Neuerscheinungen zu Kunst und Kultur


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30.09.18
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtips vonMichael Lausberg

Buch 1

Alexander Demandt: Marc Aurel. Der Kaiser und seine Welt, C.H. Beck, München 2018, ISBN: 978-3-406-71874-8, 32 EURO (D)

Mark Aurel (121-180) war von 161 bis 180 römischer Kaiser und als Philosoph der letzte bedeutende Vertreter der jüngeren Stoa. Innenpolitische Akzente setzte Mark Aurel in Gesetzgebung und Rechtsprechung bei der Erleichterung des Loses von Benachteiligten der damaligen römischen Gesellschaft, vor allem der Sklaven und Frauen. Außergewöhnlichen Herausforderungen hatte er sich hinsichtlich einer katastrophalen Tiberüberschwemmung zu stellen sowie in der Konfrontation mit der Antoninischen Pest und angesichts spontaner Christenverfolgungen innerhalb des Römischen Reiches. An den Reichsgrenzen musste er nach einer längeren Friedenszeit wieder an mehreren Fronten gegen eindringende Feinde vorgehen. Insbesondere waren der Osten des Reiches durch die Parther, über die Mark Aurels Mitkaiser Lucius Verus triumphierte, und der Donauraum durch diverse Germanen-Stämme bedroht. Sein letztes Lebensjahrzehnt verbrachte Mark Aurel daher vorwiegend im Feldlager. Hier verfasste er die Selbstbetrachtungen, die ihn der Nachwelt als Philosophenkaiser präsentieren und die mitunter zur Weltliteratur gezählt werden.

Der Althistoriker Alexander Demandt stellt in diesem Buch den Philosophenkaiser und dessen Epoche vor: „Möchte es gelingen, der historische interessierten Leserschaft den Reiter auf dem Kapitol in deiner vielgestaltigen Welt lebendig zu machen, das Geschehen in einen weiteren Rahmen zu stellen und die Grundkonflikte der Zeit aufzuzeigen: die Spannung zwischen hoher, aber müder Zivilisation und armen, aber vitalen Nachbarvölkern, zwischen altbewährten Reichsgrundsätzen und immer neuen Herausforderungen, zwischen Vertretern staatlicher Ordnung und religiösen Menschen, die für ihre Idee in den Tod gehen. Marc Aurel hat sich mit diesen Fragen in einer Form befasst, die ein Beispiel dafür darstellen, wie Politik und Philosophie einander ergänzen, wie sich Machtfragen zwar nicht lösen, aber vielleicht ungelöst ertragen können.“ (S. 10)

Das Buch beginnt mit einer Vorstellung des Imperium Romanum vor der Zeit Marc Aurels. Danach werden die schriftlichen und anderen Quellen zum Philosophenkaiser vorgestellt. Anschließend werden seine Jugend und Familie, seine Ernennung zum römischen Kaiser sowie seine Konfrontation mit der Antoninischen Pest und dem Feldzug gegen die Parther. Außenpolitische Ereignisse wie der erste und zweite Germanenkrieg und andere Schlachten folgen danach. Danach werden seine innenpolitischen Leistungen in Recht und Verwaltung herausgearbeitet, bevor seine unrühmliche Rolle in den Christenprozessen thematisiert wird. Seine philosophischen Grundsätze, niedergeschrieben in den Selbstbetrachtungen, auf der Grundlage der jüngeren Stoa werden dann thematisiert. Die Umstände seines Todes und die offenen Fragen dazu kommen danach zur Sprache. Eine Rezeptionsgeschichte von 180 bis ins 20. Jahrhundert rundet das Buch ab. Im Anhang findet man noch eine Chronik, Karten, eine Stammtafel, einen Bildnachweis, ein Abkürzungsverzeichnis, Literatur und ein Register.

Demandt fasst zusammen: „Nicht der Kaiser, sondern der Charakter, nicht der Monarch, sondern der Mensch ist es, der uns anspricht. Wir sehen seine unablässige Bemühung, der Stellung, die er sich nicht ausgesucht hat, nicht erstrebt hat, gerecht zu werden, und die plötzlich veränderte Notlage des Reiches, die bei seinem Herrschaftsantritt 161 nicht vorauszusehen war, zu meistern. Marc Aurel steht mit seinem Leben, Handeln und Denken in einer kritischen Phase des Römischen Reiches. Auf die Expansion unter Trajan und die Stabilisierung unter Hadrian und Pius folgt nun der Umschlag in die Defensive. Jahr für Jahr gibt es Krieg. Kein Kaiser vor oder nach Marcus weilt so lange wie er an der Front. Die Gefahr aus dem Norden, der das Reich schließlich erliegen sollte, kündigte sich unübersehbar an. Ihr entgegenzutreten war nicht nur ein politisches und militärisches Problem, sondern für ihn auch ein menschliches und philosophisches. (…) Er geht auf in der Verantwortung für das von allen Seiten bedrohte Gemeinwesen.“ (S. 433f)

Der Mensch und der Kaiser Marc Aurel war eine spannende Persönlichkeit und hat zu Recht aufgrund seiner philosophischen Ergüsse Weltruhm erhalten. Allerdings hat der um Humanität bemühte Marc Aurel auch seine Schattenseiten aus heutiger Sicht, die in dem Buch zwar genannt werden, aber etwas verharmlost werden. Im Krieg gegen die Feinde des römischen Reiches ging er teilweise unmenschlich vor, Friedensbemühungen zum Stopp des sinnlosen Mordens gab es nicht. Auch seine Rolle bei den Christenverfolgungen zeugt in weiten Teilen nicht von Humanität oder Toleranz. Dies sind zwar allgemeine Charakteristika der Epoche, sollten aber auch bei der Beurteilung der Persönlichkeit Marc Aurels eine Rolle spielen. Sonst ist das Buch empfehlenswert, besonders der opulente Anhang ist dabei hervorzuheben.

 

Buch 2

 

Iriye Akira/Jürgen Osterhammel: Geschichte der Welt: Frühe Zivilisationen, C. H. Beck Verlag, München 2017, ISBN: 978-3-406-64101-5, 49.95 EURO (D)

 

Der erste Band der sechsbändigen Geschichte der Welt reicht von der Altsteinzeit bis zur Spätantike reicht. Wie der Titel schon sagt, wird hier eine Art Weltgeschichte von den Anfängen der Menschwerdung über den Beginn des Ackerbaus, das Aufblühen der frühen Hochkulturen bis zur Epoche der griechisch-römischen Welt und dem Ende der Gupta-Zeit in Indien, dem Niedergang der Sui-Dynastie in China und dem Aufkommen des Islams dargestellt. Die einzelnen Kapitel werden von bekannten Wissenschaftlern einzeln behandelt. Die behandelten geographischen Gebiete sollen dabei nicht als historisch abgeschlossener Raum behandelt werden, sondern vielmehr die Vernetzung und Verzahnung von Ereignissen zwischen und Bevölkerungen und Reichen dargestellt werden.

 

Die von Hermann Parzinger behandelte Vor- und Frühgeschichte beschreibt, wie sich die Menschheit in ihrer frühen Phase entwickelt und ausgebreitet hat. Klimaveränderungen und andere Voraussetzungen zum Überleben in einer feindlichen Naturlandschaft werden von ihm als wichtige Entwicklungsfaktoren betont.

Karen Radner behandelt dann die frühen Hochkulturen Ägyptens und Vorderasiens. Die Entwicklung in Lykien wird etwas stiefmütterlich behandelt, sonst werden alle wichtigen Kulturen mitsamt ihren Leistungen (Hammurabi, Pyramiden usw.) beschrieben. Dabei knüpft er an das vorherige Kapitel an, so dass es als Fortsetzungsgeschichte gelesen werden kann.

Der bekannte Althistoriker Hans-Joachim Gehrke fasst in seinem Werk vor allem die griechische, persische und römische Welt zusammen. Bei so vielen Geschehnissen und Themen können viele Dinge nur angeschnitten werden, es ist eine gelungene Überblicksdarstellung auch für Einsteiger im Fach Geschichte.

Die Geschehnisse im alten China werden dann von Mark Edward Lewis, das als eigener Mikrokosmos dargestellt wird. Dabei geht es nicht nur um politische Ereignisse, es werden auch geistesgeschichtliche (Philosophie), religiöse und kulturelle Aspekte in den Mittelpunkt gestellt.

Südasien und Südostasien ist der letzte Themenblock des Buches. Dabei spielt das heutige Indien als geistesgeschichtlicher und mystischer Vorreiter eine zentrale Rolle. Aber auch die Grenzregionen, die Vernetzung durch den Handel mit der nahen und fernen Umgebung werden ausführlich geschildert. Ein Themenbereich, der sonst nicht so sehr bekannt ist, und erst mit der Kolonialisierung für Europa interessant wurde.

 

Der Versuch der Darstellung von mehr als 2,7 Millionen Jahren Kultur- und Ereignisgeschichte der Menschheit in einem Buch kann als gelungen gewertet werden. Die wichtigsten Ereignisse der jeweiligen Epochen werden überblicksartig geschildert, intensivere Lektüre wird durch die vielen Verweise angeregt. Die Beschreibung der Interaktion zwischen Regionen macht das Besondere dieses Buches aus, das zur Lektüre empfohlen werden kann.

 

Buch 3

 

Jakob Tanner: Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert, C. H. Beck Verlag, München 2015, ISBN: 978-3-406-68365-7, 39,95 EURO (D)

 

Der Schweizer Zeithistoriker Jakob Tanner beschreibt in diesem Buch die Geschichte der Schweiz im ereignisreichen 20. Jahrhundert.

Die Industrialisierung und damit verbundenen Klassengegensätze prägten den Beginn des 20. Jahrhunderts Im Landesstreik von 1918 kam es zur bisher schärfsten Konfrontation zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum in der Schweiz. Die Arbeiterbewegung konnte sich politisch auf nationaler Ebene erst nach der Einführung des Proporzwahlverfahrens 1919 etablieren.

Während des 1. Weltkriegs bewahrte die Schweiz die bewaffnete Neutralität. Unter General Ulrich Wille erfolgte die Grenzbesetzung. Die Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein unterzeichneten 1923 den heute noch gültigen Zollvertrag.

Nach dem Ausbruch des 2. Weltkriegs berief sich die Schweiz erneut auf die bewaffnete Neutralität und ordnete die allgemeine Mobilmachung der Armee unter dem Oberbefehlshaber General Henri Guisan an. Die Schweizer Armee zog sich mit dem Aktivdienst ins Reduit zurück, um einem deutschen Angriff möglichst harten Widerstand in Gebirgsstellungen entgegenzuhalten. Der Bevölkerung der Schweiz wurde durch die behördlich geförderte Bewegung der „Geistigen Landverteidigung“ ein starker Behauptungswillen gegen den Nationalsozialismus vermittelt. Die Schweiz nahm während der Herrschaft der Nationalsozialisten in Deutschland zeitweise Flüchtlinge auf, wies aber nach einiger Zeit gezielt Juden und vor allem als «politisch Verfolgte» eingestufte Flüchtende zurück. Am 31.August 1938 drohte die Schweiz an, das deutsch-schweizerische Abkommen aufzukündigen, mit dem 1926 ein visafreier Grenzübertritt vereinbart worden war und das nach dem „Anschluss Österreichs“ ohne formellen Vertrag auch dort Anwendung fand. Um die Visafreiheit „deutschblütige“ Staatsangehörige zu erhalten, erklärte sich die deutsche Seite nach mehrtägigen Verhandlungen am 29. September 1938 bereit, die Reisepässe von Juden besonders zu kennzeichnen. Pässe mit einem „Judenstempel“ berechtigten den Inhaber zum Grenzübertritt nur dann, wenn vorher ein Visum zur Durchreise oder zum Aufenthalt erteilt worden war.

Viele Flüchtlinge wurden an den Grenzen zurückgeschickt, manche wurden sogar festgenommen und an deutsche Behörden ausgeliefert. Die ins Land gelassenen Flüchtlinge wurden spätestens nach Kriegsbeginn in Lager interniert. Sie durften sich in keiner Weise politisch äußern. In den Konzentrationslagern der Nazis litten zwischen 1933 und 1945 auch rund 1000 Schweizer Bürger, mindestens 200 davon starben. Keine gewalttätige Auseinandersetzung hat in den letzten 200 Jahren mehr Schweizer Todesopfer gefordert.(

In der Nachkriegszeit wurden weitere problematische Themen der Vergangenheit aufgegriffen wie die Zwangssterilisationen, die wirtschaftlichen Beziehungen mit dem Apartheid -Staat Südafrika oder die Rolle der Schweizer Banken im Zusammenhang mit Fluchtgeldern von Diktatoren. In den späten 1990er-Jahren entfachte ein Streit über die Entschädigung verlorener jüdischer Vermögen bei Schweizer Banken in der Zeit von 1933 bis 1945.

1960 wurde die Schweiz Mitglied der neugegründeten EFTA. Die Schweiz gehörte 1961 zu den Gründungsmitgliedern der OECD. Nach längerer innenpolitischer Auseinandersetzung, die sich hauptsächlich um die Frage der Neutralität drehte, trat die Schweiz 1963 dem Europarat bei und ratifizierte 1974 die Europäische Menschenrechtskonvention. 1970 unternahm der Bundesrat erste Schritte der Schweiz in Richtung EWG, die 1972 in einem Freihandelsabkommen mündeten. 1971 wurde in einer Volksabstimmung das Frauenstimmrecht nach jahrzehntelangem Kampf angenommen. 1973 folgte der Beitritt zur OSZE.

1969 und 1970 erschütterten drei Terroranschläge gegen die Luftfahrt das Land. Dabei kamen insgesamt 51 Menschen ums Leben und die Swissair verlor 2 Flugzeuge. Die Jurafrage beschäftigte die Schweiz während Jahrzehnten. Schliesslich wurde 1979 durch die Abspaltung der französischsprachigen Amtsbezirke Delsberg, Ajoie und Freiberge vom Kanton Bern der neue Kanton Jura gegründet.

Die Armee konnte in der Schweiz bis in die 1990er-Jahre eine starke gesellschaftliche Stellung behaupten, da durch ihren Aufbau als Milizarmee eine starke Verflechtung von zivilen und militärischen Führungskadern gegeben war. Bereits in den 1970er-Jahren und verstärkt anlässlich der GSoA -Armeeabschaffungsinitiative 1989 kam es aber auch zu Spannungen zwischen Traditionalisten und Kritikern um die Rolle der Armee in der Gesellschaft. Seit dem Ende des Kalten Krieges nahm der Einfluss der Schweizer Armee auf die Zivilgesellschaft stark ab.

