Neuerscheinungen Literatur


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02.10.18
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtips von Michael Lausberg

Buch 1

Elke Heidenreich/Tom Krausz (Fotograf): Alles fließt. Der Rhein. Eine Reise. Bilder. Geschichten, Corso Verlag, Wiesbaden 2018, ISBN: 978-3-7374-0744-1, 24,90 EURO (D)

Die Literatin Elke Heidenreich und der Fotograf Tom Krausz schildern in diesem Buch ihre persönlichen Eindrücke auf einer Reise entlang des Rheins. In ihrer Betrachtung über den Rhein orientieren sie sich an der Flusstheorie des griechischen Philosophen Heraklit: „Weil alles fließt, verändert sich alles, und so sehen wir den Vater Rhein mit unseren Augen (…).“ (S. 13)

Die altgriechische Formel panta rhei (‚alles fließt‘) ist ein auf den griechischen Philosophen Heraklit zurückgeführter Aphorismus zur Kennzeichnung der heraklitischen Lehre. Bereits in augusteischer Zeit war diese formelhafte Zusammenfassung der Gedanken Heraklits in Gebrauch. In der kosmologischen Theorie Heraklits befindet sich einer seiner bekanntesten Lehrsätzen, vor allem: „Alles bewegt sich fort und nichts bleibt.“). Platon verbindet dies mit alten Weisheiten über Kronos und Rhea. Dabei unterstellt er, der Name Rhea könne auf die Bedeutung „fließen“ zurückgeführt werden. Sie wird durch die sogenannten „Fluss-Fragmente“ gestützt, in denen Heraklit das Sein mit einem Fluss vergleicht. Rhea ist die Tochter der Gaia und des Uranos, eine der Titaninnen aus der griechischen Mythologie sowie die Gemahlin ihres Bruders Kronos, mit dem sie gemeinsam den ewigen Fluss der Zeit und der Generationen bestimmt. Die Flusslehre ist im Zusammenhang mit Heraklits Lehre von der Einheit aller Dinge zu verstehen.

Zu Beginn schildert Heidenreich ihre persönliche Beziehung zum Rhein und einiges über ihre Motivation, seinen Flusslauf näher zu erkunden. Das Buch beginnt mit der Wanderung zu den beiden Quellen des Rheins in den Alpen. Dann erkunden sie per Schiff und Auto in verschiedenen Kapiteln bis zum Niederrhein. In den Betrachtungen werden immer wieder Sagen und Mythen (Rheingold, Nibelungen) sowie die Ergüsse verschiedener Literaten über den Rhein durch die Jahrhunderte vorgestellt. Die Umgebung wie die Burgen, das Rolandseck oder der Weinanbau werden ebenfalls präsentiert. Mit Basel, Straßburg, Speyer, Worms, Mainz, Koblenz, Köln, Düsseldorf bis zum Ruhrgebiet werden auch einzelne Städte und ihre Bewohner näher vorgestellt. Die Gegenwart als einer der verkehrsreichsten Wasserstraßen der Welt und die Umweltproblematik stehen ebenfalls im Mittelpunkt.

Der Rhein prägte und prägt heute immer noch das Leben der umliegenden Regionen in kultureller, wirtschaftlicher oder identitätsstiftender Hinsicht. Die Bilder von der Mündung über Vorderrhein, Hinterrhein, Alpenrhein, den Bodensee, den Hochrhein, Oberrhein, Mittelrhein und Niederrhein sind ausdrucksstark und facettenreich. Der Text von Elke Heidenreich ist persönlich gehalten, aber auch informativ und ein guter Gegenpart zu den Bildern von Tom Krausz. Insgesamt gesehen eine schöne Betrachtung von Geschichte und Gegenwart eines der meistrezipierten Flüsse in der BRD.

 

Buch 2

Greer, A.S.: Mister Weniger, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2018, ISBN: 978-3-10-397328-0, 22 EURO

Der US-amerikanische Autor Andrew Sean Greer erhielt für sein Werk  „Less“2018 den Pulitzer Prize for Fiction. Nun erscheint es in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Mister Weniger“.

Das Buch spielt im Homosexuellen-Milieu, dies trägt autobiografische Züge, da der Autor selbst mit einem Mann zusammenlebt.  Der Titelheld Arthur Weniger, der gerade erst sein neuestes Manuskript bei seinem Verlag eingereicht hat, ist ein mäßig erfolgreicher Autor und hat auch sonst in seiner Persönlichkeit einiges weniger als andere. In der Vergangenheit hatte er zwar einige schriftstellerische Erfolge, war aber in der jüngeren Vergangenheit weniger erfolgreich. Weniger ist ein trotteliger liebenswürdiger Tollpatsch aus San Francisco in den mittleren Jahren auf der Suche nach sich selbst und der Liebe.

Um der bevorstehenden Hochzeit seiner langjährigen Liebe Freddy zu entgehen, nimmt er Einladungen zu wenig berauschenden Events in der ganzen Welt an. Zusammen mit seinem großen Koffer und seinem Markenzeichen, dem blauen Anzug, tingelt er durch die Welt: New York, Berlin, Mexico City, Kyoto, Marokko oder Indien. Hier bekommt der Roman etwas Slapstickhaftes: Verkleidet mit Astronautenhelm als Moderator einer Lesung mit einem Science-Fiction-Autor in New York oder sein Leseabenteuer mitten in der Nacht in einer Berliner Keller-Disco ist mit viel Witz und Selbstironie geschrieben. Die dabei Dargestellten der Literaturszene sind allesamt ein wenig durchgeknallt, was das Werk höchst unterhaltsam macht. Urkomisch wird es auch als sein blauer Anzug nicht mehr tragbar ist, er sieht dadurch seine Persönlichkeit zerstört.

Die Erfüllung des Lebens findet er auf seiner Weltreise nicht, auch wenn er in allen Ländern, die er besucht, auf andere schwule Männer trifft, die einem Abenteuer mit unserem Helden nicht abgeneigt scheinen. Dies sind auch alte Partner des Weniger, die auch nicht seine Komplexe mit seinem alternden Körper nehmen können. Diese Abenteuer enden eher frustrierend, seine Gedanken kreisen immer um das Thema Liebe. Erst nach der totalen Katastrophe folgt die überraschende Wende.

 

Dies ist eine locker geschriebene mit einem trotteligen sympathischen Helden, der ein wenig an den Schauspieler Heinz Erhardt erinnert. Die Homosexuellenszene und der Literaturbetrieb und deren Angehörige werden satirisch und selbstironisch dargestellt. Das Buch wird nie langweilig, hat immer Pointen und viel Witz und hat doch noch ein versöhnliches Ende. 

 

Buch 3

 

John Boyne: Cyril Avery. Roman, Piper, 2018ISBN: 978-3-492-05853-7, 26 EURO (D)

 

Der irische Schriftsteller John Boyne verfasste fünfzehn Romane und verschiedene Kurzgeschichten, die in 51 Sprachen übersetzt wurden. Mit dem Roman Der Junge im gestreiften Pyjama aus dem Jahre 2007 gelang Boyne der internationale literarische Durchbruch.

Sein neuer Roman beschreibt die Lebensgeschichte von Cyril Avery, der seit der Kindheit an niemals Geborgenheit oder einen Ort, der für ihn ein Wohlfühlpunkt darstellt, kannte. Der Roman spielt im 20. Jahrhundert an verschiedenen Orten und Staaten, die er auf der lebenslangen Suche nach Liebe und einem Zuhause kennenlernt.

Cyril Avery wächst in Irland als uneheliches Kind in Irland auf, was Mitte des 20. Jahrhunderts in dem katholisch geprägten Land immer noch als Stigmatisierung angesehen wurde. Diese Ablehnung spürt er in seiner Pflegefamilie in Dublin, die mehr auf sich fixiert waren und ihm wenig Zeit und Geduld widmeten. Abgeschoben in ein katholisches Jungeninternat mit strengen Regeln und Verhaltensnormen lernt er den undurchsichtigen Jungen Julian kennen und findet in ihm erstmals einen Vertrauten. Diese Gefühle beginnen sich zu verstärken, so dass er für ihn mehr als Freundschaft empfindet. Homosexualität oder deren Vorstufen galten besonders in einer katholischen Einrichtung als Todsünde, was Cyril zu spüren bekommt und schließlich auch seine Freundschaft mit Julian zerbricht.

Tief enttäuscht von seinem Heimatland, das ihm keine Heimat gab, sucht er sein Glück wie viele seiner Landsleute im Ausland. Nach einem kurzen Abstecher in Amsterdam landet er in New York, einer liberaleren Stadt als das Dublin der 1940er und 1950er Jahre. Dort zieht es ihn auch wieder weiter. Die Weltreise des Cyril Avery hat dann doch noch ein Happy End zu bieten.

 

Cyril Avery ist ein Suchender, der niemals Geborgenheit und Glück kennengelernt hat. Boyne malt ein negatives Bild der irischen Gesellschaft Mitte des 20. Jahrhunderts mit rigorosen katholischen Dogmen, wegen denen letztlich der Held des Romans das Land verlässt. Man empfindet Mitleid mit Avery und hofft auf eine Wendung in seinem Leben. Dieser emotional geschriebene Roman gepaart mit viel Gesellschaftskritik ist absolut lesenswert.

 

Buch 4

 

 

Thomas Zimmer: "Erwachen aus dem Koma?" Eine literarische Bestimmung des heutigen Chinas, Tectum Verlag, Baden-Baden 2017. 510 S., 49,95 EURO (D)

 

Der Sinologe Thomas Zimmer beschäftigt sich in diesem Werk mit der chinesischen Gegenwartsliteratur und stellt sich die zentrale Frage, ob die  chinesische Literatur seit der blutigen Unterdrückung des Studentenaufstands 1989 „aus dem Koma“ erwacht ist: „Die Ereignisse von 1989 in China und insbesondere das Massaker vom 4. Juni auf dem Platz des Himmlischen Friedens haben bei den Künstlern und Denkern verheerende Spuren hinterlassen.“ (S. 17) Er sieht Chinas Gegenwartsliteratur als Seismograph der Demokratisierung im Land.

Indem er namhafte und populäre chinesische Autoren und deren Werke analysiert, will er die Spielräume von Literatur, Kunst und Kultur im Spannungsfeld von staatlicher Zensur, marktwirtschaftlichen Kriterien und internationaler Vernetzung in der Volksrepublik beschreiben.

Sein Buch untersucht historische Wendepunkte der Literatur, die Form der Rezeption des Aufstandes von 1989 und neueren Entwicklungen in Chinas Historie. Angefangen der Kritik am Konfuzianismus über Mo Yans Werk „Die Sandelholzstrafe“, das die deutsche Kolonialherrschaft zum Thema hatte, bis zur Herrschaft Maos werden Grundzüge der Literatur nachgezeichnet. Nach dem Tod Maos 1976 wurde die Diktion des sozialistischen Realismus gelockert und eine Wende vollzogen. Der heute in Frankreich wohnende Gao Xingjian wird dabei besonders hervorgehoben. Jia Pingwa mit seinem Werk „Verrottete Hauptstadt“ sowie Can Xue mit seinem Epos „Die Straße der fünf Gewürze“ werden in diesem Zusammenhang analysiert.

Aufbauend auf diese Darstellung der Entwicklungslinien der chinesischen Literatur stehen gegenwartsbezogene Werke mit ihren verschiedenen Formen steht in der Analyse aber im Mittelpunkt. Han Hans Straßenliteratur mit einem (pseudo?)-rebellischem Image sowie Cai Jun als Vertreter des Fantasygenres werden näher präsentiert.

Zimmer bezweifelt in seinem Fazit, dass Chinas Literatur „aus dem Koma erwacht“ ist: „Die Beschäftigung mit der Vergangenheit im Sinne einer politischen, rechtlichen und künstlerischen Auf- und Bearbeitung ist immer – nicht nur in China – work in progress. Da problematische Vergangenheit in China weitgehend schlecht dokumentiert und weder politisch noch rechtlich aufgearbeitet ist, kommt der Literatur eine besondere Rolle zu, um die Erinnerung wach zu halten. Dieser Anspruch ist zum Teil auf sehr beeindruckende Weise erfüllt und bei Weitem nicht abgeschlossen. Abzuwarten bleibt, was die nächste, die jüngere Autorengeneration aus dem Thema macht.“ (S. 457)

In den letzten drei Jahrzehnten hätten Literaten dort „zum Teil Räume gefunden, doch den einen, schützenden Raum, in dem sich kreative Energie unbehindert entfalten kann, gibt es weiterhin nicht.“ (S. 458)

 

Hier werden Strömungen, Epochen und Stilrichtungen der chinesischen Literatur vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart beschrieben. Zimmer betrachtet Literatur als Katalysator und Avantgarde gesellschaftlicher Phänomene und sieht weiterhin ein kulturelles-moralisches Vakuum in der Aufarbeitung und Erinnerungskultur an das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens.

