntheit erlangte. Bis zum Ende ihrer Herrschaft 1978 fielen den Roten Khmer nach den verbreitetsten Schätzungen etwa 1,7 bis 2,2 Millionen Kambodschaner zum Opfer. Die Schaffung eines neuen Menschen wurde pervertiert durch Tötung von Anhängern der Bourgeoisie und des religiösen Minderheiten.

In diesem Buch erzählt der Autor die Entwicklungslinien der Schreckensherrschaft der Roten Khmer in Kambodscha, die unter der Pervertierung des Sozialismus Millionen Menschen ermordeten, und die Nachwirkungen dieses Zeitalters für das Land bis heute. Außerdem möchte er mit manchen Mythen über die kommunistische Partei um Pol Pot, die im Kalten Krieg und den „Grabenkämpfen der 1970er und 1980er Jahre“ entstanden sind, aufräumen. (S. 10)

Danach widmet es sich dem Gesellschaftsprogramm der Roten Khmer und deren radikalen Plan des neuen sozialistischen Menschen.

Die Roten Khmer orientierten sich zwar am Maoismus, wiesen aber deutliche Unterschiede in der ideologischen Ausrichtung zur Volksrepublik China auf. Zentrale Elemente des Kommunismus wie industrieller Fortschritt, Technisierung und das Proletariat als Revolutionsträger fehlten, wohingegen das Bauerntum glorifiziert wurde und die Führungsspitze in extremer Verborgenheit agierte, selbst als sie die Staatsmacht innehatte. Aufgrund dieser Charakteristika wurde die Herrschaft der Roten Khmer auch mit dem Schlagwort „Steinzeitkommunismus“ bezeichnet. Die Sprecher der Roten Khmer verkündeten den Beginn eines neuen revolutionären Zeitalters, in dem jede Form der Unterdrückung und der Gewaltherrschaft abgeschafft sei.

Geld wurde abgeschafft, Bücher wurden verbrannt, Lehrer, Händler und beinahe die gesamte intellektuelle Elite des Landes wurden ermordet, um den Agrarkommunismus, wie er Pol Pot vorschwebte, zu verwirklichen. Die beabsichtigte Verlagerung der Wirtschaftstätigkeit aufs Land bedingte deren vollständiges Erliegen, da auch Industrie- und Dienstleistungsbetriebe – Banken, Krankenhäuser, Schulen – geschlossen wurden. Des Weiteren verboten die Roten Khmer jegliche Religionsausübung. Im Zuge seiner Bestrebungen zur Auslöschung der Religion ließ das Pol-Pot-Regime Hunderte von buddhistischen Klöstern, christlichen Kirchen und Moscheen zerstören.

Wie es dazu kam, dass Massenmorde in diesem Ausmaße möglich wurden, beschreibt er danach. Die Etappen der Eskalationslogik zwischen 1976 und 1979 sind vielfältiger Natur, die Abweichung von der selbst gesteckten Norm hat tödliche Folgen. Außerdem diskutiert er die Frage, ob es sich um Genozid handelt.

Am 25. Dezember 1978 marschierten Truppen des wiedervereinigten Vietnam nach von den Roten Khmer initiierten Grenzzwischenfällen in Kambodscha mit dem Ziel ein, das Pol-Pot-Regime zu stürzen und eine provietnamesische Regierung zu installieren. Dies geschah schon im Januar 1979, indem die „Einheitsfront für nationale Rettung“ das Pol-Pot-Regime stürzte und als neuen Regierungschef Heng Samrin einsetzte. Dieser war ein ehemaliges Mitglied der Roten Khmer, der sich jedoch aus Furcht vor den innerparteilichen Säuberungen im Mai 1978 nach Vietnam abgesetzt hatte.

Auf Initiative der Besatzer fand im August 1979 in Phnom Penh ein Schauprozess gegen Pol Pot und Ieng Sary  statt, der von Kaev Chenda, dem Minister für Propaganda und Information, geleitet wurde. Sie wurden in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

Danach wird der Guerillakrieg und seine Unterstützung von verschiedenen Seiten gegen die Besatzungsmacht Vietnam geschildert. In den Flüchtlingslagern fanden sie immer wieder Anhänger für ihre Agitation.