Der von der Regierung angestrebte Beitritt zum EWR scheiterte am 6. Dezember 1992 bei einer Abstimmung. Nach dem Jahr 1999 stimmte das Schweizervolk mehreren bilateralen Verträgen mit der EU zu. 2005 trat die Schweiz auch den Schengen- und Dublin- Abkommen bei. Die Schweiz trat nach einer positiv ausgegangenen Volksabstimmung am 10. September 2002 der UNO bei.

Dieses Fachbuch erläutert auf hohem Niveau die Entwicklungslinien und inneren Konflikte der Schweiz im 20. Jahrhundert. Es zeigt, dass ein aus verschiedenen Kulturkreisen zusammengesetztes Land wirtschaftlich und politisch einen hohen Standard entwickeln kann. Das Buch zeigt aber auch, dass eine bewaffnete Neutralität die Schweiz vor den Grausamkeiten zweier Weltkriege bewahrt hat, eine Lehre für die Geschichte des 21. Jahrhunderts.

 

Buch 4

 

Maria Harnack: Niederländische Maler in Italien. Künstlerreisen und Kunstrezeption im 16. Jahrhundert, De Gruyter, Berlin/Boston 2018, ISBN: 978-3-11-055742-8, 79,95 EURO (D)

 

Diese Dissertationsschrift von Maria Harnack behandelt anhand von Fallbeispielen die Italienrezeption niederländischer Künstler des 16. Jahrhunderts. Die oft verschiedenen Wege, wie niederländische Künstler mit der Kultur der römischen Antike und der italienischen Renaissance in Beziehung traten, werden hier ebenso wie deren Reflexion herausgearbeitet. Dabei werden die Niederlande geographisch als „Gebiet der arrondierten, ungeteilten habsburgischen Niederlande inklusive des Fürstbistums Lüttich“ definiert. (S. 11)

Die Autorin widerlegt die bis dahin überwiegende Ansicht in der Forschung, dass Maler zum Zwecke der Ausbildung nach Italien gegangen seien. Stattdessen fand sie heraus, dass die Anlässe unterschiedlich waren: von Pilgerfahrten, über konkrete Arbeitsaufträge hin zu religiöser Flucht. Viele der Fahrten führten in die Hauptstadt der römischen Antike, nach Rom. Die meisten niederländischen Künstler beherrschten die italienische Sprache nicht, so dass sie Kontakt zu Landsleuten eher suchten als zu einheimischen Gilden oder Personen. Als Andenken und/oder Anschauungsmaterial für die eigene Arbeit brachten sie Zeichnungen nach römischem Muster oder Kopien der erfolgreichsten italienischen Künstler mit. Druckgraphiken verbreiteten dann italienische Modelle in der Heimat der niederländischen Maler. Dies führte zur Tradierung italienischer Motive in niederländischen Gemälden. Kunstwerke anderer Gattungen wurden seltener aus Italien in die Niederlande gebracht.

Nur vereinzelt sammelten niederländische Künstler Originale italienischer Kunst. Italienische Künstler, die in den Niederlanden arbeiteten, führten dagegen gelegentlich Kunst mit sich. Die niederländische Italienbegeisterung drückte sich jenseits von der Übernahme von Motiven in antiken Ruinen auf Gemälden und den vanitas-Gedanken aus. Italienmotive waren auch für den modernen Ruf von niederländischen Künstlern bei der Auftragssuche ein wichtiger Gesichtspunkt.

 

Die Autorin schafft es, einige Forschungsthesen zu widerlegen und legt viele Facetten der Italienrezeption von niederländischen Künstlern frei. Anhand von wichtigen Künstlern zeigt sie die variantenreichen Motive Aneignung der Kultur der römischen Antike und der italienischen Renaissance, vor allem in Rom. Der schon seit der Zeit Jan van Eycks beginnende Austausch der altniederländischen Malerei mit der Kunst südlich der Alpen wird dagegen hier nur rudimentär behandelt. Auf die Frage, wie sich denn die Italienrezeption im 16. Jahrhundert von denen früherer Jahrhunderte oder Stilrichtungen unterschied, wird leider nicht intensiv eingegangen.

 

Buch 5

 

Angela Dreßen (Hrsg.), Michael Unterberg: Blütenlese. Meißener Porzellan aus der Sammlung Tono Dreßen, Deutscher Kunstverlag, Berlin 2018, ISBN: 978-3-422-07473-6, Preis: 34,90 € [D]

 

Dieses Buch stellt 160 ausgewählte Exponate von Meißener Porzellan aus der Sammlung des Unternehmers Tono Dreßen vor, der insgesamt 500 Teile Meißener Porzellan besitzt. Tono Dreßen hat auch einen Sitz im erweiterten Vorstand/Beirat des Vereins Porzellanmuseum Münster e.V.

Die Kollektion umfasst Porzellane mit frühen Chinoiserien von Johann Gregorius Höroldt, farbenprächtigen Fabeltieren von Adam Friedrich von Löwenfinck, Ideallandschaften von Johann Georg Heintze ebenso wie Stücke mit Jagdszenen, Bataillen und feinsten Blumenmalereien des 18­. bis 20. Jahrhunderts. In Bild und Textbeiträgen stellt der Band beteiligte Künstler, vorherrschende Motive und richtungsweisende Techniken vor: „Mit dem Plan, eine ‚Blütenlese‘ meiner Meißener Sammlung herauszugeben, erfüllt sich ein langgehegter Wunsch, der meiner Sammlerfreude entspringt.“ (S. 7)

Ulrich Pietsch stellt in einem einleitenden Artikel den Kunstsammler Tono Dreßen und eine Würdigung seiner außergewöhnlichen Sammlung vor, dann folgt der Hauptteil mit den ausgewählten Exponaten, die noch kurz charakterisiert werden.

 

In diesem Buch sind wertvolle Exponate aus der Frühzeit der Meißener Manufaktur der Sammlung Tono Dreßen zu bewundern. Die Vielfalt der Formen und Dekore machen diesen besonderen Reiz aus. Vor allem die liebevoll gestaltete Blumenmalerei, die in ihrem Detail besticht, sprechen alle Sinne an. Dabei wird fachkundig in die Sammlung von Tono Dreßen eingeführt, vielleicht wäre noch ein Artikel über die allgemeine Entwicklung der frühen Meißener Manufaktur und ihre Exponate lohnenswert gewesen.

 

Buch 6

 

Thomas Biller/Bernhard Metz: Die Burgen des Elsass. Band I: bis 1200, Deutscher Kunstverlag, Berlin/München 2018, ISBN: 978-3-422-07439-2, 88 EURO (D)

 

Das Elsass, das im Mittelalter zum deutschsprachigen Raum zählte, entwickelte sich zu dieser Zeit zu einer der wichtigsten Burgenlandschaften in ganz Europa. Diese werden in dem vierbändigen Werk „Die Burgen des Elsass“ genauer aus verschiedenen Forschungsperspektiven analysiert. Dies ist der erste Band der Reihe, der sich mit den Anfängen des Burgenbaus im Elsass im 12. Jahrhundert beschäftigt. Die Fortsetzung der Reihe bilden die Werke „Band II: Der spätromanische Burgenbau im Elsass (1200-1250)“, „Band III: Der frühe gotische Burgenbau im Elsass (1250-1300)“ und „Band IV: Der elsässische Burgenbau im Spätmittelalter (nach 1300)“.

Die Forschungslage ist für den Zeitrahmen unterschiedlich: „Bleiben also die Anfänge der elsässischen Adelsburgen vor dem mittleren 12. Jh. bisher weitgehend Objekt von Vermutungen und eher wenig abgesicherten Hypothesen, so bewegt sich die Darstellung der ab dieser Zeit, bis um 1200 entstehenden, als Hochbauten in Mörtelmauerwerk ausgeführten Adelsburgen in gewohnteren Bahnen. Von diesen Burgen (…) sind aufgehende Bauteile erhalten, oder ihre Architektur ist zumindest über Grabungsergebnisse oder alte Darstellungen soweit beurteilbar, (…). (S.7f)

 

Das Buch beginnt mit Zielen und Methodik des Gesamtwerkes. Die Datierungsmethodik, die Erkenntnisse der Archäologie, Bauforschung, der Denkmalpflege, die Aufarbeitung der Schriftquellen sowie die Literatur zum elsässischen Burgenbau werden dabei vorgestellt. Danach werden der historische Hintergrund, die politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche Situation des Elsass sowie die Anfänge des dortigen Burgenbaus behandelt. Anschließend folgen Überlegungen zum Forschungsstand und zur Datierung. Die bauliche Gestalt der Burgen steht danach im Mittelpunkt. Dabei werden Vorformen, die Gesamtanlage, Verteidigungsbauteile, Wohn- und Repräsentationsbauten, Kapellen, die Öffnungsformen und Ornamentik, der Wohnkomfort, die Hauswirtschaft sowie Informationen zu Planung und Bauablauf präsentiert. Dann folgt eine Zusammenfassung der bisherigen Teile des Buches, bevor dann der Katalogteil beginnt. Im Katalogteil werden achtzehn Burgen monographisch und mit Bildern und Grundrissen vorgestellt. Eine Übersichtskarte und ein Verzeichnis der behandelten Burgen befinden sich am Ende des Bandes. Im Anhang findet man noch ein Quellen- und Literaturverzeichnis sowie ein Register.

 

Das Buch schildert eindrücklich Anfänge und Hintergründe des adligen Burgenbaues im Elsass. Schriftquellen, archäologische und architektonische Kenntnisse werden neben allgemeinhistorischen dabei herangezogen, was der Gesamtdarstellung ein hohes Niveau verleiht. Seine architektonisch prägnanten Formen in Mörtel- und Quadermauerwerk werden gut herausgearbeitet und die 18 vorgestellten Burgen im Katalogteil detaillierter mit Grundriss und Bilder untersucht, was den guten Gesamteindruck abrundet.

 

Buch 7

 

Jean-Louis Cohen: Ludwig Mies van der Rohe, 3. Auflage, Birkhäuser Verlag, Basel 2018, ISBN: 978-3-0356-1665-1, 44,95 EURO (D)

 

In diesem Fachbuch geht es um den weltbekannten Architekten Ludwig Mies van der Rohe und seine architektonischen Leistungen. Das Buch erscheint bereits in dritter aktualisierter Auflage.

Nach seiner Ausbildung in Aachen ging Mies van der Rohe nach Berlin zu Bruno Paul. Dort errichtete er vollkommen selbständig 1907 sein Erstlingswerk: das Haus Riehl in Babelsberg im Stil der von Paul gelehrten Reformarchitektur der Münchener Schule. 1908 wechselte er zu Peter Behrens, wo er an bedeutenden Großprojekten seine professionellen Fähigkeiten weiterentwickeln konnte. Darüber hinaus begann jetzt aber auch die intensive intellektuelle Auseinandersetzung mit Architektur überhaupt. Behrens selbst gehörte zur Avantgarde. Im selben Jahr wurde er von Behrens von der Bauleitung für den Neubau der Deutschen Botschaft in St. Petersburg abgezogen und mit der Projektleitung für die private Wohn-Museums-Anlage Kröller-Müller in den Niederlanden betraut.

Mies kehrte 1913 nach Berlin zurück und eröffnete ein Architekturbüro und erhielt den Auftrag für ein Wohngebäude in Zehlendorf, das für die nächsten zehn Jahre das erste in einer Reihe seiner eher klassischen Villen im Reformstil für großbürgerliche Bauherren war. Zwischen 1915 und 1917 baute er für die Freundin von Frau Riehl und ihren Mann, den Mitinhaber der Deutschen Bank Franz Urbig, eine Walmdachvilla in Anlehnung an Schinkel.

Mit der Revolution im November 1918 wurde im Deutschen Reich die Republik ausgerufen. Im selben Monat fanden sich in Berlin einige Künstler zusammen, die ihre Vorstellungen von einer modernen Kunst diskutieren und der Öffentlichkeit mit Ausstellungen nahebringen wollten. Sie gründeten die Novembergruppe. Mies van der Rohe schloss sich ihnen 1921 an und organisierte bis 1925 die Architekturbeiträge dieser Gruppe in der jährlichen Großen Berliner Kunstausstellung.

1923 baute Mies van der Rohe sein erstes Gebäude in moderner Formensprache: Haus Ryder in Wiesbaden, ein hell verputztes kubisches Wohnhaus mit Flachdach und stilistisch dem Bauhaus nahestehend. Haus Wolf in Guben von 1926 zeigt dann später deutliche Bezüge zu den beiden Landhausstudien und beweist seine Eigenständigkeit im formalen Ausdruck.

1924 trat Mies van der Rohe auf Einladung dem DWB (Deutscher Werkbund) bei und wurde hier 1926 zum Vizepräsidenten ernannt. In dieser Funktion leitete er die Werkbundausstellung „Die Wohnung“ 1927 in Stuttgart. Mitte 1928 wurden Mies van der Rohe und Reich wohl vor allem aufgrund des großen Erfolges der Stuttgarter Werkbundausstellung mit der künstlerischen Leitung der deutschen Abteilung der Weltausstellung 1929 in Barcelona beauftragt. Sie gestalteten auch hier einige Ausstellungsbereiche gemeinsam, und Mies van der Rohe baute noch ein offizielles Empfangsgebäude dazu. Dieser fast zweckfreie Repräsentationsbau wurde die Hauptattraktion der gesamten Weltausstellung und gilt seither als eines der bedeutendsten Werke der modernen Architektur überhaupt: der Barcelona-Pavillon. Ende 1928 begann Mies van der Rohe mit dem Entwurf für Haus Tugendhat im tschechischen Brünn (Brno), das 1930 fertiggestellt wurde und ebenfalls als eines der Hauptwerke der modernen Architektur gilt.

Mit der Weltwirtschaftskrise ab 1929 setzte auch für Mies van der Rohe eine Zeit wirtschaftlicher Unsicherheit ein. Er nahm 1930 die Berufung zum Direktor des Bauhauses in Dessau an und begann damit seine akademische Lehrtätigkeit. Das Bauhaus in Dessau wurde jedoch schon 1932 von einem neu gewählten Stadtrat mit nationalsozialistischer Mehrheit aus politischen Gründen geschlossen. Mies van der Rohe versuchte daraufhin die Lehranstalt als Privatinstitut in Berlin weiterzuführen, musste aber wegen des zunehmenden politischen Drucks der neuen (Januar 1933) Reichsregierung der Nationalsozialisten Mitte 1933 aufgeben,

Mies van der Rohes Haltung zu den neuen Machthabern war opportunistisch (Eintritt in die Reichskulturkammer 1934, Eintritt in die NS-Wohlfahrt 1934, Teilnahme an der Ausstellung Deutsches Volk-Deutsche Arbeit 1934, Entwurf für den deutschen Beitrag zur Weltausstellung in Brüssel 1934). Die Nationalsozialisten grenzten ihn zunehmend aus und drängten ihn 1937, die Preußische Akademie der Künste zu verlassen, die ihn erst sechs Jahre vorher zu ihrem Mitglied gewählt hatte.