China hat sich seit 1989 verändert: Die Entwicklung Chinas zu einem kapitalistischen Wirtschaftssystem mit staatlicher Führung schreitet immer weiter fort, der Traum von der wirtschaftlichen Vorherrschaft in der Welt erzwingt gleichzeitig eine Öffnung des Landes. Das Internet und andere Folgen der Globalisierung wie die internationale Vernetzung kommen als Faktor hinzu. Dies alles sorgt dafür, dass die staatliche Repression nicht mehr so verfolgt werden kann wie früher. Diese sich bietenden Räume nutzt ein Teil der Literaturszene in China für sich aus.

Das Problem von allgemeinen Aussagen über die chinesischen Gegenwartsliteratur und deren Bedingungen ist jedoch: Nicht jede Literatur enthält aber politische Aussagen oder ist als Widerstandform, Systemtreue oder Erinnerungskultur zu fassen. Die Deutungen der einzelnen Werke sind auch je nach Ansicht variabel, dies sind immer Faktoren, die bei einer solchen Fragestellung mitbeachtet werden müssen.

 

 

Buch 5

Sven Deppisch: Täter auf der Schulbank. Die Offiziersausbildung der Ordnungspolizei und der Holocaust, Tectum Verlag, Baden-Baden 2017, ISBN: 978-3-8288-4050-8, 39,95 EURO

 

 

Der Münchener Historiker Sven Deppisch analysiert in seiner hier vorliegenden Dissertation erstmals die Geschichte der Polizeischule Fürstenfeldbruck während der NS-Zeit. Als führende Schule im „Dritten Reich“ bildete die Ordnungspolizei dort hunderte Nachwuchskräfte aus, die später durch ihr „Wissen“ mit für den Holocaust verantwortlich waren. Als elitärer Ausbildungsbetrieb der NS-Diktatur war dort neben praktischen Techniken und Wissen auch die „Rassenlehre“ der Nazis Bestandteil der Lehrgänge. Neben internen Einblicken in das Leben an der Polizeischule Fürstenfeldbruck arbeitet Deppisch heraus, an welchen Verbrechen sich ihr Personal beteiligte.

Das Buch beginnt mit einer Geschichte der deutschen Polizei von der Weimarer Republik bis in die Nachkriegszeit, wo der Autor als Konstante eine faschistische Denkweise, gleiche Einsatzmuster und Feindbilder herausarbeitet. Danach analysiert er die Offiziersausbildung der Weimarer Polizei von 1918 bis 1935, danach die Ausbildungen unter der NS-Herrschaft von 1936 bis 1945. Anschließend geht es um Fächer, Inhalte und Resultate in der Offiziersausbildung der Ordnungspolizei von 1936 bis 1945. Dabei unterteilt er diese in militärische, polizeirelevante, rechtliche, polizeidienstliche und politisch-weltanschauliche Fächer nach den Prinzipien der NS-Lehre und untersucht auch das Weiterbildungsprogramm für Offiziere der Ordnungspolizei. Danach folgt eine Erörterung der Lebens- und Themenwelten an der Polizeischule in Fürstenfeldbruck, wobei das Kapitel „Der Umgang mit dem Tod“ schon Vorbote für den Holocaust ist. Das Personal der Polizeischule (Lehrer, Schüler, Kommandeure) und ihre Anwendung des dort Gelernten stehen im Mittelpunkt des nächsten Kapitels. Die Entwicklung der Polizeischule Fürstenfeldbruck mitsamt Lehrinhalten und Kontinuitäten in der Nachkriegszeit wird dann vorgestellt. Danach folgt das wichtige Kapitel über die Relevanz der Ausbildung für die politische und berufliche Sozialisation der Polizeioffiziere. In einem Fazit werden dann die wichtigsten Thesen nochmals zusammengefasst.

Dabei wird deutlich, dass viele Schüler, Lehrer und Kommandeure der Polizeischule in Fürstenfeldbruck in den „auswärtigen“ Kriegseinsatz in den besetzten Ländern geschickt wurden und dort viele Polizeiregimenter anführten. Einige von ihnen machten im Hauptamt Ordnungspolizei und in anderen Behörden Karriere. Das dort erlernte Wissen war „Training für den Holocaust“. (S. 585) Die Polizeischule in Fürstenfeldbruck diente als Schnittstelle der NS-Polizeikultur und der informellen Polizistenausbildung. In der Ausbildung wurden Juden unter dem Etikett des „Bandeskampfes“ umgebracht. Die Polizeischule Fürstenfeldbruck besaß innerhalb der Ordnungspolizei eine „so exponierte Position, weil sie als Alma Mater für erschreckend viele Massenmörder und Kriegsverbrecher fungierte. Daraus ergibt sich folgende bittere Erkenntnis: Die Polizeischule Fürstenfeldbruck war ein zentraler Täterort des ‚Dritten Reiches‘ und zugleich ein bedeutender Knotenpunkt auf dem Koordinatensystem des Holocaust.“ (S. 592)

 

 

Wer schützt uns vor der Polizei? In dieser groß angelegten Studie wird ein weiteres Kapitel der unrühmlichen Rolle der Polizei im Nationalsozialismus detailliert beschrieben. Die tragende Rolle der Polizei als willfähiger Diener des NS-Staates und seiner Ziele wird hier glänzend aufgearbeitet.

Es gab auch dort keine „Stunde Null“: Wie so viele NS-Täter durften sie nach 1945 ihre Karrieren einfach fortsetzen, ohne jemals angemessen bestraft worden zu sein. Faschistisches Gedankengut innerhalb des Apparates der Polizei in der frühen Bundesrepublik waren daher auch keine „Einzelfälle“, sondern das Resultat von politischen Versäumnissen und verdrängter Schuld. Dies zeigt dieses Buch eindeutig.

„Ordnungshüter“ werden selbst zu Tätern, eine Tatsache, die nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch in der Gegenwart zu beobachten ist. Dort sollten die Verantwortlichen angesichts rechter Umtriebe auch mal genauer hinschauen und dies nicht als „Einzelfälle“ abtun.

 

Buch 6

 

Barbara Toth: Stiefmütter. Leben mit Bonuskindern, Residenz Verlag, Wien/Salzburg 2018, ISBN: 978-3-7017-3439-9

 

Die Zahl der Patchworkfamilien nimmt in den letzten Jahrzehnten immer mehr zu. Wie dies auf Kinder wirkt, ist durch verschiedene Studien schon ausreichend untersucht worden. In diesem Buch nimmt die Autorin Barbara Toth, die selbst Stiefmutter und Mutter ist, nun die vernachlässigte Frage nach dem Umgang der Frauen mit der neuen Situation ins Visier. Dabei haben Stiefmütter immer noch ein Imageproblem: „Ihr Ruf ist historisch belastet, immer noch miserabel und spiegelt nicht einmal in Ansätzen wieder, was sie mittlerweile gesellschaftlich leisten. Die Stiefmutter, die an die Stelle der verstorbenen Mutter tritt, ist inzwischen selten geworden. Sie wird abgelöst von der Vollzeit-, Teilzeit-, Wochenend-, Lebensabschnitts- oder Stiefmutter fürs Leben.“ (. S. 8)

Zunächst beschäftigt sie sich mit typischen Rollenkonstellationen und Erwartungshaltungen. Dann berichtet sie von dem angeblichen Faktum, warum es in der BRD oder Österreich schwieriger ist als anderswo Mutter oder Stiefmutter zu sein. Wie die Annahme von Bonuskindern aussehen kann und inwiefern sie in Konkurrenz zu den leiblichen Eltern stehen, wird dann anhand von Beispielen aus der Tierwelt und wissenschaftlichen Studien erläutert.

Die rechtlichen Grundlagen und Hindernisse für das Leben von Patchworkfamilien in der BRD und Österreich werden danach geschildert. Anhand von Alltagserlebnissen ihr Wissen in Schlagwörtern von A bis Z im nächsten Kapitel weiter.

Die Bedingungen für eine „gute Stiefmütterbewegung“, also eine Art Lobbyarbeit, werden im letzten Kapitel behandelt. Dabei heißt es: „Die Stiefmütterbewegung kämpft, wie jede gesellschaftspolitische und in dem Fall auch feministische Bewegung, zuerst einmal um Anerkennung und Rechte. Sie will weg von dem überkommenen Bild der Stiefmutter als partnerschaftliche Notlösung, als zweite Wahl, als bedauernswerter Kompromiss, als Antipode zum Klischee der guten, aufopfernden natürlichen Mutter. (…) Sie sind oft der wichtigste Anker der Patchworkfamilien, sie tragen die doppelte und die dreifache Last, gleichzeitig sind sie auch Tabubrecherinnen und Infragstellerinnen der ‚alten‘ Familienstrukturen und geraten deswegen auch schneller unter Druck als etwa der biologische Vater oder die biologische Mutter.“ (S. 119) Neben der Akzeptanz fordert die Autorin auch eine Reform des Eherechtes.

 

Der Autor gebührt der Verdienst, ein Thema anzusprechen, über das es bislang nicht viel Literatur gab. Die Tatsache, dass sie selbst Stiefmutter und Mutter ist, macht das Buch und ihre Ratschläge authentisch und alltagstauglich. Obwohl jede Familie verschieden ist, gibt es doch viele gleichartige Probleme. Allerdings ist die These, dass die Stiefmütter oder Mütter in Österreich oder in der BRD es schwieriger haben als anderswo, außer den rechtlichen und staatlichen Hürden, nicht zu teilen. Akzeptanz hat aber nichts mit Ländergrenzen zu tun. Außerdem lassen sich schwerlich Beispiele aus der Tierwelt auf den Menschen übertragen.

 

 

Buch 7

Kunsthaus Zürich/Züricher Kunstgesellschaft (Hrsg.): Fashion Drive, Extreme Mode in der Kunst, ISBN: 978-3-7356-0432-3, 50 EURO

In dieser Publikation werden Modegeschichte und Kunst zusammengebracht. Wie haben Künstler auf extreme Mode der letzten 500 Jahre reagiert und dies in ihren Werken zum Ausdruck gebracht? Mode wird in diesem Zusammenhang als ökonomischer, praktischer Faktor wie Spiegel gesellschaftlicher Befindlichkeiten, Ausdruck von Sehnsucht und Instrument für Ein- und Ausschlussmechanismen. Die Publikation ist als Begleitband für die gleichnamige Ausstellung vom 20.4. bis zum 15.7.2018 im Kunsthaus Zürich erschienen.

Mit der Etablierung der Porträtmalerei als eigenständiges Genre in der Renaissance setzt auch die Auseinandersetzung der Kunst mit extravaganter Mode ein. Von diesen Anfängen bis in die Gegenwart handeln die Ausstellung und dieser Begleitband. Er ist in elf Kapitel eingeteilt, wo neben dem Text auch immer wieder die besprochenen Artefakte abgebildet sind. Angefangen mit dem Zeitalter der Renaissance, über Barock, Rokoko und der Französischen Revolution, Empire und Wiener Kongress, die Auseinandersetzung mit der Figur des Dandys, dem Reifrock bis zu den ersten Modeschöpfern sind die Abschnitte chronologisch gegliedert. Danach folgen noch die Aufarbeitung der Bereiche Mode und Öffentlichkeit, Künstler entwerfen Kleider, die wesentlichen Subkulturen in der Nachkriegszeit, Topmodels und Selbstinszenierung sowie die Beschäftigung mit dem Posthumanen und Holistischen. Vierzehn Autorinnen und Autoren nähern sich den Themenblöcken in wissenschaftlicher, essayistischer und poetischer Art. Außerdem wird die Geschichte der Mode anhand ausgewählter Beispiele näher illustriert. Im Anhang findet man noch ein Verzeichnis der ausgestellten Werke, die Biografie der Autorinnen und Autoren sowie einige Gedichte.

