Kafka auf Hartz IV: Politische Funktionen der Fantastik


23.12.18
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Kafka auf Hartz IV: Politische Funktionen der Fantastik

Von Hannes Sies

Spätestens mit Andreas Heyers Essay „Die Utopie steht links!“ (Rosa-Luxemburg-Stiftung 2006) ist eine populäre Gattung wieder in den Fokus politisch interessierter Menschen geraten: Die Fantastik. Die Gesellschaft verbessern zu wollen braucht Fantasie, sich Neues vorzustellen, von einer anderen Welt träumen zu können. Untrennbar von der utopischen Dimension ist die reflexive und ironische Funktion der Fantastik. Das jüngst publizierte Buch „Funktionen der Fantastik: Neue Formen des Weltbezugs“ stellt diesen gesellschaftskritischen Aspekt in den Mittelpunkt.

Das Herausgeber-Trio Sonja Klimek, Tobias Lambrecht und Tom Kindt wendet sich im Vorwort gegen die überholte Trennung von Fantastik und „ernster Literatur“ und kennzeichnet die moderne Fantastik „auch als Verfahren, welches als Vehikel von Medienkritik eingesetzt wird“. In einer weitgehend entpolitisierten Medienwissenschaft ist dies eine angenehme Überraschung. Es geht angesichts des Anspruches der Medien, uns ein realistisches, politisch ausgewogenes Bild der Realität zu vermitteln, um das „Gefühl der Unschlüssigkeit hinsichtlich der Gesetzmäßigkeiten unserer Alltagswelt“, welches die Fantastik anregen kann.

Angesichts der Massenwirkung audiovisueller Medien sollen hier drei der zehn Beiträge, die sich mit dem fantastischen Film befassen, besonders hervorgehoben werden. Die übrigen Aufsätze des Bandes widmen sich der fantastischen Literatur und behandeln dabei H.P. Lovecraft, Wolfgang Borchert, Rolf Dieter Brinkmann, Haruki Murakami, Julio Cortázar, Doron Rabinovicis und viele andere teils klassische, teils brandaktuelle Werke und Autoren. Als Einstieg und zugleich Musterbeispiel für gesellschaftliche Reflexion mittels Fantastik dient hier aber zunächst eine Kafka-Rezeption des populären TV-Kabaretts „Die Anstalt“. Pauschale Kritik an der Fantastik, sie würde nur zu Eskapismus und Entfremdung beitragen, soll damit zugleich in die Schranken gewiesen werden. Anschließend wird gezeigt, dass nicht nur kanonisierte Klassiker wie Kafka, sondern auch aktuelle Fantastik zu politischen Erkenntnissen beitragen kann.

Kafka auf Hartz IV

Entfremdung wird von der Fantastik weniger verbreitet als überhaupt erst auf den Punkt gebracht –indem das Grauen entfremdeter Existenz dem Leser vor Augen geführt wird. Die Erhebung von Kafka zur Schullektüre hat diese Erkenntnis eigentlich zum Bestandteil unserer Allgemeinbildung gemacht. Aktuelles Beispiel 2018: Eine bemerkenswerte Ausgabe der ZDF-Kabarett-Sendung „Die Anstalt“, die bekanntlich unter der Narrenkappe der Satire die wenigen öffentlich-rechtlichen Krümel kritischen Journalismus unserer Tage liefern darf, griff jüngst auf keinen Geringeren als selbigen Franz Kafka zurück.

Der Klassiker der Fantastik diente mit seiner gruseligen Erzählung „Die Verwandlung“ als Einstieg in den gelungenen Versuch, die Entfremdung und Entmenschlichung des Hartz-4-Regimes zu verdeutlichen: „Eines Morgens erwachte Gregor Samsa aus unruhigen Träumen und fand sich...“ nicht, wie bei Kafka, in ein „ungeheures Ungeziefer“, sondern in einen „Langzeitarbeitslosen“ verwandelt. Der Horror der entmenschenden Ausgrenzung wird in dieser genialen literarischen Anspielung dem bildungsbürgerlichen ZDF-Publikum nahe gebracht. Einem Publikum, dem sonst medial über H4-Opfer nur als auf dem Arbeitsmarkt unverwertbare, „selbstverantwortliche“ Parasiten berichtet wird. In der Figur von Gregor Samsa erfahren die ZDF-Zuschauer von der Entrechtung durch Hartz IV, dem Arbeitsregime , das unter perfider Einflüsterung durch Bertelsmann-Lobbyisten von SPD und Grünen errichtet wurde (wobei letztere sich mit Hilfe eines vom Mainstream diesbezüglich gepflegten medialen Schweigens inzwischen klammheimlich aus der Verantwortung stehlen).