Er bekam 1936 ein Angebot zur Bewerbung an einen Lehrstuhl für Entwerfen an der Harvard University in Cambridge Massachusetts und eines für die Leitung der Architekturabteilung am Armour Institute in Chicago. 1944 wurde er amerikanischer Staatsbürger. Mies van der Rohe nahm nun am Armour Institute seine akademische Lehrtätigkeit wieder auf und war zunächst damit beschäftigt, die Ausbildung der Studenten neu zu gestalten.  1939 gründete Mies van der Rohe sein Architekturbüro in Chicago und bekam nach der Fusion des Armour Institute mit dem Lewis Institute zum Illinois Institute of Technology  (IIT) ein Jahr später den Auftrag für die Planung des neuen Campus dieser Hochschule.

1947 organisierte Philip Johnson, der Leiter der Architekturabteilung des Museum of Modern Art in New York, eine Retrospektive der Arbeiten von Mies van der Rohe. Johnson überließ ihm die Gestaltung der Ausstellung. Sie wurde ein großer Erfolg und festigte sein Ansehen in den Vereinigten Staaten nachhaltig. In dieser Zeit arbeitete er auch an den Plänen für das Wochenendhaus einer befreundeten Ärztin, das dann 1951 fertiggestellt wurde: Farnsworth House. Es wird als sein erstes Meisterwerk in den Vereinigten Staaten angesehen und wurde weltberühmt.1954 erhielt Mies van der Rohe den Auftrag zur Planung seines ersten Bürohochhauses, des Seagram Building in New York von 1958. Es zählt ebenfalls zu seinen Meisterwerken.

Anfang der 1960er-Jahre bekam Mies van der Rohe vom Senat Westberlins das Angebot für die Planung der Neuen Nationalgalerie im Kulturforum. Die Neue Nationalgalerie gilt als Meisterwerk und steht am Ende einer Reihe von Bauten und Projekten, die den stützenlosen, eingeschossigen Hallenraum thematisieren, der als nutzungsvariabler Universalraum ohne funktionale Festlegungen ein freier und rein architektonischer Raum sein sollte.

In den letzten Jahren seines Lebens wurde Mies van der Rohe mit vielen Auszeichnungen geehrt. Ehrendoktortitel, Goldmedaillen von Architektenverbänden und die höchsten Zivilorden der Bundesrepublik Deutschland und der Vereinigten Staaten von Amerika gehören dazu. Die Aufträge für sein Büro wurden immer zahlreicher, vieles überließ er seinen langjährigen Mitarbeitern und einem Enkelsohn, der Architekt war.

 

Mies van der Rohe war Vertreter des Minimalismus in der Architektur, ausgedrückt durch die Formel „Weniger ist mehr“. Seine Baukunst gilt dem Ausdruck konstruktiver Logik und räumlicher Freiheit in klassischer Form. Dafür entwickelte er moderne Tragstrukturen aus Stahl, die eine hohe Variabilität der Nutzflächen ermöglichten. Der Autor würdigt Mies van der Rohe als „erster Gestalter der werdenden Moderne“: „In sechs Jahrzehnten, die so reich an politischen, kulturellen und künstlerischen Umbrüchen waren, baute Mies dennoch ein persönliches Werk, das von dem ständigen Bemühen gekennzeichnet war, den Plänen der für den gesellschaftlichen Wandel arbeitenden Eliten intellektuell und materiell eine rationale Form zu geben, sowie von der Weigerung, als origineller ‚Autor‘ hervorzutreten. Seien Verwendung von Stahl und Glas, den Werkstoffen der Großindustrie ist durch die ästhetische Strategie der Avantgarde bestimmt und trägt doch den Siegel des Klassizismus. (…) Mehr als nur ein Architekt der Moderne wirkt er als der erste Gestalter der werdenden Moderne.“ (S. 166)

Dieses Buch hat eine hohe Qualität in der Auseinandersetzung mit Mies van der Rohes Stil und Architekturleitlinien. Vor allem durch die Baupläne und die Bilder seiner Bauten bekommt der Leser ein visuelles Verständnis für seine architektonischen Leistungen. Bei der Beurteilung seiner Tätigkeit im NS-Staat mangelt es jedoch an einer tieferen kritischen Aufarbeitung dieser Schattenjahre.

 

Buch 8

 

Carsten Krohn: Hans Scharoun. Bauten und Projekte, Birkhäuser Verlag, Basel 2018, ISBN: 978-3-0356-0679-9, 59,95 EURO (D)

 

Hans Scharoun (1893-1972) gilt als einer der bedeutendsten deutschen Architekten und Vertreter der organischen Architektur der 1920er bis 1960er Jahre. Er gehört zu den bedeutendsten Vertretern der organischen Architektur, die eine Strömung der klassischen Moderne ist. Stilistisch ist die organische Architektur heterogen und keiner bestimmten Ästhetik verpflichtet – der Grundgedanke, nicht Funktion, Materialien und Zweck einem Form- oder Stilwillen zu unterwerfen, sondern die Form aus diesen Bedingungen „erwachsen“ zu lassen, brachte ganz unterschiedliche Ergebnisse hervor Es gibt keine vorgegebenen äußeren Stilmittel. Mittel sind die architektonischen und künstlerischen Gesetze selbst, d.h. Proportionen, plastische Formenvielfalt, Raumgebärden, Farben, Materialcharaktere usw.

Dieses Buch über die Bauten und Projekte Hans Scharouns ist in Zusammenarbeit mit dem Baukunstarchiv der Akademie der Künste in Berlin, entstanden. Es dokumentiert in Text und Bild sämtliche bislang bekannten realisierten Bauten Scharouns, erstmals auch sein Frühwerk in Ostpreußen und bringt sein Verständnis der organischen Architektur zum Ausdruck: „Scharouns Weg zur organischen Architektur war beschwerlich und lief nicht linear, obwohl er bereits als Schüler fantastisch anmutende, wie gewachsen erscheinende Baugebilde entworfen hatte. Dieses Buch will Scharouns Position als einen Findungsprozess ergründen, indem die Entwicklung seines Werks Bau für Bau nachgezeichnet wird.“ (S. 8)

Das Buch beginnt mit einer Einleitung zu Hans Scharoun und seinen Leistungen von Carsten Krohn. Eva-Maria Barkhoven beschäftigt sich anschließend in einem grundlegenden Essay mit den Entwicklungsphasen innerhalb der architektonischen Laufbahn Scharouns. Danach folgt der Hauptteil: Dort werden angefangen von Scharouns erstem Bau der Notkirche in Walterkehmen/Ostpreußen bis zum Musikinstrumentenmuseum in Berlin-Tiergarten alle Bauten und Projekte einzeln in Wort von Dimitri Suchin und Carsten Krohn sowie in Fotografien von Carsten Krohn vorgestellt. Außerdem sind im Buch verteilt noch  historische Fotos und Pläne aus dem Hans-Scharoun-Archiv zu sehen. Im Anhang findet man noch ein Literaturverzeichnis, ein Sachregister sowie ein Bildnachweis.

 

In diesem Werk stehen die Bauten und Projekte Scharouns im Mittelpunkt, seine Biographie wird eher nebensächlich behandelt. Die Essays sind fachkundig geschrieben und führen qualitativ hochwertig in den Hauptteil mit den Bauten und Projekte ein. Spannend wäre auch eine Rezeption der Architekturvorstellungen Scharouns gewesen. So wie Edgar Wisniewski (1930- 2007), er war Schüler und späterer Partner von Hans Scharoun. Seine eigenständigen Werke und Bauten, die sich eng diejenigen Scharouns anlehnten, sind leider in diesem Buch nicht vertreten.

 

Buch 9

 

Andri Gerber/Tibor Joanelly/Oya Atallay Franck: Proportionen und Wahrnehmung in Architektur und Städtebau. Maßsystem, Verhältnis, Analogie, Reimer Verlag, Berlin 2017, ISBN: ISBN 978-3-496-01581-9, 29,90 EURO

In diesem Buch geht es um Proportionen und ihre Anwendung in der Architektur. Architekten aller Epochen nutzten unterschiedliche Proportionssysteme. Die theoretische Auseinandersetzung mit Proportionen in der Architektur wird auch als Proportionslehre bezeichnet. Die traditionelle vor 1830 errichtete Architektur fast aller Kategorien war grundsätzlich durch Proportion geprägte Gestaltqualitäten charakterisiert; auch die ländlicher Architektur von Bauernhäusern und agrarräumlicher Funktionsbauten.

Dieses Buch ist das Ergebnis einer Tagung der ZHAW zu dem Thema. Ausgehend von Untersuchungen zur menschlichen Raumwahrnehmung beleuchten die Autoren das Verhältnis des Körpers zu seiner Umgebung sowie die Maßsysteme und Ideale, die daraus abgeleitet werden. Im Zusammenhang mit der Ästhetik spielen Proportion und etliche andere, oft mathematischen Algorithmen verwandte Gestaltrelationen insofern eine wichtige Rolle, als sie der Wahrnehmung eine Reduktion der Informationsfülle auf Informationsordnung sowie anschließende Informationsanreicherung erleichtern und somit mehr oder minder versteckte Gestaltqualitäten leichter erfassbar machen. So vermitteln Proportion und andere Quasialgorithmen der Gestalt zwischen Einheit und Vielfalt und dieses ist eine wichtige Voraussetzung für Ästhetik.

Im ersten Teil wird die Geschichte der Proportionen seit der Antike bis in die Moderne in verschiedenen Beiträgen vorgestellt. Der zweite Teil behandelt theoretische Grundlagen wie Proportionen und Körper oder Proportionen in der Musik. Der dritte Teil besteht aus Interviews mit Experten zur baulichen Anwendung von Proportionen. Dort gibt es unterschiedliche Ansichten über das Thema. Für die einen sind Proportionen nicht mehr zeitgemäß: „Dennoch Proportionen sind heute kein Thema mehr. Die Gründe dafür sind zahlreich, darunter die Tatsache, dass Proportionen mit Ordnung und Harmonie und Idealen assoziiert werden, Eigenschaften, die in der heutigen fließenden, digitalen Welt und in der Kultur des Widerspruchs und des rasenden Fortschritts nicht mehr aktuell sind.“ (S. 10)

Eine spannende Anwendungssicht von Proportionen in der Architektur ist der soziale Städtebau: „Wenn es um Prozesse geht oder um bauliche Lösungen, die Menschen am Rand der Gesellschaft ein besseres Leben ermöglichen, dann kann man den Begriff der Proportionen mit Angemessenheit gleichsetzen – im doppelten Sinn: Es geht darum, mit den angemessenen Mitteln auf eine bestimmte soziale Situation zu reagieren und darum, im Sinne der Menschenwürde angemessene Lebensumstände zu schaffen.“ (S. 199)

Das Buch liefert eine spannende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema, geht auf die Historie und auf die Gegenwart ein und liefert konträre Expertenmeinungen, die neue Einsichten liefern.

 

Buch 10

 

Christo and Jeanne-Claude: Barrels and the Mastaba 1958-2018, Taschen Verlag, Köln 2018, ISBN: 978-3-8365-7345-0, 40 EURO (D)

 

 

Das Buch, das von Lorenza Giovanelli und Christo selbst gestaltet wurde, gibt einen umfassenden Überblick über Christo und Jeanne-Claudes Arbeit mit Fässern, von den Anfängen 1958 bis heute. Das Buch ist in englischer Sprache erschienen.

Das Buch beginnt mit einem längeren Interview von Hans Ulrich Obrist mit Christo, wo die lange Tradition, Kunstwerke aus Fässern zu schaffen und ihre neueste Installation The Mastaba vom 18. Juni bis 23. September 2018 im Serpentine Lake des Londoner Hyde Parks. Christo bemerkt zu den Anfängen: „For the London Mastaba the idea of a lake originates from early drawings. In 1967 I made two or three studies for a floating mastaba, one of which was the Lake Michigan. This was never realized. Of course, this project in London is an incredible opportunity to do something that is so different from anything else. “ (S. 10)

Dabei steht auch die Ausstellung in der Serpentine Gallery, die von Hans Ulrich Obrist, Melissa Blanchflower und Josy Kraft kuratiert wurde, und zeitgleich zur Installation im Hyde Park thematisch verwandte Skulpturen, Zeichnungen und Fotografien aus den letzten 60 Jahren zeigt, im Mittelpunkt.

Anschließend geht es um das größte dauerhaftes Projekt von Christo und Jeanne-Claude: The Mastaba for Abu Dhabi. In der Wüste der Vereinigten Arabischen Emirate befindet sich seit 1977 eine Skulptur bestehend aus 410.000 bunten Fässern, die 150 Meter hoch und damit größer als die Cheops-Pyramide in Gizeh ist: „Taking its form and name from the ancient mastaba, a bence with two diagonal sides and two vertical sides, the monumental proportions of The Mastaba will be realized using 410.000 horizontally stacked oil barrels.“ (S. 82)

Danach geht es um die Londoner Mastaba: Mastaba (Steinbank) ist ein nach dem ägyptisch-arabischen Wort für Bank benannter Typ von Grabbauten der altägyptischen Kultur. Geometrisch hat der Baukörper rechteckigen Grundriss, relativ niedrige Höhe und schräge Seitenwände wie ein Pyramidenstumpf. Sie lassen einer Entwicklungslinie zuordnen, die mit Elite-Gräbern der Thinitenzeit beginnt, im königlichen Bereich zum Bau der Pyramidengräber führt und im privaten Bereich erst am Ende der 12. Dynastie endet. Stufen dieser Entwicklung lassen sich unter anderem an Beispielen aus Abydos, Sakkara und Gizeh, aber auch an anderen Orten aufzeigen. Die 20 Meter hohe und 600 Tonnen schwere schwimmende Skulptur wird auf dem Grund des Serpentine-Sees verankert und besteht aus 7.506 lackierten Fässern, die zusammen ein buntes Mosaik aus Rot-, Weiß-, Blau- und Violetttönen ergeben. Hier wird die Entstehung und Entwicklung der Londoner Mastaba anhand von den frühesten Skizzen bis hin zu den neuesten Zeichnungen und Collagen, Karten, technischen Informationen, Ingenieurszeichnungen unterstützt von den Fotografien von Wolfgang Volz vorgestellt.

 

Die ganze Planung und Entstehung der Kunstwerke aus Ölfässern erlebt der Leser in diesem Buch hautnah mit und gewinnt ein Verständnis für die Realisierung eines Großprojekts und einen Einblick in die Arbeitsweise von Christo und Jeanne-Claude. Die Mitarbeit von Christo an diesem Werk macht es authentisch und gibt intime Einblicke. Dieses Buch ist jedoch nur in englischer Sprache erschienen, der Leser muss schon Fremdsprachenkenntnisse mitbringen, um dieses Buch zu genießen.