 

Dieses Buch ist eine Zeitreise durch rund 500 Jahre Modegeschichte im Spiegel der Malerei, Zeichnung, Plastik, Installation, Fotografie und Film. Die Wechselwirkung und die gegenseitige Befruchtung zwischen Kunst und Mode in ihrer extravaganten Erscheinungsformen werden hier substantiell in ausgezeichneter Form dargestellt. Dieses große Projekt, vor allem zeitlich gesehen, kann natürlich nur Grundelemente skizzieren und nicht die gesamte Bandbreite abdecken.

 

Buch 8

 

Mathias Schmidt, Dominik Groß, Jens Westemeier (Hrsg.): Die Ärzte der Nazi-Führer. Karrieren und Netzwerke. Reihe: Medizin und Nationalsozialismus, Bd. 5, LIT Verlag, Münster 2018, 344 S., ISBN 978-3-643-13689-3, 49.90 EURO (D)



In der Reihe Medizin und Nationalsozialismus des LIT-Verlages ist ein Sammelband erschienen, das die Biografie der Ärzte der Nazi-Führer beleuchtet. Viele von ihnen befürworteten die „Rassenlehre“, besaßen selbst Führungspositionen im NS-System und waren auch an der Umsetzung der Verbrechen beteiligt. Durch ihre exponierte Stellung als Berater und Vertraute der NS-Größen nahmen sie auch Einfluss auf politische Entscheidungen und waren somit ein wichtiger Pfeiler der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik.

Die wechselseitige Beziehung von Theodor Gilbert Morell zu Hitler als dessen „Leibarzt“ wird dabei ausführlich geschildert.1933 trat Morell in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei ein. Zu seinen Patienten gehörten viele prominente Künstler und Politiker. So bekam er Kontakt zu Hitler und wurde zu dessen Leibarzt ernannt. Morell blieb an Hitlers Seite bis zum 21. April 1945, als er überraschend entlassen und durch den SS-Arzt Werner Haase ersetzt wurde. Morell war Träger des Goldenen Parteiabzeichens und erhielt 1944 das Ritterkreuz des Kriegsverdienstkreuzes.

Morell wurde 1938 von Hitler zum Professor ernannt und erhielt 1944 das erste industriell gefertigte und funktionierende Elektronenmikroskop geschenkt. Morell war Träger des Goldenen Parteiabzeichens und erhielt 1944 das Ritterkreuz des Kriegsverdienstkreuzes.

Nach Kriegsende war Morell kurzzeitig in US-Gefangenschaft im Internierungslager Dachau. Dort wurde untersucht, ob er Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschheit begangen hatte, doch die Ermittlungen konnten ihm nichts nachweisen.

Nach Morell war Ludwig Stumpfegger der zweite Leibarzt von Adolf Hitler. Er begann seine Karriere im NS-System als leitender Arzt der chirurgischen Abteilung im SS-Lazarett Berlin. Danach wurde er Begleitarzt Heinrich Himmlers und wurde im September 1941 zum Führer der Chirurgengruppe beim Kommandostab des Reichsführers SS ernannt.

Im 2. Weltkrieg war er an Menschenversuchen an polnischen Frauen aus dem KZ Ravensbrück. Hierbei nahm Stumpfegger persönlich Verpflanzungen von Knochen und Muskeln vor und verwertete diese Menschenversuche für seine Habilitation im Herbst 1944 an der Medizinischen Fakultät der Universität Berlin.

Johannes Blaschke war bis Frühjahr 1945 Hitlers behandelnder Zahnarzt. Blaschke erhielt auf Weisung Hitlers den Titel eines Professors. Während des Zweiten Weltkrieges wurde Blaschke Ende August 1943 zum Obersten Zahnarzt beim Reichsarzt SS ernannt. In seiner Funktion war er am Aufbau von Zahnstationen in Konzentrationslagern beteiligt und verwandte möglicherweise auch Zahngold ermordeter Juden für seine Zahnbehandlungen.

 

Diese in diesem Buch vorgestellten Biografien zeigen das ganze Ausmaß der Involvierung der Ärzte der Nazi-Führer, die sowohl Überzeugungstäter waren und ihre Stellung für ihr persönliches Fortkommen oder Bereicherung zu nutzen wussten. Das Beschämende ist, dass viele von ihnen nach dem Ende der Nazi-Herrschaft nicht bestraft wurden und weiterhin ihre Karrieren fortsetzen konnten. Ein weiterer Beleg für die gescheiterte Entnazifizierungspolitik. Robert Ritter und sein Institut in Berlin sowie andere Bereiche in der Schnittstelle zwischen Medizin und Nationalsozialismus sind ausreichend untersucht worden, dieses ist ein weiterer wichtiger und gut verfasster Beitrag zu diesem umfangreichen Thema, was nicht heißt, dass ausführlichere Untersuchungen noch wünschenswert wären.

 

Buch 9

Susanne Wingels: 1000 Freizeittipps Niederrhein. Ausflugsziele, Sehenswürdigkeiten, Sport, Kultur, Veranstaltungen, Wartberg Verlag, Gudensberg-Gleichen 2018, ISBN: 978-3-8313-2892-5, 15 EURO (D)

 

Die Region Niederrhein zeichnet sich durch ihre Vielzahl an spannenden Sehenswürdigkeiten aus. Egal ob kulturelle Highlights wie historische Stadtkerne, Museen, Theater und Musicals oder Musikfestivals und der traditionelle Karneval. Wenn man lieber sportlich unterwegs sind, bietet der Niederrhein eine große Auswahl an Möglichkeiten: Verschiedene Wassersportarten, weitreichende Golfanlagen und eines der umfangreichsten Rad- und Wanderwegnetze Europas. Wer einfach nur Entspannung sucht, findet am Niederrhein viele abwechslungsreiche Freizeitbäder mit vielseitigen Sauna- und Wellnessbereichen. Für die Tierfreunde gibt es zahlreiche Tierparks, Wildgehege und Reiterhöfe und immer noch viele Möglichkeit, die Flora und Fauna der Region zu erkunden.

Dieser Tourismus- und Freizeitführer gibt 1000 Tipps, wie man bei Kurzausflüge oder Urlauben die Attraktionen der Gegend entdecken kann. Von Alpen im Kreis Wesel bis zur Römerstadt Xanten sind die jeweiligen Städte alphabetisch aufgeführt. Die jeweiligen Attraktionen werden dabei in Wort und mit zahlreichen Farbfotos beschrieben. Die Beschreibungen der Orte mit ihren Sehenswürdigkeiten werden dabei durch Adressen, Telefonnummern, E-Mail-und Internetadressen ergänzt, so dass man dadurch Touren oder Ausflugsziele besser von zu Hause aus planen kann. Vorne im Buch gibt es eine Übersichtskarte mit einer Legende und hinten ein Stichwortverzeichnis und eine Registerübersicht. Hinten findet man zusätzlich eine Übersicht der besten Radwanderwege, die zum Teil noch in Naturgebiete der Niederlande reichen, mit Kontaktadressen.

 

Dies ist ein Übersichtswerk über Freizeitmöglichkeiten und touristischen Sehenswürdigkeiten, die der Niederrhein zu bieten hat. Es ist kein Reiseführer mit Hintergrundinformationen wie Geschichte, Sprache und Wirtschaft, sondern listet die Highlights anhand in kurzer Beschreibung und Kontaktadressen auf. Jeder wichtige Bereich der Freizeitgestaltung wird hier angesprochen und illustriert, so dass leicht das Richtige nachgeschlagen werden kann. Daher kann das Buch reiselustigen Einheimischen wie auch Touristen empfohlen werden.

 

 

Buch 10

Stanislaw Strasburger: Der Geschichtenhändler oder Der Wettkampf der Dichter, Aus dem Polnischen von Simone Falk, Secession Verlag für Literatur, Zürich 2018, ISBN: 978-3-906-91008-6, 23 EURO (D)

 

 

Dieser Roman war der Durchbruch für den Autor und Kulturmanager Stanislaw Strasburger. Zunächst in Polen erschienen, wurde der Roman ins Arabische übersetzt. Nun ist er auch auf Deutsch im Secession Verlag für Literatur erschienen.

 

Der Roman behandelt die inneren Veränderungen des Protagonisten Jan, in seiner Begegnung mit einer für ihn bislang fremden Kultur. Der Roman spielt kurz vor dem Bürgerkrieg in Syrien, hat also eine aktuelle zeithistorische Dimension. Jan, der Geschichtenhändler kommt ursprünglich wie der Autor aus Polen, arbeitet für einen international operierenden Gaskonzern und wird von diesem in die syrische Wüste geschickt. Diese für ihn fremde Situation und Welt versucht er, durch die Literatur zu begreifen. Dazu liest er Reiseführer, Romane und Dichtung, durch deren Hilfe er sich die neue Kultur erschließen kann. Dadurch geraten seine westlich geprägte Weltsicht und die Aufnahme der neuen Denkvorstellungen in einen inneren Konflikt miteinander. Er kündigt seinen Job und lebt von seinem Ersparten auf seiner Entdeckungsreise durch die Region. Diese innere Zerrissenheit führt zu skurrilen Erlebnissen: Ein Wettstreit der Dichter Dante und des Syrers Al-Ma`arri vor seinen Augen oder der religiöse Prophet spricht mit ihm über seine Lebensgeschichte und seine Verlobte.

 

Dieser Roman trägt autobiographische Züge. Stanislaw Strasburger ist ein Kosmopolit, der in Warschau, Berlin und im Nahen Osten zu Hause ist. Der Spannungsbogen zwischen seiner westlichen Prägung und der Kultur des Nahen Ostens wird hier auf teils skurrile und witzige Art und Weise behandelt. Er versucht, sich der Frage zu nähern, wie sich die Identität eines Menschen verändert, wenn man mit einer völlig neuen Kultur konfrontiert wird. Die Möglichkeiten des interkulturellen Verstehens und der Grenzen werden hier literarisch ausgelotet, ein spannendes Projekt mit Bezug auf drängende Gegenwartsfragen.

 

 

Buch 11

 

das neue frankfurt. fotografische sammlung von matthias matzak, Wasmuth Verlag, Tübingen 2017, ISBN: 978 3 8030 0779 7, 48 EURO (D)


Das „Neue Frankfurt war ein Stadtplanungsprogramm zwischen 1925 und 1930, das vor allem die akute Wohnungsnot durch die Flucht von Binnenmigranten aus dem Ruhrgebiet lindern, aber auch alle Bereiche der städtischen Gestaltung in der aufstrebenden Stadt Frankfurt am Main umfasste. Die Architektur des „Neuen Frankfurt“ brach mit traditionellen Methoden des Wohnungs- und Städtebaus. Als Projekt des Neuen Bauens setzte es neue Maßstäbe, was internationale Maßstäbe setzte und als experimentelle Lehrstätte galt. Der umfassende Gestaltungsanspruch, der im Alltag der Gestaltung städtischen Lebens auch an vielen Stellen sichtbar wurde, unterscheidet dieses Projekt von anderen Ansätzen städtebaulicher Planung.

Mittels eines engen Netzwerkes von Politikern, Architekten, Technikern, Künstlern und Designern unter der Leitung von Ernst May (Hochbaudezernent) und Fritz Wichert (Direktor der Kunstgewerbeschule) wurde es zu einem vielbeachteten Projekte der „klassischen Moderne“. Unter Mays Ägide entstanden 12.000 Wohnungen als öffentlich-private Partnerschaft, 2000 mehr als geplant. Die Wohnungen erfüllten nicht nur das Grundbedürfnis des Wohnens, sondern setzten auch Standards im Wohnungs- und Siedlungsbau.

Der Frankfurter Fotograf  Matthias Matzak begann 2008, das Wesen dieses historischen Bauerbes mit der Kamera wiederzugeben. In diesem Bildband präsentiert er eine Auswahl seiner Ergebnisse, verbunden mit zahlreichen historischen Texten der beteiligten Architekten Ernst May, Martin Elsaesser, Adolf Meyer, Ferdinand Kramer, Mart Stam, Margarete Schütte-Lihotzky, Joseph Gantner, Karl Schwarz, Theodor Heuss, Eckhard Herrel, Christoph Mohr, und Konrad Elsässer.

Die Siedlungen des Neuen Frankfurt enthalten Elemente aus der englischen Gartenstadt, des Funktionalismus und  weisen eine verblüffende formale Homogenität in der Nachwirkung der „Neuen Sachlichkeit“ auf. Dies wird an den hier dargestellten Siedlungen Bruchfeldstraße, Praunheim, Bornheimer Hang, Römerstadt, Westhausen und der Heimatsiedlung deutlich.