Rosa Käfer –eine Kafka-Parodie?

Einen ähnlichen, aber ausgefeilteren Dreh verwendet Ulrike Draesner in ihrer Kafka-Parodie bzw. –Modernisierung „Rosakäfer“, wie Anna Ertel und Tilmann Köppe im Band „Funktionen der Fantastik“ erläutern. Es dort um die Geschichte der Verwandlung der jungen Rosa Mareggs in einen riesigen Käfer, die unter Anspielung auf Kafka ein ähnliches Schicksal durchläuft wie Gregor Samsa. Doch in unserer heutigen Mediengesellschaft isoliert ihre Familie sie nicht, wie bei Samsa, sondern macht aus ihr ein lukratives Medienevent. Im Internet und schließlich in TV-Shows wird sie gnadenlos vermarktet und dabei schließlich durch die zynische Ausgrenzung umgebracht, wie Gregor Samsa, bei dem dies freilich in der privaten Stille einer familiären Hölle geschah.

Zwar fürchte niemand, wie Ertel und Köppe erläutern, in ein riesiges Insekt verwandelt zu werden, aber jeder kann sich durchaus vorstellen, „wie fürchterlich es ist, aus dem Kreis der Mitmenschen ausgeschlossen zu werden“. Dies kann heute auch durch mediale Inszenierung einer Person geschehen, etwa im Internet-Blog „Alle-lieben-Rosa“, wo die Monstrosität um die lukrativen Klickzahlen einer Fangemeinde buhlt.

Wie dies bei einem realen Langzeitarbeitslosen aussehen kann, zitierten die ZDF-Kabarettisten im prominent gemachten „Florida Rolf“ herbei, den die deutsche Schmierpresse bis in ARD und FAZ hinein zum Inbegriff des „Sozialschmarotzers“ stilisierte. Er und etliche andere, die Bertelsmann auf RTL bis heute täglich in ihren Gröl- und Blök-Shows vermarkten, diente als Propaganda für eine Entmenschlichung des Arbeitsregimes: Hartz-Gesetze der Agenda 2010 hatte RTL-Besitzerkonzern Bertelsmann in seiner Stiftung unter Anleitung durch die Beraterfirma McKinsey ausbrüten lassen. Wen wundert’s wenn die mediale Begleitmusik optimal orchestriert wurde? So weit bzw. konkret wagen sich die akademischen Medienwissenschaftler in ihrem Buch allerdings nicht aus der Deckung, reflektieren aber immerhin noch ansatzweise die Frage nach der Wahrheit: Besser noch als bei Kafka würde bei Rosa Käfer der Medienkontext der Inhumanität herausgestellt, die Differenzen von „real-fantastisch“, „echt-unecht“ und „Wahrheit-Lüge“.

Es ist eine Differenz, so muss man den Fantastik-Text ergänzen, deren drängende Fragen unsere „Qualitätsmedien“ sich weniger selber stellen, als sie vielmehr neonazistischen „Lügenpresse!“-Schreiern in den Mund zu legen. Sogar wackere Medienjournalisten von ZAPP (ARD & Co.) hauen lieber wöchentlich auf ungebildete Pegida- und AfD-„Medienkritiker“ ein, als sich wenigstens einmal mit ernsthafter Kritik aus dem Netz zu befassen. Dabei kommt diese oft von ehemals renommierten Kollegen, die –freilich aus der sicheren Pensionistenposition heraus– die mangelnde Ausgewogenheit bei ARD & ZDF bemängeln (Hr.Bräutigam mit seinen vielfältigen und gut begründeten Rügen etwa).

Fantastik entlarvt mediale Hypnose

Fantastik kann Gesellschaftskritik verhindern, wenn sie zu purem Eskapismus führt, zur geistigen Flucht in Traumwelten, die reaktionäre Mythen transportieren. Sie kann jedoch auch das Gegenteil bewirken: Den Blick für Gesellschaftskritik öffnen, vor allem für Kritik an der medialen Hypnose, mit der heutige Machthaber ihre Herrschaft absichern, wie der 2008 verstorbene Dramatiker Harold Pinter in seiner (in unseren Medien verbissen beschwiegenen) Nobelpreis-Rede zu sagen wagte.

Wie das? In der Fantastik erleben die Figuren oft eine Destabilisierung ihres Weltbildes. Etwa regelmäßig bei Philip K. Dick, wenn z.B. in „Total Recall“ der Held erkennt, dass sein Alltag auf ihm implantierten künstlichen Erinnerungen beruht und er in Wahrheit jemand anderer ist (ähnlich in der Dick-Verfilmung „Blade Runner“). Der Schritt zur Frage, ob die uns von den Medien präsentierte bzw. eingetrichterte Realität nicht ebenso eine brüchige Lüge sein könnte, liegt da nicht fern.