 

 

Buch 11

 

Christo und Jeanne-Claude: Urban Projects, Kettler Verlag, Dortmund 2017, ISBN: 978-3-86206-679-7, 49,90 EURO

 

„Urban Projects“ ist die erste retrospektive Museumsausstellung seit den 1980er Jahren von Christo und Jeanne-Claude. Es wird vom 25. Oktober 2017 bis zum 25. Februar 2018 im ING Art Centre, Place Royale 6, 1000 Brüssel gezeigt. Dies ist der gleichnamige Katalog zur Ausstellung in englischer Sprache.

Das Werk von Christo und Jeanne-Claude weist zahlreiche Berührungen mit Architektur und Stadtplanung auf, und dass es einen ungeheuren Einfluss auf unsere Wahrnehmung von Gebäuden und städtischem Raum hat, gehört zu den zentralen Absichten der Künstler. . Um eine Reihe von städtebaulichen Projekten von Christo und Jeanne-Claude zu evozieren, sucht die Ausstellung eine sorgfältige Auswahl von rund achtzig Originalwerken, unabhängig davon, ob sie jemals ausgeführt wurden oder nicht, von Wand der Ölfässer, Rue Visconti, Paris, 1961- 62 bis zum wichtigen Stadtprojekt The Gates, das Christo und Jeanne-Claude 2005 für die Stadt New York realisiert haben. Diese urbanen Kunstwerke entstanden durch die zeitweilige Aneignung von Gebäuden, Denkmälern oder öffentlichen Orten mit einem symbolischen Wert: „Each of Christo’s and Jeanne-Claude’s urban projects speaks of ist experience of that city, of the city’s landcape, and of ist relationship with the monument, but mostly especially the speak of our collektive experience of the monument, the bridge, the city fortifications, the medieval tower etc..” (S. 4)

Das Buch nimmt in konzentrierter Form die städtischen Projekte von Christo und Jeanne-Claude in den Fokus. Anhand von vorbereitenden Zeichnungen, Collagen und Modellen werden zahlreiche, teils unrealisierte Arbeiten aus dem Frühwerk der Künstler vorgestellt. Die Ausstellung präsentiert eine Reihe emblematischer Arbeiten, von ersten, meist kleinformatigen, schematischen Skizzen bis hin zu den endgültigen Zeichnungen, komplexen und oft großformatigen Collagen, in denen Farbe, Struktur und Volumen ihren visionären Charakter zum Vorschein bringen der tatsächlichen Projekte. Die Werke werden so ausgewählt und ausgestellt, dass die entscheidende Bedeutung des Zeichnens für die Entstehung, die Evolution und die ästhetische Kristallisation der einzelnen Projekte betont wird. Das Buch enthält ein Beiheft über Leben und Werk der beiden Künstler.

Das Buch beginnt mit zwei einleitenden Essays: M. Koddenberg schreibt über die alternative Architektur der beiden Künstler und Laure Martin-Poulet beschäftigt sich mit Christos bekannte Zeichnungen. Dann folgt der Hauptteil: der Katalog. Dort werden zunächst ihre frühen Werke in Europa und den USA gezeigt. Dann wird anhand von themenspezifischer Einordnung und bekannter Werke die ganze Vielfalt ihrer Kunst präsentiert. Wrapped Monument: City walls and bridges, The Pont Neuf wrapped, Wrapped Reichstag, Nature in the City, Walking in the city, the gates sowie realisierte Stadtprojekte. Im Anhang findet man noch eine Liste der Werke.

In dem Begleitband kommt vor allem das Verhältnis der Künstler zum städtischen Raum zur Sprache, das ambivalent ist. Offene Kritik und die Forderung nach freier Nutzung urbaner Räume wechseln sich ab und durchdringen einander. Ihr architektonischer Anspruch und ihr visionärer Charakter haben etwas von Fachleuten, die auf den individuellen Charakter jeder einzelnen Stadt und dem damit verbundenen Raum eingehen. Diese enge Verbindung von Architekt und Künstler sowie ihre visionären Ideen gemixt mit einer demokratischen Hintergrundidee werden in diesem Buch und auch in der Ausstellung sichtbar.

 

Buch 12

 

Inaki Abalos: The good life. A guided visit to the houses of modernity, Park Books, Zürich 2018, ISBN: 978-3-03860-051-0

 

 

Iñaki Ábalos ist einer der bedeutendsten Architekten der Gegenwart in Spanien. Ábalos ist Absolvent der Technischen Hochschule für Architektur in Madrid und war Gastprofessor an der Harvard University und lehrte an der Columbia University, der Architectural Association, der Princeton University und der Cornell University. Die gemeinsame Vision des guten Lebens bedeutet für Abalos den Kitt der modernen Architektur.

 

In diesem Buch lädt Ábalos den Lesern zu einer Tour durch sieben ikonische Häuser aus dem zwanzigsten Jahrhundert ein, die verschiedene Lebenskonzepte darstellen. Einige der Häuser wurden tatsächlich gebaut, während andere nur als Teil eines Filmsets geplant, gemalt oder geschaffen wurden. Wir sehen Mies van der Rohes Haus mit drei Patios, Martin Heideggers Hütte im Schwarzwald, Picassos Villa La Californie in Cannes und den New Yorker Loft von Andy Warhol The Factory. Jacques Tatis Mon Oncle, das bekannte Hobby-Kit-Haus in Buster Keatons One Week und das Zuhause in David Hockneys Gemälde A Bigger Splash.

Ábalos führt den Leser ein, auf welchen theoretischen Vorstellungen die Entstehung dieser Häuser basierte und wie dies in der Planung und im Design umgesetzt wurde. Viele schwarz-weiß Abbildungen, Pläne und Bilder der Bewohner runden diesen Band ab, der einen eindeutigen Schwerpunkt auf den Zusammenhang zwischen Lebenskonzept und Architekturformen legt.

 

Die deskriptive Methode basiert auf sieben geführten Besuchen einer Gruppe von realen oder imaginären Häusern, die ein ausreichend erweitertes Panorama bilden, um zu verstehen, was das 20. Jahrhundert uns in der Art eines Erbes hinterlassen hat. Am wichtigsten ist dabei für Abalos, die Art von Bewohner und Philosophie, die jede individuell auslegt. Sein Denken über Architektur hat ein wenig von Philosophie und ideengeschichtlichen Annäherungen an das Design. Die hier ausgewählten Häuser sind ein Querschnitt der verschiedenen Muster der architektonischen Moderne, es sind außergewöhnliche Bauten mit viel Sachverstand und Überlegung, die Abalos in Bezug auf die Beziehung zwischen Ideen über eine bestimmte moderne Art zu leben quasi seziert und tiefgründig analysiert.

 

Buch 13

 

Peter Zumthor/Mari Lending: Die Geschichte in den Dingen, Scheidegger & Spiess, Zürich 2018, ISBN: 978-3-85881-558-3, 29, 90 EURO (D)

 

Als der bekannte Architekt Peter Zumthor das Zinkminenmuseum Allmannajuvet in Südnorwegen fertigstellte, lud er die Mari Lending, Professorin für Architekturgeschichte und -theorie an der Oslo School of Architecture and Design, zu einem Dialog über das Projekt ein. Peter Zumthor gewann die Ausschreibung der Gedenkstätte „Topographie des Terrors“ in Berlin, aufgrund von gestiegenen Kosten wurde er davon entbunden und die bereits realisierten Teile wurden abgerissen. Andere Projekte in der BRD verliefen erfolgreicher: den flüchtigen Schweizer Klangkörper-Pavillon auf der Expo 2000 in Hannover, die Bruder-Klaus-Kapelle in Wachendorf in der Eifel oder das Museum Kolumba in Köln. Er steuerte weiterhin einen Entwurf für die Neuentwicklung des Los Angeles County Museum of Art, wo das Gebäude für einen großstädtischen Maßstab konzipiert wurde.2009 wurde Peter Zumthor mit dem Pritzker Architecture Prize ausgezeichnet.

In diesem Buch wird die Konversation zwischen beiden dokumentiert, welche Rolle Geschichte, Zeit und Vergänglichkeit in Zumthors Gesamtwerk spielen. Das Buch wird illustriert durch Bilder der Schweizer Architekturfotografin Hélène Binet über die gepflasterten Wege des griechischen Architekten Dimitris Pikionis auf der Athener Akropolis.

Zumthor bemerkt darin zur Rolle der Geschichte in seinen Bauten: „Wenn ich die Welt um mich betrachte, erkenne ich: Alles, was ich sehe, ist Geschichte. Fast alles, was uns umgibt, in unseren Landschaften, unseren Dörfern, Städtchen bis hin zu den Häusern und Bäumen, in denen wir leben, ist voller Geschichte, wir müssen nur den Blick dafür haben.“ (S. 12) Oder: „Als Architekt bin ich an der angesammelten Geschichte interessiert, die in jeder Landschaft, in Orten, in Dingen gespeichert ist. Die Dinge, die ich in der Landschaft sehen und spüren kann, sind körperlich da und wirklich, egal wie stumm, verborgen und geheimnisvoll sie anfangs erscheinen mögen.“ (S. 15)

Das Ziel seiner Arbeit definiert er folgendermaßen: „Ich möchte gerne, dass meine Gebäude sagen: ‚Ich verstehe etwas von meiner Umgebung‘. Ich möchte nicht, dass sie wie Fremde, wie Außerirdische wirken, die nichts damit zu tun haben, was bereits da ist.“ (S. 14)

 

Diese Analyse der Rolle in der Geschichte in seinen Werken erfolgt nicht, wie sonst üblich in Essays von außenstehenden Experten, sondern in einem Dialog zwischen Kunst und Wissenschaft. Ein interessanter Ansatz, der verstehen hilft, wie einer der bekanntesten Architekten der Zeit denkt und was für Werte und Ziele er mit seinen Bauten verbindet. Auf den Leser wartet ein spannender intellektueller Expertendiskurs auf Augenhöhe.

 

Buch 14

 

Gernot Weckherlin: BEL, Zur Systematik des architektonischen Wissens am Beispiel von Ernst Neuferts "Bauentwurfslehre". Ernst Wasmuth Verlag, Tübingen 2017, ISBN: 978-3-8030-0798-8, 69 EURO (D)

 

 

Die 1936 erstmals erschienene „Bauentwurfslehre“ des Bauhaus-Schülers Ernst Neufert ist bis heute in unzähligen Neuauflagen und Übersetzungen ein weltweit viel gebrauchtes Standardhandbuch für entwerfende Architekten. Am Beispiel der Entstehung dieses Bestsellers unter den deutschsprachigen Architekturfachbüchern untersucht Gernot Weckherlin, unter welchen historischen Bedingungen solch spezifisches Expertenwissen gesammelt und aufgeschrieben wurde und welcher Systematik es dabei folgte und folgt. Dies ist zugleich die Dissertationsschrift des Autors, der seit 2015 eine Gastprofessur für Architekturtheorie an der BTU Cottbus-Senftenberg innehat.

Das Buch „Bauentwurfslehre. Handbuch für den Baufachmann, Bauherren, Lehrenden und Lernenden“ wurde von Ernst Neufert im März 1936 herausgebracht. Es gilt bis heute als Standardwerk und wurde in insgesamt 18 Sprachen übersetzt wurde. Die Arbeit an diesem Standardwerk wurde bis zu dessen Tode 1999 unter anderem von Ernst Neuferts Sohn Peter Neufert fortgesetzt.

In einer opulenten Einleitung werden zunächst der Stand der Forschung, das methodische Vorgehen der Untersuchung nach der Diskursanalyse Michel Foucaults als ideengeschichtliche Herangehensweise, die untersuchten Quellen, Materialien sowie die aufgetretenen Probleme vorgestellt. Danach wird die Frage nach Wissen und Nichtwissen in der Architektur aufgeworfen und beantwortet. Anschließend geht es angefangen mit Vitruv über das Bücherwissen von bekannten Architekten in der Geschichte. Danach werden die Hintergründe des Entstehens und die Vorbilder von Neuferts Bauentwurfslehre geschildert. Die Veröffentlichungen Neuferts in den Jahren 1930 bis 1935 werden dann analysiert, bevor die Architekturbücher, die um 1930 entstanden sind, und der Erfolg der ersten Auflage der Bauentwurfslehre thematisiert werden. Im danach folgenden Hauptkapitel werden die Entstehung der Bauentwurfslehre, die Inhalte und die Rolle als Wissensvermittlerin untersucht. Nach einer Zusammenfassung der Ergebnisse werden weitere Forschungsdesiderata formuliert.

 

Dass die Methode der Diskursanalyse im Rahmen einer architektonischen Dissertation gewählt wird, ist außergewöhnlich. Der Versuch ist aber als gelungen zu bezeichnen. Allerdings verhakt sich der Autor verhakt sich bisweilen im Detail: Besonders das Kapitel Architekturbücher um 1930 ist etwas langatmig und hätte griffiger dargestellt werden können. Die Instrumentalisierung von Neuferts Werk durch die Nazis ist sehr spannend und zeigt das Zusammenspiel zwischen Politik und Architektur in dieser Zeit. Insgesamt gesehen eine sehr ausführliche, akribische Arbeit mit vielen visualisierenden Abbildungen und einer ideengeschichtlich gut ausgearbeiteten Untersuchung.

 

Buch 15

 

Christoph Kienemann: Der koloniale Blick gen Osten. Osteuropa im Diskurs des Deutschen Kaiserreiches von 1871, Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2018, ISBN: 978-3-506-78868-9, 69 EURO (D)

 

Dieses Buch stellt die Vorstellungen, Bilder und Entwicklung des Wissens über Osteuropa im deutschen Kaiserreich dar. Es geht der Frage nach, „ob der Osteuropadiskurs die charakteristischen Merkmale eines kolonialen Diskurses aufweist und den Deutschen damit die Identität einer kolonialen Nation zuweist.“ (S. 8) Dabei werden die methodischen Ansätze der historischen Stereotypenforschung, der historischen Diskursanalyse, Ansätze der postcolonial studies sowie Raumkonstruktionen angewandt.

Im Folgenden wird der Nachweis erbracht, dass der deutsche Osteuropadiskurs als kolonialer Diskurs bezeichnet werden kann: „Dabei sei zunächst festgestellt, dass sich das Koloniale als Diskurs auf zwei Ebenen zeigt; einerseits als direkte Debatte über eine tatsächliche koloniale Besiedelung Osteuropas und andererseits durch die zahlreichen unbewussten Bilder über den Osten, die klare koloniale Züge tragen. (…) Der Osten konnte im Diskurs als idealer Siedlungsort für die deutschen Auswanderer erscheinen, er konnte als Sehnsuchtsort für politische und kulturelle Pläne dienen, er stellte eine Bedrohung der deutschen Kultur oder Nation dar und war gleichzeitig auch Ausweis für die Eignung der Deutschen zur Kolonisation ‚außereuropäischer‘ Erdteile. Der Osten Europas wurde im Diskurs des Kaiserreiches zu einem Gegenbild, das völlig fremd war und sich diametral von der eigenen vertrauten Welt unterschied.“ (S. 233)

 

Diese Arbeit will den Blick der Erforschung der deutschen Kolonialgeschichte über die Kolonien hinaus erforschen und stellt genau dar, wie der koloniale Blick der deutschen Osteuropakonstruktionen im deutschen Kaiserreich funktionierte.