Auch nach dem Abzug der Vietnamesen Ende der 1980er Jahre befanden sich die Roten Khmer immer noch im Guerillakrieg gegen die Regierung und die Friedensmission der Vereinten Nationen. 1996 wurde Ieng Sary vom Hun-Sen-Regime amnestiert. Pol Pot starb 1998, ohne dass er verhaftet worden wäre. Im gleichen Jahr kapitulierten die letzten Roten Khmer. Dies ist Inhalt des letzten Kapitels.

Am 4. Oktober 2004, 25 Jahre nach den Ereignissen, die das Tribunal ahnden soll, beschloss das kambodschanische Parlament ein Gesetz, das einen von den Vereinten Nationen begleiteten Prozess gegen die noch lebenden Führungskader der Roten Khmer ermöglicht. Am 3. Juli 2006 wurden in einer feierlichen Zeremonie 27 Richter des Tribunals, unter ihnen zehn ausländische Juristen, vereidigt. Die Mühen dieses Aufarbeitungsprozesses, deren Grenzen und Kritikpunkte werden im Fazit aufgearbeitet.

Der Autor legt mit Recht Desinformationen und ideologische Mythen  vor über die Herrschaft der Roten Khmer frei: „Im Kalten Krieg kämpften vor allem linke und konservative Politiker, Wissenschaftler, Journalisten und Beobachter aller Art um die Deutungshoheit der jeweils eigenen Interpretationsfigur.“ (S. 13) Die unrühmliche Rolle der Kambodscha-Politik mancher Staaten im Kalten Krieg wird auch kritisch betrachtet und diskutiert.

Dieses Buch ist der erste gelungene Versuch einer Annäherung zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Herrschaft der Roten Khmer und der Beseitigung vieler Mythen im Zuge der ideologischen Kämpfe im  Kalten Krieg. Eine abschließende Einordnung wird wohl erst in naher Zukunft möglich sein.

 

Buch 4

Wolfgang Templin: Der Kampf um Polen. Die abenteuerliche Geschichte der Zweiten Polnischen Republik 1918-1939, Ferdinand Schöningh, Paderborn 2018, ISBN: 978-3-506-78757-6, EURO (D)

 

Nach der staatlichen Reorganisation  als Zweite Republik nach Ende des Ersten Weltkrieges im Jahr 1918 war die polnische Geschichte durch eine mühsame staatliche Reorganisation und mehrere militärische Konflikte mit nahezu allen Nachbarstaaten gekennzeichnet. Hitler und Stalin vereinbarten im Zusatzprotokoll des Ende August 1939 geschlossenen deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes die erneute Aufteilung Polens. Auf den Polenfeldzug der Wehrmacht, den Beginn des Zweiten Weltkriegs, und die sowjetische Invasion Ostpolens folgten Jahre der deutschen und der sowjetischen Besetzung. Im Zweiten Weltkrieg starben etwa sechs Millionen Polen.

Die Geschichte der zweiten Republik Polen 1918-1939 beschreibt in diesem Buch der Publizist und ehemalige Leiter des Warschauer Büros der Heinrich Böll-Stiftung, Wolfgang Templin, der von 2010-2013 dort eigene Wahrnehmungen in der Vergangenheitsdeutung kennenlernen konnte. Er machte dort die Erfahrung, dass die Interpretation dieser Zeit immer noch für die gegenwärtige Politik von Bedeutung war und innerpolnische Auseinandersetzungen befruchteten, die für das Ausland nicht nachvollzogen werden könnten: „Mein Buch richtet sich in erster Linie an den deutschen und westeuropäischen Leser, der diese Zeit zumeist aus einer anderen Perspektive wahrnimmt. Verständigung und Annäherung in schwierigen Zeiten setzen ein wechselseitiges Verständnis voraus.“ (S. 227)

Im Folgenden werden die Entwicklungslinien dieser Epoche beschrieben:

Anfang 1918 verlangten die Mittelmächte in Brest-Litowsk von Russland die Unabhängigkeit für Polen, dabei wurden Polens Grenzen von Deutschland und Österreich enger als 1772 gezogen. Nachdem das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn den Krieg faktisch verloren hatten und das Russische Reich im Chaos des Russischen Bürgerkriegs versank, erlangte Polen, auch durch politische Unterstützung der Westmächte, seine volle staatliche Souveränität zurück.