Subtiler schleicht sich das Grauen einer ganz anderen Realität in den Geschichten H.P.Lovecrafts (1890-1937) ein: Die „erschrockenen Erzähler“ Lovecrafts verstricken sich langsam in einer unter der Oberfläche des Alltags lauernden fremden Wirklichkeit. Im Band „Funktionen der Fantastik“ widmet sich die Literatur-Professorin Annette Simonis der „Konstruktion und Destabilisierung des Weltbezugs bei H.P.Lovecraft und Haruki Murakami. Nun gilt gerade Lovecraft als Paradebeispiel des faschistoiden Phantasten: Sein rassistischer Ekel vor fremden Rassen und Kulturen ist in den Erzählungen unübersehbar, biographisch trat er als Antisemit und kurzzeitiger Bewunderer Adolf Hitlers in Erscheinung. Die schwachen, meist vergeblich kämpfenden Helden Lovecrafts werfen ein bezeichnendes Bild auf den Charakter eines prototypischen Rassisten: Das ihn ängstigende Fremde ist eklig, gallertig, dunkel und verboten, wird aber kaum je konkret. Er ist eine erbärmliche, von Selbsthass und –ekel geplagte Kreatur, die sich voller Furcht und ohne Hoffnung durch eine unverstandene und daher unheimliche Welt schleppt. Es ist der dunkle Zwilling des prototypischen Konsumenten aus der Werbung, der stets euphorisch zum nächsten Kauf eilt und gierig nach Luxusauto, Urlaubsreise oder Klopapier greift.

Der aktuell sehr erfolgreiche Autor Murakami wurde, so Simonis, von Lovecrafte inspiriert und geprägt. Beide Autoren ordnet sie einer speziellen Art von Fantastik zu, die gekennzeichnet ist von einem „plötzlichen Hereinbrechen fantastischer Momente in eine ansonsten eher realistisch geschilderte Welt“. Lovecraft begründete, seinem Idol Edgar Allan Poe nachfolgend, das Genre der „Weird Fiction“, inszenierte darin das Grauen einer destabilisierten Welt, in der geheime Kulte im Dienste uralter monströser Götter ihr Unwesen treiben. Murakami sei dagegen, laut Simonis, im Gegensatz zu Lovecraft nicht dem klassischen Horror verpflichtet. Murakami führt das Unheimliche subtiler in seine Geschichten ein, etwa in der Titelgeschichte der Sammlung „The Elephant Vanishes“. Dort entnimmt der Ich-Erzähler beiläufig seiner Frühstücks-Zeitung, dass in einer Vorstadt Tokios ein Elefant verschwunden sei, samt Wärter. Der Protagonist verstrickt sich im Lauf der Story immer tiefer in dieses unerklärliche Ereignis und erlebt eine Verunsicherung, in der Simonis „deutliche Parallelen zu Lovecrafts Erzählungen“ erkennt. Doch der aktuelle Murakami lebt in unserer medial durchmachteten Jetztwelt: „Murakamis Kurzgeschichte kreist signifikanterweise um das Verschweigen und Vergessen des unerklärlichen Vorfalls in den Medien“ (Simonis).

Leider ist die Literatur-Professorin ganz in ihrer unpolitisch (miss-) verstandenen Profession befangen und deutet die von ihr bemerkte Signifikanz nur hinsichtlich des „Weltbezugs bei Lovecraft und Murakami“. So entgeht ihr möglicherweise der Clou von Murakamis Shortstory: Die Anspielung auf die englische Redewendung „the elephant in the room“, also das Thema, das alle vermeiden, obwohl es im Raum steht. Dieses Drumherum-Reden um den Kern einer Sache, das Ausblenden des Wichtigsten, um eine zurechtgebogene Sicht der Welt zu konstruieren, das ist tägliche Praxis in den sogenannten Freien Medien der Freien Welt des Westens.

Das Gefühl einer unheimlichen Hypnose der Öffentlichkeit durch die Medien (Harold Pinter), die eine grauenhafte Wirklichkeit verbergen wollen –Leser von Lovecraft und Murakami erleben es und vielleicht erkennen sie es in unserer gesellschaftlichen Realität wieder. Man denke nur an den vom Westen (sprich: den USA) betriebenen „Regimechange“ (sprich: Putsch) in der Ukraine. Dieser geschah im Rahmen einer offiziellen Strategie Russland einzukreisen und zu schwächen, speziell: Moskau seine strategisch zentrale Marinebasis auf der Krim zu entreißen. Dies ist „the elephant in the room“ bei jedem Bericht, der „Putins Annexion der Krim“ einhämmern soll, und es gibt viele dieser Berichte. Alle versuchen, den Elefanten zu leugnen und stattdessen die Mär von Putins aggressiven Gelüsten auf eine Restauration des „Sowjet-Reiches“ zu verbreiten, die angeblich hinter der Krim-Affäre stecken (und nicht Intrigen und Aggressionen des Westens).