 

Hier wird hochstehende Architekturfotografie eines bedeutenden Abschnittes der Stadtgeschichte Frankfurts am Main präsentiert. Die historischen Texte dienen als Leitfaden zum Verständnis dieser neuen Bauweise. Die Rezeption dieser zur damaligen Zeit revolutionären Bauweise hätte allerdings etwas ausführlicher sein können (Diskussion über Weltkulturerbe). Ganz gleich, wie man nun heute zum Funktionalismus und zur „Klassischen Moderne“ steht: Das „Neue Frankfurt“ war neben dem Bauhaus Wegweiser einer neuen Kultur des Bauens und des gesellschaftlichen Wohnens, was hier überzeugend wiedergegeben wird.

Buch 12

 

Inken Henze: Mein dänisches Lebensgefühl: Hyggelige Inspirationen rund ums Jahr. Amalie loves Denmark. Frechverlag, Stuttgart 2018, ISBN: 978-3-7724-7462-0, 24, 95 EURO (D)

 

 

Dänemark gilt als eines der glücklichsten Länder der Welt. Eines der Markenzeichen ist „Hygge“, ein Kernbestandteil der dänischen Tradition. Im Wesentlichen ist „Hygge“ eine gemütliche, herzliche Atmosphäre, in der man das Gute des Lebens mit netten Leuten zusammen genießt. Dazu gehört auch das gemeinsame Essen und Trinken, am liebsten mehrere Stunden am Tisch zu sitzen und sich gemeinsam mit den größeren und kleineren Dingen des Lebens auseinanderzusetzen.

 

Inken Henze reist beruflich regelmäßig nach Kopenhagen und berichtet sie auf ihrem Blog „Amalie loves Denmark“ von ihrer Begeisterung für den dänischen Lifestyle. Die Autorin stellt in diesem Buch dar, wie sie zu jeder Jahreszeit und persönlichen Lebenssituation das dänische Lebensgefühl zu Hause lebt. Das Buch will Anregungen geben, sich etwas von Hygge ins eigene Leben zu holen.

Die Kapitel sind nach Jahreszeiten unterteilt. Es beginnt mit dem Frühling und Tipps für hyggelige Momente. Im Folgenden werden Information zur Schaffung einer eigenen Wohlfühloase, gemeinsame Aktivitäten mit Freunden und Familie sowie einigen Rezepten vorgestellt. Weiter geht es mit dem Sommer, der wiederum durch Tipps für hyggelige Moment eingeleitet wird. Das gemeinsame Grillen oder Ausflüge mit Freunden und der Familie wie auch weitere Rezepte werden präsentiert. Wie man sich den Herbst verschönern kann, wird in den Tipps erklärt, Dazu findet man Hinweise zu einer Wohlfühlatmosphäre im eigenen Haus, dem Basteln und Spielen mit Kindern sowie Rezeptvorschlägen. Zum Abschluss werden hyggelige Momente des Winters aufgeführt. Außerdem gibt es Tipps für Gemütlichkeit, zu Silvester und Weihnachten sowie Gemütlichkeit beim Lesen. In den einzelnen Kapiteln gibt es immer wieder Interviews, in denen ausgewählte dänische Persönlichkeiten erklären, was Hygge für sie bedeutet und wie sie Hygge leben. Im Anhang gibt es noch Informationen für ein schönes Wochenende in Kopenhagen und eine Auflistung der Wohlfühlorte der Autorin in Dänemark mitsamt Shopping-Adressen.

Die Autorin schildert eine Lebensphilosophie, die viel mit Wohlfühlen, Entspannung und Achtsamkeit zu tun hat. Aktivitäten mit Freunden und Familie für die eigene Seele und auch kulinarische Genüsse runden dies ab. Durch die Interviews bekommt man ein Gefühl dadurch, was Hygge ausmacht und wie es auf das eigene Leben angewendet werden kann.

 

Buch 13

 

Werner Marzi: Die Judenpolitik der Mainzer Erzbischöfe und Kurfürsten – Von Adolf II. von Nassau bis Anselm Franz von Ingelheim 1461-1695, Nünnerich-Asmus Verlag, Mainz 2018, ISBN: 978-3-945751-41-1, 34, 90 EURO (D)

 

Dies ist der zweite Band der Reihe „Beiträge zur Geschichte der Juden in Rheinland-Pfalz“, der die Rahmenbedingungen jüdischen Lebens und das Verhältnis zwischen Juden und Christen in den vergangenen Jahrhunderten in der Region untersuchen will.

Ulrich Hausmann leitet das Buch einer territorialen und administrativen Übersicht von Kurmainz in der Frühen Neuzeit sowie einer Siedlungsgeschichte der Juden in Kurmainz ein. Dabei geht er auch auf die rechtliche, ökonomische und politische Situation ein.

Werner Marzi, Mitarbeiter des Institutes für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz, liefert ein umfassendes Bild der Judenpolitik der Mainzer Erzbischöfe und Kurfürsten von der Mitte des 15. bis zum Ausgang des 17. Jahrhunderts.

Die Aufkündigung des allgemeinen „Judenschutzes“ durch Erzbischof Adolf II. von Nassau und die damit einhergehende Aufforderung, ihre Wohnort zu verlassen, dient dabei als Einschnitt und Ausgangspunkt der folgenden Untersuchungen.

In Porträts der neunzehn Reichsfürsten in diesem Zeitraum analysiert Marzi, wie die jeweiligen Autoritäten ihr landesweites Hoheitsrecht des „Judenschutzes“ und ihre Befugnisse gegenüber den jüdischen Gemeinden ausübten. Der Alltag der jüdischen Minderheit und ihr Zusammenleben mit der christlichen Mehrheitsgesellschaft werden dabei ebenfalls thematisiert.

 

Das gut strukturierte und geschriebene Buch beschreibt das immer währende Spannungsfeld zwischen Toleranz und Repression. Es ist die Geschichte einer ambivalenten Beziehung zwischen der jüdischen Bevölkerung in Mainz und Kurmainz und der Autoritäten von Staat und Kirche. Die Abhängigkeit der Juden vom der Gunst und Willkür des Kurfürsten oder Erzbischofs verhinderte Ansätze zur Selbstbestimmung. Die landesherrliche und bischöflich-pastoralen Politik gewährte ihnen immerhin über längere Zeiträume ein gewisses Maß an Rechtssicherheit, das jedoch jederzeit widerrufen werden konnte. Nützlichkeitserwägungen trieben die Herrschenden zu mehr Aufgeschlossenheit und zu einem Aufweichen von Repressionen. Der christliche Antijudaismus und die damit einhergehenden Ressentiments als Faktor in der Judenpolitik der Herrschenden kommen in dem sonst hervorragend aufgearbeiteten historischen Aufriss etwas zu kurz.

 

Buch 14

 

Christina Bacher: 111 Orte für Kinder in Köln, die man gesehen haben muss, Emons Verlag, Köln 2018, ISBN: 978-3-7408-0332-2, 16,95 EURO (D)

 

In diesem Buch werden 111 Ziele für Ausflüge mit Kindern in Köln vorgestellt. Die Kinderbuchautorin Christina Bacher und der Fotograf Norbert Breidenstein haben spektakuläre, geschichtliche oder abenteuerliche Orte, die den Drang zum Erlebnis und zum Selberentdecken fördern, hier zusammengestellt. In diesem Führer für selbstständige Stadtentdeckungstouren ist eine Stadtkarte enthalten, die die jeweiligen Orte anzeigt.

Ob nun der Heliport am Grüngürtel, der Pferdeschutzhof für kleine Tierliebhaber, Tauchen in Europas größtem Outdoor-Laden, ein überirdischer Gruselfriedhof, der Rosengarten im Fort X der Matschspielplatz, die Rikschafahrt durch Köln oder die Piranha-Fütterung im Kölner Zoo: all dies ist für den Erlebnisdrang von Kindern prädestiniert. Die einzelnen Orte werden jeweils auf zwei Seiten dargestellt: Eine Seite zeigt ein Bild des Ortes, auf der anderen Seite wird Ort und die Aktivität erklärt. Dazu gibt es noch einen speziellen Tipp der Autorin. Unterhalb des Textes werden die Adresse und manchmal auch die Internetadresse, die Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln und die Öffnungszeiten präsentiert.

 

Diese Auswahl von 111 Orten in Köln ist ganz auf die Bedürfnisse von Kindern abgestimmt. Es werden spannende, lehrreiche und außergewöhnliche Erlebnismöglichkeiten angeboten, die ein breites Repertoire bedienen. Durch die Stadtkarte sind die Orte leicht zu finden, die Beschreibung hätte an manchen Stellen etwas ausführlicher sein können. Wer also in den Ferien oder am Wochenende mit seinen Kindern nach kindgerechten Erlebnissen sucht, sollte sich dieses Buch zulegen. Es muss ja nicht immer gleich das Phantasialand sein.

 

Buch 15

 

Marcus Täuber/Pamela Obermaier: Alles reine Kopfsache. 5 Phänomene aus der Hirnforschung, mit denen Sie alles schaffen, was sie wollen, Goldegg Verlag, Berlin/Wien 2018, ISBN: 978-3-990-60066-5, 22 EURO (D)

 

Der Leiter des Instituts für mentale Erfolgsstrategien, Marcus Täuber, und die Trainerin für persönliche Wirkung, Pamela Obermaier, stellen in diesem Buch Erkenntnisse aus der Hirnforschung zum Nutzen für das persönliche Wohlbefinden vor: „Wir werden Sie in fünf gewinnbringende Geheimnisse für ein erfüllteres Leben einweihen, indem wir Ihnen Phänomene rund um das menschliche Gehirn vorstellen, die den Schlüssel zu nachhaltiger Veränderung beinhalten. Dadurch werden Sie wiederum erfahren, wie Sie den Krankmachern des Alltags entkommen und Ihrem Leben mehr Genuss geben können, warum Ihre Persönlichkeit nicht in Stein gemeißelt, sondern sehr wohl veränderbar ist, (…) Die Welt, wie wir sie in unserem Kopf erleben, ist zu neunundneunzig Prozent eine Konstruktion des Gehirns.“ (S. 9f) Durch die Hilfe von mentalen Tricks lässt sich das Gehirn so ausrichten, unsere Physiologie, unser Verhalten und unsere Wahrnehmung grundlegend neu zu gestalten.

 

Das Buch beginnt mit den fünf Geheimnissen über unser Gehirn. Dann werden von Veränderungsprozessen und ihre Wirkung auf die Persönlichkeit beschrieben. Danach geht es um die Neuroplastizität in der Hirnforschung: Die Neuroplastizität ist die Fähigkeit des Gehirns, sich selbst zu regenerieren und erneut zu strukturieren. Dieses adaptative Potential des Nervensystems erlaubt es dem Gehirn sich nach einer Störung oder Verletzung wieder zu erholen und die Effekte der aufgrund von Pathologien veränderten Strukturen zu reduzieren. Anschließend werden die drei Säulen für eine tiefgehende Veränderung, die drei Regeln für eine nachhaltige Veränderung sowie die drei Erfolgsformeln für die Bekämpfung des inneren Schweinehundes präsentiert. E folgen die fünf mentalen Erfolgskomponenten und mentale Tipps für den Alltag. In einem Praxistest lernt man dann, das bisher Gelesene für sich anzuwenden. Im Anhang findet man noch ein Quellenverzeichnis, ein Register fehlt allerdings.

 

Die hier gegebenen Versprechungen wie „So werden Ihre sehnlichsten Wünsche wahr“ sind teilweise übertrieben. Es lassen sich nur Gewohnheiten oder Fakten ändern, die der einzelne Mensch selbst beeinflussen kann. Erfolg im Beruf kann niemand versprechen, da es von vielen anderen Faktoren außer der eigenen Persönlichkeitsstruktur abhängt. Sonst ist das Buch wissenschaftlich fundiert aufgebaut und bietet vielerlei Möglichkeiten, sich selbst zu verändern durch anderes und gesünderes Denken.