Dieses Buch bietet eine Zwischenetappe der Osteuropavorstellungen angefangen von der deutschen Ostkolonisation bis hin zum das Kriegsziel „Lebensraum im Osten“ der Nationalsozialisten. Es zeigt auch das rassistisch grundierte Überlegenheitsgefühl im deutschen Kaiserreich, das nicht erst mit der NS-Herrschaft über Nacht eintrat, sondern eine Konstante im imperialistischen Zeitalter in der Mitte Europas war.

 

Buch 16

 

Georg Jescow von Puttkamer mit Oliver Domzalski: Zwei Eichen und zwei Linden. Die Puttkamer: Die Geschichte einer deutschen Adelsfamilie, Westend Verlag, Frankfurt/M. 2018, ISBN: 978-3-86589-185-4, 24 EURO (D)

 

Hier wird die Geschichte des uralten Adelsgeschlechts der Puttkamer erzählt, die durch die Zahl der namhaften Persönlichkeiten auch ein Stück mit der deutschen Geschichte verbunden sind.  Von ihren Anfängen über ihre Hochzeit der Gutsbesitzes und des Einflusses im 19. Jahrhunderts bis zu ihrer Flucht nach 1945 und ihr neues Leben in bürgerlichen Karrieren.

 

Dieses Buch wurde von Georg Jescow von Puttkamer zusammen mit dem Journalisten Oliver Domzalski geschrieben: „Das Buch will keine Hagiographie sein, die nur die Sichtweisen der Familie vermittelt. Deshalb hat der Familienverband ganz bewusst mit einem von außen kommenden, politisch in den sozialliberalen 1970er Jahren zusammengearbeitet. Dieser hat die Unterlagen aus dem Familienarchiv und die Überlieferung über bekannte und unbekannte Puttkamers gesichtet und seine eigenen Schlüsse daraus gezogen. Wo es ihm nötig erschien, waren diese auch kritisch gegenüber Mitgliedern der Familie oder historischen wie aktuellen Gepflogenheiten des Adels.“ (S. 11)

Als Ahnherr dieses Geschlechts wird der 1257 bis 1260 nachweisbare (Svenzo von Schlawe) angesehen, ein in Schlawe als Untertruchsess des Herzogs Swantopol II: von Pomerellen wirkender Palatin von Danzig namens „Swenzo“. Damit wären die Puttkamer Agnaten der Swenzonen.  Der zu Swantos Nachkommen gerechnete hinterpommersche Ritter Peter Putcumer, auch schon Puthkamer geschrieben, der das Swenzonen-Wappen führte, tritt im ersten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts häufiger hervor; er war, wie sein Name besagte, herzoglicher Unterkämmerer. In der Folgezeit wurde dann die Amtsbezeichnung zum Familiennamen.

Es bildeten sich in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts zwei große Linien, die sich wiederum in viele einzelne Äste teilten. Sie waren über viele Jahrhunderte in Pommern weit verbreitet, wurden aber auch in anderen Gegenden Deutschlands ansässig. Ein Zweig der Linie zog im 16. Jahrhundert nach Livland und später weiter nach Polen. Dieser Zweig wurde im Jahre 1802 in den Grafenstand unter dem Namen Werschowetz-Sekerka Puttkamer erhoben. Anderen Zweigen der Familie, die im 17. Jahrhundert das zum ursprünglichen Amtsnamen eigentlich nicht passende „von“ als Erkennungszeichen adeliger Standeszugehörigkeit angenommen hatten, wurde zu verschiedenen Zeiten die Freiherrenwürde verliehen; dies erfolgte teils durch Diplom, teils gewohnheitsrechtlich, sowie durch kaiserliche Verleihung im Jahre 1682.

Die Familie unterteilt sich nach ihren jeweiligen vormaligen Besitztümern in die Häuser Barnow, Norkallen, Schickerwitz und Wollin. Treblin war seit dem 14. Jahrhundert bis 1945 ein Familiensitz, seit 1315/1390 Groß Nossin (bis 1840), seit 1374 auch Alt-Kolziglow, in dessen Kirche 1847 Johanna von Puttkamer mit Otto von Bismarck getraut wurde. 1419 kam Lossin, 1457 Wollin an die Puttkamer. Alte Besitze waren auch Kublitz, Krampe, Plassow, glowitz (ab 1475 bis 1945), Jeseritz (ab 1491) und Jerskewitz.

Die Puttkamers waren über 700 Jahre lang (13-20. Jahrhundert) eine der einflussreichsten Familien des ostelbischen Grundbesitzadels und besaßen mehr als 300 landwirtschaftliche Güter in Hinterpommern. Neben den historischen Geschehnissen und der Familiengeschichte als Mitglied des ostelbischen Adels hat das Buch den Ansatz, „die Anekdoten und Typen, die diese Familie hervorgebracht hat – von verwegenen Raubrittern und mondänen Künstlergestalten über Auswanderer, Abenteurer und Raketenwissenschaftlern bis zum Berliner Polizeipräsident und dem Kommandanten der gefürchteten ‚Puttkamer-Husaren‘ des Siebenjährigen Krieges.“ (S. 10)

Das Buch erhebt den Anspruch „den Interessen eines allgemeinen Publikums und den Standards einer populären, gut lesbaren historischen Darstellung über die Gesamtfamilie v. Puttkamer gerecht werden.“ (S. 12) Diesen Anspruch erfüllt das Buch in weiten Teilen: Es ist verständlich geschrieben, gut gegliedert, unter Hinzunahme von vielen Quellen bearbeitet und enthält Bilder aus dem Familienarchiv, die das Buch lebendig machen. Viele Sachverhalte sind jedoch zu unkritisch geschrieben und haben doch einen Hauch hagiographischen Charakter: die jahrhundertelange Ausbeutung der Arbeiter infolge der Grundherrschaft, die Ostkolonisation und die Unterwerfung der autochthonen Bevölkerung wird bagatellisiert, die Vorrechte des Adels mit den Gegebenheiten der Zeit entschuldigt. Dass die (notwendige) Enteignung nach 1945 vom Geschlecht der Puttkamer nicht gerade begeistert geschildert wird, ist aus deren Sicht noch verständlich. Dieses Buch kann als Grundlage für eine genealogische oder familiendynastische Forschung, die von völlig unabhängigen Experten durchgeführt werden muss, dienen.

 

Buch 17

 

William Minke: No Way Home / Volksbühne 2004–2017, Kerber Verlag, Bielefeld/Berlin 2017, ISBN: 978-3-7356-0357-9, 29,99 EURO (D)

Die Volksbühne Berlin entstand 1890 während einer Gründungsversammlung des Vereins Freie Volksbühne. Das heutige Theater befindet sich am Rosa-Luxemburg-Platz im Ortsteil Mitte. Es wurde zwar vor dem Ersten Weltkrieg als gemeinsames Haus der (später wiedervereinten) Freien Volksbühne und der Neuen Freien Volksbühne erbaut, hatte als solches jedoch nur bis zum 17. Mai 1933 Bestand. Ab 1947 wurde das Haus als Volksbühne unter Hoheit des FDGB bespielt. Nach dem Mauerfall übernahm es Frank Castorf, unter dem es wieder Erfolge feierte.2000 wurde Endstation Amerika als beste deutschsprachige Aufführung und beste Ausstattung für den Nestroy-Theaterpreis nominiert. 2003 konnten Bert Neumann und Jan Speckenbach für Forever Young den Nestroy-Theaterpreis für die beste Ausstattung gewinnen. 2006 erhielt Katrin Brack den Faust-Theaterpreis für das Bühnenbild nur aus Theaternebel in der Inszenierung Iwanow von Dimiter Gotscheff. Herbert Fritsch inszenierte seit 2011 kontinuierlich an der Volksbühne. Fünf seiner Inszenierungen wurden zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Frank Castorf, René Pollesch, Christoph Marthaler und Herbert Fritsch prägten die letzten Jahre von Castorf Volksbühne künstlerisch. Castorfs Vertrag wurde vom Berliner Senat in der Sitzung vom 31. März 2015 um ein Jahr verlängert und lief noch bis Sommer 2017.

Dieses Buch zeigt ausgewählte Bilder des Fotografen William Minke, der Impressionen seiner 13jähigen Tätigkeit an der Berliner Volksbühne festhielt. Diese reichen von 2004 bis zum Ende der letzten Spielzeit unter der Intendanz von Frank Castorf. Bis auf einen kurzen Text in der Mitte des Buches des Dramatikers und Regisseurs René Pollesch besteht das Buch aus Augenblicksbildern, die Szenen während der Proben und Aufführungen, aber auch private Tätigkeiten wie Rauchen, Feiern oder Gefühlsausbrüche abbilden. Im Anhang des Buches gibt es noch einen Bildindex sowie eine kurze Biographie über William Minke: „In dreizehn intensiven Jahren war dieser unverwechselbare Ort seine prägende Umgebung und viele Menschen, denen er dort begegnete, wurden zu Freunden. In ‚No Way Home“ versammelt William Minke eine Auswahl von unzähligen Fotografien, die in seinem Leben mit der Volksbühne entstanden sind. Ein paar Sekunden aus einer sehr langen Ära, die vielleicht Bände sprechen, vielleicht aber auch davon, dass man diesen Ort nicht fassen kann, wenn man es allein mit Objektivität versucht.“

William Minkes Fotografien sind kleine Momentaufnahmen wertvoller Augenblicke und alltäglicher Begebenheiten. Die subjektive, nicht aufgesetzte oder geplante Abbildung von Menschen, Szenen aus ihrem Leben und Arbeiten stehen hier im Mittelpunkt. Es ist kein langer Prozess zwischen Geschehen und Aufnahme, eine intuitive Art der Fotografie. Seine szenische Darstellung seiner Arbeit an der Volksbühne ist der Versuch des Festhaltens des Augenblicks, das ist, was die Bilder ausmachen.

 

Buch 18

 

Matthias Messmer/ Hsin-Mei Chuang:  China at its Limits. An Empire's Rise Beyond its Borders, Kerber Verlag, Bielefeld/Berlin 2018, ISBN 978-3-7356-0404-0, 59 EURO

Anhand historischer Quellen, aktueller Schlagzeilen und eigener persönlicher Reflexionen versucht das Buch, den Lesern die verschiedenen Kulturen und Geschichten beiderseits der großen chinesischen Grenzgebiete näher zu bringen. Der Schweizer Fotograf und Schriftsteller Matthias Messmer hat sich auf chinesische Kulturräume, Geopolitik und westliche Bilder Chinas spezialisiert. Der taiwanesische Kulturforscher Hsin-Mei Chuang erforscht die ungeahnten Geschichten und kulturellen Feinheiten der chinesischen und taiwanesischen Kulturen, der Kolonialgeschichte und seines Erbes in Asien. Fotografien zeigen die Gefühle und Empfindlichkeiten der chinesischen Peripherie, wo eine neue Weltordnung entsteht.

Die aufstrebende Weltmacht China grenzt an 14 Länder. Seine nahen Nachbarn repräsentieren eine vielfältige Sammlung von Ländern, von dominanten Mächten wie Russland und Indien bis zu den kleineren Schwellenländern von Laos und Bhutan. In der gesamten Geschichte Chinas sind die Einflussfaktoren von Handel, Ideologie und Imperialismus über diese Grenzen hinweg gereist. Chinas Grenzregionen haben in den letzten Jahren ihre Bedeutung durch politischen Protest unter den ethnischen Minderheiten in Xinjiang und Tibet und durch die Entwicklung der One Belt, One Road-Initiative, die Chinas Nachbarn durch die Schaffung von eine "Neue Seidenstraße". Das Ziel der „Neuen Seidenstraße“ als Landweg, als Seeweg und als Luftweg, ist mit der Ausbreitung von Chinas Macht in der weltpolitischen Ordnung eng verzahnt. Die Initiative „Neue Seidenstraße“ bedeutet Investitionen von mindestens 900 Milliarden Dollar. Damit baut China Straßen, Bahngleise, Pipelines, Kraftwerke, Telekommunikationsnetze, Häfen und Flughäfen von Asien bis nach Europa und Afrika. Chinas Staatsführung feiert die "Neue Seidenstraße" als zukunftsweisend und hat das Großprojekt in der Verfassung der Kommunistischen Partei festgeschrieben. 2049 wolle man weltweit größte Industrienation sein - zum 100. Geburtstag der Volksrepublik.

Trotz der großen Bandbreite an Kulturen und Ländern ist der rote Faden, der durch den Text fließt, die Rolle der Geschichte - sowohl persönlich als auch politisch - in den breiteren politischen Auseinandersetzungen zwischen Nation und internationalen Beziehungen. Während die Grenzregionen der ethnischen Minderheiten in China schon lange formal in die Volksrepublik China eingegliedert sind, haben sich viele Menschen ihrer vollen Integration widersetzt. Einige unter Chinas tibetischen, mongolischen und uigurischen Bevölkerungen fördern weiterhin alternative nationale Identitäten, die in direktem Konflikt mit der Idee einer einheitlichen chinesischen Nation stehen. Auch in Chinas Beziehungen zu seinen Nachbarn schwelen ungelöste Konflikte in Bezug auf Gebiete, frühere Missstände und Kultur weiter. Beispiele hierfür sind der andauernde Streit zwischen China und der Republik Korea in Bezug auf das alte protokoreanische Königreich Goguryeo. Internationale Grenzkonflikte mit Ländern wie Indien und Vietnam werden in der offiziellen Lesart als Fortschritt für die (konstruierte) Nationalgeschichte Chinas transportiert. Während die Konflikte aus der offiziellen chinesischen Geschichte weitgehend ausgelöscht wurden, bleiben die Konflikte nicht nur in den Erinnerungen derer lebendig, die ihre Angehörigen an die Konflikte verloren haben.

Durch dieses Buch schimmert eine leise Kritik an dem Konzept des Zhonghua Minzu, der chinesischen Nation, durch. Hier wird die Sicht der vielen Zivilisationen und Formationen, die Chinas Grenzen säumen und sich deren Imperialismus widersetzen, erzählt und durch Bilder hochwertig transportiert. Es können natürlich nur Ausschnitte dieser Geschichten und Konflikte, da das Themengebiet sehr weit gefasst ist. Impressionen aus dem interessanten Aufbruch in Asien, der in Europa wenig thematisiert wird. 