Und die grauenhaften Geheimnisse hinter der (reichlich offensichtlichen) Propagandaversion der Mainstreammedien? Die Neonazis auf dem Maidan, ihr dortiges Massaker vor dem Putsch, dessen wahrscheinliche Hintermänner bei CIA und Blackwater, die Dominanz der Faschisten im Parlament von Kiew, die von einem prowestlichen Mob öffentlich verübte Verbrennung von Maidan-Gegnern bei lebendigem Leibe in Odessa usw. All das verschwiegen, verdrehten, verharmlosten die Westmedien solange, bis sich in Berlin Demonstranten versammelten, gegen die auf Putin als „Bösen Mann“ zielende Kriegspropaganda: Die Montags-Demonstrationen für den Frieden mit Russland. Man braucht vermutlich eine an Lovecraft geschulte Paranoia, um das rasche Auftauchen von Neofaschisten, Pegida und AfD in dieser medienkritischen Bewegung mit der NSU-Connection der westlichen Geheimdienste in Verbindung zu bringen: Die Medienkritiker wurden so als Nazis und dümmliche „Lügenpresse-Schreier“ stigmatisiert und ARD & Co. konnten ungestört mit ihrer tendenziösen Berichterstattung weiter machen.

Diese rechtswidrige Tendenz wurde bekanntlich sogar von einem internen Kontrollgremium der ARD detailliert nachgewiesen und gerügt: Deren an das Blog Telepolis geleakte Bericht ist ein weiterer „elephant in the room“ unserer Medien. Von all dem ahnt Professor Annette Simonis freilich nichts oder traut sich nicht, es in Bezug zu Lovecraft/Murakami zu setzen. Immerhin gesteht sie jedoch abschließend den beiden Fantastik-Autoren zu, mit der in ihren Texten inszenierten „Verunsicherung und Desorientierung“ mitunter „kultur- und gesellschaftskritische Perspektiven“ zu eröffnen. Welche? Darum sollen sich, wie Simonis offenbar meint, andere kümmern, vielleicht ja politische Blogs wie dieses hier.
 

Venedig, Wolfgang Borchert und die Piraten der Karibik

Auch Dr. Keyvan Sarkosh vom Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik analysiert die Fantastik auf „Verunsicherung und Desorientierung“ hin, aber im Film. Dafür nimmt er sich in seinem Buchbeitrag „Wenn die Wirklichkeit aus den Fugen gerät“ drei Horrorfilme des Jahres 1973 vor, deren hierzulande bekanntester „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ sein dürfte. Sarkosh sieht in den Horrorfilmen den „Angriff auf einen majoritären Realitätsbegriff“, allerdings unter Rückgriff auf Okkultismus, Spiritismus und –immerhin- den religionsethnologischen Diskurs. Die Frage nach kultur- und gesellschaftskritische Perspektiven kommt bei ihm jedoch nicht nur zu kurz, sondern unterbleibt nahezu ganz. Dennoch ahnt man, wie das Infragestellen einer Mainstreamsicht auch im Film angeregt werden könnte.

Mitherausgeberin Sonja Klimek widmet sich in ihrem Beitrag ebenfalls einem Film, Rudolf Jugerts „Film ohne Titel“ (1948), sowie Wolfgang Borcherts bekanntem Theaterstück „Draußen vor der Tür“ (1947), die beide fantastische Elemente aufweisen. Borchert erlebte den Erfolg seines Stückes, das den Kriegsheimkehrer thematisierte, nicht mehr: Er starb an einem „durch Krieg und Mangelernährung bedingten Leberleiden“. Borchert reflektiert das Medium Theater im Handlungsverlauf, etwa wenn Kriegsheimkehrer Beckmann seine eigene, „wahre“ Geschichte als launige Kabarett-Nummer darbieten soll. Das Theaterstück, das auch als „Spukspektakel“ bezeichnet wird, überschreitet zwar zuweilen die Grenzen zur Allegorie, z.B. wenn ein Gespräch von Gott mit dem Tod dargestellt wird, es überwiegen jedoch fantastische Elemente, wie die „Albtraum-Revue am Ende des Stücks“.