Am 7. Oktober 1918 proklamierte der Regentschaftsrat in Warschau einen unabhängigen polnischen Staat und übernahm fünf Tage später die Befehlsgewalt über die Armee.  Im November 1918 übernahm der aus der Haft entlassene Józef Pi?sudski in Warschau als vorläufiges Staatsoberhaupt die Macht. Er berief einen verfassunggebenden Sejm ein, der eine demokratische Verfassung ausarbeiten und verabschieden sollte. Im Versailler Vertrag musste Deutschland die völlige Unabhängigkeit Polens anerkennen. Die ersten Jahre der Unabhängigkeit vergingen mit dem inneren Aufbau des Staates. Die bestehenden staatlichen Strukturen, welche die drei verschiedenen Teilungsmächte hinterlassen hatten, mussten vereinheitlicht und teilweise neu geschaffen werden. Außerdem war das Land weitgehend vom Krieg verwüstet, wie auch seine Grenzen in weiten Teilen nicht festgelegt waren.

Als im Jahre 1921 die neue Verfassung verabschiedet wurde, in der nur ein schwacher Präsident vorgesehen war, verzichtete Pi?sudski auf die Ausübung dieses Amtes und zog sich ins Privatleben zurück. Die Jahre bis 1926 waren innenpolitisch von mehreren aufeinanderfolgenden parlamentarischen Regierungen bestimmt. Zum ersten offiziellen Präsidenten Polens wurde 1922 Gabriel Narutowicz gewählt, ein Vertreter der gemäßigten Linken. Dieser wurde wenige Tage nach seiner Amtseinführung von einem nationalistischen Fanatiker ermordet. Zu seinem Nachfolger wählte die Nationalversammlung den gemäßigten Sozialisten Wojciechowski. Da die Mehrheitsverhältnisse im polnischen Parlament instabil waren, gab es häufig Regierungswechsel.

Polen entwickelte ab 1921 gute Beziehungen zu Großbritannien und Frankreich, die an Polen als strategischem Bündnispartner interessiert waren und den Bau eines neuen Hafens in Gdingen finanzierten. Aus dem Fischerdorf mit 1000 Einwohnern wurde in wenigen Jahren ein Groß- und Militärhafen mit über 100.000 Einwohnern. Weil Gdingen mit dem Danziger Hafen konkurrierte und Polen gegen den Willen der Danziger Regierung ein polnisches Munitionslager durchsetzte, kam es zu Spannungen mit der Freien Stadt Danzig. Der Zugang zu Ostpreußen vom restlichen Deutschen Reich war möglich per Korridorzug von Konitz bis Dirschau durch das polnische Gebiet auf der Ostbahn oder per Schiff.

Immer wieder kam es aufgrund von unklaren Grenzverläufen des wiederhergestellten polnischen Staates zu Konflikten mit den Nachbarn. Mit Deutschland gab es zwischen 1919 und 1921 Kämpfe vor allem um den Besitz Oberschlesiens, die sich in drei Aufständen niederschlugen. Die Volksabstimmung in Oberschlesien am 20. März 1921 ergab eine Mehrheit von fast 60 % für den Verbleib bei Deutschland. Dabei gab es erhebliche regionale Unterschiede; in einigen Gebieten überwog das pro-polnische Votum. Polnische Freischärler begannen daraufhin am 3. Mai 1921, unterstützt von französischen Besatzungstruppen – Italiener und Briten stellten sich auf die deutsche Seite –, einen bewaffneten Aufstand, um den Anschluss des östlichen Teils Oberschlesiens an Polen gewaltsam durchzusetzen. Die Alliierten wollten vorher nur den Landkreis Pleß an Polen anschließen. Das Deutsche Reich konnte aufgrund der Beschränkungen durch den Versailler Vertrag und aufgrund der Intervention der anglo-französischen Sieger nicht gegen die Freischärler vorgehen, trotzdem kam es zu einigen blutigen Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Polen. Mit Billigung der deutschen Regierung versuchten Freikorps gewaltsam den Anschluss an Polen zu verhindern. Am 20. Oktober 1921 beschloss der Oberste Rat der Alliierten, nach einer Empfehlung des Völkerbundes, das oberschlesische Industriegebiet an Polen zu übertragen, dem es als Autonome Woiwodschaft Schlesien angeschlossen wurde. Beim Deutschen Reich verblieb der flächen- und bevölkerungsmäßig größere, eher agrarisch strukturierte Teil des Abstimmungsgebiets.