 

Buch 16

 

Pamela Obermaier/Marcus Täuber: Gewinner grübeln nicht. Richtiges Denken als Schlüssel zum Erfolg, Goldegg Verlag, München/Wien 2016, ISBN: 903090-70-5, 19,95 EURO (D)

 

 

Der Leiter des Instituts für mentale Erfolgsstrategien, Marcus Täuber, und die Trainerin für persönliche Wirkung, Pamela Obermaier, stellen in diesem Buch die Voraussetzungen für mentale Stärke aus den Erkenntnissen der Hirnforschung vor, die man nutzen sollte, um auf allen Ebenen erfolgreich zu sein: „Unsere Gedanken sind die Basis unseres Erfolgs. Denn Gedanken führen zu Gefühlen und Gefühle äußern sich in unserem Körper, in unserem Verhalten und in unserem Wohlbefinden. Sie sind der Treibstoff des Lebens.“ (S. 11) Hier wird Hirnforschung als moderne und zielführende Möglichkeit der Selbsterfahrung veranschaulicht.

 

Zu Beginn des Buches werden 13 Mythen rund um das Gehirn aufgegriffen und anhand der Erkenntnisse aus der Hirnforschung kritisiert. Danach wird gezeigt, wie Gedanken in unserem Gehirn wirken und welchen Anteil das Unbewusste daran hat. Wie Gewohnheiten wirken und warum Achtsamkeit der Schlüssel zum Glück ist, wird danach aufgezeigt. Danach geht es um das Problem des Grübelns, positives Denken und Elemente der mentalen Stärke. Die Notwendigkeit der Psychotherapie wird danach vorgestellt. Die Wirksamkeit der eigenen Selbstheilungskräfte und der Abbau von Stress werden dann präsentiert. Wie man Schritt für Schritt ohne Druck und mit Hilfe der inneren Bilder zum Ziel gelangt, ist Gegenstand des nächsten Kapitels. Die Vorbedingungen für Erfolg (Einstellung, emotionales Gleichgewicht) werden zum Schluss noch einmal zusammenfassend präsentiert, Im Anhang findet man noch ein Quellenverzeichnis, ein Register fehlt allerdings.

 

Mentale Stärke ist sicherlich eine Voraussetzung zur Realisierung von Wünschen in allen Lebenslagen. Verschiedene Bereiche des Gehirns können trainiert werden, um ein erfüllteres Leben zu führen. Auf diesen Grundlagen basiert auch die Psychotherapie. Wie dies erreicht werden kann, schildert das Buch anschaulich. Mehr Beispiele aus dem Alltag wären allerdings wünschenswert gewesen.

 

 

Buch 17

 

Jan Gerber: Karl Marx in Paris. Die Entdeckung des Kommunismus, Piper Verlag, München 2018, ISBN: 978-3-492-05891-9, 22 EURO (D)

 

Nicht nur aufgrund sich nähernden 200ten Geburtsdatum wird über die Person Karl Marx und seine Lehre wieder in der Öffentlichkeit debattiert, gestritten und polemisiert, manchmal auch mit antisemitischem Unterton. Die fortschreitenden Ungerechtigkeiten der globalisierten Welt führen auch zu der Frage nach der aktuellen Gültigkeit seiner Lehre.

In diesem Buch geht es um den ersten Paris-Aufenthalt von Marx von Oktober 1843 bis Februar 1945, wo er sich zum überzeugten Kommunisten entwickelte.

Marx begann in Paris, zusammen mit Arnold Ruge, die Zeitschrift Deutsch-Französische Jahrbücher herauszugeben. 1843 lernte er German Mäurer in Paris kennen. Aufgrund seiner Tätigkeit begann er den brieflichen Kontakt mit Friedrich Engels, der zwei Artikel beigetragen hatte. Die Fortsetzung scheiterte aus verschiedenen Gründen: Julius Fröbel wollte die Zeitschrift nicht mehr finanzieren, ein großer Teil der Auflage wurde an der Grenze konfisziert, und zwischen den beiden Redakteuren traten bald prinzipielle Differenzen zutage. Marx begann, sich mit politischer Ökonomie zu beschäftigen und durch Kritik an den französischen Sozialisten einen eigenständigen Standpunkt zu entwickeln. Im Dezember 1843 lernte Marx in Paris den deutschen Dichter Heinrich Heine, einen entfernten Verwandten, kennen. Eine Phase intensiver freundschaftlicher Beziehungen endete, als Marx am 1. Februar 1845 durch die preußische Regierung zum Weggang aus Paris gezwungen war.

Die Ökonomisch-philosophischen Manuskripte aus dem Jahre 1844 sind Marx’ erster Entwurf eines ökonomischen Systems, der zugleich die philosophische Richtung deutlich macht. Marx entwickelt dort erstmals ausführlich seine an Hegel angelehnte Theorie der „entfremdeten Arbeit“. Die entfremdete bzw. entäußerte Arbeit sieht Marx in dieser Schrift als Ursache des Privateigentums: „Aber es zeigt sich bei Analyse dieses Begriffes, daß, wenn das Privateigentum als Grund, als Ursache der entäußerten Arbeit erscheint, es vielmehr eine Konsequenz derselben ist, wie auch die Götter ursprünglich nicht die Ursache, sondern die Wirkung der menschlichen Verstandesverirrung sind. (…) Arbeitslohn ist eine unmittelbare Folge der entfremdeten Arbeit, und die entfremdete Arbeit ist die unmittelbare Ursache des Privateigentums.“

Hier wird die Frühphase des Denken und Wirken von Karl Marx analysiert. Diese für Marx Hauptwerke wichtige Lebensstation, die Voraussetzungen und Entwicklungsstufen hin zum überzeugten Kommunisten werden vortrefflich geschildert und es gibt auch eine Auseinandersetzung zu der Frage nach der Aktualität seiner Lehre.

 

Buch 18

Rita Harenski/Christine Brand: Zauberwort. Die schönsten Gedichte für Kinder, Arena Verlag, Würzburg 2015, ISBN: 978-3-401-60155-7, 22 EURO

 

Rita Harenski stellt in diesem Buch die schönsten Gedichte für Kinder von Johann Wolfgang von Goethe, Joseph von Eichendorff, Theodor Fontane, Bertolt Brecht, Ernst Jandl, Heinrich Heine, Rainer Maria Rilke, Peter Hacks, Wilhelm Busch Friedrich von Schiller, Kurt Tucholsky Josef Guggenmoos und viele anderen aus vier Jahrhunderten vor. Die poetischen Klassiker werden von kindgerechten Illustrationen von Christine Brand abgerundet.

Das Buch gliedert sich in verschiedene Themenbereiche: Es beginnt mit Gedichten zu Weihnachten und zur guten Nacht. Danach folgen Gedichte zu Freundschaften und der ersten Liebe. Dann stehen die Zauberwelt der Natur, der Tiere und Pflanzen im Mittelpunkt.  Dann werden Märchen und Sagen thematisiert: Dazu gehören „Der Zauberlehrling“ von Goethe, die „Lorelei“ von Heinrich Heine oder „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ von Theodor Fontane. Anschließend geht es um Abenteuer in der Ferne und die eigene Selbstfindung: Die „Sieben Weltwunder“ von Ernst Jandl, „Für Samay“ von Heinrich Böll oder „Ich freu mich“ von Lutz Rathenow. Im Anhang findet man noch ein Verzeichnis der Autorinnen und Autoren und die Gedichte, die Gedichtüberschriften sowie ein Quellenverzeichnis. Dem Buch liegt eine Audio-CD bei, der Inhalt wird auch im Anhang präsentiert.

 

Dies ist ein hochwertig gestaltetes Buch mit Gedichten für Kinder mit einer thematischen Anordnung je nach persönlicher Vorliebe. Die Gedichte sind sowohl bekanntere wie von Goethe als auch unbekanntere quer durch die Jahrhunderte. Viele von ihnen sind in einer zeitgemäßen Sprache geschrieben, einige für Kinder nicht sehr verständlich. Die zahlreichen kinderfreundlichen Illustration erleichtern den Zugang zu den Gedichten enorm. So bekommen Kinder einen ersten guten Zugang zur Lyrik, und zur Sprache allgemein. Die Gedichte regen die Phantasie und die Vorstellungskraft an und sind somit aus pädagogischer Hinsicht her zu empfehlen.


Buch 19

 

Mechthild Schroeter-Rupieper: Praxishandbuch Trauercafe. Grundlagen und Methoden, Patmos Verlag, Ostfildern 2018, ISBN: 978-3-8436-1023-0, 14 EURO (D)

 

Die Trauerbegleiterin, Referentin und Autorin Mechthild Schroeter-Rupieper stellt in diesem Buch die Funktion und die Hilfsangebote von Trauercafes vor. Diese Trauercafes sind eine trauerbegleitende Maßnahme, wo Trauernde ihren Gefühlen Ausdruck verleihen können und Menschen treffen können, die ein ähnliches Schicksal widerfahren ist. Der gegenseitige Austausch kann helfen, das Geschehene besser zu verarbeiten und wieder hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen: „Mit diesem Buch biete ich neben grundsätzlichen Überlegungen Anregungen an, wie unterschiedliche Trauerthemen innerhalb der Jahreskreises oder entsprechende der Besucher/innen aufgegriffen und gestaltet werden können. Die Ideen können für das Trauercafe, aber ebenso wie feste Gesprächsgruppen für Menschen in Verlustzeiten genutzt werden.“ (S. 8) In Trauercafes ist die Möglichkeit gegeben, informelle Gespräche zu führen oder von dort aus gezielte Angebote an die Trauernden zu machen.

 

Im ersten Kapitel geht es um die Grundlagen für die Durchführung eines Trauercafes: Planung, Ziele und Ablauf werden hier vorgestellt. Danach werden Aktivitäten in einem Trauercafe Monat für Monat dargestellt. Dabei werden viele Praxisbeispiele und Gespräche mit Betroffenen präsentiert. Das jeweilige Motto wie Karneval, Ostern, Erntedank oder Weihnachten stehen dabei im Mittelpunkt. Ein Literaturverzeichnis und ein Register fehlen allerdings.

 

Das Buch schildert gut die Grundlagen und die Ziele des niedrigschwelligen Angebotes des Trauercafes. Es ist ein Buch aus der Praxis für die Praxis. Viele Aspekte dieser wichtigen trauerbegleitenden Maßnahmen sind verständlich erklärt und können als Beispiel für ähnliche Hilfsangebote gelten. Was in diesem Buch fehlt, sind Taktiken des notwendigen „Selbstschutz“ der in der Trauerarbeit Beschäftigten, damit sie sich vor zu großer psychischer Belastung wappnen können. Strategien, wie man selbst Distanz zu den bearbeiteten Fällen gewinnt oder sich im schlimmsten Fall selbst Hilfe holen kann, sind unbedingte Voraussetzungen in der Trauerarbeit.

 

 

Buch 20

Otto Waalkes: Kleinhirn an alle. Die große Ottobiografie- Nach einer wahren Geschichte, Heyne Verlag, München 2018, ISBN: 978-3-453-20116-3, 22 EURO

 

Otto Waalkes ist einer der bekanntesten Unterhaltungskünstler im Lande. Ein stilistisches Mittel seiner Vorträge sind Parodien, beispielsweise Überarbeitungen bekannter Lieder, die er mit der Gitarre begleitet. In die humoristischen Vorträge bettet er Satire, politische Anspielungen, Zeit- und Gesellschaftskritik ein. Bekannte Rollennamen von Otto Waalkes sind der Reporter Harry Hirsch, Frau Suhrbier und Oberförster Pudlich sowie Herbert von Karamalz (Parodie auf Herbert von Karajan und Anspielung auf das Malzbier). Die regelmäßig veröffentlichten Otto-Bücher und vor allem die Otto-Langspielplatten wurden Verkaufsschlager, viele erreichten Spitzenpositionen in den Hit- bzw. Verkaufslisten.

Nun hat er seine eigene Biografie im Heyne Verlag herausgebracht. Dort erzählt er von seinem Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg und von den Anfängen als Entertainer und Musiker in verschiedenen Clubs der Hansestadt. Die wichtigsten Stationen seiner Karriere werden erzählt, seine Vorbilder beschrieben, ein privater Einblick wird natürlich auch gegeben. Mit einer ordentlichen Portion Humor und mit vielen lustigen Seitenhieben beschreibt er Weggefährten, Auftritte, Goldene Schallplatten und wichtige Rollen. Allerdings wechselt dann die Stimmung bei den traurigen Momenten seines Lebens, seinen Fehlern und andere Lebenskrisen. Das Buch wird aufgelockert durch selbstgemalte Zeichnungen und einige bisher unveröffentlichte private Fotos.