 

Buch 19

 

Bishop, James / Verna, Gianfranco (Hrsg.) / Semff, Michael (Hrsg.): James Bishop. Malerei und Poesie, Sieveking Verlag, München 2018, Buch, ISBN: 9783944874722, 45 Euro

 

Der US-amerikanischer Künstler James Bishop gilt als abstrakter Expressionist. Im Laufe seiner Karriere hat er eine subtile und eigene visuelle Sprache entwickelt. Seine kleineren Malereien entstanden bereits in den 1960er und 70er Jahren, aber seit Ende der 1980er beschränkte sich der Künstler ausschließlich auf diese Form. Dieses Buch präsentiert seine Werke und ordnet sie durch zwei Essays in einen ästhetischen Gesamtzusammenhang ein. Das Buch ist gleichzeitig in deutscher und englischer Sprache verfasst.

Das Buch beginnt mit einem Essay von Erich Franz über die kleinformatige Malereien von James Bishop, indem er feststellt: „Das Erstaunliche und kaum Erklärbare an diesen kleinen Bildern besteht in der Kostbarkeit. Eine stille Kraft geht von ihnen aus, die eine emotionale Anteilnahme erzeugt. Die langsam aufgetragenen, wie zittrig wirkenden Spuren von etwas Ölfarbe in verschiedenen Tönen bewirken eine intensive Wahrnehmung ihrer feinen Unterschiede.“

Danach folgt der Hauptteil des Buches: der Katalog der Werke des Künstlers.

Anschließend beschäftigt sich Michael Semff mit dem „Poeten der Malerei“: „Den seit nunmehr über einem halben Jahrhundert lebenden Amerikaner James Bishop könnte man als den wahren, vielleicht einzigen noch lebenden Poeten der Malerei seiner Generation bezeichnen. Er scheint wie aus der Zeit gefallen, ein Meister des Intimen, der Resonanzräume zu berühren vermag, in denen sich Konstruktion und Poesie in der Schwebe halten.“ (S. 139)

Im Anhang findet man noch eine Werkliste und Literatur.

Bishops Arbeiten zeichnen sich durch  die Mehrdeutigkeiten und Paradoxien von materieller Undurchsichtigkeit und Transparenz, Flächigkeit und Räumlichkeit ebenso wie lineare Tektonik und locker komponierte Formen aus. Die beiden Essays beschreiben seine ausgefallene Malerei schon ganz gut, ein Interview mit dem Künstler wäre wünschenswert gewesen, um ihn und seine Ansätze noch besser kennenzulernen.

 

Buch 20

 

Lust der Täuschung. Von antiker Kunst bis zur Virtual Reality, Hirmer Verlag, München 2018, ISBN: 978-3-7774-3139-ß, 39,90 EURO (D)

 

Das Anwenden von Fake News, „alternativer Wahrheiten“ und die Kunst der Illusion im 21. Jahrhundert durch die digitale Bildbearbeitung sind keine Alleinstellungsmerkmale der Postmoderne und des digitalen Zeitalters. Dies hat eine lange Vorgeschichte, die bis in die Antike reicht. Die Schaffung einer Illusion von Realität und die Täuschung des Auges des Betrachters waren schon immer ein zentrales Anliegen der Kunst.

Darauf geht die Ausstellung „Lust der Täuschung. Von antiker Kunst bis zur Virtual Reality“ 17.8.2018 - 13.1.2019 in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung München und 22.2.2019 - 30.6.2019 im Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen ein. Sie  bietet mit Werken aus den Bereichen Malerei, Skulptur, Videokunst und Architektur einen umfassenden Überblick über Schein und Illusion in der Kunstgeschichte, wobei der Schwerpunkt auf der Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts liegt. Dieses Buch ist der gleichnamige Katalog zur Ausstellung, der mit mehr als 200 Abbildungen versehen ist.

Das Buch beginnt mit einem Essay von Rudolf E. Lang  „Wie die Kunst lügt und wir sie darum lieben“. Die Illusion der Kunst, ihr Verhältnis zur Wahrheit und der Wunsch des Eskapismus des Betrachters stehen dabei im Mittelpunkt. Wenn Betrachter eine Idealisierung oder Romantisierung der Wirklichkeit wollen, dann erfüllt Kunst diesen Wunsch. Dieser Wunsch war vor allem in schweren Zeiten, Kriegen oder anderen negativen Geschehnissen der Fall. Dies zeigen auch einige Bilder aus der Frühen Neuzeit, Augentäuschungen und visuelle Skepsis hatten nicht nur dort Hochkonjunktur. Dies wird weiter ausgeführt: Danach werden Augentäuschungen und der Illusionskunst in der barocken Deckenmalerei an Beispielen vorgestellt.

In einem weiteren zentralen Essay geht Andreas Beitin auf die Aspekte der Kunst- und Kulturgeschichte der Illusion ein. Die Kunstfälschung als eine besondere Art der Augentäuschung und des Käufers und Betrachters im Allgemeinen rundet das Buch ab. Mehr als großformatige Farbabbildungen werden insgesamt gezeigt und visualisieren die Informationen in den Essays.

 

Die Ausstellung und der Katalog greifen ein hochaktuelles Thema auf und transportieren es in die Kunstgeschichte. Verschiedene Epochen werden als Schwerpunkt herausgenommen und dabei die verschiedenen Illusion von Realität und die Täuschung des Auges des Betrachters genau gezeigt und erklärt, welche Funktionen diese Täuschungen hatten. Eine spannende und sehr informative Darstellung.

 

Buch 21

 

Dark City. The Real Los Angeles Noir, Taschen Verlag, Köln 2018, ISBN: 978-3-8365-6076-4, 75 EURO



In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich Los Angeles von einer Provinzstadt zu einer Weltmetropole.1910 entdeckten die Filmproduzenten die Region Los Angeles als ideales Produktionsgelände und zogen von New York und Chicago nach Hollywood. In den folgenden Jahren erzielten Gilbert M. Anderson mit seinen Western und Mack Sennett mit seinen Slapstick-Komödien weltweit große Erfolge. Als 1927 der Film Der Jazzsänger dem Tonfilm zum Durchbruch verhalf, setzte erneut ein Aufschwung ein. Die Filmindustrie mit Sitz in Hollywood wurde zu einem der wichtigsten Wirtschaftszweige in den Vereinigten Staaten und lockte viele Neuankömmlinge nach Los Angeles. Der erste Monumentalfilm in Farbe – David O. Selznicks Film Vom Winde verweht – kam 1939 in die Kinos und gewann zehn Oscars. Zu den wichtigsten Ereignissen der dreißiger Jahre gehören sicher die Olympischen Spiele des Jahres 1932. Im gleichen Jahr 1932 stieg die Einwohnerzahl von Los Angeles auf über eine Million. Zahlreiche große Werke der Dichter, Dirigenten, Regisseure und Maler entstanden im Exil; die Emigranten machten das Los Angeles der 1940er Jahre zu einem lebendigen Zentrum der europäischen Kultur.

Aber auch mit rassistischer Gewalt hatte die Stadt zu kämpfen. 1943 kam es zu einer Serie von Unruhen, die als Zoot Suit Riots in die Geschichte eingingen. Sie entflammten zwischen den in der Stadt stationierten Soldaten und mexikanisch-amerikanischen Jugendbanden, angeführt von sogenannten Pachucos. Nicht nur mit diesen Schattenseiten hatte Los Angeles jenseits des Aufschwungs und des Hollywood-Glamours zu kämpfen.

Dieses Buch beschreibt anhand von Fotos aus Archiven, Museen, Privatbesitz und der umfangreichen Sammlung des Verfassers die Geschichte der dunklen Seite der Stadt der 1920er- bis 1950er-Jahre. Hier wird die Geschichte von organisierter Kriminalität, korrupten Politikern und Cops, der Unterwelt, Psychokillern sowie das gefährliche Nachtleben erzählt.

Bandenkriege mit Toten, die aufblühende Pornoindustrie, die Gegend um Bunker Hill, wo man von Drogen bis Waffen alles Illegale kaufen konnte oder illegales Glücksspiel bilden die dunkle Seite der Stadt ab. Polizeiwillkür, wo in Little Tokyo japanischstämmige Amerikaner nach 1941 in Internierungslager abgeschoben wurden, verurteilte Promis aufgrund des Besitzes von Marihuana oder die Sekte der Church of I Am waren ebenfalls Realität in Los Angeles.

Psychokiller wie der Kindermörder und Vergewaltiger Albert Dyer schockten die Öffentlichkeit, ebenso der Mordfall an Elizabeth Short. Sie  erlangte in den 1940er-Jahren in den USA als The Black Dahlia („Die schwarze Dahlie“) tragische Berühmtheit, als sie im Alter von 22 Jahren Anfang des Jahres 1947ermordet und grausam verstümmelt wurde. Der Fall wurde niemals aufgeklärt. Der Roman „Die schwarze Dahlie“ und dessen Verfilmung machten den Fall weltbekannt.

Hier wird die dunkle Seite der aufblühenden Metropole Los Angeles der 1920er- bis 1950er-Jahre gezeigt. Ein Gegenbild zu dem allseits bekannten Hollywood-Glamour, das die bittere und weit verdrängte Realität abbildet. Der Bildband erzählt aussagekräftig viele vergessene Geschichten, allerdings waren die Verhältnisse in anderen Städten wie New York oder Chicago ähnlich.

 

Buch 22

 

Roy Stuart: Embrace your fantasies/Power Play. The Leg Show photos, Taschen Verlag, Köln 2018, ISBN: 978-3-8365-7169-2, 40 EURO (D)

 

Zwischen 1987 und 2001 arbeiteten Dian Hanson, damals Redakteur der Leg Show, und der Fotograf Roy Stuart mit über 100 Fetischfotografien zusammen, um ein sinnliches erotisches Werk zu schaffen und dabei tradierte und imaginierte Rollenbilder zu hinterfragen. In diesem Buch kann der Leser diese Geschichten wieder entdecken, begleitet von den Originaltexten der „Leg Show“. Power Play ist dabei der erste Band in der Reihe Roy Stuart: Embrace Your Fantasies, andere folgen noch.

 

„Embrace Your Fantasies“ stellt farbsequentielle Fotostorys vor, die sich mit sexueller Machtdynamik befassen. Roy Stuart wurde in seiner Arbeit von den Autoren Angela Carter, William S. Burroughs und Georges Bataille beeinflusst. Er sprach sich wiederholt leidenschaftlich gegen kommerzielle Pornographie und bestand darauf, dass jede Fotogeschichte ein gesellschaftlich auferlegtes sexuelles Tabu unterwandert und aufs Korn nimmt. In seinen Bildern werden Frauen mit Stärke und sexueller Handlungsfähigkeit dargestellt; Männer sind dagegen oft unterwürfig. Die kommerzielle Ausbeutung von Sexualität in der Produktwerbung veranlassten Stuart, eine eigene Bildsprache zu entwickeln, die die Beziehung zwischen den Geschlechtern verändern sollte. Er versucht, mit erotischer Fotografie subversiv zu moralisieren und gesellschaftliche Bilder aufzubrechen.

Hanson wählte die Garderobe für eine Reihe von sexuellen Geschmäckern, einschließlich Zeh Saugen, Strumpf, Schuhe und High Heels, Panty, Nylon, Korsetts und Dessous, mit verbundenen Augen, Domina, volle frontale Nacktheit und Nahaufnahmen und Gummifetische. Die Stile und Einstellungen, die heute betrachtet werden, sprechen mit dem liberalen Hedonismus der 1990er Jahre. Alle Bilder stammen von den Original-Dias, die vor dem Ableben des Magazins im Jahr 2012 aus den Leg Show-Archiven gerettet und mit Hansons Original-Magazintext präsentiert wurden.

 

Ein Charakteristikum der Fotografien Stuarts ist der voyeuristische Blick, der authentisch in seinen abgebildeten Personen rüberkommt. Seine hier gezeigten Bilder sind oft eine Mélange aus Glamour und Pornografie mit Stilmitteln des Fetischismus, die seine weiblichen Modelle stark akzentuiert. Es wird deutlich, dass hier Vorstellungen von Sexualität und Rollenverteilungen und  parodiert und reale Machtverhältnisse umgekehrt werden.

 

 

Buch 23

 

Andreas Lechner: Entwurf einer architektonischen Gebäudelehre, Park Books, Zürich 2018, ISBN: 978-3-03860-068-8, 58 EURO (D)

 

Andreas Lechner, assoziierter Professor für Gebäudelehre der TU Graz, orientiert sich in diesem Buch zur architektonischen Gebäudelehre idealtypisch an Typologien. Er geht davon aus, dass eine Gebäudelehre, die mit der Komposition als ästhetischer Festlegung der architektonischen Form einen Entwurfsaspekt betont, Zeiten und Nutzungszyklen überdauern können. Dies ist zugleich Lechners Habilitationsschrift am Institut für Gebäudelehre der Architekturfakultät der TU Graz.

Die Arbeit besteht aus drei Kapiteln, die mit den allgemeinen Begriffen „Tektonik“, „Typus“ und „Topos“ überschrieben sind. Dem Text des ersten Kapitels folgen jeweils zwölf Projekte aus den Bereichen Theater, Museum, Bibliothek und Staat. Im zweiten Kapitel werden das zentrale Verständnis von Gebäudetypologien dargelegt und das Verhältnis von baulichen Typen und die Arbeit an ihm bzw. die Lehre als Typus bestimmt. Dafür werden jeweils zwölf Projekte aus dem Bereich Büro, Freizeit, Religion und Einzelhandel vorgestellt. Im dritten Kapitel „Topos“ werden die öffentlichen Funktionen und Nutzungen von Bauwerken in den suburbanen Peripherien, ihre Bedeutungsverschiebungen und architektonische Transformationen in den Mittelpunkt gerückt. Es werden wiederum jeweils zwölf Beispiele aus den Bereichen Fabrik, Bildung, Kontrolle und Krankenhaus vorgestellt. Die Auswahl der 144 Projekte, die in Wort und Zeichnung bzw. Bild dargestellt werden, beinhaltet eine Vielzahl von klassischen Entwürfen und Bauten, um ein zeitgemäßes Vorgehen der Gebäudelehre „als komplementäres Entwurfsfach zu illustrieren, das den Aspekt der Komposition aus einem typologischen Verständnis zu entwickeln hilft.“ (S. 12) Alle Beispiele sind mit Ansichten, Schnitten und Grundrissen illustriert, die für optimale Vergleichbarkeit neu gezeichnet wurden.

Diese Arbeit bezieht sich auf Typologiebegriffe einer architektonischen Entwurfslehre und die Anschauung dieser an konkreten Beispielen von Entwürfen oder Bauten. Dabei sind die drei Kapitel nicht völlig getrennt voneinander zu lesen, einige Aspekte überlappen sich in manchen Fragen. Der Architekturentwurf als objekt- und ortsbezogene Gestaltungsaufgabe, die Aufgabe der Gebäudelehre für das Zusammenleben von Menschen und deren mögliche Ausrichtung werden hier ausführlich und klar strukturiert dargestellt. Es ist eine Mixtur aus Theoriegeschichte und praktischer Umsetzung, die anspruchsvoll zu lesen ist, aber jede Menge Anregungen bereithält.