Das Überleben des Weltkriegs und die Verarbeitung seiner Gräuel sind auch Thema des „Film ohne Titel“, der 1948 in die deutschen Kinos kam. Dort beraten anfangs ein Schauspieler, ein Regisseur und ein Drehbuchautor, ob man im Jahr 1947 überhaupt einen „heiteren Film“ machen könne, denn „jeder versuch wirkt banal oder zynisch vor dem heutigen Hintergrund der Zeit“. Der Film beginnt eine Liebesgeschichte zu erzählen, unterbricht sie jedoch immer wieder durch Reflexionen über deren Möglichkeit, bis hin zur Präsentation verschiedener Varianten des Endes: Boulevard-Komödie, Liebesschnulze, tragischer „Trümmerfilm“. Sonja Klimek sieht hier eine „neue Funktion des Weltbezugs und seiner gleichzeitigen Infragestellung in der Fantastik: „Wie stellenweise bei Borchert, so weiß man auch hier nicht, welcher Realitätsstatus den verschiedenen ‚Filmen im Film‘ eigentlich innerhalb der Rahmenhandlung zukommt...“. Die Infragestellung einer medial präsentierten Weltsicht, so muss man auch hier ergänzen, ist heute eine sehr vernünftige, ja, höchst notwendige Haltung gegenüber den Medien.

Ingrid Tomkowiak, Professorin für Literatur und Medien in Zürich, behandelt in ihrem Beitrag aktuellere Filme der Fantastik, besonders die berühmte Filmtrilogie „Pirates of the Caribbean“. Diese hätte das klassische Genre des Piratenfilms um fantastische Elemente bereichert: Fabelwesen, Fischmenschen, Zombies, antike Götter, Totenreich, Fluch und Zauber. Mystery, Komik, Action und Fantasy mischen sich in den Blockbustern. Tomkowiak sieht darin einen „Kommentar zum Aufstieg des globalisierten Kapitalismus“. Vielleicht ist es auch bezeichnend für die miefige, ängstliche Welt der deutschen Kulturwissenschaften, dass sich hier eine Schweizerin mit den deutlichsten Worten der politischen Dimension zuwendet.

Anhand des Animationsfilmes „Rango“ (2011) analysiert sie dann eine zentrale Ideologie des Westens, den Heldenmythos des Westerns der USA, bei Rango satirisch inszeniert: Held Rango ist eine Eidechse, die in ihrem behüteten Terrarium quasi vor dem Spiegel die Westernheld-Rolle einübt. Dann, bei einem Umzug, fliegt ihr gläsernes Heim vom Laster, und Rango landet in der Kleinstadt „Dirt“ (Schmutz) in der Wüste, wo er westernlike die Rolle des Sheriffs übernimmt. Ingrid Tomkowiak scheut sich nicht vor politischen Bezügen: Sie weist daraufhin, dass „Rango“ in den ersten Regierungsjahren von Barack Obama in den USA entstand, und dass Obama in seinen berühmt gewordenen Reden am 8.Januar 2008 in New Hampshire und am 4.November in Chicago sich in Heldenrhetorik übte. Tomkowiak stellt fest, „...dass er bzw. seine speechwriter über die Konstruktion von Heldenfiguren Bescheid weiß“, die „Selbststilisierung zum Erlöser“ inklusive –die auch Filmechse Rango in seiner Rolle als Sheriff bemüht.

Im Realfilm (d.h.ohne Animationen) „Lone Ranger“ (2013) sieht Ingrid Tomkowiak dagegen den „Wilden Westen“ der Pionierzeit, auf dem die Westernmythen basieren, in einer „Dekonstruktion“. Man sehe dort „eine ziemlich düstere Bilanz der zivilisatorischen Leistung der sogenannten Pionierzeit“. Am Beispiel des Eisenbahnbaus sehe man, „...wie der Westen verloren ging, weil er dem Imperialismus geopfert wurde: Blinder Fortschrittsglaube, Gier nach persönlichem materiellen Profit, Sucht nach globaler Ausdehnung der eigenen Wirtschaftsmacht... lassen die Menschen über Leichen gehen.“ „Rango“ demontiert den Western-Heldenmythos, „Lone Ranger“ die Pioniermythen und: „In ‚Pirates of the Caribbean‘ verweist das Verschwinden der übernatürlichen Welt und der weißen Flecken auf der Landkarte auf die brutale Übermacht des globalisierten Kapitalismus.“

Sonja, Klimek, Tobias Lambrecht und Tom Kindt (Hrsg.), Funktionen der Fantastik: Neue Formen des Weltbezugs, Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2017, 201 S.







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