Dabei wurden die Provinzen des Königreichs Preußen, Westpreußen und Posen, die durch die Teilungen Polens an Preußen kamen, aus der Weimarer Republik herausgelöst und ohne Plebiszite der neuen Republik einverleibt. Polen bekam dadurch einen Zugang zur Ostsee. Einen Teil der Gebiete hatte polnisches Militär im Großpolnischen Aufstand bereits zuvor militärisch besetzt. Die alte Hansestadt Danzig wurde zur Freien Stadt Danzig erklärt und verblieb mit Nutzungsrechten Polens am Danziger Hafen außerhalb der Grenzen des neuen polnischen Staates unter der Aufsicht des Völkerbundes. Für weitere Gebiete sah der Versailler Vertrag Volksabstimmungen über die Staatszugehörigkeit vor.

Auch im Osten stießen die polnischen territorialen Bestrebungen stießen auch auf Widerstand. Wegen der nicht eindeutig abgrenzbaren Siedlungsgebiete verschiedener Völker gab es hier sich überschneidende Gebietsansprüche, vor allem mit den Ukrainern und den Litauern. Eine Woche nach der polnischen Unabhängigkeitserklärung riefen auch die Ukrainer in Lemberg ihre Unabhängigkeit aus, was den Polnisch-Ukrainischen Krieg um das ehemalige habsburgische Königreich Galizien auslöste. Besonders heftige Kämpfe wurden um Lemberg geführt, das polnische Freiwilligenverbände und reguläre Armeeteile am 21. November einnahmen. Der Krieg dauerte bis März 1919 an und wurde durch ein Abkommen zwischen Polen und der Ukraine am 21. April 1920 beendet. Der Völkerbund sah die Ziehung einer Grenzlinie vor, durch die mehrheitlich polnischsprachige Gebiete um Wilna in Litauen und Lemberg in Galizien dem polnischen Staat verloren gegangen wären. Die Pläne Pi?sudskis zielten hingegen auf die Wiedererrichtung einer Republik unter polnischer Führung in der Tradition der 1795 untergegangen Adelsrepublik, zu der auch mehrheitlich von Ukrainern und Weißrussen bewohnte Gebiete gehören sollten. Polnische Truppen besetzten daher 1919 den östlichen Teil Litauens um Wilna, das seine Unabhängigkeit gerade gegen Russland durchgesetzt hatte. Zudem drangen polnische Truppen tief in die Ukraine vor, was aufgrund der Überschneidung mit den territorialen Ansprüchen Sowjetrusslands zum Polnisch-Sowjetischen Krieg führte.

Das Ende des Krieges war bald soweit: Am 18. März 1921 unterzeichneten die Kriegsparteien in der lettischen Hauptstadt Riga den Friedensvertrag von Riga. Pi?sudski gelang es, die polnische Staatsgrenze etwa 200 km östlich der geschlossenen polnischen Sprachgrenze mit relativer Bevölkerungsmehrheit, der Curzon-Linie, zu ziehen. Im östlichen Teil Polens betrug der polnische Bevölkerungsanteil 1919 etwa 25 %, 1938 bezeichneten sich 38 % als polnisch. Die Bevölkerungsmehrheit bezeichnete sich als ukrainisch, weißrussisch oder jüdisch. Mehrheitlich polnisch – mit einem hohen Anteil Juden – waren dagegen die Städte Wilna und Lemberg.

Józef Pi?sudski war unzufrieden mit der innenpolitischen Situation, führte im Mai 1926 mit Unterstützung zahlreicher Anhänger in der Armee einen Staatsstreich durch und blieb bis zu seinem Tod im Mai 1935 an der Macht. Allerdings bekleidete Pi?sudski hierbei nur selten und nur für kurze Zeit offiziell bedeutende Ämter. Er war z. B. nie Staatspräsident, sondern überließ dieses Amt seinem loyalen Gefolgsmann Moscicki. Pi?sudski war meist nur Verteidigungsminister. Allerdings war er die allgemein anerkannte oberste Autorität im Staat. Auch gab es zumindest bis zum Ende der 1920er Jahre eine mehr oder weniger funktionierende im Parlament vertretene Opposition; diese wurde allerdings konsequent an der Übernahme der Macht gehindert.