 

Buch 24

 

Foto-Auge Fritz Block: Neue Fotografie – Moderne Farbdias, Scheidegger & Spiess, Zürich 2018, ISBN: 978-3-85881-531-6, 85 EURO (D)

Der jüdisch-deutsche Architekt und Fotograf Fritz Block (1889–1955) gründete nach seinem Studium 1921 gemeinsam mit Ernst Hochfeld ein Architekturbüro in Hamburg. Durch Veröffentlichungen wie „Probleme des Bauens“ und „Der Wohnbau“ oder vielfache theoretische Beiträge zum Wohnungs- und Siedlungsbau wurde er überregional bekannt. Ab 1929 arbeitete er auch als Fotograf und lieferte er bildjournalistische Städte- und Reisereportagen aus Paris, Marseille und Nordafrika sowie 1931 aus den USA. Nachdem er durch die Nazis wegen seiner jüdischen Herkunft 1933 aus dem Bund Deutscher Architekten ausgeschlossen wurde, beschränkte sich seine Tätigkeit weitgehend auf die Verkleinerung von Wohnungen jüdischer Familien. Im November 1938 emigrierte Block mit seiner Frau nach Los Angeles, wo er nicht wieder als Architekt tätig wurde, sondern hauptberuflich als Fotograf arbeitete.

Dieses Buch zeigt erstmalig das fotografische Werk Fritz Blocks. Es ist der Begleitband zur Ausstellung Foto-Auge Fritz Block. Der Architekt als Fotograf in der Handelskammer Hamburg. Das Repertoire Blocks reichte von der Neuen Fotografie der 1920er-Jahre in Deutschland bis zur Farbfotografie der 1940er-Jahre in den USA. Hier stehen vor allem die Farbdia- Serien von allem von Bauten der kalifornischen Architekturmoderne, die Block im Exil in den USA machte, im Mittelpunkt: „Block war kein Avantgardist, bewegte sich aber um 1930 aber auf der Höhe der Neuen Fotografie seiner Zeit. Er verwendete die Kleinbildkamera Leica, die sich aufgrund ihrer Handlichkeit vor allem für die von ihm bevorzugte Reise- und Reporterfotografie eignete.“ (S. 10) Ganzseitige Fototafeln, zu Beginn schwarz-weiß und am Schluss des Buches farbig, markieren die beiden Entwicklungslinien seiner Fotografie.

Nach einer kurzen Vorstellung seines Lebens und Werkes wird sein Leben zwischen Architektur und Fotografie beleuchtet. Dann folgen Bilder aus seiner Stadt Hamburg, wobei die Stadt und der Hafen im Mittelpunkt stehen. Dann folgt eine Sonderstellung in seinem Werk: Objektaufnahmen und Röntgenbilder von Conchylien, was ihn als Exponent der Wissenschaftsfotografie ausweist. Dann werden Objekte seiner Reise- und Stadtfotografie um 1930 gezeigt. Anschließend stehen die Fotoreportagen aus den USA im Mittelpunkt. Die Reiseeindrücke der 1930er Jahre werden danach vorgestellt. Das Buch wird dann noch mit Farbdias von Architektur, Kunst und Technik abgerundet. Im Anhang findet man noch eine Biografie, seine Schriften, Fotopublikationen und Farbdia-Serien.

Vor allem das breite Motivspektrum seiner Reisereportagen ist beeindruckend, er benutzt dabei die Kamera als Medium künstlerischen Ausdrucks. Dabei steht nicht nur die Architekturfotografie im Mittelpunkt, sondern auch sondern auch ganz normale Leute beim Baden oder bei einem Jahrmarktaufbau. Eine spannende Zeitreise zu einem lange vergessenen Künstler.

 

Buch 25

 

Silvio Schmed/Arthur Rüegg (Hrsg.): Kunstgewerbeschule Zürich. Re-Restaurierung für die Allgemeine Berufsschule Zürich, Scheidegger & Spiess, Zürich 2018, ISBN: 978-3-85881-569-9, 38 EURO (D)

 

Die Gewerbeschule und das Kunstgewerbemuseum waren eines der ersten Gebäudegruppen des Neuen Bauens und der Klassischen Moderne in Zürich. Der Komplex wurde 1933 eröffnet und wurde aufgrund einer wirtschaftlichen Krise in sachlicher Manier erbaut. Später wurde der Komplex zum Sitz der international bekannten Zürcher Kunsthochschule. Ihre Re-Restaurierung erfolgte durch die Architekten Silvio Schmed und Arthur Rüegg an die Bedürfnisse der Allgemeinen Berufsschule Zürich (ABZ), die dort seit kurzem ihren Sitz hat,

In dieser architektonischen Publikation wird auf die Historie der Kunstgewerbeschule Zürich eingegangen. Weiterhin gibt Einblick in die prototypischen Probleme, die bei der Anpassung an aktuelle Standards zu lösen sind, und stellt das Bauwerk aus der Sicht der Denkmalpflege in seinen historischen Dimensionen dar. Außerdem werden die Phasen und die Entwicklung der Re-Restaurierung für die ABZ gezeigt.

Das Buch beginnt mit einer Bilddokumentation des Originalzustandes der Kunstgewerbeschule mit alten Aufnahmen. Den Wettbewerb, Entwurfsprozess, die Gesamtanlage, das Schulgebäude und die neue Gestaltung der Gewerbeschule und des Kunstgewerbemuseums Zürich zeichnet dann Leza Dosch nach. Lukas Knörr behandelt danach die Geschichte der Instandsetzung und deren Konzepte. Der Umgang mit dem Gebäude, die Sanierung und die Restauration mitsamt dem Spagat zwischen Denkmalpflege und Baugesetz werden von den Architekten Silvio Schmed, Arthur Rüegg und Monika Stöckli vorgestellt. Dabei werden auch verschiedene Räume, die Erhaltung von der originalen Substanz von Bodenbelägen, Tapeten und Schriften im Mittelpunkt. Danach folgt noch der Hauptteil der Bilddokumentationen. Das Buch enthält schwarz-weiß sowie Farbaufnahmen, Grundrisse und Pläne des Gebäudekomplexes aus verschiedenen Zeitebenen.

Im Anhang findet man noch Informationen zu Projektorganisation und Sponsoren.

Der Weg von einer Reformschule der Züricher Moderne bis hin zur Re-Restaurierung für die Bedürfnisse der Allgemeinen Berufsschule Zürich im 21. Jahrhundert wird hier nachgezeichnet. Wie schwer des Lavierens zwischen Denkmalpflege und moderner Bauordnung ist, wird hier gezeigt. Es ist eine gute Mixtur zwischen Text und Bild gewählt worden und die unterschiedliche Nutzung des Gebäudekomplexes wird exakt herausgearbeitet, so dass dies gut als Anschauungsobjekt für ähnliche Projekte gelten kann.

 

Buch 26

 

Die Welt der verlassenen Orte II Urbex Fotografie World Lost Places II Urban Exploration Photography. Mit Texten von Peter Traub, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2018, ISBN: 978-3-95462-534-5, 29,95 EURO (D)

 

In diesem Buch werden verlassene Orte, die zu architektonischen Flops und wegen fehlender Verwendung verfallen. Die Geschichten, die sich dahinter verbergen, und beeindruckende Fotos aus allen Teilen der Welt werden hier präsentiert. Dies ist die Fortsetzung des 2014 erschienenen Bildbandes mit demselben Titel.

Weltweite ehemalige Prestigeobjekte wie die aufgegebene Zeche Hasard mit seinen verlassenen Fördertürmen und den vier Schächten des Bergwerkbetriebes werden in deutscher und englischer Sprache präsentiert. Der mit großen Ambitionen geplante Vergnügungspark Terra Encantada mit 300.000 Quadratmetern wurde 2010 geschlossen und zurück gebaut. Der luxuriöse Hotelkomplex Malisnki in Kroatien, wo einst im damaligen Jugoslawien verschwenderische Champagnerpartys stattfanden und der nach dem Krieg geschlossen wurde. Es folgte ein Teilabriss und einen Leerstand seit mehreren Jahren. Steinerne historische Zeugnisse wie der Staatszirkus in Chisinau und der Militärstützpunkt und Truppenübungsplatz in Wünsdorf bei Berlin wurden nach dem Ende des Kommunismus aufgegeben und fanden danach nie wieder eine zentrale Verwendung. Demgegenüber stehen größenwahnsinnige Bauten ohne nachhaltigen Plan, die über Sinn und Unsinn von Großprojekten streiten lassen. Es gibt viele  gescheiterte Visionen, die von dem fehlenden Realitätsbezug und größenwahnsinnigen Plänen ihrer Planer und Erbauer künden.  Das Buch ist indirekt auch ein Postulat zum nachhaltigem und ökologischen Bauen, so dass es vermieden wird, dass die Gebäude keine Verwendung mehr für Menschen haben.

 

Bild- und Textteil ergänzen sich hervorragend und bilden eine so wohltuend ausgewogene Einheit, die Bilder schildern eine eigentümliche, unheimliche und geheimnisvolle Aura. Der dazugehörige Text hätte etwas ausführlicher sein können, die Fortsetzung des 1. Bandes ist aber insgesamt gesehen auf demselben guten Niveau. Ein dritter Band mit ähnlichen steinernen Zeugnissen wäre wünschenswert.

 

Buch 27

 

Christian Philipsen in Verbindung mit Thomas Bauer-Friedrich (Hrsg.): Ins Offene. Fotokunst im Osten Deutschlands seit 1990, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2018, ISBN: 978-3-96311-046-7, 25 EURO (D)

 

In der Ausstellung „Ins Offene“, die im Kunstmuseum Moritzburg in Halle an der Saale vom 26.6-16.9.2018 gezeigt wird, wird thematisiert, welchen Einfluss der Fall der Mauer und die damit einhergehenden Veränderungen auf die Biografie, Weltsicht und das Werk von Fotografen im Osten der BRD hatte und hat. Dafür wurde unterschiedliche Künstlerinnen und Künstler aus verschiedenen Generationen ausgewählt und ihr Werk analysiert. Dies ist das gleichnamige Buch zur Ausstellung.

Die Aufarbeitung der fotografischen Werke werden dabei aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet: „Die ausgewählten fotografischen Positionen sind für uns von Interesse, weil es ihnen gelingt, uns unsere Welt, unsere Entwicklung auf ganz eigene, subjektive Weise neu sehen zu lassen, weil sie es vermögen, auf der einen Seite Prozesse und auf der anderen Seite Subjektivität (…) sichtbar zu machen. (…) Bei der Untersuchung spielen die Einflüsse, die der Gesellschaftswechsel von 1989/90 auf die unterschiedlich sozialisierten Protagonisten hatte und bis heute hat, ebenso eine Rolle wie die rasante technische und technologische Entwicklung innerhalb des Zeitraumes. Von großer Bedeutung ist hierbei die Digitalisierung, (…). (S. 10)

Dies wird in drei unterschiedlichen Kapiteln behandelt: Das Kapitel Fotografie als Medium beschäftigt sich neben Gegenständlichem mit dem Verhältnis analoger und digitaler Fotografie. Das folgende Kapitel Fotografie und Gesellschaft will vergleichen, wie unterschiedliche Künstler auf die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen reagierten. Im Kapitel Fotografie der Dinge und Räume wird dargestellt, wie unterschiedlich Künstler ihre Gegenstände auswählen und aufnehmen und sie darstellen. Jedes der drei Kapitel beginnt mit einer allgemeinen Einführung und einer kurzen Vorstellungen des Lebens und Werken der ausgewählten Künstler; anschließend werden deren Bilder oder Fotostrecken gezeigt. Im Anhang findet man noch ein Verzeichnis der ausgestellten Werke, die Biografien der Künstler sowie weiterführende Literatur.

 

Dieses Buch beleuchtet in überzeugender Manier die groben Entwicklungslinien im Bereich der Fotografie und der neu gewonnenen Vielfalt im Osten der BRD seit der Wende. Die Brüche, Diskontinuitäten oder auch Kontinuitäten seit 1989/1990 kommen dabei aber zu kurz. Ein Kapitel über die Fotografie in der DDR seit den 1980er Jahren hätte dies deutlicher herausgearbeitet.

 

Buch 28

 

Francesca Weil/Andre Postert/Alfons Kenkmann (Hg.): Kindheiten im 2. Weltkrieg, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2018, ISBN: 978-3-95462-976-3, 40 EURO (D)

 

Die Erlebnisse in der frühkindlichen Entwicklung können prägend für das weitere Leben sein. Dieses Buch beschäftigt sich in 32 Beiträgen mit unterschiedlichen Kindheiten im 2. Weltkrieg aus internationaler Perspektive. Die Generation der „Kriegskinder“ bildete den Grundpfeiler und die Mentalitätsbestände der Nachkriegszeit: „Mit den ‚Kriegskindern‘ wird mehr beschrieben als nur die Alterskohorte der zwischen 1930 bis 1945 Geborenen. Ein bestimmtes Muster und Setting von Erfahrungen, das auf die Umstände des Krieges zurückverweise, präge das soziale Verhalten dieser Menschen bis in die Gegenwart, wird postuliert: der Krieg als eine Art ‚Zeitheimat‘. Das Erleben von Flucht und Vertreibung zum Beispiel, Tod und Verwundung, Hunger, Leid und Elend oder der Schrecken im Zwielicht des Luftschutzkellers, nicht zuletzt möglicher Verlust von Angehörigen, Eltern oder Geschwistern, die alles habe (…) individuell und generationell tiefe Spuren hinterlassen, (…).“ (S. 9f)

Dies geschieht aus unterschiedlichen Blickwinkeln: Kinder von Tätern, die früh lernten, dass der Krieg aus angeblich hehren Idealen geführt wurde, Kinder, die ermordet, deportiert und vertrieben wurden und dies ihr gesamtes weiteres Leben prägte und anderen Schicksalen und Lebensumständen. Kinder deutscher Kriegsgefangener, jugendliche Flüchtlinge in der DDR, das Leben mit dem toten Vater in der BRD und Polen werden ebenso geschildert wie minderjährige Häftlinge der KZ’s, russische Kriegskinder, die Emigration jüdischer Kinder oder die Erfahrungen jüdisch-polnischer Kinder in der Sowjetunion Außerdem wird die Rezeption der Schicksale der Kriegskindergeneration in Film, Literatur oder Politik nachgegangen und analysiert, wobei die Kultur der Erinnerung je nach Land und Umfeld höchst unterschiedlich ausfällt. Besonders spannend ist in diesem Zusammenhang der Artikel über Kinder- und Jugendtagebücher als Erinnerungsort.