 

Die Biografie hat witzige Bonmots zu bieten, allerdings auch tiefgründige Philosophien über sich selbst, wo der Leser spätestens merkt, dass Otto Waalkes eine hintergründige Persönlichkeit darstellt. Seine nicht immer ernst gemeinten Lebensweisheiten runden das Buch ab. Dass er noch in anderen künstlerischen Sachen außer Komik Talent hat, wird hier deutlich. Insgesamt gesehen ist das Buch leicht zu lesen, hat einen humorigen Touch, macht aber auch an einigen Stellen nachdenklich. Für Fans auf jeden Fall zu empfehlen.

 

Buch 21

 

Emily Friedlund: Eine Geschichte der Wölfe. Roman, Berlin Verlag, Berlin 2018, ISBN: 978-3-8270-1367-5, 22 EURO

 

Der Roman spielt im ländlichen Minnesota, einem Bundesstaat im Nordwesten der USA und erzählt die Lebensgeschichte von Linda, die mit ihren Eltern sowie 4 Hunden in ärmlichen Verhältnissen unter widrigen Bedingungen an einer Hütte an einem der vielen Seen der Gegend. Sie sind die letzten Überbleibsel einer Kommune von Hippies, die anderen sind längst fortgezogen. Lindas Lebensgeschichte wird immer wieder in Zeitsprüngen durcheinander erzählt, mal geht es in die Vergangenheit in die frühe Kindheit zurück, andererseits wird auch die Perspektive der erwachsenen Linda über 30 gewählt.

Linda selbst hat keine wirklichen Freunde, die Schulkameraden hänseln sie. Auch das Verhältnis zu ihren Eltern bleibt distanziert, nur mit den Hunden kommt sie gut zurecht, was aber auf Dauer keine menschliche Nähe ersetzt.

Diese trostlose Situation ändert sich, als in eine andere Hütte am See eine junge Familie einzieht: Patra, ihr meistens abwesender Mann und der 4-jährige Sohn Paul. Diese Zeit ist die aufregendste in Lindas Leben, daher wird die Geschichte aus Sicht der Zeit der ersten Begegnungen erzählt. Linda sucht die Nähe zu den beiden und freundet sich mit ihnen an. Um mehr Zeit dort zu verbringen, kümmert sie sich als Babysitterin um den kleinen Paul. Mit der Zeit wird ihr die Familie wichtiger als ihre eigene und fühlt zum ersten Mal in ihrem Leben Nähe und enge menschliche Beziehungen. Dies ändert sich schlagartig, als der bis dorthin wenig in Erscheinung tretende Vater Joe im Sommer plötzlich auftaucht. Sie verliert ihren Job als Babysitterin und auch merkwürdigerweise die Zuneigung von Patra. Sie möchte jedoch ihre neu erworbene Zuneigung nicht aufgeben und sucht weiterhin intensiven Kontakt mit der Familie. Dabei erlebt sie die Schattenseiten der bislang so heilen Welt innerhalb der Familie hautnah mit.

 

Dies ist ein gefühlsbetonter Roman und schildert die Erlebnisse und die menschlichen Beziehungen der Hauptprotagonistin Linda, die auf der Suche nach Anerkennung und tieferen Bindungen ist. Ihre Begegnung mit Patras Familie verändert ihr Leben, sorgt aber auch für Abhängigkeit und negativen Erfahrungen. Die Identifikation mit Linda gelingt sehr schnell, die ihre seelische Isolation durchbrechen möchte, jeder Mensch braucht Anerkennung von anderen, auch sie. Ein lesenswerter Roman.

 

Buch 22

 

Das Ludwig Erhard Zentrum: Ludwig Erhard. Der Weg zu Freiheit, sozialer Marktwirtschaft, Wohlstand für alle, Kerber Verlag, Bielefeld/Berlin 2018, ISBN: 978-3-7356-4030-7, 36,99 EURO (D)

 

Ludwig Erhard (CDU) war von 1949 bis 1963 Bundesminister für Wirtschaft und galt in dieser Funktion als Vater des „deutschen Wirtschaftswunders“ und der „Sozialen Marktwirtschaft“, die bis heute das Wirtschaftssystem in Deutschland bestimmt. Von 1963 bis 1966 war er der zweite Bundeskanzler der BRD, wo er jedoch nicht die Popularitätswerte als Wirtschaftsminister erreichte.

 

Das Ludwig Erhard Zentrum wurde nach mehreren Verzögerungen und gestiegenen Baukosten 18. Mai in seiner Geburtsstadt Fürth eingeweiht. In den Räumlichkeiten des LEZ gibt es  ein Museum und eine Begegnungsstätte, die es sich zur Aufgabe machen wollen, das Leben und Wirken Erhards und seine Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft an eine breite Öffentlichkeit zu vermitteln und politische Erinnerung, zeithistorische Begegnung und ökonomische Bildung vereinen sollen. Eine Dauerausstellung, Sonderausstellungen, museumspädagogischen Angeboten, Führungen und Veranstaltungen sind vorgesehen.

Dies ist der Begleitband zur Ausstellung, der die Entwicklung des Gesamtprojektes von der Idee bis zur Vollendung und Eröffnung des Ludwig Erhard Zentrums in den Blick nimmt.

Nach Grußworten von prominenten Politikern und Statements von Gründungsstiftern gibt es von unterschiedlichen Autorinnen und Autoren Essays über die Geschichte des LEZs, die Person Ludwig Erhards, die Bedeutung des Zentrums im Kontext der politischen Gedenkstätten und zeitgeschichtlichen Museen in der BRD, das hauseigene Forschungszentrum, den Neubau und die Beziehung zwischen Ludwig Erhard und Fürth. Anschließend werden Zeitzeugeninterviews mit Henry A. Kissinger, Julia Dingwort-Nusseck, Rudolf Stilcken, Luise Gräfin Schlippenbach, Elisabeth Leutheusser von Quistrop und Oscar Scheider abgedruckt. Danach wird die Ausstellung in Text und Bild präsentiert: Die Dauerausstellung verteilt sich auf sein Geburtshaus und einen Neubau gegenüber. In der ehemaligen Wohnung der Familie Erhard werden seine Kindheit, Jugend und seine Biografie bis zur Befreiung 1945 geschildert. Im Neubau werden Stationen seines politischen Wirkens nach 1945 und das Konzept der „Sozialen Marktwirtschaft“ erläutert. Im Anhang findet man noch ein Bildnachweis, Literaturempfehlungen und ein Register fehlen allerdings.

 

In diesem Begleitband zur Ausstellung werden die Stationen seines Lebens, seine politische Karriere und sein Vermächtnis gut in Wort und Bild dokumentiert. Das Buch und natürlich auch die Ausstellung ist eher eine Laudatio, kritische Stimmen zu Erhards politischem Wirken fehlen weitgehend. Dies ist zwar für zeitgeschichtliche Museen nichts Außergewöhnliches, aber eine Einordnung des Leben und Wirkens eines demokratischen Politikers fußt auf differenzierten und pluralen Anschauungen.

 

Buch 23

 

Ernst Hofacker: Rolling Stones, Reclam Verlag, Ditzingen 2018, ISBN: 978-3-15-020523-5, 10 EURO

 

Der Autor Ernst Hofacker, freier Journalist und Autor und Redakteur bei mehreren Musikmagazinen, veröffentlichte schon das Buch Rolling Stones – Confessin' The Blues, das in mehreren verbesserten Auflagen erschien. Im Vorfeld ihrer beginnenden Europatournee im Mai 2018, darunter zwei Konzerte in der BRD, bringt er nun eine kürzere Hommage an die Rolling Stones und ihrer Art von Musik im Reclam Verlag heraus.

Zu Beginn stellt er seine erste Begegnung mit den Rolling Stones im Jugendalter dar, das Lebensgefühl der damaligen Zeit und der Angriff auf das Establishment mit dieser Musik. Im Gegensatz zu heute, wo die Altstars zum Establishment gehören, war damals die Musik der Rolling Stones eine Art der Rebellion gegen bürgerliche und traditionelle Normen. Das Buch geht in autobiografischen Stil weiter und beleuchtet die Entwicklung der Band, Konzerte und die Persönlichkeit ihrer Mitglieder. Im Zusammenhang mit einem Konzertbesuch 2017 schildert er die ungebrochene Faszination der Rolling Stones: „Die Offenbarung aber bleibt. Am Ende ist es doch nicht nur Rock‘ n‘ Roll, doch nicht nur hohles Ritual – es ist die gute alte Zunge und ihr subversives Werk.“ (S. 100) Am Ende des Buches gibt er dann noch weitere Literaturempfehlungen zum Weiterlesen.

Hofacker berichtet in autographischer Sichtweise, wie ihn die Rolling Stones im Laufe der Zeit geprägt haben und die Faszination, die von ihrer Musik ausgeht. Die Alben und Konzerte sind Teil seines Lebens, das spürt man in jedem Abschnitt der Lektüre. Die Beschreibung ihrer sagenhaften Karriere bietet einen guten Einstieg für jüngere Semester, langjährige Fans werden hier kaum Neues entdecken.

Buch 24

Warren Buffett/Laurence A. Cunningham: Die Essays von Warren Buffett: Die wichtigsten Lektionen für Investoren und Unternehmer, FinanzBuch Verlag, München 2018, ISBN: 978-3-95972-003-8, 34,99 EURO (D)

Warren Buffett ist so etwas wie der Superstar der Finanzwelt. Buffett hat seit Beginn seiner geschäftlichen Aktivitäten im Jahre 1956 beinahe konstant überdurchschnittlich hohe Renditen jenseits von 20 % pro Jahr erwirtschaftet. Er erreichte dies fast ausschließlich als Investor durch Auswahl von Aktien, Unternehmen und Anleihen und mit betont langfristigem Anlagehorizont.

Er gilt als Verfechter des Value Investing und als der erfolgreichste Schüler Benjamin Grahams und dessen Theorien aus den Büchern Security Analysis und The Intelligent Investor. Er wurde im Laufe der Zeit aber auch von anderen Investoren wie Philip Fisher beeinflusst. Gleichzeitig ist er erklärter Gegner der Markteffizienzhypothese und der modernen Portfoliotheorie.

Bei seinen Investments stark auf hohe und steigende Dividenden, die schon seit mehreren Jahrzehnten ausgezahlt werden. Bei Berkshire Hathaway behält er, seitdem er über die Kontrolle über das Unternehmen verfügt, alle Gewinne ein. Dieses Geld nutzt das Management für Aktienrückkäufe, wenn sie den Kurs für zu tief halten.

Sein wichtigstes Anlagekriterium ist dabei das Konzept der „Sicherheitsmarge“. Der Erwerber eines Wertpapiers soll demnach den inneren Wert des Papiers ermitteln und prüfen, ob der Preis dieses Wertpapiers an der Börse zu seinen Gunsten niedriger ist als der ermittelte Wert. Der innere Wert wird dabei durch viele Faktoren bestimmt, die bei Graham vor allem nach quantitativen objektiven Kriterien (Liquidationswert des Unternehmens, KGV, Kurs-Buchwert-Verhältnis, Verschuldungsgrad, Ertragskraft der Vergangenheit, Dividendenrendite) ermittelt werden.

Außerdem soll sich der Investor immer als Teilhaber des Geschäftes und nicht als auf kurzfristige Kurssteigerungen schielender Spekulant sehen. Konsequenterweise soll der Anleger die Marktschwankungen ignorieren, da er bei einem wohldurchdachten Erwerb nach den Regeln der „Sicherheitsmarge“ darauf vertrauen kann, dass sich diese irgendwann zu seinen Gunsten realisiert.

Die Essays sind für Privatanleger spannend und enthalten viele wissenswerte Informationen. Allerdings ist für die Lektüre etwas Vorwissen über Finanzen oder Anlagen erforderlich, da die Essays schon anspruchsvoll geschrieben und formuliert sind.

Buch 25

Barbara Bartos-Höppner/Britta Teckentrup: Die Bibel, arsEdition, München 2018, 978-3-8458-2276-1, 25 Euro (D)

 

Diese hochwertige Bibel für Kinder stellt 70 der bekanntesten Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament zusammen. Britta Teckentrup ist für die Illustration verantwortlich, die Texte stammen von der Schriftstellerin und Kinderbuchautorin Barbara Bartos-Höppner. Die ausgewählten Geschichte sind chronologisch geordnet und die wichtigsten ausgewählt, die sich schließlich zu einem runden Bild zusammenzufügen. Im Anhang befindet sich ein Inhaltsverzeichnis der einzelnen Texte, zu denen auch die passende Bibelstelle angegeben ist.