Nach der Ermordung von Innenminister Bronislaw Pieracki im Juni 1934 ließ die Regierung in der Kleinstadt Bereza Kartuska im heutigen Weißrussland ein Internierungslager für ukrainische Nationalisten, Kommunisten und andere prominente Regimegegner anlegen. Das Regime nannte sich selbst Sanacja  („Gesundung“). Eine auf die Person Pi?sudski zugeschnittene neue Verfassung trat nach dessen Tod 1935 in Kraft. Der Trend hin zu einem autoritären Staat verstärkte sich weiter; die Rechte vor allem der slawischen Minderheiten (Ukrainer, Weißrussen) wurden massiv eingeschränkt, die Juden diskriminiert.  Einige Monate vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gaben die Regierungen Frankreichs und Großbritanniens Garantieerklärungen zum Schutze der Unabhängigkeit Polens ab. Diese blieben nach Kriegsausbruch aber ohne größere Folgen, was von Polen als „Verrat des Westens“ angesehen wurde.

 

Hier sind Parallelen zur Weimarer Republik unverkennbar: Auseinandersetzungen zwischen linken und rechten Fraktionen, eine instabile Republik und das Hervorbrechen von autoritären Lösungen. Der häufige Kriegszustand und Grenzstreitigkeiten ließen das Land nicht zur Ruhe kommen. Eine erneute Teilung der gerade erst wieder errichteten polnischen Republik stand immer im Raum, dies bewahrheitete sich schließlich auf schlimme Weise.

Dies ist wichtig für das Verständnis des heutigen Polens in seiner Sandwichposition zwischen den Großmächten Deutschland und Russland. Wie zwischen 1918-1939 wird das Gespenst einer erneuten Teilung gerade von nationalistischer Seite immer wieder hervorgehoben. Das Buch liefert dazu einen guten Beitrag, es hilft, um die innenpolitischen Geplänkel und außenpolitischen Sorgen besser einzuordnen.

 

Buch 4

 

Marc J. M. van den Broek: Leonardo da Vincis Erfindungsgeister. Eine Spurensuche, NA-Verlag, Mainz 2018, ISBN: 978-3-961760-45-9, EURO (D)

 

Leonardo da Vinci schuf nicht nur zahlreiche Kunstwerke, sondern außerdem eine große Anzahl von Entwürfen für Gebäude, Maschinen, Kunstgegenstände, Gemälde und Skulpturen, die zu verwirklichen er nie die Zeit fand. Von sich selber sagte er, dass er die Idee mehr liebe als deren Ausführung, und dass er am Anfang einer Tätigkeit bereits ans Ende dächte. Tun und Erkennen waren für ihn gleichermaßen wichtig. Teilweise wurde seine Tatkraft von seinem großen Forschungsdrang und Erfindungsgeist bestimmt. Zunächst wollte er lernen, Meisterwerke der Kunst zu schaffen. Mehr und mehr interessierte er sich dann aber für das Wissen über die Natur und war fasziniert von deren Vielfalt und Schönheit.

Dieses Buch zeigt anhand von mehr als 300 Abbildungen und erläuterndem Text, wie Leonardo bei vielen seiner Erfindungen aus dem reichen Fundus geschichtlicher weltgeschichtlicher Tradition geschöpft hat: „Ich habe mehr als 100 Erfindungen, die Leonardo da Vinci zugeschrieben werden, untersucht und konnte ältere Prototypen finden. Teilweise zeigen Leonardos Darstellungen verblüffende Ähnlichkeiten mit Zeichnungen aus dem Mittelalter, dem antiken Griechenland und Rom, dem chinesischen und dem persischen Reich und aus Ägypten.“ (S. 11)

Diese hat er in seiner Welt der Renaissance umgestaltet und neu interpretiert mit seinem aktuellen Wissen. Diesen Fundus an möglichen Quellen zu Leonardo da Vincis Inspiration stellt er in diesem opulenten Bildband dar. Van den Broek zeigt nicht nur auf, wo die Quellen zu einer ganzen Reihe von da Vinci zugeschriebenen Erfindungen liegen, er vermittelt dies durch fachliche und wissenschaftliche Hintergründe und Informationen. Technische Zeichnungen einer Brücke aus beweglichen Teilen, einer Antriebstechnik per Schaufelrad oder die Funktion des Kettenantriebes sind dabei nur einige Beispiele.