 

Dass Kindheiten im Krieg in vielen Fällen ein Trauma nach sich ziehen, gerade bei älteren Menschen ist zu beobachten, dass noch Jahrzehnte nach schrecklichen Erlebnissen Ängste hervorbrechen und diese psychotherapeutisch behandelt werden müssen. Dies erlebt man gegenwärtig vor allem bei syrischen Flüchtlingskindern, die traumatisiert behandelt werden müssen. Insofern ist das Buch eine interessante durchmixte Aufarbeitung einer verlorenen Kindheit sowie der Beginn nicht verarbeiteten Leids und Ängsten. Das Buch ist aber auch als Antikriegswerk zu verstehen.

 

Buch 29

 

Michael Scott: Welten der Antike. Eine Geschichte von Ost und West, Klett-Cotta, Stuttgart 2018, ISBN: 978-3-608-98125-4, 32 EURO (D)

 

Wenn man in westlichen Darstellungen von der antiken Welt spricht, dann meist nur in der verengten Perspektive des Mittelmeerraumes von der griechischen und römischen Welt. Michael Scott möchte mit diesem Buch diese Verengung in Frage stellen und stattdessen eine globale Sichtweise der damals bekannten Welt anbieten. Deshalb stellt er hier die Welten der Antike im Plural dar: „Mit diesem Buch möchte ich an ein Zeitalter eines sich herausbildenden Welt-Bewusstseins in unserer Vergangenheit erinnern, das auf vielfältige Weise die Lage widerspiegelt, in der wir uns heute befinden. Dabei geht es nicht um die Waren, die transportiert wurden, sondern um die Beziehungen, die sich innerhalb von und zwischen menschlichen Gemeinschaften entwickelten, sowie um die Beziehungen zwischen den Welten der Menschen und jenen der Götter. Der in den Blick genommene Zeitraum umfasst die Jahrhunderte zwischen dem 6. Jahrhundert v. Chr. und dem Beginn des 5. Jahrhunderts n. Chr.“ (S. 21)

Dabei unterteilt er das Buch in drei Teile. Jeder Teil geht von einem Ereignis aus, das für die sich entwickelnden Beziehungen entscheidend war Im ersten Teil geht es um Entwicklungen der Politik und des sozialen Zusammenlebens der Menschen. Dabei wird das Jahr 508 v. Chr. gewählt, wo sich in Athen die Demokratie als Regierungsform entwickelte, zeitgleich zur Entstehung einer republikanischen Verfassung in Rom und zeitgleich zur Blütezeit des Einflusses von Konfuzius in China. Der zweite Teil behandelt das Jahr 218 v. Chr. und untersucht die Beziehungen zwischen Reichen, die durch Kriegsführung entstanden sind. In diesem Jahr überquerte der Karthager Hannibal mit Elefanten die Alpen und marschierte in Italien ein, in Kleinasien bedrohten Angriffe ganze Königreiche, in Zentralasien entstanden neue Reiche und in China musste der erste Kaiser das Land gegen eindringende Nomadenvölker verteidigen. Der dritte Teil behandelt das Jahr 312 und berichtet über die Beziehungen, die sich auf dem Sektor der Religiosität abspielten. Der römische Kaiser Konstantin gewann die Schlacht an der Milvischen Brücke und damit die Herrschaft des gesamten römischen Imperiums, was für den Aufstieg des Christentums als offizielle Religion entscheidend war. In Indien wurde zur gleichen Zeit unter der herrschenden Gupta-Dynastie der hinduistische Kult umgestaltet und in der Buddhismus breitete sich nach China aus und wurde dort offizielle Religion.

 

Michael Scott zeigt in diesem Buch eindrücklich, wie sich globalgeschichtlich antike Welten miteinander in Beziehung traten und unsere heutige Welt formte. Aus dem Ansatz einer Weltgeschichte zeigt er auf, wie schon in der Antike – genauso wie heute – wechselseitige Interaktionen funktioniert haben. Die Vernetzung der Welt gab es in der Antike auch im Handel oder durch den Austausch von Ideen, dies führte zu ständigem Wandel und Innovationen, eine spannende Blaupause für das heutige Zeitalter der Globalisierung.

 

Buch 30

 

Martha Stettler. Eine Impressionistin zwischen Bern und Paris. Wiederentdeckung einer Spätimpressionistin und beeindruckenden Künstlerpersönlichkeit, Scheidegger&Spiess Verlag, Zürich 2018, ISBN 978-3-85881-588-0, 48 EURO (D)

Dieses Buch stellt die in Bern geborene und größtenteils in Paris arbeitende Spätimpressionistin Martha Stettner (1870-1945) vor. Als Frau erhielt sie nicht die gleichen Ausbildungschancen wie ihre männlichen Kollegen. Sie setzte sich jedoch erfolgreich durch und nahm mit ihrem impressionistischen Stil am damaligen Kunstbetrieb teil. Sie erhielt zahlreiche namhafte Auszeichnungen auf internationalen Ausstellungen und konnte als erste Schweizerin 1920 an der Biennale di Venezia ausstellen. Sie war Mitbegründerin sowie 40 Jahre Leiterin der Académie de la Grande Chaumière in Paris. Das Buch ist gleichzeitig in deutscher und französischer Sprache erschienen.

Dennoch ist sie wie viele andere Impressionistinnen vielleicht bis auf Morisot weitgehend unbekannt: „Ihr Name kommt in der Kunstgeschichtsschreibung bislang kaum vor – weder als Malerin noch als Akademieleiterin; weil sie trotz einer beeindruckenden Zahl von Ausstellungen wenig rezipiert wurde und ihr Oeuvre schwer greifbar ist. Obschon sie in der Schweiz hauptsächlich als Berner wahrgenommen wird, gehört sie einer europäischen, postimpressionistischen Bewegung an, die weit über die Schweiz hinausführt.“ (S. 8)

Nach einer Biografie über die Künstlerin stehen im Fokus dieser Ausstellung die Bilder, die in Paris entstanden. Die Malerin bevorzugte Freilichtszenen mit Gärten, in denen der Jardin du Luxembourg, die Tuilerien-Gärten und der Schlosspark von Versailles die bevorzugten Schauplätze sind. Für sie war der Garten eine Art paradiesischer Rückzugsort, der in malerischen Farben geschildert wird. Weiterhin sind Bilder aus der heimischen Schweiz von Bern bis in die Alpen zu sehen, wo Landschaftsdarstellungen markant und einfühlsam in Szene gesetzt werden.

Ihre Bilder sind bunt, pittoresk und klar im Ausdruck. Warum Martha Stettner ein unberechtigtes Schattendasein in der Rezeption oder der Kunsthistorie allgemein führt, ist nicht nachzuvollziehen. Sexismus mag ein Grund sein oder ihre Reduzierung auf das Bild einer lokalen Malerin. Die Vorzüge ihrer Bilder stellt das Buch heraus, eine Beschäftigung mit Martha Stettner lohnt sich.

 

Buch 31

 

Reinhard Krause: Woanders is auch scheiße! Das Ruhrgebiet in den 1980er Jahren. Mit einem Vorwort von Frank Goosen, Emons Verlag, Köln 2017, ISBN: 978-3-95451-0231-8, 35 EURO (D)

 

Der Fotograf Reinhard Krause veröffentlicht einen Bildband mit 200 farbigen und schwarzweiß Aufnahmen, die schon in Ausstellungen und Fotostrecken gezeigt wurden. Gezeigt werden dabei Menschen zum großen Teil in Alltagsszenen im Ruhrgebiet der 1980er Jahre. Der im Ruhrgebiet lebende Autor beschreibt in seinem Vorwort zu dem Bildband den damaligen Zeitgeist: „Für das Ruhrgebiet waren die achtziger Jahre eine Zeit des fortgesetzten Umbruchs. Das Alte war noch nicht ganz weg, das Neue noch nicht da.“ (S. 14)

Einige Bilder behandeln die Probleme der damaligen Zeit: Demonstrationen für den Erhalt der Zechen und der Arbeitsplätze und die Angst vor der Zukunft.

Im Mittelpunkt stehen aber mehr die Freizeitaktivitäten von ganz normalen Menschen im Revier: das Männerballett der Borbecken Bösen Buben, Rosenmontagsumszüge, Brieftaubenausstellungen, Impressionen aus dem Essener Grugabad, Arbeiter beim Feierabendbier in der Eckkneipe, Spielmannszüge. Der Gewinner des Preises Mister Pilswampe ist dabei ein Highlight. Prügelnde Jugendliche auf der Kirmes eher weniger. Menschen vor Aldi-Filialen oder vor Modeboutiquen und andere Aufnahmen sollen den Alltag und die Lebensweise der Menschen im Ruhrgebiet schildern.

Zu den Bildern gibt es Informationen des Themas und eine Jahreszahl, sowie eine kurze, meist witzige Erklärung.

 

Hier werden humorige, nachdenkliche und alltägliche Aufnahmen präsentiert, die einen Streifzug durch das gesamte Ruhrgebiet der 1980er Jahre machen. Die meisten Bilder sind schwarz-weiß-Aufnahmen, einige Farbbilder sind auch dabei. Manche Aufnahmen wirken wie aus einer anderen Zeit, noch vor der Wende und dem Wandel im Ruhrgebiet. Auf jeden Fall eine lohnenswerte Zeitreise in die Alltagswelt des Ruhrgebiets in den 1980er Jahren mit einem Augenzwinkern.

 

Buch 32

 

Regina Stahl: Zu Gast auf Sylt. Sehnsuchtsorte, Originalrezepte und Geheimtipps, Callwey, München 2018, ISBN: 978-3-7667-2358-1, 39,95 EURO (D)

 

Sylt ist ein Publikumsmagnet und eine Tourismushochburg nicht nur für die Reichen und Schönen: Heute hat die Insel über 60.000 Gästebetten und im Jahr 870.000 Gäste mit 6,51 Millionen Übernachtungen. Beachtlich ist auf Sylt die hohe Dichte an Restaurants mit gehobenem gastronomischem Angebot und mit durch Fachpresse sowie Restaurantführer ausgezeichneter Küche. Vier Restaurants weisen Michelin-Sterne auf, und zahlreiche Restaurants sind im Gault-Millau verzeichnet.

Das Buch „Zu Gast auf Sylt“ verrät die besten und schönsten Restaurants, Bars und Cafés auf der Insel und gibt interessante Einblicke in die Geschichte der jeweiligen Wirtsfamilie und ist gespickt mit amüsanten, kuriosen und historischen Informationen. Die Autorin Regina Stahl und die Fotografin Brita Sönnichsen sind auf kulinarische Entdeckungsreise in den verschiedenen Orten von Sylt gegangen und präsentieren ihre Ergebnisse in diesem Band. Abgerundet wird der Kulinarikführer mit Bildern von Sylt und einigen Hintergrundinformationen.

 

Die kulinarische Reise startet in List, wo verschiedene Restaurants, Bars und Cafés mit ihrem Besitzer und ein oder zwei Spezialitäten vorgestellt werden. Danach geht es weiter nach Kampen, wo wiederum die Lokalitäten nach demselben Muster vorgestellt werden. Anschließend folgt die „Hauptstadt“ Westerland mit ihren speziellen Restaurants und Bars. Das eher beschauliche Keitum lädt dann mit verschiedenen Möglichkeiten zur kulinarischen Einkehr ein, bevor dann die lukullischen Genüsse in Tinnum präsentiert werden. Rantum und Hörnum mit der bekannten Sansibar und weiteren Highlights runden das Buch ab. Am Ende jeden Ortes gibt es eine Rubrik Geheimtipps und Wissenswertes. Im Anhang findet man noch eine Danksagung, die Vorstellung des Butlers John und ein Impressum, ein Register fehlt allerdings.

 

In diesem kulinarischen Reiseführer von Sylt werden Restaurants, Bars und Cafés der Insel für unterschiedliche Geldbeutel mit ihren jeweiligen Spezialitäten, Adressen und Öffnungszeiten vorgestellt. Für die zahlreichen Gäste der Insel bietet das Buch alles Wissenswerte über Essen und Trinken eingerahmt in wunderschöne Bilder der Insel. Allerdings fehlt ein Übersichtsplan von Sylt, wo alle hier vorgestellten Lokalitäten eingezeichnet sind.

 

Buch 33

 

Anja Birne: Romantische Gartenreisen in England. Zu Besuch in den schönsten Gärten mit den besten Geheimtipps, 4. Auflage, Callwey, München 2017, ISBN: 978-3-7667-2202-7, 39,95 EURO (D)

 

Englische Gartenreisen haben seit Mitte des 18. Jahrhunderts Tradition: Einheimische und Touristen vom Kontinent fuhren dort durch das Land von Garten zu Garten und besichtigten die dortige Gartenkultur. Die Gartenjournalistin Anja Birne zeigt in diesem Buch 6 große Tourenvorschläge mit ausführlichen Texten und pittoresken Fotografien zu den ca. 45 einzelnen Gärten. Die Gartenjournalistin Anja Birne führt selbst Gartenreisen nach England und anderen europäischen Ländern durch und zeigt hier ihre schönsten Plätze.

Die erste Tour verläuft in Kent und East Sussex, wo acht Gärten vorgestellt werden. Danach folgen sieben Touren in East und West Sussex. Danach werden sieben Gartenkulturen in Hampshire, neun in Cotswolds, fünf in Somerset sowie fünf in Cornwall. Jeder Garten enthält Informationen über den Eigentümer, Besonderheiten und die Internetadresse. Dazu gibt am Ende jeder der sechs Touren Informationen zu besonderen Orten, Wanderungen, Sehenswürdigkeiten, Tearooms und Country Hotels in den jeweiligen Grafschaften Südenglands. Eine Landkarte, in der die einzelnen Gärten eingezeichnet sind, hilft bei der geographischen Verortung.

Für den Abschluss eines Reisetages gibt es noch Rezepte für den Afternoon Tea mit Gartenfreunden wie Leek & Bacon Tart, Flapjacks oder Victoria Sponge. Im Anhang findet man noch alle wichtigen Adressen, weiteren Tipps, einem Bildnachweis sowie eine Liste von Gartenreise-Veranstalter.

Die hier vorgestellten 45 Gärten sind verschiedene Gartentypen von privaten Besitzern oder in der öffentlichen Hand. Bei manchen verbindet das Haus oder den Landsitz mit dem Garten, in anderen ist der Reichtum an exakt geschnittenen Sträuchern und Bäumen vorherrschend. Es werden Entwicklungslinien der englischen Gartengeschichte beschrieben und Kontaktadressen für einen eigenen Besuch genannt. Das Buch besticht aber vor allen Dingen durch die wunderschönen Aufnahmen, die den Charakter des jeweiligen Gartens transportieren.

 







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