Das Buch zeichnet sich dadurch aus, dass sie religiöse Erzählungen aus einer fernen Zeit in eine vereinfachte, heutiger Sprachverwendung anpasst, die auch für Kinder im 21. Jahrhundert verständlich ist. Die Autorin wählt klare Aussagen, die den Kindern begreifbar machen, warum jetzt diese Dinge geschehen. Die verwendet keine Schachtelsätze, sondern kommt konkret zum Punkt, ohne den religiösen Duktus zu verändern.

 

Zu jeder einzelnen Geschichte hat Teckentrup ein großformatiges Bild gestaltet. Viele dieser Bilder sind romantisierend und mit Liebe gestaltet, aber manche haben einen zu düsteren Hintergrund, die auf Kinder keinen fröhlichen Eindruck machen. Hellere Farben, konzentrierter gestaltete Grundrisse helfen eher den Kindern, sich im wahrsten Sinne des Wortes ein erstes Bild der Bibel zu machen.

 

Für einen ersten Einblick in die Bibel ist das Buch für Kinder geeignet. Es eignet sich sowohl als Vorlesebuch als auch eigenständiges Lesebuch, abhängig von der Entwicklung des Kindes. Es empfiehlt sich allerdings, das Buch in Phasen zu lesen, besonders vor dem Schlafengehen. Fünf oder zehn Geschichten pro Lesezeitraum reichen völlig aus, um die Kinder nicht mit zu viel Inhalt zu überfrachten und ein spannendes Erlebnis zu garantieren.

 

Buch 26

 

Thomas Koebner/Norbert Grob/Anette Kaufmann: Standardsituationen im Film-Ein Handbuch, Schüren Verlag, Marburg 2017, ISBN: 978-3-89472-809-0, 29,90 EURO (D)

 

Dieses Handbuch stellt wichtige Standardsituationen im Filmgeschäft vor, die auf ähnliche Weise dargestellt werden und damit zum Teil erlernbar sind. Diese müssen dann den Sujets und Darstellungsformen des jeweiligen Genres und der Situation angepasst werden. Sie spiegeln Routinen des Alltags in spezifischen Erfahrungsbereichen und Lebenswelten wider und geben Aufschluss über die Epoche oder das Zeitalter, aus der sie stammen: „Es kommt bei Standardsituationen sowohl auf die Situation an, in der Personen und Dinge sich zu einem Schema ordnen, als auch auf bestimmte Handlungs-Optionen oder Interessen, die nach Aktion verlangen.“ (S. 10)

 

Hier in diesem Handbuch werden die wichtigsten Standardsituationen im Film angefangen von Abschied bis Wiedersehen präsentiert. Nach einer kurzen allgemeinen Einleitung der Herausgeber werden dazu anhand von Beispielen aus bekannten Filmsequenzen aus der Vergangenheit am Beispiel von verschiedenen Darstellern diejenigen Motive des filmischen Erzählens näher vorgestellt. Dies geschieht in einzelnen, chronologisch geordneten Kapiteln, die von Lehrenden und Studierenden der Mainzer Filmwissenschaft stammen. Pro Standardsituation werden einige Seiten Text beansprucht, der mit einigen Filmbildern unterfüttert wird. Am Ende wird immer noch ein Literaturhinweis zum selbständigen Weiterlesen geliefert. Am Ende des Handbuches werden die einzelnen Autoren noch mit ihren Beiträgen aufgelistet.

 

Hier werden bekannte Standardsituationen behandelt, wobei aus Platzgründen nicht alle berücksichtigt werden können. Der Vorteil des Buches liegt darin, dass es nicht zu wissenschaftlich geschrieben ist und das Gesagte immer wieder an Beispielen von Szenen beschrieben wird. Anhand dieser anschaulichen Beispiele glückt der Transfer von der Theorie in die Praxis.

 

Buch 27

 

Michael Ehlers: Rhetorik. Die Kunst der Rede im digitalen Zeitalter, Books 4 Success, Kulmbach 2018, ISBN: 978-3-86470-569-4, 39,99 EURO (D)

 

Rhetorik war schon immer Kunstlehre und Kunstübung zugleich, sowohl eine soziale Praxis als auch deren Theorie. Bis ins 17. Jahrhundert erfolgte eine Differenzierung einerseits in die rhetorica oder rhetorica docens als Bezeichnung für die Theorie (Redekunst), andererseits in die oratoria, eloquentia oder rhetorica utens für die Praxis (Beredsamkeit). Im 20. Jahrhundert etablierte sich im deutschsprachigen wissenschaftlichen Bereich die terminologische Unterscheidung zwischen Allgemeiner Rhetorik (für die Theorie) und Angewandter Rhetorik (für die Praxis). Rhetoriktrainer und Ratgeberautoren deuten die neuen kommunikativen Herausforderungen im digitalen Zeitalter neu.

Der Rhetoriktrainer und Autor Michael Ehlers stellt die Grundlagen in seinem neuen Buch dar. Zunächst stellt er die Elemente der Rhetorik und verschiedene Kommunikationsmodelle sowie einen rhetorischen Werkzeugkoffer vor. Dann es um die Grundlagen von Anfang bis zum Ende mitsamt den gestischen und mimischen Tricks, die einen guten Redner auszeichnen, sowie Hilfs- und Präsentationsmittel. Wie man durch angewandte Rhetorik Führungsaufgaben meistern kann (Mitarbeitergespräch, Konferenzen, Feedback), wird danach vorgestellt. Rhetorik im Zeitalter von Fake News, die Macht und die Kompetenz durch Sprache und der ästhetische Aspekt der Rhetorik folgen danach. Wie die Digitalisierung die Kommunikation verändert und der Umgang mit modernen Kommunikationsmitteln wird danach erklärt. Überzeugungstechnik, Verhandlungstechniken und das Verkaufsgespräch im digitalen Zeitalter, die richtige Körpersprache sowie das corporate und multimediales Storytelling folgen anschließend. Wie sich Rhetorik wirtschaftlich auszahlen kann, wird im letzten Kapitel erläutert.

 

Das Buch ist voller Beispiele aus der Praxis und schildert die Entwicklung der Rhetorik auf dem neuesten Stand. Die rhetorischen Techniken werden auf die Erfordernisse des digitalen Zeitalters übertragen und verfeinert. Da sich die Techniken auch pekuniär auszahlen können, ist die Lektüre des Buches für Führungskräfte und Händler, die sich weiterbilden wollen, zu empfehlen.

 

Buch 28

 

Ritchie Pogorzelski: Die Prätorianer. Folterknechte oder Elitetruppe?, NA-Verlag, Mainz 2014, ISBN: 978-3-943904-24-6, 29,90 EURO (D)

 

Es herrschen viele falsche, negativ behaftete Vorstellungen der Prätorianer im römischen Reich. Folterknechte, treu ergebene Elite eines Autokraten, Kaisermacher, Kaisermörder oder machtgierige hedonistische Offiziere sind nur einige Stereotypen, die ihnen anhaften. Der Autor möchte dieses Bild zurechtrücken und untersucht deren Rolle und Verhalten von dem Beginn des Kaiserzeit bis zu ihrem Ende nach der Schlacht an der Milvischen Brücke unter Konstantin.

Zu Beginn des Buches geht es um die Aufgaben, die Organisation, die militärische Ausrüstung, ihre Ausbildung, Bezahlung und die Rangordnung untereinander. Dann folgt eine konsequent chronologische Darstellung der Kaiser und ihrer Prätorianerpräfekten entlang der Jahrhunderte. Dabei zeigt sich, dass die Garde starken Kaisern absolute Loyalität entgegenbrachte, im Gegenzug aber auch sechs aus ihren Augen unfähige Kaiser getötet wurden. Aufgrund ihrer wachsenden Machtfülle spielte sie bei politischen Auseinandersetzungen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Nach mehr als 339 Jahren Dienst wurde die Prätorianergarde 339 aufgelöst, was einen Einschnitt in der römischen Spätantike darstellte. In seinem Fazit revidiert der Autor das Bild der Prätorianer in der heutigen Vorstellung: „Die Prätorianer haben in der antiken Überlieferung vielfältige Spuren hinterlassen, die eine der bestausgebildetsten Elitetruppen des römischen Heeres mit vielfältigen Aufgaben offenbaren. (…) Mit ihrem häufig engen Verhältnis zu den jeweiligen Kaisern hing nicht zuletzt auch ihr Ruf zusammen, gleichzeitig Kaisermacher und Kaisermörder zu sein. (…) Es entsteht ein Bild einen ausgefeilten militärischen Organisation, die sich entfernt von einer Gruppe von Folterknechten hin zu einer Elitetruppe zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor des gesamten Heeres wurde, mit einem nicht unerheblichen Einfluss auf die Herrscher des Imperiums.“ (S. 147)

 

Die immer weitere Machtfülle und dem wachsenden Selbstbewusstsein verstanden sich die Prätorianer als Elitetruppe, die auch ein politischer Machtfaktor inmitten von Intrigen, Ränkespielen und Eitelkeiten der spätrömischen Politik darstellte. Dies zeigt der Autor anhand von Originalquellen, Wandmalereien, Reliefs und anderen Quellen eindrücklich. Die Vermischung eines Teils der römischen Militärgeschichte mit der politischen Geschichte wird hier verständlich vollzogen.

 

Buch 29

 

LWL-Museum für Archäologie Herne durch Josef Mühlenbrock und Tobias Esch (Hrsg.): Irrtümer und Fälschungen der Archäologie, NA-Verlag, Mainz 2018, ISBN: 978-3-961760-30-5, 29,90 EURO (D)

 

Dieses Buch stellt bedeutende Trugbilder, Irrtümer und Fälschungen innerhalb der Archäologie dar. Dies ist der Katalog zur gleichnamigen Ausstellung „Irrtümer & Fälschungen der Archäologie, die im LWL-Museum für Archäologie und im Pelizaeus-Museum in Hildesheim gezeigt wird. Der Band verdeutlicht die unterschiedlichen archäologischen Irrtümer und Fälschungen sowie die Geschichten ihrer Entdeckung: „Die Ausstellung bietet die Gelegenheit, populäre, aber überholte Meinungen zu vergangenen Epochen und ihren Artefakten zu revidieren, spektakuläre Betrugsfälle aufzurollen sowie archäologische und historische Arbeitsmethoden in den Blick der Öffentlichkeit zu rücken. Ziel ist es also nicht, eine ‚Nestbeschmutzung‘ zu betreiben bzw. einzelne Forscher zu diskreditieren, sondern den Erkenntnisfortschritt der Wissenschaft zu veranschaulichen.“ (S. 14)

Nach verschiedenen Grußworten und zwei einleitenden Essays werden zunächst sechs bekannte Irrtümer und deren Hintergrundgeschichte vorgestellt. Ein vom Louvre in Paris angekauftes antikes Meisterwerk „Die Tiara des Saitaphernes“ entpuppte sich als Fälschung eines begabten ukrainischen Goldschmieds. Ägyptische Reliefs wurden immer dann gefälscht und verkauft, als der Zeitgeist nach antiken Objekten verlangte. Sogar der Fall der gefälschten Hitler-Tagebücher, die im „Stern“ veröffentlicht wurden, ohne vorher die Echtheitsprüfung abzuwarten, wird thematisiert.

Danach folgen außergewöhnliche Fälschungen und deren Entdeckung: 1908 tauchten in Belgien Skarabäen auf, die eine Umsegelung Afrikas unter Pharao Necho II. beweisen sollten. Merowingische Objekte aus dem Childerichgrab wurden lange Zeit fehlgedeutet. Die fehlerhafte Entzifferung der hieroglyphischer Schrift in altägyptischen Texten durch den Gelehrten Athanasius Kirchner (1602-1680) wird ebenfalls behandelt.

Danach werden die einzelnen Objekte mit Erläuterungen gezeigt: Beginnend mit den Irrtümern geht es weiter mit den Fälschungen sowie Objekten, die in der Wissenschaft immer noch umstritten sind. Im Anhang findet man noch ein Literaturverzeichnis und ein Bildnachweis, ein Register fehlt allerdings.

 

Der Katalog lädt in vielen aufgeführten Fällen zum Schmunzeln ein und schildert eindrücklich, wie es zu den Fehleinschätzungen oder bewussten Täuschungen kommen konnte. Einerseits sind eine solche Ausstellung und der dazugehörige Band als Zeichen von Selbstkritik zu loben, andererseits untergräbt er das allgemeine Vertrauen in gesicherte Informationen des Faches.