 

Dieses Buch konzentriert sich auf die zahlreichen Erfindungen des Universalgenies und stellt diese Artefakten aus der Vorzeit gegenüber, aus denen da Vinci Anregungen erhalten haben könnte. Um Missverständnissen vorzubeugen: Das Buch zeigt nicht, dass Leonardo ein unverbesserlicher Plagiator war. Es zeigt vielmehr seine außergewöhnliche historische und kulturelle Bildung und die Fähigkeit, aus etwas Unfertigen mit geistiger Weiterentwicklung und Erfindungsreichtum etwas Vollkommenes zu schaffen, das bis heute nachwirkt.

 

Buch 5

Christian Herrmann: In schwindendem Licht, Lukas Verlag, Berlin 2018, IBSN: 978-3-867-32301-7, 30 EURO (D)

In Osteuropa existierten ein blühendes jüdisches Leben und eine eigenständige Kultur, das durch den Holocaust zerstört wurde. Die meisten Juden wurden ermordet oder vertrieben. Viele Gebäude wurden zu Kinos umfunktioniert oder zweckentfremdet, jüdische Friedhöfe der Natur überlassen. In der Gegenwart erinnern sich kaum noch Menschen neben den existierenden Gedenkstätten und Mahnmalen an diese Zeit. Der Fotograf Christian Herrmann widmet sich den vergessenen und verbliebenen Spuren jüdischen Lebens in Osteuropa in dem Gürtel zwischen Baltikum und Schwarzem Meer: „Er kann die Toten nicht mehr zum Leben erwecken, aber er versucht sein Bestes, ihre Geister zu beschwören“, stellt der Historiker Adam Kerpel-Fronius in der Einleitung fest. Dies stellt er auf seinem Blog „Vanished World“ und in diesem Bildband dar. Dieser ist gleichzeitig in deutscher und englischer Sprache erschienen.

Zu sehen sind unter anderem die Ruinen der Leichenhalle in Chisinau im ehemaligen Bessarabien, heute Moldau. Weiterhin Massengräber beim ehemaligen Konzentrationslager an der Janowska-Straße in Lwiw/Lemberg in der heutigen Ukraine, zerstörte Friedhöfe in Bereschany in der Ukraine, in der Bukowina in Rumänien oder in Budapest an der Kozma-Straße. Ein unmarkiertes Massengrab im ukrainischen Busk sowie die ehemalige Große Synagoge in Lusk/Ukraine mit angebauter Sporthalle. Alle Bilder sind in künstlerischer Dokumentation in Farbe, unten ist der Ort, der Zeitpunkt des Bildes und das Motiv kurz erläutert.

Seit einiger Zeit nimmt das Interesse am jüdischen Leben in Osteuropa wieder zu: Menschen aus aller Welt möchten die Orte ihrer Vorfahren sehen und auch die jüdischen Gemeinden vor Ort werden größer. Diesen Aktivisten widmet Herrmann die letzten Seiten seines Bildbandes. Dort wird unter anderem eine chassidische Pilgerstätte im ukrainischen Brazlaw oder Freiwillige des Lviv Volunteer Center bei der Arbeit gezeigt. Am Ende des Buches findet man noch biografische Informationen über Christian Herrmann.

 

Die Bilder von Christian Herrmann stellen eindrücklich dar, in welchem Zustand sich weite Teile des jüdischen Erbe in Osteuropa außerhalb von erinnerungskulturellen Orten sich befinden. Die nach dem 2. Weltkrieg und dem Holocaust vergessenen Ruinen einer ehemaligen jüdischen Kulturlandschaft haben etwas Bedrückendes an sich und bedürfen dringend der Erhaltung und der Restaurierung. Dieser Bildband soll auch ein Weckruf sein.







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