Buch 30

 

Antonio Paolucci: Die Sixtinische Kapelle, aus dem Italienischen übersetzt von Global Voices, NA-Verlag, Mainz 2017, ISBN: 978-3-945751-74-9, 24 EURO (D)

 

 

Die Sixtinische Kapelle ist eine der Kapellen des Apostolischen Palastes. und beherbergt einige der berühmtesten Gemälde der Welt. Am 15.August 1483 wurde die Kapelle geweiht. Sie steht unter dem Patrozinium der Aufnahme Mariens in den Himmel. Mit den Gewölbefresken in der Sixtinischen Kapelle hat Michelangelo, neben der Mona Lisa von Leonardo da Vinci, wohl die berühmteste Malerei der Kunstgeschichte geschaffen. Das Deckengewölbe wurde von Michelangelo im Jahr 1508 begonnen und im Jahr 1512 fertig gestellt. Die Genesis (Schöpfungsgeschichte) besteht aus insgesamt 105 Figuren.

Die auf das 15. Jh. zurückgehende Dekoration der Wände umfasst: Scheinvorhänge, Geschichten aus dem Leben des Moses und aus dem Leben Christi und die Portraits der Päpste Sie wurde von einer Gruppe von Künstlern ausgeführt, die sich anfangs folgendermaßen zusammensetzte: Pietro Perugino, Sandro Botticelli, Domenico Ghirlandaio, Cosimo Rosselli, die bei ihrer Arbeit durch die jeweiligen Werkstätten und einige ihrer engsten Mitarbeiter, darunter Biagio di Antonio, Bartolomeo della Gatta und Luca Signorelli unterstützt wurden. Pier Matteo d’Amelia malte einen Sternenhimmel ins Gewölbe.

Durch neue Technologien konnte eine bislang unbekannte Detailansicht der Fresken in der Sixtinischen Kapelle erzielt werden. Die aus nächster Nähe gezeigten Exponate können so von den Lesern in allen Einzelheiten bestaunt werden. Flankiert werden diese Ansichten von erläuternden Texten von Antonio Paoluccci, dem ehemaligen Direktor der Vatikanischen Museen, zur Baugeschichte der Sixtinischen Kapelle, der Entstehungsgeschichte der Fresken sowie der Vorstellung der daran beteiligten Künstler. Zu Beginn des Buches wird eine Übersicht der Wände, des Deckengewölbes und des Jüngsten Gerichts mit den jeweiligen Darstellungen gezeigt. Am Ende des Buches findet man noch eine detaillierte Ansicht des Jüngsten Gerichts an der Westwand mit den dargestellten Personen.

 

Durch diese neue Technik erhalten die Meisterwerke der Sixtinischen Kapelle ihre volle Prachtentfaltung und der Leser kann alle Einzelheiten der Exponate entschlüsseln und erst alle Facetten dieser weltberühmten Kunst in sich aufnehmen. Die Hintergrundinformationen sind hilfreich bei der Würdigung der Exponate und verständlich erklärt. 208 Abbildungen verschaffen dem Leser einen eindrucksvollen Einblick in ungewöhnliche Meisterwerke.

 

 

Buch 31

Harald Meller (Hrsg.): 3300 BC. Mysteriöse Steinzeittote und ihre Welt, NA-Verlag, Mainz 2014, ISBN: 978-3-943904-33-8, 29,90 EURO (D)

 

 

Dieses Buch beschäftigt sich mit den menschlichen Überresten, Gräber und Gebrauchsgegenstände, die zufällig bei Salzmünde (Sachsen-Anhalt) gefunden wurden und um die 5000 Jahre alt sind. Dies ist der Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle an der Saale (14.11.2013-18.5.2014).

Das Erdwerk von Salzmünde wurde im Jahre 2005 durch den Bau der Bundesautobahn 143 - entdeckt. Die Archäologen konnten lediglich 10 % des vom Übergang vom 4. zum 3. Jahrtausend v. Chr. stammenden jungsteinzeitlichen Erdwerks freilegen, der größere Teil war bereits lange zuvor durch Kiesabbau zerstört.

Die ältesten Funde auf der ausgegrabenen Trasse sind etwa 7000 Jahre alt. Später entstand hier eine zentrale Begräbnisstätte. Der 550 × 800 m große, durch einen Doppelgraben von insgesamt 4500 m Länge eingehegte Komplex wird „Totenstadt von Salzmünde“ genannt. Aber auch trapezoide Gruben, die man für Vorratsgruben aus dieser Zeit hält, die hier aber als Grabstätten benutzt wurden, wurden gefunden. Die der Träger der Schöninger (4100 v. Chr.) und der Salzmünder Gruppe, einer Untergruppe der nur wenig jüngeren Trichterbecherkultur sind hier vertreten. Die Analyse der Skelettfunde zeigte, dass die Bestatteten nicht bei Kampfhandlungen zu Tode kamen. Digitale Aufnahmen der Oberfläche zeigten in geringer Tiefe kreisrunde Ringgräber, die zentral Steinkisten enthielten.

Eine jungsteinzeitliche Totenhütte wurde in der Vorzeit samt ihren Gebeinen zum Erdwerk von Salzmünde umgebettet. Dies gilt als zweiter Nachweis einer prähistorischen Umbettung, denn auch beim bandkeramischen Erdwerk von Herxheim wurde eine Reihe von Umbettungen festgestellt.

Dieser opulente und mit vielen Bildern gestaltete Katalog stellt die Jungsteinzeit insgesamt, ihr Alltagsleben, ihre Ernährung, Krankheiten, Siedlungsformen, Bestattungsrituale, Sozialordnung und kultische Äußerungen vor. Die Eigenheiten der damaligen Epoche, die durch die Erfindung des Rades, fortschreitender Ackerbau und kriegerische Auseinandersetzungen um Landbesitz bestimmt waren, werden ebenso wie die verschiedenen wissenschaftlichen Methoden und Ansätze der Auswertung des Erdwerkfundes erläutert.

Durch systematische Darstellungen der Ereignisse dieser uns heute fremden Zeit wird gut in das Thema eingeführt. Die unterschiedlichen und breit angelegten Beiträge dieses Bandes erlauben einen tiefen Einblick in die Lebenswelt jener Epoche und die frühe Besiedlung des heutigen Sachsen-Anhalts. Die gefundenen Objekte werden ausreichend beschrieben und ihre Bedeutung für die Forschung beschrieben. Jedem, der Interesse an Ur- und Frühgeschichte auf dem Gebiet der BRD hat, kann dieser reich bebilderte Band empfohlen werden.

 

Buch 32

 

Kassia St.Clair: Die Welt der Farben, Tempo Verlag, Hamburg 2017, ISBN: 978-3-455-00133-4, 25 EURO (D), 25 EURO (D)

 

Farben bestimmen unsere Wahrnehmung von der Welt und prägen unser Bewusstsein. Die Journalistin Kassia St Clair stellt in diesem in diesem Buch die Entstehung und Wirkung 75 ihrer Lieblingsfarben und Farbnuancen vor und erzählt kulturgeschichtliche Hintergründe ihrer Beliebtheit und Bedeutung für eine bestimmte Epoche: „Die Welt der Farben erhebt nicht den Anspruch einer vollständigen Farbenlehre. Vielmehr ist das Buch aufgegliedert in größere Farbfamilien. (…) Innerhalb jeder Familie habe ich einzelne Schattierungen mit besonders interessanten, wichtigen oder bestürzenden Geschichten ausgewählt. Dies ist also der Versuch eines geschichtlichen Überblicks verbunden mit einer Charakterstudie über die 73 Farbtöne, die mich am meisten fasziniert haben.“ (S. 11)

Zu Beginn des Buches gibt es einen Einblick in die Farbwahrnehmung der Menschen, es werden weiterhin noch Farbpaletten, alte Farbtafeln gezeigt und die Chromophilie bzw. die Chromophobie und die farbige Sprache untersucht. Weiter geht es mit den Farben, Farbnuancen und Schattierungen. Weiß, gelb, orange, rosa, rot, lila, blau, grün, braun und schwarz haben jeweils eigene Kapitel mit ihren Untergliederungen. In den groben Farbkategorien stellt die Autorin zunächst immer allgemeine Informationen des jeweiligen Farbtons zusammen. Wie die Originalfarbe eines Itala, der Anfang des 20. Jahrhunderts 20.000 Kilometer innerhalb Asiens während eines Autorennens zurücklegte, zur allgemein akzeptierten Farbe Rosso Corsa (Rennrot) wurde oder der Farbton Avocado ab den 1970er Jahren in der Mode viele Anhänger fand,  kann man dort nachlesen.

Im Anhang gibt es noch ein Glossar anderer Farben, die hier nicht näher untersucht wurden. Außerdem findet man die Fußnoten, die verwendete Literatur und Literaturempfehlungen sowie ein Register.

 

Das aufwändige Layout sticht gleich ins Auge und steigert die Lust zum Lesen. Die beschriebenen Farbtöne enthalten interessante Geschichten aus der Mode, der Chemie, Kulturgeschichte und Ästhetik interessante Details, etwas mehr kunstgeschichtliche Informationen wären an manchen Stellen wünschenswert gewesen. Die Verbundenheit der Menschen mit den jeweiligen Farbtönen wird hier detailliert und doch nicht überfrachtet geschildert. Insgesamt ein schönes Buch mit vielen Hintergrundinformationen.

 

Buch 33

Paul Theroux: Mutterland. Roman, Hoffmann & Campe, Hamburg 2018; ISBN: 978-3-455-00290-4,28 EURO (D)

 

Paul Theroux machte sich als Reiseschriftsteller einen Namen, mit mehr als vierzig Büchern ist er einer der bekanntesten englischsprachigen Schriftsteller der Gegenwart. Seine Reisewerke sind voller Provokation und bissig-satirisch geschrieben.

Dieser Familienroman knüpft an den Erzählstil seiner Vorgängerwerke an und enthält auffällig viele autobiographische Züge. Der Reiseschriftsteller Jay, die Hauptfigur, entspricht in den biografischen Eckdaten so stark seinem eigenen Leben und wie auch Theroux wächst auch Jay mit sehr vielen Geschwistern auf. Neben Jay ist die alte Mutter die zweite Hauptfigur, die wie eine Tyrannin über ihre Familie herrscht. Das Matriarchat wird als eine Art modernem Albtraum beschrieben: Gnadenlosigkeit, Herrschsucht, Kontrolle, Grausamkeit, nervige Marotten und die Freude an der Boshaftigkeit. Wie bei den Fernsehserien Dallas oder Denver, nur konzentriert in einer Person.

Sie spielt ihre Kinder gnadenlos gegeneinander aus und ihre sehr seltenen Zuneigungsbekundungen bleiben entweder unberechenbar oder werden nach einer perfiden Logik gesetzt. Sie stiftet selbst ihre Kinder zu Boshaftigkeiten an, sorgt mit angeblich großzügigen Geschenken für Hass und Zwietracht und spielt alle gegeneinander aus. Manipulation, Angst vor ihren Launen und der Kampf um die Gunst ihrer Mutter sind bei den Kindern an der Tagesordnung.

Keines der Kinder schafft es, von ihr loszukommen. Hier lesen wir Berichte von Jay, der besonders in seiner Jugend einige leider vergebliche Versuche unternahm, der Abhängigkeit von dieser Familie zu entfliehen.

Ihren eigenen niederen Stellenwert kriegen die sieben Kinder vor allem zu spüren, wenn sich die Mutter bei ihren seltsamen Entscheidungen auf Angela beruft. Dies ist ihr Lieblingskind, das wenige Stunden nach der Geburt starb. Bei Feiern oder wichtigen Anlässen bekommt Angela trotzdem ihr eigenes Tischgedeck und ist für die Mutter eine fiktive Gesprächspartnerin. Die Familienintrigen bleiben weitgehend unbemerkt vor Außenstehenden wird der Schein einer harmonischen Großfamilie gewahrt.

Eine schrecklich nette Familie: Der Roman ist schaurig, aber auch gleichzeitig fesselnd und witzig geschrieben. Zwischen diesen beiden Polen wechselt die Gemütsverfassung beim Lesen immer wieder, kalt wird das Werk niemanden lassen. Ob es den Kindern jemals gelingen wird, sich gemeinsam von der Tyrannin zu befreien, muss selbst herausgefunden werden.

 







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